Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 40-41 (4.10.1933)
- Date
- 1933-10-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie ich höre, wollen Sie ja bald einen richtigen Familienhaushalt hier anfangen, nicht wahr?" „Familicnhaushalt stimmt natürlich nicht ganz, aber zu zweit werden wir, so G'tt will, bald sein." „Ja, mein lieber Herr Doktor, will es die junge Frau dann auch so machen wie Sie —" ' „Ach so, Sie kommen gleich . aus unser Hauptthema, Herr Direktor —." „Allerdings. Sie wissen ja, daß ich deshalb zu Ihnen komme. Wir wundern uns, offengestanden, alle über Sie. Ich kenne doch Ihre Eltern. Die sind doch auch fromm. Aber so wie Sie — nein, das begreife ich nicht, wenn das noch in der großen Stadt wäre, was geht da das, was der eine tut, den andern an —Der Herr Direktor kam ein wenig in Verlegenheit. Das war doch vielleicht zuviel gesagt. „Verzeihung, so ist das natürlich nicht gemeint, selbstverständlich sind das Privatsachen, auch hier, aber Sic können doch eigentlich nicht gut sich ganz von der Gemeinde fernhalten." „Herr Direktor, ich habe gar nicht die Absicht, mich von der Gemeinde fernzuhalten.- Gewiß, die Tatsache, daß Sie hier einen G'ttesdienst haben, der meinen ganzen Ucberzeugungen widerspricht, gestaltet die Sachlage nicht sehr einfach. Eigentlich dürfte ich Ihrer Gemeinde überhaupt nicht angehören — —“ „Dun hören Sie, Herr Doktor, Sie sind doch bei all Ihrer Frömmigkeit keiner von den Stockschwarzen da drüben am Main-" „Die „Stockschwarzeu", wie Sie sie nennen, wollen wir lieber aus dem Spiele lasten. Meinen Sie ja nicht, daß dort lauter unfehlbare Menschen sitzen, die die G'ttesfurcht und die einzige Iüdischkeit in Ligenpracht genommen haben. Da werden Fehler gemacht wie anderwärts auch. Da steht man Schwä-i chcn und Kleinlichkeiten und Alltagskram, wie man j cs an jedem Ort sehen kann, wo die höchsten Dinge nun einmal schwachen Menschen in die . Hand gegeben sind. Die mühen sich alle wohl, es nach ihrer heiligsten Reberzeugung richtig zu machen, — irren» sie, ja nun, sie müssen es verantworten vor den Men-, schen und vor G'tt. ■— Aber wir wollen jetzt die Leute, die so oder so eingestellt sind, in Ruhe lasten und uns Rah eli egend crem zuwcnden. „Um keine Unklarheiten zu lasten, möchte ich Ihnen gleich sagen, Herr Direktor, daß ich mir über meine Zugehörigekit zu Ihrer Gemeinde noch gar nicht so schlüssig geworden bin. Das bat ja auch noch Zeit. Ich stelle Ihnen gern für bestimmte Zwecke das zur Verfügung, was ich für richtig halte. Die Entscheidung darüber, ob ich Ihrer Gemeinde als Mitglied angehören kann, ist nicht einfach zu treffen, vielleicht müßte da für mich in manchem eine andere Voraussetzung geschaffen sein — übrigens, ich hätte gedacht, Ihr Herr Lehrer würde wegen dieser Dinge mich aufsuchen --" Der Herr Vorsteher war nun doch sch et nb arverärgert. „Herr Doktor, Sie glauben wohl, ich habe nichts gelernt. Bei meinem seligen- Vater, da haben wir Kinder alles gelernt, was man wisten muß, und ich weiß vielleicht »in 'den wichtigen Dingen genau so Bescheid, wie Sie." Br. 40/4! IM . „Rein, Herr Direktor, wir wollendoch ruhig reden. Sie sind älter, erfahrener als ich. Sie kennen 1 das Leben mit seinen Schwierigkeiten, Sie haben I Ihren Aerger in der Gemeinde, stellen sich uneigennützig zur Verfügung. Ich würdige das alles. Ich weiß auch, daß Sie es gewiß gut meinen mit Ihrer Absicht. Aber schließlich geben Sie doch selber zu, daß es eben so gut wie Ihre Sache, es die des Lehrers wäre, in diesen Dingen meinen Standpunkt zu erfahren, zumal, wie ich ja höre, der Herr. Lehrer.sich schon recht abfällig über meine Eigenbcödclei, wie eres angeblich nannte, geäußert hat." . „Stimmt. Sie haben recht. Ich muß es zugebcn. Aber er sagte mir — ich habe mit ihm darüber gesprochen, — nachdem Sie nicht zu seinem G'ttesdienst kämen, brauchte er auch nicht zu Ihnen zu kommen." „Seinem G'ttesdienst," das ist wirklich gut. Sagen Sie, hat der Herr Vorbeter einen eigenen ver-. trag mit unserem lieben G'tt, daß er von „seinem G'ttesdienst" spricht?.