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Der Israelit · 1933-11-23 · Heft 47 (23.11.1933) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 47 (23.11.1933)
Date
1933-11-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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23. November 1933 Der Israelit Nr. 47 Seite 3 Sprache unserer Väter, die Sprache unserer Thora und Propheten, wird zu einer Art Esperanto heraügcwürdrgt, als erwüchse nicht jedes Wort dieser Sprache aus heiligen Tiefen, die den Urgrund aller inenschlichen Kultur und G'tteserkenntnis bilden. Wir wollen hier gewiß nicht gegen eine organische Fortentwicklung des hebräischen Wortes und Ausdruckes eifern. Auch die Mschnahlehrer vor zweitausend Jahren wußten, daß sie mit den heiligen (vffenbarungsformeln in der Thora und der lapidaren Bildersprache eines Jesajas die sachlichen Dinge des Tages, die Begriffe aus der realen Welt der Landwirtschaft und des Geschäftslebens, die die Halacha zu ordnen hatte, nicht werden umschreiiben können. Darum erweiterten sie die Sprache nach Bedarf und schufen das Neuhebräisch, das Neuhebräisch der Wischnah, das zum alten hebräisch im gleichen Verhältnis steht, wie eben die rabbinischen Bestandteile der nuind- Irchon Lehre zu ihrer Wurzel und Duelle in der schriftlichen. Bei aller Willkür, die heute bei der Wort- und Formbildung in der hebräischen Presse und Literatur von Crez Israel herrscht, muß immer noch zugegeben werden, daß kein Mensch imstande sein würde, nur eine Zeile einer hebräischen Zeitung zu lesen und in ihrem Zusammenhänge zu verstehen, wenn ihm die Duellen der Lehre in den alten heiligen Texten, einschließlich der Ausdrucksweise des halb aramäischen Talmuds, (auf die auch die neue Schreibweise immer und immer wieder, -bewußt oder unbewußt, zurückgceift) verschlossen sind. Run glaubt man in weiten Kreisen Deutschlands oder wäll man von geschäftlich interessierter Seite glauben machen, daß man mit ein paar hundert mechanisch eingepaukten Worten als kompletter „Hebräer" im Hafen von Haifa landen könnte. Bliebe die Sache so harmlos, wir würden den paar Leuten, die davon profitieren, den Verdienst in schwerer Zeit gönnen und nicht daran denken, ihnen das Geschäft zu verderben. Aber die Sache hat auch eine recht ernste Seite, die sehr zu denken geben muß. 'Aus Berlin und anderen Gemeinden wird berichtet, daß das Neuhebräisch dort in den schon knapp genug auf einige Wochenstunden bemessenen Religion sunterricht hineingenonnnen wurde, vielleicht auch daß er diesen auf Kosten der Bibel und anderer Fächer der Religionslehre ganz ausfüllt. Aus Hessen geht uns die ganz kuriose Mitteilung zu, daß dort in einer Dorfgemeinde ein Lehrer dazu übergegangen sei, wie in der Religionsstunde, so auch schon beim vorbeten in der Synagoge die sephardische A u s s p r a ch e zu gebrauchen. Man kann sich von der Würde und Weihe eines solchen G'ttesdienftes, dein die Gemeinde gar nicht zu folgen vermag, ein kleines Bild machen. Abgesehen von der unerhörten Kühnheit, die darin liegt, einfach auf eigene Faust von der altgeheiligten Tradition abzuweichen und -eine Gemeinde in ihrem Gebetsausdrucke jenseits der jüdischen Gemeinschaften zu stellen. Auch aus einer anderen Gemeinde außerhalb Deutschlands wird uns von einem versuch eines Neuangestellten Lehrers