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Der Israelit · 1933-10-04 · Heft 40-41 (4.10.1933) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 40-41 (4.10.1933)
Date
1933-10-04
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 18 Nr. 40/41 D c r i ( a c II t 4. Oktober 1933 spüren in ihren Linsamkeiten. — vielleicht sind sie da, und wir wissen es nicht-. Hier bedarf cs kluger Führung. Die Jahrzehnte haben furchtbare Verheerungen angerichtet. Was wissen sie mehr von der alten Lehre. Sie kennen kaum die Ueberiiescrung. Das Alte wieder zum neuen Glanze zu bringen . . . was wäre das für eine Aufgabe! Das war wieder ein Morgen, der Stoff zum vachsinnen und Grübeln für ganze Tage ausgegeben hat. Draußen ist Heller Sonnenschein, wer dem Gesetz und seinen kleinsten Verzweigungen verhaftet ist, braucht wirklich kein Stubenhocker deshalb zu sein. Herbert liegt droben auf dem Hochplateau des Bergrückens. Drüben dehnt sich weithin die herrliche Ebene. Hier, umrauscht von den Tannen, überwölbt vom tiefsten Blau, schreibt sichs noch besser als in den engen Räumen.- Mirjam erfährt auf vielen Seiten von seinem Gespräch, von seinen Plänen. Soll sie sich freuen» zu allem ein unbedingtes Ja sagen? (L, sie ist jung, sie will ja selber mithelfen- Da sind junge Mädels, in deren Köpfen die verworrensten Ideen sich eingenistet haben. Da sind, sie weist es, Iungens. die die heiße Sehnsucht nach der alten Sprache des heiligen Landes in sich tragen. Da sind Menschenkinder, die in kühnem Saltomortale alles, was Erwachsene zu sagen und zu lehren haben, mißtrauisch, achselzuckend. beiseitewerfen . . . Dort, in der Ferne lockt das Vene, das Gewaltige, Ungeheure. Die neue Zeit ist im Ansturin, was soll das mit euren überlebten Formen und Formeln. Ein neuer Marschrhythmus treibt sic dorthin, wo — die alten Glaubenssätze längst für bankerott erklärt worden sind und jeder Religion, auch dem Judentum der Kampf und die Ausrottung angesagt wird . . . Aber sie sehen es nicht und hören es nicht, vielleicht erwachen sie eines Tages, wenn es nur nicht zu spät ist. Feind ringsum, drinnen und brausten. Das erfordert übermenschliche Arbeit, wer kann sie leisten. Wäre nur die Zerrissenheit nicht so groß» in allen Lagern. Müssen die Stürme erst mit der höchsten Windstärke antoben, damit die Gefahr erkannt und die Einheit geschmiedet wird? wenn es nur nicht zu spät ist —. „Geliebter, ich habe Angst, du wirst viel eher und viel mehr den Menschen gehören als mir. Ich sehe es kommen. Sie werden dich holen und dir tausend Dinge übertragen. Ich werde allein sein —u. „Tränen, Mirjam? Du sollst mitschaffen. Ich kenne in,ich. Es geht nicht anders. Ich weist, daß ich nicht mir allein gehöre. Ich lebe, wenn ich schaffen kann für andere, vier Jahre waren mir zum Zerstören bestimmt. Die Kriegsjahre zählen doppelt. Gut, wenn das Zerstörte, vernichtete wieder Leben treiben soll, dann darf man nicht müde werden. Dann must der Einzelne, der sich berufen fühlt, der gerufen wird, mehr tun als in gewöhnlichen Zeiten.