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Der Israelit · 1933-10-04 · Heft 40-41 (4.10.1933) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 40-41 (4.10.1933)
Date
1933-10-04
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 16 Nr. 40/41 Der Israelit 4. Oktober 1933 des liberalen Regimes an, wird aber jedenfalls durch die jewe.iligcn Umstände bestimmt, wodurch sich oft eine von den Juden stark empfundene Gegensätzlichkeit ergibt/ Das faschistische Italien bat vor allem unter Mtwirkung der Iudenbeit selbst ein neues jüdisches Gemeindegesetz geschaffen, das wohl das beste und modernste ist, das das jüdische Volk in der Diaspora besitzt. Ls verleiht den Gemeinden Geltung und Ansehen, läßt die Umlagen durch die staatlichen Steuerämter einheben und stattet den im Gesetz vorgesehenen Bund der Gemeinden mit weitgehenden öffentlichrechtlichen Befugnissen aus. Bezeichnend für den Geist des Gesetzes ist die'Bestimmung, wonach sich der Gcmcindebund mit ähnlichen Körperschaften des Auslandes ins Einvernehmen zu setzen habe. Der jüdische Professor des Kirchenrechtes an der Universität Mailand, Maro Falco, ist der Schöpfer dieses Gesetzes und seine zionistische Auffassung vom Judentum läßt sich wahrhaftig nicht verleugnen. Dieses Gemeindegesetz, welches das erstemal die Reihen der italienischen Iudenheit zu einer einleitlichcn «Organisation zusammcnschliestt, ist von allen bewußten, national gesinnten Juden mit aufrichtiger Freude begrüßt worden. Dagegen fehlte es nicht an Stimmen aus dem Lager der Assimilanten, die in der straffen Zusammenfassung der italienischen Iudenheit eine Art neuen Ghettos erblickten. Das faschistische Italien war es, das den von verschiedenen europäischen pochschulen vertriebenen jüdischen Studenten spontan die Pforten der italienischen poch schulen erschloß und ihnen das Studium auch heute noch durch Einräumung wesentlicher Vergünstigungen erleichtert. Zahlreiche fremde Juden ließen sich in der Rachkriegsze.it in Italien nieder, denen auch nicht das geringste Hindernis in den Weg gelegt wurde. Die italienischen Juden selbst bekleiden hervorragende Stellungen — an den Unversitäten und in der Armee, auf zwei Gebieten, in denen sich die Juden seit Generationen heimisch fühlen. Sie führen in der Medizin, Jurisprudenz und Mathematik — die Universität Bologna allein hat dreißig jüdische Professoren — und viele Generäle bekennen sich mit Stolz zum Judentum. Aber auch als Kaufleute, Finanziers und Industrielle gehören sie zu den Geachtetsten des Landes, wenn sie auch keine Führung in diesen Berufszweigen innehaben. Eigenartigerweise spielen die Juden — von wenigen Ausnahmen, wie Sabatino Lopez und Guido da Verona, abgesehen — in der Literatur und der Politik überhaupt keine Rolle. Auf dem gesellschaftlichen Gebiete ist der Jude so gut wie gleichgestellt. Ls gibt zwischen Juden und Richtjuden einen engen gesellschaftlichen Verkehr, der an Herzlichkeit nichts missen läßt und in Mitteleuropa heute ganz unvorstellbar ist. Und doch! Die Gegensätzlichkeit macht sich immer mehr fühlbar. Die italienischen Juden haben , das Gefühl, daß sie aus dem öffentlichen Leben allrnählich verdrängt werden. Der Faschismus kennt wohl keine Rasscnfragc im Sinne des Rationalismus und feine Ideologie ist durchaus nicht antijüdifch, und doch betreibt er letzten Lnöes eine «jüdische, entjudete Politik. (Ohne der Rassentheorie zu huldigen, lassen die Faschisten oft das Wort vom „lateinischen Blute" vernehmen, man spricht vom „lateinischen Ahnherren," und da fühlen die italienischen Juden, die viel inehr Wirklichkeitssinn haben als ihre Brüder in Deutschland, daß sie irgendwie nicht dazugebören. Aber ist es bloß Gefühl? während früher die Juden in fast'' jeder Regierung vertreten waren, höchste Regierungsstellen bekleideten und im Durchschnitt zwanzig Abgeordnete zu den Ihrigen zählten, ist heule die Regierung judenrein, die Juden sind aus km hohen Stellen der staatlichen Verwaltung so gut wie verschwunden und nur noch ein Jude — der Direktor des Industriellenverbandes, Gino «Olivetti — gehört der Kammer an. Seit Mussolini die Geschicke Italiens lenkt, wurde kein Jude mehr zum Senator ernannt. Die noch vorhandenen jüdischen Senatoren — Barzilai, Diena, Delta Lorre, Latellam usw. — sind durchweg alte Herren und entstammen einer früheren Aera. Unter den sechsunddreißig Unsterblichen der von Mussolini nach französischem Vorbild ins Leben gerufenen „Accademica d'Italia" sucht man vergebens nach einem jüdischen Gelehrten oder Künstler. Dies fiel selbst Lmil Ludwig auf, der die Sache in seinen bekannten Gesprächen mit Mussolini zur Sprache brachte . . . Diese Ausschaltung aus dem öffentlichen Leben ist freilich geeignet, die Juden Italiens, die gewohnt m erzogen, er gehört dem Judentum überhaupt nicht an. In einem anderen Aufsatz des gleichen Blattes führt Bato den Rachweis, daß die italienische Presse der Iudenpolitik Deutschlands ausdrücklich zustimmt, ja sogar schon einen „Rumerus