gemeldet, der den Lhumifchunterricht mit den Kleinsten gleich in der sephardischen Aussprache zu beginnen gedenkt. Solche Kindereien werden, wie wir hoffen, keinen Resonanzboden im gefunden Sinne der Gemeinden finden und bald genug abgetan sein. Aber auch zum Hebräischlerncn im Raketentempo muß, zur Bewahrung vieler vor Enttäuschung und sin anzielt ein Schaden, gesagt werden, daß jene Mittelchen und Surrogate nie zum Ziele führen werden. Man lerne Hebräisch, aber an der Duelle, in Thora und dann erst hat man den Boden, auf dem eine Erweiterung des Wortschatzes bis zum le-bendigen Hebräisch möglich ist. Der neue Reichstag. wir lesen in einer Funknachricht der Deutschen Presse: Der neugewählte Reichstag ist ein Parlament von besonderer Bedeutung. Während in den bisherigen Reichstagen zahlreiche Juden und Jüdinnen vertreten waren, gehören dem neuen Reichsparlament, wie der Parlamentsdienst der Telegraphen-Union feststellt, nur Männer arischer Abstammung an. Auch Frauen sind in dem neuen Reichstag nicht mehr zu finden. Cs stimmt Zwar nicht, daß ,in den bisherigen Reichstagen, insbesondere im letzten vormärzlichen, „zahlreiche" Juden und Jüdinnen Volksvertreter waren, aber immerhin gab es einige wenige, die jüdischen Stammes waren, ohne zum Judentum irgendwelche innere Beziehungen oder gar religiöse Bindungen zu besitzen. Diesen Männern eine Träne nachzuwcinen haben wir keine Veranlassung. Wohl schmerzt es uns, daß der neue Staat seinen jüdischen Bewohnern die Möglichkeit nehmen zu müssen glaubt, ihre Fähigkeiten und ihre Liebe, im Sinne der den Juden im Exil auferlegten prophetischen Verpflichtung, überall in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen. Aber zur Erwiderung der Liebe kann mau niemanden zwingen und unsre Treu e zum Staat wird nicht geschmälert durch diese — vorn Standpunkte des rassischen Staatsideals begreifliche — Ausschaltung der Juden aus Staatsdienst und öffentlichem Loben. Dagegen teilen wir die Genugtuung der Presse darüber, daß Frauen in dem neuen Reichstag nicht mehr zu finden sind. Hier begegnet sich die nationalsozialistische Auffassung mlt der altjüdischen, die die Sphäre des öffentlichen Lebens mit seinen Kämpfen und Wirrnissen den Männern Vorbehalten wissen m. E. mit S. R. Hirs ch zu übersetzen „zur Erhaltung des Friedens." Die Wahl des Ausdrucks rnnpsV dürfte damit Zusammenhängen, daß, wie dargelegt, der Satz ursprünglich für den Gast bestimmt war. Zwar ist der hebräische Begriff 'iVer bekanntlich ein viel umsassenderer als der deutsche Begriff Frieden. Aber er schließt selbstverständlich in erster Reihe auch den Frieden, d. h. die Eintracht ein, welche die Grundlage des Familienglücks ist. Um nun den Schein zu vermeiden, als ob gegenwärtig kein Frieden im Haufe herrsche, entspricht es der Schicklichkeit, daß der Gast vivvob für dis Erhaltung, für die Wahrung des Friedens bittet, was feinen guten Sinn behielt, auch als der Satz zu einem Bestandteil des allgemeinen Tischgebets wurde. * * * Nocheinmal „die Auslassung im Targum Zouakhan". 