- 'Aber was reden wir denn für schwere, ernste Dinge? Sind wir denn Großväter und Großmütter? Lockt uns nicht das herrliche Leben? Ist nicht unser Glück so groß, dast alles andere daneben versinkt? wir wollen das Leben genießen, wir wollen Schönes sehen. Mirjam, Du kennst die Welt noch nicht. —" vieles will er ihr zeigen. Die gewaltigen Berge und Eisgipfcl, wo über den ewigen Schneefeldern der Himmclsdom mit den Werken der unendlichen Schöpfung besät ist. Die Täler, in denen die gewaltigen Sturzbäche hinabrauschen. Und dann ist in der Ferne ein kleines Land. Ein altes Reuland, wenn es einem vergönnt wäre, das zu sehen . . . „Weißt du, wann ich zum ersten Mal daran gedacht habe, dir all das zu zeigen? Im ersten Sommer nach dem Kriege wandertcn wir, dn weißt, ich mit Erich und Manfred, in den Alpen. Du mußt dir das vorstellen. In allen Sinnen noch die Bilder der Verwüstung, da nun vor mir 'hingebreitet die herrliche, unberührte Landschaft. wir fuhren in der Abenddämmerung über die Seen, standen ,tm Leuchten der ausgehenden Sonne auf jäh abfallenden Schroffen, verstummten vor dem gigantischen Auf und Ab der Bergwände. Einmal traf uns das Wetter mitten auf dem düsteren, in die Bergkessel hineingezwängten See. Ringsum nichts wie Blitzen und vielfaches Donnerecho, wir waren unruhig, ich darf es gestehen, vorher waren die Menschen so ausgelassen. Jodler und Singsang und Rufen und Amüsieren — auf einmal die schwarzen Wolkenmassen, die drückende Luft, der Seesturm. was waren da auf einmal die Heitersten so still. — Ein andermal hatten wir den weg verfehlt. Der Mond wies uns die weiße, steinige Straße. Die Iungens waren todmüde, wir rasteten. Es war l 1 Uhr nachts. Da sahen wir den Mond, hell oben über dem Berggrat, wir wollen „die Lewono mekadesch sein," den Segensspruch sagen über das neuwerdende Licht am nächtlichen Himmel ... In einer Felsnische bargen wir, vor dem wind, eine kleine bei deren Schein wir unsere Wandcrteftllo aufschlugen. Ich erinnere mich noch, wie der Freund, der mit uns wanderte, sagte, erst jetzt empfinde er wieder die Schönheit und das Wunder des Friedens. (Fortsetzung folgt.) Gedanken unter dem Sukkohdache. Eon e. 2n. Wenn uns Juden etwas passiert, was uns schlecht erscheint, so sagen wir in altjüdischem Sinne it di. Das soll für uns aber nicht nur einen Wunsch aus» drücken: „es sei zum (Buten!"; nein, diese Worte sind ein Gebot. Und dieses Gebot ist noch deutlicher ausgesprochen in der Forderung unserer Weisen: •naisn ’v inan X1NV DVD nsm -pai> DIN a"N dessen einfache Uebersetzung lautet: man muß G'tt ebenso danken für das Schlechte, wie für das Gute. Man könnte diesen Satz auch noch übersetzen: „Es ist Pflicht eines jeden Inden, ans dem Schlechten das Segensreiche ebenso herauszufinden, wie ans dem Guten." Diese Auslegung wird noch verstärkt durch den Satz in maia 'n: mnun y>3?» njnn 'v “pan „man ist verpflichtet, G'tt zu danken für das Böse, ans dem Gutes ersprießt." Dazu die Erklärung der Ueberlieferung: „Wenn z. B. eine Ueberschwemmung über dein Land kommt, so wird zwar der Erdboden später besser sein: jetzt aber ist die Sache schlecht für dich!" Eine Ueberschwemmung ist für uns Juden in Deutschland gekommen: es gibt keinen Inden in Deutschland, dem nicht seine Felle dabei ganz oder teilweise weggeschwommen sind. Gegen, den Sinn und das Gesetz unserer Weisen ist bis jetzt genügend geklagt und geweint worden. Laßt uns doch jetzt das obige Gebot erfüllen, auch das' Gute herauszufinden, das die neueste Zeit uns Juden in Deutschland und außerhalb seiner Grenzen gebracht hat. Sehen wir uns doch einmal die alteingesessenen Juden in Deutschland an: wir brauchen nicht nur an die Gruppe der sogenannten „Deutschrianoualen" Juden um Naumann herum zu denken, die jede Gemeinschaft mit den Juden in anderen Staatten von sich weisen; auch heute noch! Das