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Der Israelit · 1933-09-28 · Heft 39 (28.9.1933) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 39 (28.9.1933)
Date
1933-09-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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r. r» i-r; Heimkehr und was dann? 'Us& VON Von Karl DarmsMker. (Fortsetzung.) Könnte das, Herr Pfarrer, nicht auch das einigende Band zwischen allen Menschen unseres eigenen Landes sein?" -— ' „Mein lieber, junger Freund, Sie hätten G'ttes Wort lehren sollen. Sie hatten im G'tteshause hintreten sollen vor die Gläubigen, sie zu führen zu den ewigen Wahrheiten. Warum sind Sie eigentlich nicht Rabbiner geworden?" Ja, die Frage hat er sich selber schon gestellt. Warum ist Herbert Bergheimer nicht Rabbiner geworden? Ls war ein Entsagen. Wenn ihm, damals, rechtzeitig ein Führer geworden wäre, der den Kampf des Gewissens, die Bange vor unüberwindlichen Schwierigkeiten, den Weg zu den wahren (Quellen erleichtert hätte, dann — Jetzt war vieles gewandelt. Jetzt hätte er den weg gefunden. Jetzt wäre er nach dem Osten gegangen, wo sie aus den schlichtesten Worten der Lehre eine ganze Welt aufbauen —, aber es war. zu spät. Den Litern war es nicht mehr zuzumuten, nach den Jahren des Lntbehrens und Sorgens nocheinmal Opfer für ihn zu bringen. - Wirjam? Seine Mirjam würde warten. Lr hatte ihr einst' die „Aklba"-Lrzählung in jenem alten grünen Bande gezeigt, wie sie beim Großvater, Woche um Woche, Jahr um Jahr, sorgsam gesammelt, auf dem Lckschrank standen. Sie hatte es gelesen, wie die Tochter des reichen Mannes jahrelang gewartet hatte, bis der Geliebte, reich an Wissen, heimzog von den Stätten der Lehre und aus dem „Weinberg" der Lehrer ... Muß man Rabbiner sein, um andere lehren, um anderen Vorleben zu können? Vielleicht ist es das Größere, im schworen Lebenskampf zu stehen und trotzdem Stunden und Tage' zu erübrigen für den Kreis, in dem man Wegweiser und Führer sein möchte —. * . * ■ * Sie hätten den Referendar Herbert Bergheimer, der inzwischen, im Dorf spielte das die Hauptrolle, zum Dr^ Herbert Bergheimer geworden war, am liebsten in ihren verjüngten.Gemeindevorstand hineiingenommen. „So machen sie' es ja alle,, die, Jungen," sagte der won den ganz Alten, Joel Strassß, in der Gemeindeversammlung- „Sie bleiben nimmer daheim. Müssen alle studieren. Alle in die Städte. Gibts auf dem Lande gar nix mehr zu verdienen. Wieviel sind bald noch da? Den Lehrer könnt ihr bald wieder ab schaffen." „Fa, ja," fügte ein anderer recht wehmütig hinzu. „Wie es auch kommt, wir Alten werden die Letzten sein. Wenn wir einmal dort oben liegen, wird man die Schul nicht mehr aufschließen brauchen." . * * * Cs geht jetzt auch/im Dorfe los. Sie sind ja alle nicht gegen die Juden. Oder sollte es doch anders sein? Hat man sich getäuscht? Wenn sie es immer wieder in den Versammlungen gesagt bekommen, die Bauern und die Beamten, die -Lehrer und 'die Fabrikanten -und Angestellten, dann sagen sie laut garnichts. Aber im Stillen trägts jeder in sich heim und mit sich herum.' „Cs muß vielleicht doch etwas dran fein." In einer Versammlung ist Herbert zugegen. Cs ist nicht sehr gemütlich, da Mitten drin zu sitzen. Cr merkt es, wie ihn viele verstohlen anschauen. Aber ste kennen ihn ja alle.. Die da vorn sitzen, wissen, wo er war in den vier Fahren. Sie kennen die Geschäfte, die der Bergheimer und der Rothenburger gemacht haben und Tag um Tag mit ihnen machen. „Cs gibt gute und schlechte Fudde, wie bei uns aa." „Fch handl schon zwanzig Fahr mit dem Rothenburgcc. Wein Großvater und mein Vater hawe mir erzählt, wie sie oft g'holfe kriegt hawe -in böse Zelle." „Sie hawe sich im Krieg hinnerum