clausus" für die italienischen Juden bei der Verteilung von Aemtern und Würden gefordert hat! Auf der anderen Seite hat die italienische Iudenschast eine Hilfsaktion für die deutschen Juden unternommen, die von der dortigen Regierung vollständig gebilligt wird. Die italienischen Universitäten sind heute wohl die einzigen in Europa, die bereit sind, dem von den deutschen Hochschulen vertriebenen Studenten in weitem Maste Gastrecht zu gewähren. Doch trägt sich die italienische Regierung scheinbar mit der Absicht, für ausländische Mediziner eine Beschränkung der Zahl einzuführen, weil die Arbeitsplätze an den medizinischen Fakultäten beschränkt seien. In Wahrheit besteht wohl hauptsächlich die Besorgnis, dast von den in Italien stu-iereuden Ausländern sich zu viele dort niederlassen würden. Ls soll in Italien gegen 2000 erwerbslose Mediziner geben. Cs wird notwendig fein, die aus Deutschland kommenden Studenten auf eine Anzahl von Hochschulen zu verteilen, um einer übermäßigen Ansammlung vorzubeugen. Aber ob die jungen jüdischen Mediziner dauernd in Italien werden bleiben können, ist noch durchaus ungewiß. Eine Ferienfchükergruppe aus Frankreich kernt in der Jeschirva zu Montreur Gmoro unter Leitung eines älteren Hörers, der die französische Sprache beherrscht. waren, an den höchsten Stellen ihre Dienste dem vaterlande zu weihen, tief zu kränken. Die im Auslande umherschwirrenden Gerüchte besagen natürlich das Gegenteil. Der jüdische Mensch ist von Natur aus optimistisch veranlagt und eine gewisse Sorte von Zeitungen findet sich stets gerne bereit, dieser Leichtgläubigkeit durch Auftischung abenteuerlichster Gerüchte Rachschub zu leisten. So wird der Minister Balbo, der einer alten Türmer italienischen Familie entstammt, von sensationslüsternen Journalisten zum Juden gestempelt — seht ihr, wie gut es die Juden in Italien haben! — und unterhält Agnöas Zisrpek iti (Btti Zisidsl auf einem Ausfluge. sogar einen rituellen Haushalt. Dieser Unsinn fand in allen jüdischen Zeitungen freudigen Nachdruck. Ich selbst sah ihn in einet nordafrikanischen Geltung mit Schlaglettern veröffentlicht. Und wenn's mit Balbo nicht ist, so klammert man sich mit einer gewissen Selbstberuhigung an Minister Jung. Als dieser Staatsmann zu den Finanzverhandlungen nach Amerika fuhr, da posaunte die „Ita" jubelnd in die Welt die Rachricht hinaus, daß Minister Jung „ein orthodoxer Jude" (alle jüdischen Minister sind orthodoxe Juden!), gelandet sei. Leider ist es auch mit Jungs Judentum sehr arg bestellt. Seine Großeltern, Juden aus dem badischen Gailingen, ließen sich in Palermo nieder und selbst seine Eltern — Jung ist über sechzig Iahte alt — waren noch Juden. Cr selbst wurde aber nicht mehr ins Judentum ausgenommen, auch nicht mehr als Jude Die letzten Tage des Rabbi. von T. M. Barsilai. Der Rabbi starb, alt und greis, am Sukkothfeft. Am Roschhaschana, der diesem Unglückstag vorangegangen war, verschwand der Rabbi nach dem Minchagebet. An anderen Jahren ging er immer inmitten feiner Gemeinde zum Teich in den Wald, der am Rande des Städtchens lag, um dort das Taschlichgebet zu verrichten, während er mit seinen Ehasstdim betete, begrüßten sich die Frauen mit Reujahrswünschen, sprachen über Weltereignisse und auch üble Reden. Die Kinder spielten am grünen Rasen, der zum Teil mit trockenen Blättern, die der Herbstwind von den Bäumen blies, bedeckt war. An diesem Roschhaschana kam der Rabbi nicht. Die Lhassidim fragten einander, „wo ist der Rabbi", die Frauen schwiegen, die Kinder spielten nicht, und die Bäume machten'den Eindruck, als ob sie über ihre verlornen«: Pracht weinen würden. Ich fand ihn. Am Wasser, das wir „(Obercn Teich" nannten und in der Witte des Waldes lag. Dieser Teich war vom Städtchen weit, und es war bloß ein Zufall, daß ich hinkam. Zwischen den Gebüschen stand der Rabbi und betete weinend. Bäche von Tränen kamen aus seinen Augen. Ich hörte ihn klagen über das Exil der G'ttesglorie und über das lange, bittere Galnth Israels und über die Leiden des jüdischen Volkes. So stand der Rabbi stundenlang mit verschloss«> nen und tränenden Augen. An den Bußtagen fastete er. Cr bereitete sich zum großen Gerichtstag vor. Am Kol-Ridre-Abend war er schon sehr schwach und so mager wie Rabbi Zadok. Riinhaggcmäß stieg er hinauf zum Thocaschccin, küßte alle Rollen. Dann nahm er eine Thörarolle heraus, plötzlich verließen ihn seine Kräfte, er fiel der Länge nach und stürzte bis zur letzten Stufe. Dort, blieb er mit gebrochenen Beinen liegen. Cr am Boden und auf ihm. die Thorarolle. Die ganze Gemeinde war bestürzt. Um G'ttes willen — eine Thora rolle fiel zum Boden! Fasten, fasten, fasten! Da kam vom kranken Rabbi die Anordnung: „Nicht fasten! Die Thorarolle hatte den Boden nicht berührt. Beim Sturz hielt sie der Rabbi fest umschlossen in seinen Armen." Und man fastete nicht. Der Rabbi genas nicht von seiner Krankheit. Cr starb. (Aus dem Hebräischen übersetzt.)

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