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Der Israelit · 1933-10-04 · Heft 40-41 (4.10.1933) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 40-41 (4.10.1933)
Date
1933-10-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 40/41!... :■ y \ ' J t r f:!- Pen Pseudo-Charakter der Gleichberechtigung bewiesen auch -die Staaten mehr oder weniger in ihrer praxi?/ Nirgend? steht die Leamtenlaufbahn /den Juden'in gleicher Weise wie ihren nichtjüdischen Mitbürgern offen. Das; ungewöhnliche Leistungen die üblichen"' Hindernisse . wegräumen, bedeutet nichts. Entscheidend ist, ob auch der. mittelmäßig befähigte Jude bei Anstellung und Beförderung auf die gleiche Behandlung wie sein nichtjüdischer Kollege rechnen darf oder eine solche Behandlung jedesnial als ein persönliches Verdienst oder als einen Glücksfall betrachten muß. Cs ist bekannt,' daß sogar in dem „freien" Amerika das Wort „Jude" jährlich lausende Anstellungen und Beförderungen verhindert. Darf sich eine solche Wirklichkeit Gleichberechtigung nennen, oder verlangte diese nicht Gleichachtung des Juden mit seiner Eigenart, wie seine Religion und seine vieltausendjährige Geschichte sic ihm anerzogen? * * * Wie nun aber haben die Juden auf eine , solche Pseudo-Emanzipation reagiert?" Das ist doch letzten Endes das Wichtigste und nicht, ob die Völker nach Jahrhunderten der Entrechtung der Juden mit einer ehrlichen Emanzipation noch zögern. Die Juden haben bis zum Dreifuß-Prozeß den Trug überhaupt nicht bemerkt. Als nach finsteren "Jahrhunderten eine neue Zeit anbrach, ließen sich Tausende und abermals Tausende — besonders aus ihren sozial oberen Schichten — taufen, uin der neueir Zeit ihr Opfer zu bringen; man wollte ihr verschwinden, also verschwanden sie; jedenfalls hatten sic den Gedanken der Gesetzgeber und der Gesellschaft erfaßt. Die aber Juden blieben und bleiben wollt-n, spalteten sich in zwei Teile. Der eine Teil ging weiter in den Lahnen seiner Väter und betrachtete alle politischen Veränderungen nur als sekundär. Der andere Teil verwandelte den Begriff Judentum, der selbst für das Galuth den Fortbestand des g'ttgegebencn heiligen jüdischen Volkstums statuiert, in einen schemenhaften Glauben und beschritt so den zum Abgrund führenden Weg der Assimilation. So neigte sich das l9. Jahrhundert feinem Ende zu, als plötzlich der Dreifuß-Prozeß vor dem geistigen Auge eines genialen, edlen assimilierten Juden die Wahrheit über das Verhältnis selbst freisinniger Kulturvölker zu den Juden enthüllte. Alle gehässigen antijüdischen Aeußerungen in Literatur und Presse, in Politik und im Kampf um die Existenz waren bisher als Rachwehen einer anders eingestellten Vergangenheit von der Iudenheit angesehen worden. Run aber entstand unter den so optimistischen jüdischen Asstmilanten eine Schar, die nicht als Rlenschen, sondern als Juden die Emanzipation wollten und die Folge davon war das Betonen des jüdischen Volkscharakters — leider nicht als heiliges G'ttesvolk — und das verlangen nach dein Lande, in dem die Juden einst ein selbständiges Volksdasein geführt hatten. Die jüdischen Klassen in den Ländern der sogenannten Gleichberechtigung blieben von der neuen Strömung unberührt, hatten nicht umgelernt und entjudeten und ässimilleclen sich weiter. Ohne unvorausgeahnte, überraschende Katastrophen und Rmstellungcn in der Menschheitsgeschichte, bei der Fortsetzung der Assimilierung wie in den letzten Jahrzehnten war bei der großen Klasse der Iudenheit die Zukunftsprognosc die 'Auflösung. Doch plötzlich Hai sich die Szenerie aus dem Welttheater geändert, aber heute sind wir noch inmitten der Geschehnisse. Am überraschtesten waren wieder einmal wir Juden in unserer optimistischen Selbsttäuschung. Sehende wären längst gewarnt gewesen. Aber auch jetzt noch sind die meisten Juden wohl überrascht, aber nicht gewarnt und nicht gewillt, sich dem Judentum, d. h. einem Leben nach dem Gebot der Thora, zuzuwenden. Roch jetzt haben die meisten nicht begriffest, daß es aus aller Rot und Pein für sie nur einen Weg gibt, den Weg zurück ins Judentum, den Weg, der ihren Vätern zur Zeit des