gedrückt!" „Fch könnt euch mehr wie e halb Dutzend von hier nenne, die wäre aa hinne — So reden sie miteinander. Für und Wider. „paßt auf, der Dr. Bergheimer spricht." „Der wird sage, daß sie kei'm tote Kinkel was zuloid tun!" — Pst! Ruhig! Cs fei schlimm) sagt Herbert Bergheimer — er ist doch ein wenig unruhig beim Sprechen — daß man sich in dieser Zeit so verteidigen müsse. Sind hier in dem Dorf die Juden nicht auch bei den Gefallenen vertreten? Sollen unsere Namen, die Kamen der Toten, meine ich, einmal nicht aus dem Denkmal stehen, das man errichten wolle. Wenn er denken müsse, daß eine solche Zeit kommen könne, dann — doch nein, das könne er, der an der Front war, sich gar nicht ausdenken.' Warum frage man denn bei den Wördern und Dieben, und Sittlichkeitsverbrechern nicht in jedem Falle nach ihrer Herkunft und Religion. Hat jemand von euch, frug er, als die gräßlichen Berichte kamen von dem vertierten Wassenmörder am Rhein, diesen Wann irgend einer Kirche, den Katholischen oder den Protestanten, in die Schuhe geschoben? Hat der Schmitt, der im vorigen Fahr den Kaspär erstochen hat im Zorn, das getan, weil er katholisch war? Fch glaube, Fhr würdet mich cinspcrrcN oder für verrückt erklären lassen, wenn ich jetzt sagen würde, sein Glaube sei daran schuld gewesen . . . „Wer sagt denn, daß wir alle gut und einwandfrei seien in dem, was wir tun? Wir nehmens nicht für uns in Anspruch. Cs gibt Schwindler und gemeine Wenschen bei uns, es gibt ste überall. Viele gehen in die G'tteshäufer, bei allen Religionen und bei allen Völkern, und man hält ste für die Besten, weil sie Heien und fromm tun. Sie sind oft die Schlechtesten. Aber so ist es überall, seit die Welt besteht. Unser Herrg'tt hat einen großen Tiergarten, wie es .in ihrem Innern aussieht, weiß nur Ciner. („Der hält parrer werrc solle," ries einer dazwischen und löste damit große Heiterkeit aus, wenn es auch nicht zum Lachen war). „Die Juden sind, so heißt es, an allem schuld, am Krieg, am Frieden, am Zusammenbruch, an der Rot, an weiß G'tt, was allem. ' Fch glaube, ihr Bauersleut, am schlechten Wetter sind wir auch schuld. Ihr sagt es ja als, wenn die Juden Schabbos Hütten, dann tat* die Sonn' scheinen — '.Da mußten sie im Saal doch lachen. " „Aber Spaß beiseite. Den" Juden Weben ihre Feinde alle Schandtaten zu. 2Ute furchtbare Klärchen, die schon die Päpste im Wittelalter verworfen und verurteilt haben, werden aufgefrischt. Wenn es nicht zum Heulen wäre, man müßte oft lachen darüber,!daß solche Dinge noch geglaubt werden. Wißt ihr noch, wie es einem wehe tat, als im Krieg die Feinde den Deutschen die bösesten Dinge nachsagten? In Belgien hätten die Deutschess die Hände der Kinder abgehackt, Leichen hätten sie zu Fett verwertet. — Jawohl,/so stands in Zeitungen. Gelt, da waren .wir entsetzt. „Uns so etwas zuzuschroiben. Das ist doch unmöglich. Die kennen uns doch. Das ist ja Wahnsinn. Das kann doch niemand glauben." Aber geglaubt wurde es doch. Weil die Bosheit, die Verleumdung, der Haß, wenn 'es einmal hineingesressen ist /in die Wenschen, gar nicht tnehr herauskann. Wenn das so weitergehen wird, dann kann man freilich böse Zeiten Voraussagen. Dann fragt man sich freilich oft noch, -warum der Julius und der Rudolf und die vielen alle, hier und anderwärts, Hunderte und Tausende gefallen sind, verkrüppelt und entstellt worden sind, wenn ihnen heute dafür der Dank so bereitet wird. In unserem Dorfe war immer Friede, wir haben zusammen gelebt und wissen alle, daß diese Gassen die Häuser und Felder, der Wald und der Bach unsere Heimat ist. Dadroben da tragen wir seit fünfhundert Fahren unsere Toten hin. Soll düs alles -aufhören? Ich kann es ja kaum glauben. Cs soll mir doch nachher auch keiner