1. Die Frage, warum Targum Jonathan ben Uslöl die beiden Verse' 1 M. 10, 23 und 41, 19 nicht übersetzt haben, wird in Nr. 45 des „Israelit" von Jakob Teßler, Nürnberg dahin beantwortet, daß diese Sätze von der Zensur gestrichen seien, weil der Uebersetzer in ihnen die Zeit des Messias angedeutet Hobe. So geistreich auch diese Erklärung Teßlers ist, so ist sie dennoch meines Erachtens abzuweisen. Fehlt doch auch z. B. 1 M. 18, 4. Weshalb sollte dieser Satz von der Zensur gestrichen worden sein? Vielmehr ist anzunehmen, daß die Weg- ^assungen lediglich aus ein Versehen der Abschreiber gurückzusühren sind, wie sich überhaupt in den Ausgaben des T. I. mannigfache Flüchtigkeiten finden. So heißt es z. V. 3. M. 25, 5 jmjvn statt w'm-iv- 4. M. 5, 14 wird übersetzt naxnox rrb rr'ni- 5. M. 34, 2 steht pi>2 statt pia u. a. m. Wie mißlich es ist, ans dem Fehlen dev Ueböissötzung eines Verses bestimmte Folgerungen zu ziehen, beweist eine Behauptung Geigers in einer „Urschrift" S. 477, wo er sagt, daß 4. M. 36, 8, 9 nicht zufällig im Targum I. fehle, sondern aus gewissen Gründen absichtlich weggelassen sei.- Diese Behauptung Geigers wird nun durch die mir vorliegende Ausgabe widerlegt, denn in ihr stehen die beiden Sätze. Aehnlich verhält es sich mit einer weiteren Behauptung Geigers (S. 476), daß Targum I. 4. M. 14, 10 absichtlich die Worte „allen Kindern Israels" zurücklasse, damit das Sichtbarwerden der 'Kabod an alle Israeliten nicht so ausdrücklich hervorgehoben werde. Die Geiger'sche Behauptung wird bündig widerlegt durch 3. M. 9, 23 und 4. M. 16, 19, wo das Sichtbarwerden der Kabod an die ganze Gemeinde von Targum I. ausdrücklich hervoraehoben wird. ' 2. Der Hinweis, der im zweiten Teil des Artikels in Nr. 45 des „Israelit" von B. Cohen erhoben wird, daß Targum I. in seiner heutigen Gestalt nicht von Jonathan ben Usiel stammt, ist zutreffend, wie das in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen dargelegt wurde. Finden sich doch in Targum I. Namen, die einer späteren Zeit angehören, z. B. die Namen der zwei Frauen Muhammeds (1. M. 21, 21), der Name der Hauptstadt Konstantinopels (4. M. 24, 19, 24) u. a. m. Freilich sind den Wissenschaftlern auch hierbei zuweilen Jrrtümer unterlaufen. So sagt z. B. Geiger, Urschrift S. 451, daß Targum I. die Lombardie (4. M. 24, 24) kennen, eine Deutung, die von Zunz, G. B. d. I. S. 79 bestritten wird, da das fragliche Wort wirarf? das lateinische Wort liburna bedeute d. h. Schiff, auf welche Bedeutung auch Raschl in seinem Pentateuchkommentar z. St. himveist. Wenn nun aber auch zutrifft, daß Targum I. in seiner heutigen Form einer späteren Zeit angehört, so ist doch die weitere Behauptung Cohens entschieden abzuwill und die Frau um so stärker zur Konzentration auf ihre mütterlichen und familiären Aufgaben erzieht. ' Religion und Russe. Seitdem vor nunmehr neun Wonaten die nalionalc Revolution in Deutschland mit der ihr eigenen Totalität des Plauens und vollbringens Wissenschaft und Kunst, Weltanschauung und Religion in gleicher Intensität erfaßt und in Bewegung gebracht hat wie die Welt des politischen und wirtschaftlichen Geschehens^ haben wir an dieser Stelle — wir glauben uns dieser Tatsache nicht schämen zu müssen — wiederholt der Hoffnung Ausdruck gegeben, es werde aus den geistigen. Bezirken der Kirche früher oder später eine die Auswirkungen des abstrakten Rasse- Prinzips mildernde Wirkung ausgehen. Wenn je, so glaubten wir, müsse doch heute die Kirche als Trägerin des übernationalen G ' 1 tesgc - dank e u s mit geradezu z w inge n d e r innerer Rotwendigkeit die als Ergebnis einer natürlichen Reaktion heute fast verschüttete Idee der idealen Bekenntnisgemeinschaft aller christlichen Rationen eines Tages wieder hecvorholen und unbeschadet der hoben Wertgeltung nationaler und rassischer Besonderheit das menschheitlich Gemeinsame aller Gläubige?