Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1933)
- Date
- 1933-09-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450756-2450794--79903-2537702- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 Nr. 39 Der Israelit 28. September 1933 die Ze'üverhältnisse sich veranlaßt sehen, Deutschland zu verlassen, die Möglichkeit geben, im Geist der Frankfurter Ieschiwa ihren jüdischen Bildungsweg zurückzulegen und sich für einen künftigen Berus vorzubereiten. Die Ieschiwa in Fiume gewährt gegebenenfalls den Vachurtm wirtschaftliche Erleichterung. Während der Jeschiwazeit vermittelt die Ieschiwa ihren Hörern kostenlosen Unterricht in italienischer Sprache. Es ist ferner dafür Vorsorge getroffen, daß nach erfolgreichem Jeschiwabesuch ebenfalls kostenlos die Bildungsanstalten Fiumes (Gymnasien usw.) von den Absolventen der Ieschiwa besucht werden können, sowie auch in der dortigen Gewerbeschule ihre Ausbildung kostenlos erhalten können. Im Anschluß an die Ieschiwa ist die spätere Errichtung einer Hachschara für die Bachurim, die nach Erez Jrsroel gehen wollen, ins Auge gefaßt. Da für den Anfang nur eine beschränkte Anzahl von Bachurim Aufnahme finden können, wollen sich zunächst nur Bachurim vom 17. Lebensjahr ab, die im Lernen keine Anfänger sind, melden. Die Anmeldungen sind umgehend an Herrn Rabbiner Dr. Joseph Breuer, Frankfurt a. M., Rückertstr. 50 zu richten. Die Anmeldungen für die Frankfurter Ieschiwa bleiben durch die geplante Neugründung vollständig unberührt. Die Frankfurter Ieschiwa wird, wie die letzten Ankündigungen zeigten, nach wie vor ihren hohen Aufgaben Nachkommen. Jüdischer Handel und Genossenschaft. Frankfurt a. M., 26. Sept. Der Genofsenschaslsverband Raiffeisen in Frankfurt a. M. bezw. die Hauptabteilung III des Hessen-Nassarischen Bauernstandes ließen den angeschlossenen Genossenschaften am 11. September folgendes Rundschreiben zugehen: „Der Wiederaufbau der deutschen Volkswirtschaft kann nur gelingen, wenn die uns von der nationalen Regierung gestellten Aufgaben restlos erfüllt werden. In unserer genossenschaftlichen Arbeit werden wir überhaupt nur zu restlosen Erfolgen kommen, wenn die Bauern Zusammenhalten und Verständnis für die gesamte genossenschaftliche Gemeinschaftsarbeit aufbringen. Der Feind für die genossenschaftliche Gemeinschaftsarbeit ist nach jeder Richtung der Jude und der jüdische Handel, der auch heute wieder versucht, mit allen möglichen Verlockungen an die Landwirte heranzukommen und auch an die genossenschaftlichen Funktionäre. Jegliche Verbindung mit dem Juden und dem jüdischen Handel läuft nicht nur jeder genossenschaftlichen Auffassung zuwider, sie ist auch ein Verstoß gegen nationalsozialistische Grundsätze. Wir verlangen aus diesem Grunde und zur Lösung der uns gestellten großen genossenschaftlichen Aufgabe, daß unsere Genossenschaften jegliche Verbindung mit dem jüdischen Handel im Einkauf und Verkauf unverzüglich abbrechen. Zuwiderhandlungen werden wir zu geeigneter Zeit zu ahnden wissen. Ferner verlangen wir von unseren Genossenschaftsverwaltungen, daß sie uns diejenigen Landwirte melden, die nach wie vor mit Juden handeln. Es ist allerdings notwendig, daß mit diesen Meldungen authentisches Beweismaterial vorgelegt wird. Jüdische Händler, die abfallende Bemerkungen gegen unsere genossenschaftliche Arbeit machen, sind ebenfalls bei uns unter Vorlage dtzs erforderlichen Materials zur Anzeige zu bringen. Neuerdings ist auch festzustellen, daß jüdische Firmen, um ihre Geschäfte weiter betreiben zu können, sich mit christlichen Vordermännern versehen. Auch solche Vorgänge müssen uns laufend berichtet werden, damit wir entsprechend e-inschreiten können. Oer Kampf gegen das jüdische Kapital und gegen die jüdische Mißwirtschaft, die nur zerstörend in unserer deutschen Volkswirtschaft wirken, muß lückenlos durchgefllhrt werden." Wir glauben nicht, daß dieses Rundschreiben mit seiner offenen und scharfen Boykottaufforderung, die ja jede wirtschaftliche Existenz der Juden auf dem Lande unmöglich macht, den auf Förderung der gesamten Wirtschaft gerichteten Berebungen des Ns'rchswirtschaftsministeriums entspricht. Eine