sagen, gegen mich und uns hier hält? niemand etwas. Cr soll lieber kommen, soll mir die mit Kamen nennen, gegen die er etwas hat. Dann werden wir ja sehen. Sind es Wenschen, die sich etwas haben zuschulden kominen lassen, dann werd ich auch nicht viel für sie übrig haben. Aber wir wollen offen sein gegeneinander. So kommen wir nicht weiter, daß ihr ins Gesicht schön tut, und nachher genau so redet, wie es euch hier vorgesagt wird. Der Redner des Abends wird ja zum Schluß auch noch etwas zu sagen haben, er wird mär in allem wahrscheinlich widersprechen, weil das so zu seinem Programm gehört, vielleicht glaubt er alles, was er gesagt hat. Cr soll ruhig alles Schlechte bekämpfen. Aber es hat noch nie gut getan, wenn man das Kind mit dem Bad ausschüttet. Cs geht jetzt gegen die Juden. Damit müssen wir uns abfiuden. Aber vielleicht braucht ihr uns auch noch einmal. Hoffentlich kann man dann alles, was so weh tut, vergessen und kann wieder froh Mitarbeiten, damit es für alle bessere Zollen gibt." — Die Wirkung der Worte war doch zu verspüren. Wan sah es den Leuten an, daß ihnen manches schon gefiel, was da eben gesagt worden war. Aber laut sagten sie nichts. Cs gab aber auch andere Blicke. Da, wo die „Klassenkameraden" Herberts faßen, war ein Räuspern zu hören, das nicht gerade Beifall für Herbert bedeuten konnte. Diskussionen gab es auch noch, bis schließlich zwei politische Gegner sich so einander begeiferten und anbellten, daß die Versammlung ein lautes Lude fand. Als Herbert mit Wirjam im Halbdunkel den Saal verließ, gingen vor ihnen, ohne zu merken, wer hinter ihnen herkam, zwei LandwirtschaftsprakManten vom nahen Hofgut. Ciner war vom Korden. „Der Iud da kann sagen, was er will, die sind doch schuld an allem." „Wir wollen sie jarnich, ste sollen nach Palästina fahren. Da sind sie jut aufjeboben. Warte noch 'ne Weile. Wird noch janz anders mit ihnen koinmen. Die sollen sich ja nich mausig machen. Weeste, was sie bei uns oben sür'n Lied haben? Da ist der Refrain immer: „Juda, verrecke!" Feiner Wunsch, was!" — Wirjam friert und klammert sich unwillkürlich fester an Herberts Arm. Dem würgt es in der Kehle. Aber er zwingt sich, ruhig zu bleiben. Cs geht ihm nun fortwährend, als beschreibe es lauter kreise in seinem Hirn, immer der eine Gedanke durch die Sinne, die das alles nicht fassen können: Alles umsonst. Ja, es ist so. Kur kein Selbsttäuschen. Alles umsonst. -ft , -ft * Die Cxamina sind nun bald hinter ihm. Wan wirst sich mit-gewaltiger Energie aus die Arbeit. Nun beginnt das praktische. In den verschiedensten Aemtern lernt ex die einzelnen Gebiete des Rechtslebens kennen. Wan legt ihm nahe, den Dienst im Staate dem freien Beruf vorzuziehen. Aber nun beginnen die Fragen im Innern. Verlockend wäre es schon, aber wie wird es mit dem Schabbos werden? Das, was man nun in schwerstenn Kämpfen, im Kämpfen der Seele und in den Kämpfen der körperlichsten Entbehrung sich -errungen hat, wieder preisgeben' —? Kein. Der Sieg ist schon längst entschieden. Zu fest ist nun alles in der Seele verankert, als daß klänge von außen her den Boden erzittern ließen, auf dem man Halt gewonnen hat. Aber cs gibt auch Schwierigkeiten anderer Art. Sie kommen nicht von Wenschen her, die bei allem Wohlwollen doch nicht verstehen, wie man so an „verknöchertem" Gesetz festhalten könne . . . Schlimmer ist es, wenn im eigenen Lager die Verständnislosigkeit so groß ist . . . Da ist nun die Wittelstadt mit ihren 20 000 Einwohnern, mit ihrer ansehnlichen Gemeinde, die im Wachsen begriffen ist. Cin besonderes Glück für Herbert, daß hier, nicht zu weit von der Heimat, die Praxis eines älteren Rechtsanwaltes übernommen

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