/ hervorkehren, das sich ja doch höchstens im Sturme und in der natürlichen Einseitigkeit einer Revolution übersehen läßt. Daß es in Europa zu einem Rückfall ins Heidentum kommen könnte — so viel Rationen, so viel eigene Rational-Götter — vermochten wir uns nicht vorzustellen. Und eben so wenig wie einen Verzicht auf die menschhcitsverbrndernde Wacht der G'ttcsidee konnte man von der Kirche eine offene und entschiedene Loslösnng von ihrer historischen Glaubensgrundlage, von der Bibel erwarten, obgleich diese Bibel von nichtarischen Menschen, von I u d e n , geschaffen oder vermittelt ist und damit einen ewig lebendigen Protest darstellt gegen den versuch, in christlichen Landen die jüdische Rasse als minderwertig zu diffamieren. Die letzte Woche bat nun, wie in der vorigen Rümmer kurz berichtet, den unvermeidlichen offenen Konflikt gebracht zwischen der konsequent und radrkalarlsch-nationalen Gruppe in der Glanbensbewegung „Deutsche Christen", die das übernationale Christentum ebenso restlos erledigen will wie die nichtarische Bibel, und dem obersten Führer der deutschen evangelischer Reichskirche, dein Reichsbischof. Aus der Kundgebung des letzteren, die nun im Wortlaute vorliegt, zitieren wir folgende Sätze: „Auf der Kundgebung des Gaues Groß-Berlin der Glanbensbewegung Deutsche Christen hat der Führer dieses Gaues eine Rede gehalten und eine Cntwsissn, baß Targum Jonathan von Sektierern überarbeitet sei. Der Beweis, den Cohen aus 5. M. 16, 3 (soll wohl heißen 16, 2), sowie aus 5. M. 26, 12 bringt, ist mir völlig unverständlich, da auch hier Targum I. durchaus mit der Ueberlieferung übereinstimmt. Welcher angebliche „Fehler" sich in der Uebersetzung zur Akedp finden soll, entzieht sich meiner Kenntnis, da Cohen den „Fehler", auf den er sich beruft, nicht nennt. (Arzt und Volk.) In einem Aufsatz „Arzt und Volk" (Deutsches Aerzteblatt Heft Nr. 20, S. 561) aus der Feder von Dr. med. Bartels, Ministerialrat im Reichsministerium des Innern, begegnen wir folgenden Ausführungen, die — unbeschadet ihrer objektiven Unrichtigkeit in Einzelheiten — von der Vorurteilslosigkeit ihres Verfassers rühmliches Zeugnis geben: „Im jüdischen Volke, zur Zeit seines staatlichen Zusammenschlusses, mutzten die Gesetzgeber, man Möchte beinahe sagen, eine ärztliche, sozialhygienische Vorbildung haben. Alle Gesetze jener Zeit sind geleitet von dem einen Ueberlegen, die Entwicklung des Volkes zu sichern. Gleichgültig, ob es sich um das Verweisen von Aussätzigen aus menschlichen Wohngebieten, Verbot des Schweinefleischs, um die Veschneidung usw. handelte. Nicht nur Gesetzgeber war der Arzt, er war auch Priester, Lehrer seines Volkes. Würde es einem Menschen heute einsallen, einem Pfarrer einen operativen Eingriff wie die Beschneidung zu übertragen? Die rituelle Beschneidung in der Hand des Rabbiners ist ein Residium aus jener Zeit, da Arzt, Erzieher und Gesetzgeber eine Person waren, erfahren in den primärsten Notwendigkeiten eines lebenden Volkes, denen der Sicherung der Volksgesundheit."

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