Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 40-41 (4.10.1933)
- Date
- 1933-10-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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4. Oktober 1933 Der Israel lt Nr. 40/41 Seite 3 Armen und Hungernden abzusparen, empfinden wir wie eine Einrichtung der alten jüdischen religiösen Moral: xnpx. xrpjsrm xnax- Was sich aus alldem für uns ergibt, ist, daß wir Juden an der Auswirkung des Erntedankfestes, der allgemeinen Winterhilfe, nach Maßgabe unserer Kraft Mitarbeiten müssen, einerlei ob speziell an unsere Mitarbeit appelliert wird oder nicht. Der Appell richtet sich an alle, die guten Herzens sind, und'für alle, die unter der grauen Kot in den kommenden kalten Monaten zusammenzubrechen droben. Zu den letzteren stellen wir ein großes Kontingent, und unter denen, die guten Herzens sind, baden wir Juden noch nie gefehlt und $ ü r f e n w i r auch jetzt nicht fehlen. Abgesehen davon, daß jüdische Wohlfahrtsempfänger von den Wohltaten der Winterhilfe nicht ausgeschlossen werden, darf unser Mithelfen nicht eine Frage der Leistung und Gegenleistung fein. Schon ein' uraltes talmudisches Postulat gebietet: -‘?X'W «3» D» J-’OnDB J Man mache bei der Verteilung des täglichen Brotes! keinen Unterschied nach Glauben und Abstammung, Wo rn e n s ch l i ch e Tlot nad) m c n f d) H d; e r Hilfe schreit, hat lediglich der M e n s ch d e m M e n s ch e n beizustehen. Wir arbeiten und helfen mit, weil uns unser menschliches und jüdisches Herz dazu - treibt, aber darüber hinaus dürfen wir damit die Hoffnung verbiitden, daß je mehr und enger sich Menschen und Völker in der einheitlichen Kampffront gegen Kot und Elend finden, um so eher auch jener innere und äußere, soziale und politische Friede einkchrcn wird, von dem ein Weisenwort sagt: rips nma nna Die jüdische Leistung. Lin Wortführer der jüdischen Jugendbewegung, der verdient, gehört zu werden, ist Dr. Ludwig Freund. Im Organe des R. j. F^. „Der Schild" bespricht er in einem längeren Artikel über „Beuge? staltung jüdischen Lebens" die W e g e z u r jüdischen Zukunf t. Freund schreibt u. a.: „Abgesehen von der kleinen Schicht der Orthodoxie verlor und verliert sich die nichtzionistische jüdische Schicht in Spekulationen und ehrlich gemeinte versuche des Eintauchens in deutsches Milieu. Sie versucht, vor allem ln ihrem jugendlichen Teil, ihren Zusaminenhang mit dem Jüdischen dadurch zu bekunden, daß sie den Rassenstandpunkt vertritt, die Abstammungskomponente hoch bewertet. Das aber sind alles Bemühungen ohne klare und hochgestellte Zielpunkte. Wenn man das Raffemomont hoch bewertet, dann bleibt der zionistische Standpunkt konsequent überlegen. Denn Rassekult hat praktisch nur Bedeutung, wenn er zu politischem Zusammenschluß der Ration genutzt wird. Alles andere ist romantische Schwärmerei ohne Sinn und Ziel. Stolz aus Abstammung und Art hat nur dann Sinn, wenn das Ziel höhergestellt ist. Rur eine innere oder äußere Leistung rechtfertigt Stolz auf die Spezies, die die Leistung vollbrachte. Bei aller Verbundenheit mit dem deutschen Clement fehlte dem nichtorthodoxen und nichtzionistischen Teil der deutschen Juden die spezifisch jüdische Leistung. Stolz auf jüdische Abstammung und Art verpflichtet — wenn er Sinn haben soll — zu bewußter jüdischer Leistung. Wo war sie aber bei jener Mehrheit? Ihr fehlte vor allein die Verinnerlichung ihrer Religiosität. Den jüdischen Geist haben wir oft nur noch als Lippenbekenntnis erlebt. Wir sind nicht eingedrungen in die Tiefe und in den Kern religiöser Lehre. Der wahrhaft religiöse Mensch muß zumindest einmal in seinem Dasein bis ins Innerste erschüttert sein von der Allgewalt des' religiösen Glaubens, der ihn erfaßt. Cs mangelte vielleicht gerade der älteren Generation an vielen Orten Deutschlands an der echten religiösen Führung und Unterrichtung. Aber so sicher das Judentum in dieser Zeit nach einer neuen geistigen Orientierung verlangt, so sicher ist, daß jüdischer Geist und jüdische Menschen in Deutschland in aller