Gros der Juden in Deutschland glaubte sich so fest im Sattel, daß es ziemlich verächtlich auf die Juden außerhalb der Grenzen Deutschlands blickte. Ich weise nur auf.das Kapitel Ostjuden hin. Es sind nicht nur uns wohlwollende Arier, die einen dicken Strich machen möchten zwischen u r d e u t s ch e n Juden und solchen mit „Kaftan und Löckchen". Ich greife sicher nicht zu hoch, wenn ich behaupte, daß 90 Proz. der deutschen Inden Ostjuden und Unkultur für gleichbedeutend halten; noch jetzt! Daß dieselben deutschen Juden heute sich nicht die geringste Mühe geben, zu erfahren, welche Hochkultur von Wissen und Intelligenz in vielen ostjüdischen^ Zentren steckt; daß sie vergessen, daß diese Ostjuden in-" folge Judsnvörfolgungön ursprünglich ja aus Deutschland stammen — daher ihre Sprache heute noch ein deutscher Dialekt ist —; daß die Juden in Deutschland zum großen Teil nicht wissen, daß ihre Zahl eine verschwindend kleine wäre, wenn sie sich nicht schon seit Jahrzehnten dauernd aus dem Osten ergänzt hätten. Wenn der deutsche Jude heute aus seiner jetzigen Lage heraus nur diese Ueberheblichke'it verlieren würde, so wäre das allein schon ein Segen. Doch stimmt das letzte, das mit dem Untergang des deutschen Judentums? Seit der Emanzipation der Inden in Deutschland hat gleichzeitig mit dem Entfremden der eigenen seit Jahrtausenden bestehenden Wissenschaft ein Strom der Juden in die Intelligenz hinein eingesetzt. Wenn ich von Entfremdung spreche, so meine ich nicht nur den Talmud: wieviel Judenkennen die Psalmen oder die Propheten, um die uns die ganze Welt beneidet? Wieviele kennen auch nur das Fünfbuch? Anstatt dessen wurde Medizin und Jurisprudenz znm jdischen Handwerk. Und das hatte zweierlei böse Folgen. Es ist für kein Volk und keine Gemeinschaft gut, Jnielligsnz einseitig ZU züchten. Es müssen für das gesunde Bestehen eines Volkes Bauern, Arbeiter und Handwerker ebenso da sein wie Angehörige der gebildeten Stände; schon allein aus gesundheitlichen Gründen. Und wenn die Juden einen hohen Prozentsatz an Geistesschwachen. Geisteskranken, an Zuckerkranken stellen, so hak sicherlich die besondere Züchtung einseitiger intelligenter Berufe ein gutes Teil Schuld daran. Aber all das erscheint gering gegenüber der „Geburtenregelung" in diesem Kapitel. Es ist bekannt, daß Deutschland z. Z. beinahe an der Spitze der Völker steht, die die geringste Zahl von Kindern bekommen: ebenso bekannt ist die Tatsache, daß die Juden Deutschlands die Andersgläubigen hierin überflügeln. Und wiederum an der Spitze derer, die die geringste - Zahl von Kindern produzieren, stehen die sogenannten intelligenten Kreise. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wenn ich mich hier mit Statistik befassen wollte. Vielleicht ist das Einkindersystem bei diesen Kreisen schon übertroffen. Es kommt vielleicht bei diesen Ehen noch nicht einmal ein Kind pro Ehe heraus. Wenn man nun weiß, daß jede Ehe mindestens 3,4 Kinder haben muß, um den Stamm zu schalten, so kann man sich an den Fingern abzählen, wann diese Geschlechter ausgestorben sein müssen. Aus diesen und anderen Gründen haben seit Jahrzehnten sich die besten jüdischen Kreise Deutschlands für eine Berufsumschichtung eingesetzt innerhalb der Juden. Unsummen wurden für diese Zwecke ausgegeben. Beinahe ohne jeden nennenswerten Erfolg. War ein junger Jude in der Schule auch nur etwas ehrgeizig und intelligent, so brauchte er zum Studium gar