finstersten Klittelälters Ruhe, Sicherheit, Stolz und Scclcnbcfricdigung' gab, so daß sie selbst die Scheiterhaufen nicht fürchteten. Zigarren Wolf 20Ü Tel. Hansa 27930 Der Israelit Jüdische Jugendherbergen. vieles hat sich, in den letzten Klonaten für uns Juden, sowohl auf politischen! als auch wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete geändert. Wir müssen versuchen, uns diesen veränderten Verhältnissen anzupassen und — wenn möglich — von u n S aus geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Besonders die Jugend sieht sich auf'allen Gebieten gehemmt. Die Turnhallen sind für sie geschloffen, die Badeanstalten dürfen in manchen Städten von Juden nicht mehr benutzt werden, die Herbergen nehmen keine Juden mehr auf. Letzteres besonders ist der Grund dafür, daß die jüdische Jugend die deutsche Heimat nicht mehr durchwandern kann — und >die jüdische Jugend wanderte in den letzten Jahren in großen Scharen und suchte in den Wäldern Erholung und Stärkung. Für den größten Teil der jüdischen Jugend ist dieses Wandern jetzt aus pekuniären Gründen unmöglich geworden, denn ein Uebernachten in Hotels, Gast-- und Kurhäusern usw., zumal im Gebirge, ist für die Jugend fast unerschwinglich teuer. Wohl gibt es, wenigstens im Schwarzwald — wie ich feststellen konnte — sogen. Touristenquartiere, in denen man für Z0 pfg. bis! K'tk. Rachtquartiec bekommen kann, aber diese (Quartiere sind z u vereinzelt, als daß sie für eine längere Wanderung in Betracht kommen könnten. — vielleicht werden viele der Loser sagen: In der heutigen Zeit kann man keine größeren Wan-- derungen machen, die Jugend wird unter dem Rischus zu leiden haben. Daß dieses n i ch t der Fall ist, habe ich in einer l4tägigen Tour durch den Schwarzwald erfahren, wir wunderten zu „viert", übernachteten in Gast- oder Kurhäusern und verschiedentlich in den erwähnten Touristenquartieren. Ueberal! war man nett und freundlich zu uns, wir schliefen mit Rationalsozialisten in eine m Saal, aber das Wort „Jude" — der Wahrheit die Ehre — ist auch nicht ein e i n - zig es K'la! gefallen, k'lan begrüßte sich auf die freundschaftlichste Weise, wünschte sich angenehme Ruhe und vor dem Weitermarsch angenehme Wanderung. Trotz allem aber freuten wir un§ und waren sehr erstaunt, als wir hörten, daß es in der Rahe öer Hornisgrinde — eines berühmten Ausflugsorts in dem nördlichen Schwarzwald — eine jüdische Jugendherberge geben sollte. Idyllisch an einem Abhang gelegen, mit wundervollem Ausblick auf 'Me umliegenden Berge und zu der 2Y> Stunden entfernten, hochragenden Hornisgrinde, f 0 fanden wir die jüdische Jugendherberge, die vor ca. Jahren schon von dem jüdischen Iugcndbund, Offenburg i. Schw. eingerichtet wurde. Herzliche Begrüßung, sofort wird den -ermüdeten Wanderern Kaffee gereicht, und nach 5 k'linuten weiß man, daß man sich unter „Seinesgleichen" befindet. Jetzt spürt man doch den Unterschied zwischen einem Toueistenquacticr und einer Herberge, die unter der Leitung der e i g n e n Glaubensgenossen steht. Hier ist'man zu Hause, hi e r fühlt mau sich wohl. Zwei große Schlafräume, eine geräumige Küche, in der milchig und fleischig elbstredend getrennt ist, und ein Wohnzimmer, in dem selbst eine Touch nicht fohlt, alle Zimmer auf das Beste ausgeftattet, bieten uns einen angenehmen Aufenthalt, der durch die frohen und lustigen Gffenburger Jugendlichen noch verschönert wird. Klan erzählt sich seine Erlebnisse, geht gemeinsam pazieren, singt fröhliche deutsche und hebräische Lieder, ist vergnügt und ausgelassen und vergißt, daß gar bald das Leben mit feinem Ernst und mit seinen Sorgen wieder aus einem lasten wird. 40 pfg. nur kostet das (Quartier, Unbemittelte zahlen 20 pfg. Die KKete für die Herberge, die 20 Mark im Monat beträgt, wird von diesem Gclde ausgebracht, Da die Herberge s c b r viel benutzt wird, ist es ein Leichtes, dieses Geld zusammenzubringen. Die Herberge selbst wurde durch Spenden des Offenburger und des Murgtalbundes, der Karlsruher und der Konstanzer eingerichtet. Man mietete die obere Etage eines Wohnhauses und hatte an dem Besitzer und vor allem an der