Zukunft nur als jüdisch leben können, wenn sie wieder von religiöser Verinnerlichung ergriffen sind . . . Eine neue Generation steigt auf in Deutschland, in Europa und auch bei den deutschen Juden, die wieder Anschluß au den Geist sucht und die Materie dafür zu opfern versteht. Jüdische Jugend muß wieder Glauben, einen großen inneren Glauben haben. Damit rettet sie den Geist des Judentums in Deutschland und — ihre eigene Seele vor dem Zerfall." Ein durchaus erfreuliches Bekenntnis, von dem man nur hoffen möche, daß essich recht bald bei der Jugend durchsetze. Freilich bedarf es noch eines Wortes zur Klärung und Ergänzung: Die aus Art- und Raffenbewüßtsein kommende äußere „jüdische Leistung" der nationalen Assimilation kann eben so wenig Lebensinhalt eines denkenden Juden und einer nach Erneuerung strebenden jüdischen Gemeinschaft sein, wie jene individuelle Assimilation, aus der jetzt eine ehrlich ringende Jugend holl herauszukommen sucht. Einzige Zuflucht und Rettung ist der Glaube. Aber auch der Glaube, um den nun F'reund die Jugend sammeln möchte, wäre noch keine Leistung, wenn er, frei vom Gerippe praktischer religiöser Handlungen, losgelöst von Thora und Mizwaus, bloßer abstrakter Glaube bliebe. Glaube an G'tt bedingt Gehorsam gegen seinen in den Gesetzen des Tages zum Ausdruck kommenden Willen. Wir haben keinen Grund anzunehmen, daß es Freund anders meint, aber Grund, ihn zu bitten, es noch d e u t l i ch c r a u s z u s p r e ch cn. Die deutsche Iudenfrage auf dem Nationalitatenkongreh. Wir haben bereits in voriger Rümmer über den Konflikt berichtet, der auf dem in Bern stattgehabten 9. europäischen Rationalitätenkongreß zwischen Vertretern der jüdischen Minderheiten unter Führung des Präsidenten des zionistischen Aktionskomitees, Leo m o tz k i n, und den deutschen Vertretern entstanden ist. während Leo Motzkin und seine Freunde verlangt hatten, daß der Kongreß gegen „die Entrechtung der deutschen Juden vor dem Gesetz und der Verwaltung, ihre Hiuausstoßung aus der Gleichberechtigung und ihre Diffamierung wegen ihrer Abstanimung, die Diffamierung ihres Volkes durch die übermächtige Gewalt des Staates" Stellung nehme, weil diese Vorgänge „eine programmatische Durchbrechung der Grundsätze seien, aus denen der Schutz der nationalen Minderheiten, auch der deutschen Minderheiten in fremden Ländern, beruhe," weigerte sich die ungeheure Mehrheit des Kongresses, diesem Wunsche zu entsprechen. Insbesondere führte der Präsident des Kongresses, Dr. Wilfan, aus, der Kongreß habe feit seiner Begründung dem Prinzipe gehuldigt, sich ni ch t i n d i e k o n k r e t e n S o r g'e n b e st i m mt e r Gruppen e i n z u l a s s e n , während Dr. Roth, der Führer der deutschen Minderheit in Rumänien, im Ramen sämtlicher deutscher Minderheitengruppen, die in der vorigen Rümmer gemeldete Erklärung abgab. In dieser Erklärung heißt es zwar, daß im Falle der Ausgliederung völkisch andersgearteter und andersrasstger Menschen aus einem Volkskörper die deutschen Minderheiten es für grundsätzlich berechtigt erachten, daß diese ausgegliederten Menschengruppen sich bestreben, die Minderheiteneechte auch für sich golteud zu machen, aber mehr 'als dieses Streben, das man ja schließlich keinem Menschen verwehren kann, wurde ausgegliederten und ihrer bisherigen Rechte beraubten Mindccheitsgruppcn von Dr. Roth und seiner Gruppe n i ch t zugestanden. Dabei ist es schließlich geblieben. Der Vorsitzende wollte etwas weitergehen und schlug eine Resolution vor, die folgendermaßen lautete: „Im Falle der Einleitung und Durchführung nationaler Dissiinilierungen sollen Freiheit und Rechte, für die der Kongreß der europäischen Rationen itt ihren Kundgebungen und Entschlüssen seit Anfang eingetreten sind, unbeeinträchtigt bleiben." Das ist natürlich etwas anders, als das von den Ausländsdeutschen zugestandene Recht aus ein bloßes „Streben" nach Erhaltung der Rechte der „ausgegliederten" nationalen Minderheit. Aber die Resolution des Vorsitzenden fand gar keine Annahme, weil eine größere Zahl