kein Geld. Es wurde alles besorgt: der Junge mußte studieren. Die besseren Kreise wollten erst recht nicht zurückstehen; und so kam ei« Ueberfluten der akademischen Berufe mit Juden. Es wurde so schlimm, daß oft uralte jüdische Geschäfte nicht einmal einen Nachfolger von eigenem Blute hatten: die Söhne mußten ja studieren. In den letzten Jahrzehnten sogar die Töchter. Und das ist ein noch böseres Kapitel, das wir erst gar nicht anschneiden wollen. Mit offenen Augen rannten die Juden dem Studium und dem Untergang zu. Nichts half. Nun kam die neue Regierung: was die ganze Intelligenz der Juden in Jahrzehnten nicht fertig brachte, das erledigte sie mit einem Federstrich. Und da sollen wir jammern? Aber auch ohne diese dem Untergang zurennenden Kreise näherte sich das ganze Judentum Deutschlands einer innerlichen Katastrophe. Freilich machte auch hierbei wieder die gebildete Kaste den Schrittmacher. Von ihnen aus ging die Entfremdung von allem, was jüdisch ist, besonders stark aus. Entstammte der junge Student noch so' jüdisch positiven Kreisen, er warf alles wie alten Plunder weg, sobald er auf die Universität kam. Für jüdische Interessen und Belange hatte er wenig über. Gar oft fand er den Weg nicht einmal in jüdische Familien und Umgebungen zurück, auch wenn das Studium zu Ende war. Die anderen Teile machten es den gebildeten Ständen gerne nach. Sprechen wir hierbei gar nicht von der Moral, Kameradschaftsehe usw. Die Mischehe war die natürliche Folge. Die hübschesten und intelligentesten jüdischen Mädels blieben sitzen, das Verhältnis.war bequemer und wurde schließlich geheiratet. Der Erfolg: in Großstädten ein riesiger Prozentsatz von Mischehen mit wenig Kindern oder gar keinen, oder solchen, die christlich wurden. Die Mischehen erreichten in jüngster Zeit in den Großstädten 33—35 Proz. aller Ehen. lieber die Größe der Berluste für das Judentum direkt oder durch krasseste Assimilation braucht man weiter nicht zu sprechen. Und doch kämpften die Juden seit Esras Zeiten dauernd gegen diesen Krebsschaden. Wenn dieser Kamps jetzt Aussicht auf völligen Erfolg hat, können wir dafür nicht genügend Dank schulden. Man sieht aber auch ohne diese Sache überall durch den Druck von außen ein Zurückfinden, in die jüdische Gemeinschaft, ein Wiedererwachen für jüdische Dinge und Interessen. Was z. B. die besten Redner des Zionismus in 30 Jahren nicht vermocht haben, hat die neue Regierung in sechs Monaten spielend erledigt. Aber abgesehen von allem uns peinlich berührendem der neuen Zeit gibt es für Juden alten und neuen Schlages sehr viel Sympathisches im neuen System. So möchte ich nur en passant erwähnen, daß Nichtparlamentarismus und Führergedanke altjüdische Forderungen sind. Und soll uns schließlich die Hilfsbereitschaft aller Juden nicht mit Stolz und Dank erfüllen? Ergo: Es ist nicht alles so schlecht wie es uns im ersten Moment erscheinen möchte. Drum lasset das Klagen und danket G'tt für all' das Gute, das mit Seiner Hilfe aus dem scheinbar Bösen ersprießen möge: rrvrr rro-w oia Ainderecke. Eine Kleinwohnung Von Heinrich Einstädler. In unsrem Vaterlande gehört zu den schönsten Zeiten des Jahres der Herbstanfang, wenn die Sonne um die Mittagsstunden noch eine behagliche wärme ausstrahlt, wenn sich das Laub der Wälder färbt und wenn in den Gärten Dahlien. Astern und Sonnenblumen ihre großen Blüten entfalten. Dann fpen-

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