—- Doch, Scherz beiseite. Die Sache ist zu ernst, als daß inan mit Verärgerung auf der einen, oder mit Humor auf der andern Seite darüber wegkommt. Sie wissen, der Orgelg'ttesdienst widerspricht der 'Auffassung des gesetzestreuen Judentums. Daher gehen wir nicht in die Schnagoge, in der Orgeltöne die Gebete begleiten. Klan hat — heute meint man, es sei eine ganze Ewigkeit seitdem verflossen, das macht vielleicht das Leben und Erleben des Krieges — ja, man hat einmal gemeint, Orgel und Ersatz der heiligen Sprache durch deutsche Worte, Kürzung der Gebete und dergleichen mehr, die Auslassung der Stellen, die sich auf das Heilige Land, auf Zijon und Ie'ruscholajim beziehen —" „Jawohl, Herr Doktor, wir sind hier Deutsche und wollen kein anderes Vaterland in unserem Gebet oder gar die Rückkehr dahin erwähnen —" „Aber Verzeihung, Herr Direktor, wenn wir erst anfangen wollen, über diese Dinge zu sprechen, über die eg die verschiedensten Meinungen gibt, kommen wir von unserem Thema ab und werden überhaupt nicht fertig. — — — Also, man hat geglaubt, all diese Dinge trügen zu einer wunderbaren Blüte und Aufwärtsbewegung des Judentums bei ,die G'tteshäufer würden sich füllen und so weiter —, und das Ergebnis war nicht sehr reichlich. Das wissen Sie auch. Aber auch das führt uns zu weit. Das können wir doch auch einmal hier im Kreise der Jugend erörtern, wobei die verschiedensten Einstellungen zum wort kommen können —" „Ja, dürfen Sie denn dahin komnren?" — vielleicht war da ein wenig Ironie dahinter, aber Herbert überhörte es. „Selbstverständlich, ich bin sogar bereit, wenn das erwünscht ist, vielleicht einmal einige junge Wcnschen um mich zu sammeln, die Lust haben, Jüdisches zu lernen." „Das wäre eigentlich Sache des Herrn Lehrers!" ' „Ich nehme an, der Herr Lehrer wird es nur begrüßen, wenn auch andere sich zur Verfügung stellen, wenn es um die Jugend und ihre Hinführung zum Judentum gebt. Sie mästen wissen, Herr Direktor (Herbert wurde lebhafter, als es bisher in dieser Unterredung der Fall war), es ist eine neue Zeit. Das mit den: Krieg, das wischt man nicht so wieder aus, jwie der Lehrer seine Worte an der Schultasel. Die Jugend will lernen. Es stürmt so viel Reues aus sic ein, sie suchen Wege und Auswege. Da bedarf es »der Führer, auch jüngerer Wen scheu, die mi Begeiste-! rnng an ihre Arbeit gehen, die Fühlung mit der Jugend haben, sie verstehen und ihr helfen. Rehmen Sie es mir nicht übel, ich schätze die Erfahrung des Alters, es gibt kein Judentum ohne Alter, ohne Sekeniin, wie wir sagen. Deren Reife, deren gründliches Bewandertsein im jüdischen Wort und Leben ist uns unentbehrlich. Aber Beide müsten Zusammenwirken. Das sagen unsere Weisen schon immer und immer in ihren Mahnungen." „Herr Doktor, ich glaube, allmählich gefallen Sie nur," meinte lächelnd der Vorsteher. Es wird schon so etwas dran -sein, was mein Junge neulich schrieb: man müßte sich nun auch noch mit anderen Dingen befassen als nur dranzudenken, bald mit dem Studium fertig zu werden. Es ginge soviel vor, daß man sich oft an den Kops lange und sich frage, ob man blind gewesen sei . . . Der Haß, die Verleumdungen — na, ja, Sie wisten ja, hier ist es besonders