von Delegierten sich der Stimme enthielten. Schließlich erlebte man, daß lediglich die russischen Gruppen aus Estland und Polen die katalanische Gruppe und die ungarischen Gruppen eine -Deklaration abgabcn, wonach sie in die in einigen Ländern zu beobachtende „Welle von Maßnahmen des ausgesprochenen Antisemitismus als gegen die allgemeinen Menschenrechte verstoßend und den Idealen des Kongresses widersprechend" ansähcn. ' Was uns betrifft, so haben wir die Anteilnahme jüdischer Vertreter — sie vertraten immer nur den Zionismus — an dem europäischen Minderheitskongreß und die Verquickung jüdischer Interessen mit denen der Minderheiten in den verschiedenen europäischen Staaten überhaupt von jeher für verfehlt und schädlich gehalten. Das, was jetzt in Lern vorgegangen ist, bedeutet erneu klassischen Beweis für die Richtigkeit unserer Auffassung, denn -es ist wieder einmal dieselbe Erfahrung gemacht worden, die auch in den östlichen Ländern nicht ausblieb, sobald von zionistischer Seite versucht wurde, Koalitionen mit völkischen Minderheiten zu schließen. Es gilt auch für diese Art von Minderheitenpolitik das im anderen Zusammenhang gesprochene weise Wort der Väter: tnx1? i1? dhüij; pxi |nion tparnjo D’ina Die europäischen Minderheiten werden sich j ü d r - scher Rechte immer nur dann anzunehmcn geneigt sein, wenn es ihnen für ihre eigenen Zwecke nützlich scheint, werden den Inden aber niemals zur Seite stehen, sobald es sich wirklich um den uneigennützigen Schutz dieser jüdischen Rechte handelt. Aus der anderen Seite ist aber jede Koalition jüdischer Gruppen mit den Minderheiten und den Minderheitskongressen ein gefährliches Spiel mit dem Feuer. Den Juden — zum Unterschied von all diesen Minderheiten — steht keine Staatsmacht zur Seite, die im Falle eines Konfliktes mit dem Mchrheitsvolkc, in dessen Mitte sie wohnen, für sie eintritt. Sie müssen sich daher unter allen Umständen darüber klar sein, daß cs für sie i m in e r n ü r d c n W e g d e r v e r st ä n d l g u n g mit diesem S t a a t s v o I k e, oder, wenn es sein muß, den Weg des a u shar r ende n Martyriums gibt, soweit sie sich nicht durch Auswanderung einer untragbar gewordenen Lage entziehen können. Es tut not, daß man sich diese Zusammenhänge vor Augen hält in einem Augenblick, in dem ja auch innerhalb Deutschlands berufene und unberufene Ratgeber mit dem Gedanken spielen, die deutschen Juden als eine uner dem Schutze des Völkerbundes stehende Minderheitsnation zu koustituiereu. Hinter den Geschehnissen. Man schreibt uns von geschätzter Seite: Die G l o i ch b e e e ch t i g u n g war den Juden in den meisten Ländern unter der stillschweigenden Voraussetzung gegeben worden, daß sie sich der christlichen Majoritätsbevölkerung allmählich restlos anpassen. So geschah es nicht nur in Deutschland. Auch der große Korse, der erste Verkünder der Gleichberechtigung, dachte nicht anders, wie seine Forderungen an das von ihm einberufene Schnhedrion der Juden Frankreichs bewiesen. Aber selbst in dem freien Amerika bedeutete die Gleichberechtigung ein Danaergeschenk, denn mit ihm war restlose Anpassung verbunden, und zwar an den Amerikanismus, dessen Eigenart sich nicht in wenigen Worten sagen läßt, aber sicherlich in ihren Hauptzügen der Welt- und Lebensanschauung des Judentums ontgogongosotzt ist. 'Auch wirkten hier im geistigen Leben die zahlreichen Strömungen des Christentums mit. Die einen wollten, daß die Juden Christen werden, die anderen, denen nichts mehr am Christentum lag, daß sie jedenfalls in-der Bevölkerung verschwinden. Selten aber schätzten führende politische oder geistige Persönlichkeiten die Juden um ihrer jüdischen werte willen und wünschten deren Erhaltung für die Zukunft. Selbst die glänzendsten Vorkämpfer der Humanität haben häufig den Juden gegenüber die Humanität vergessen und waren voller Vorurteil, lllißVerständnis und Haß. Cs sei hier nur an Voltaire, Herder (stehe das Kapitel „Juden" in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte") und S ch i ll e r erinnert.