Besitzerin des Hauses gleichzeitig zwei Menschen, die in vorbildlicher Weise für die Herberge sorgten und sorgen. Da im Winter Gelegenheit zum Ski-Laufen ist, wird die Herberge während des ganzen Jahres benutzt. — Wenn ich nicht irre, ist dieses die erste jüdische Jugendherberge, und 4. Oktober 1933 der Osfenburger Iugendbünd darfpdas. Lob für sich in Anspruch nehmen', in dieser Beziehung piomer-- dienste geleistet zu haben. Und csrdarß! bei dieser ersten jüdischen Jugendherberge! nicht' Äoiben. Unsere Jugend soll und muß wandern, und. sie kann nur wandern, wenn ihr Herbergen zur Verfügung gestellt werden. s Alle jüdischen Iugeüdbünde müssen sich dieser Ausgabe widmen. Die Mittel zur Einrichtung einer Herberge können wohl — wie die Osfenburger es bewiesen haben —1 aufgebracht werden, und ist eine solche Herberge erst einmal eingerichtet, dann macht sie sich durch sich selbst, bezahlt. — Zuiw Schluß sei mir noch ein offenes Wort gestattet. -Die-Herbergen müssen selbstredend rituell eingerichtet -und - geführt werden, wie es bei der erwähnten Herberge der Fall ist. § 7 der „Hausordnung", die im Gang der Herberge aufgehängt ist, lautet: „Die jüdischen Speisegesetze sind unbedingt zu achten, auch dann, wenn der Besucher persönlich keinen wert darauf legt." Dieser Paragraph darf nicht auf dem Papier stehen bleiben, sondern er muß auch beachtet werden. Das war — leider —^ in der Herberge nicht immer der Fall. Soll das Kaschrus streng durchgeführt werden, dann muß unbedingt zur Zeit des Kochens und der Mahlzeiten eine zuverlässige Person die Aussicht führen. Es geht nicht an, daß ein Jeder, der in die Herberge kommt, ohne Weiteres die Küche mit -ihrer Einrichtung benutzt, ohne überhaupt zu wissen, was milchig und was fleischig ist. Rn-d wenn eine liberale Jüdin die Unverfrorenheit besitzt —ich habe es selbst miterlebt — zu sagen. „Ich kümmere mich — auch hier — nicht um die Speisegefetze," dann muß eine solche Dame des Hauses verwiesen werden. Des Weiteren wurde mir erzählt, daß oft einzelne Osfenburger am nnw mit der Lahn oder mit Rädern in die Herberge kommen. Auch in dies e r Hinsicht hat das jüdische Gesetz Beachtung zu finden. Es wäre angebracht, in die Hausordnung einen Paragraphen aufzunehmen, der besagt, daß Besucher, die am ankommen, kein c Aufuhme in der Herberge finden, denn: Wer eine j ü d i s ch e Herberge in Anspruch nehmen will, hat sich in alle m nach dem jüdischen Gesetz auch zu richten. E. I. Korrespondenzen * Nachrichten. Ventfss)es Amch. Zur Frage der Berufsbildung jüdischer Rinder aus Deutschland in Erez Israel. Frankfurt a. M., 25. Sept. Wir haben Ende August im. Rahmen eines Wochenrundschau-Artikels darauf hingewiesen. daß es sich für orthodoxe Eltern in Deutschland empfehle, bei der Ueberführung von Kindern im Alter von 15—17 Jahren nach Erez Israel zur Vorbereitung 'auf einen landwirtschaftlichen oder handwerklichen Beruf Vorsicht zu üben und sich nicht ohne genaue Erkundigung der Dienste der zu diesem Zwecke geschaffenen Organisation zu bedienen. Es sei zu bedenken, daß selbst in dem für religiöse Kinder bestimmten Kibbuz Rodges trotz besten Willens der Führung keine unbedingte Gewähr für die Heranbildung der Kinder im Sinne des orthodoxen Judentums geboten sei. Gegen diese Veröffentlichung wurde von einem der Leiter des Kibbuz Rodges bei uns Einspruch erhoben mit der Begründung, daß eine unbedingte Gewähr für das Gelingen einer Erziehung zwar nirgends übernommen werden könne, daß aber im Kibbuz Rodges jedenfalls alle Vorbedingungen vorhanden feien, um eine religiöse Erziehung zu gewährleisten. Unsere Bemerkungen, die ja lediglich Vorsicht empfahlen, ohne irgend welche positive Anklage auszusprechen. stützten sich in erster Reihe aus die Eindrücke, die wir aus veröffentlichten Briefen der in dem Kibbuz Rodges lebenden jungen Menschen schon vor längerer Zeit empfangen hatten, außerdem aber und vor allem aus eine gutachtliche Aeußerung des Vorsitzenden der deutschen Lanüesorganisation der Agudas Jisroel, Dozent Dr. Moses Auerbach, der sich ebenfalls außerstande

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