schlimm." „Um so mehr müsten wir uns besinnen, mein lieber Herr Direktor, was zu tun notwendig ist. Auch Ihr Lehrer ist ein Wann der alten Zeit. Er kann nicht anders. Weinen Sie, ich habe noch nicht gehört, wie das da bei euch im G'ttesdienst geht. Wie da gewissermaßen mit der Uhr vor den Augen Gebete und Thoravorlesung im Eiltempo — wenn nicht grade die Orgel bremsend wirkt — heruntergesagt werden? , Das hat gewiß nichts mit orthodox, und schwarz und wie die Ausdrücke alle lauten, zu tun . . . Da können Sic, Herr Vorsteher, unabhängig von Ihrer religiösen Einstellung, bessernd die Hand anlegen. Wer sagt denn, daß Sic alles allein tun müssen? Sie haben ja Mitarbeiter. Sie haben ja ihre Helfer im Amt. Es ist gar nicht gesagt, daß Sie die ganze Arbeit allein tun müsten. Das steht ja schon in den Sprüchen der Väter .... Also, wie. gesagt, Ihre Svuagoge ist für nüch vorläufig nicht der Ort des Betens. Wenn Sie am Werktag in Ihrem Rebenraum G'ttesdienst abhalten und nach alter Weise beten lasten wollen, dann werden Sie mich auch dort scheu. Wenn, G'tt behüte, tu einem Ihrer Häuser etwas Vorkommen sollte, bin ich da, wie jeder andere. Sie schen, ich bin von Trennung und 2lbsondcrung um jeden Preis weit entfernt . . . aber darüber hinaus wollen wir jetzt keine IPläne machen. Das ist in dieser Zeit überhaupt eine mißliche Sache, das Plänemachen. Die Reiche machen ^pläne, die Völker machen Pläne, die Alten, die gespart und gegeizt haben, machten ihre Pläne — und wir sehen ja, was geschieht. Jeder Tag bringt Reu es. Da wollen wir lieber zunächst im Stillen und im j Kleinen arbeiten, bescheiden und schlicht, dann werden wir schen." j „Herr Doktor, ich bin zwar nicht mit attcnr einverstanden, was ich von Ihnen hörte. Wir sind halt verschieden eingestellt, und so einen allen Kerl, wie mich, machen die Jungen auch nicht mehr anders." „Ra, so alt sind Sie schließlich noch nicht —" „Darüber wollen wir jetzt nicht die Ruterredung verlängern. Ich habe lange genug Ihre Zeit in Einspruch genommen. Aber, — er wurde recht ernst — Herr Doktor, ich kenne Sie jetzt doch ein wenig bester. Ich hoffe, wir haben einen guten Gewinn von Ihrem Hiersein. Wir brauchen auch Sie. Das sei das Ergebnis meines Besuches. Ich würde es bereuen, nicht bei Ihnen gewesen zu sein. Leben Sie wohl, Herr- Doktor, grüßen Sie bitte Ihre Eltern und Ihr Fräulein Braut. Auf Wiedersehen!" „Aus Wiedersehen, Herr Direktor. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch." . . . Wan wird cs nicht leicht haben, hier zu leben. So ganz weiß Herbert noch nicht, wie es werden wird. Aber er fühlt, auch hier wird mau behutsam den Weg geben müssen, verdammen, den ganzen Spott, den mau zur- Verfügung hat, über diese' Menschen ausgießen? — Ja, esgibt Leute, die vom sicheren, gemächlichen Gebocgenseiu hinter den guten und festen Schrrtzdämmen und Wällen ihrer Gemeinde acbselznckend das Hineingeben in die unkrautüberwucherten anderen Kreise ablehnen . . . Ratürlich, es ist leichter, es ist unendlich bequemer. Ist cs der rechte Weg? Auch dies ist schwer zu sagen. Es bedarf vieler Rcbcrlegungen. Wan muß zu den Lehrern gehen, die, festverwurzelt, unerschütterlich im Glauben an die Worte der Lehre, doch weltoffen sehen, was ist, die aufgeschlossen sind für alles, was vorgebt vor ihren Augen. Wan muß zu den wahren Führern gehen. -— Herbert atmet schwer bei diesem Rachstnnen. Sind sie da? Haben wir sie, werden sie, wenn es drängt und stürmt ringsum, vor uns stehen und den Weg Wan muß sich bescheiden. Führer sind g'ttgcsandte Wenschen. wenn das Schicksal sie uns gewährt, wenn wir ihrer würdig sind, wenn wir sie aufweisen?