Aeußerung dazu von seiten der Reichsregierung wäre sehr erwünscht. Privatschulkonzessionen nur für Arier. Berlin, 24, Sept. Nach einem Erlaß des Preußischen Kultusministers soll bei Anträgen auf Erteilung von Unterrichtserlaubnisscheinen oder deren Verlängerung, sowie bei Anträ¬ Die Woche. Berlin. Auf Anfrage ging dem E. V. vom R e i ch s l u f t f a h r t m t u i st e r folgender 'Bescheid zu: „Die dem Reichölüftschutzverband übertragenen Aufgaben sind nur zu lösen, wenn der Bund sich aus die Mitarbeit weitester und matzgeblichster Kreise der Bevölkerung stützen kann. Diese umfassende Arbeit ist aber nicht sichergestellt, falls der Reichsluftschutzbund Nichta r i c r als Mitglieder ausnimmt." Dazu erführt das Vdz.-Büro noch, daß die Ausschaltung der Nichtarier von der Mitgliedschaft ies Reichsiristschutzbundes selbstverständlich nicht 'urFoigehabe,daßdtevomNeichsuftschutzbund erstrebten Sicheruugsiuatzn ahmen den Nichtariern ivrenthalten werden könnten. Es handele sich nur um die Ausschaltung von der ft-rmalett Mitgliedschaft. — Die jüdische Landarbeit G. m. b. H., Berlin W. 15, Kursürstendamm 200, ersucht jüdische Gutsbesitzer, junge Leute zur Ausbildung in der Landwirtschaft gegen Vergütung aufzunehmen und sich diesbezüglich mit ihr in Verbindung zu setzen. — Zur Neichsministermlblatl werden Entlassungen aus Grund des Berufsbeamtengefetzcs veröffentlicht. 1l. a. wurden aus dem preußischen Staatsdienst der frühere Ministerialdirektor im Preußischen Innenministerium und Mitglied des Reichsrates Dr. Hermann D a d t, sowie die frühere Regierungsrätin im Preußischen Ministerium für Volkswohlfahrt Frau M. K r a u s entlassen. — In Bergzabern hatte ein Pächter die Ausübung der Fischerei an die Inhaber einer jüdischen Firma abgetreten. Gegen diese IkebertraZUng hat jetzt das Bezirksamt Einspruch erhoben mit der Begründung, daß Inden im heutigen nationalen Staat keine Iagdrechte auszuüben haben. Göppingen. Hier hat der Gemeinderat die Einsetzung einer Marktkommisston beschlossen, um O st s u d e n vom Markt fern zu halten München. Wie die „Bayrische Staatszeitung" berichtet, hat die Ortsgruppenleitung Elbersroih der NSDAP folgendes verlautbart: „Juden ist der Zutritt zur Ortschaft und den zur Ortsgruppe gehörenden Ortschaften verboten. Ebenso ist der H andelsverkehr mit Juden strengstens untersagt. Wer beim Juden kaust oder an Juden verkauft, ist ein Volksverräter." Stuttgart. Im Städtchen Niederstetten bei Mergentheim wurde, nach Meldung der lokalen Presse, ein Fuhrwerk mit Geflügel b e s ch I ag n h m 1. das ohne vorhergehende Betäubung geschachtet worden sein soll. Der Fuhrmann und sein Begleiter, sowie der Schächter aus Hohenburg wurden verhaftet. Kassel. In Erd- > e n h a u i e n bei Rotenburg geriet die Dorfbevölkerung gegen einen Landwirt, der einen jüdischen jungen Mann als Gehilfen angestellt hatte, derart in Wut, daß Landwirt und Gehilfe in Schutzhaft genommen werden mutzten. Beide wurden nachher in Freiheit gefetzt, der Jude mutzte aber sofort entlassen werden. Kolberg. Für den Begründer des jüdischen Kurhospitals in Kolberg, Dr. Hirsch seid, einen bekannten Philanthropen, der sich um Stadt und Bad in höchstem Matze verdient gemacht hatte, war von der Stadt aus nach dessen Tod 1884 ein D e n k m a l errichtet worden. Dieser Tage ist das Denkmal auf Beschluß des Magistrats abgetragen worden. Nürnberg» Das Stadtratkollegium hat nach V. Z. einstimmig beschlossen. Juden aus dem Städtischen L e i h a m t auszuschlietzen, d. h. es dürfen den Juden weder Darlehen gewährt werden, noch dürfen sie sich an Versteigerungen im Leihamt beteiligen. Gießen. Wie in Hungen, 'so hat, nach Wagners Süddeutschem Nachrichtendienst, auch in Schotte n eine außerordentliche Generalversammlung der Molkereigenossenschaft Hoherodskopf einstimmig beschlossen, jedes Mitglied aus der Genossenschaft auszn schließen das künftig mit Juden in geschäftliche Beziehungen tritt. Königsberg. Der Evangelische Pressedienst in Königsberg i. Pr. teilt mit: „Aus dem Bestreben heraus, die Liturgie des evangelischen Gottesdienstes zu verdeutschen ist der Vorschlag gemacht worden, auch die hebräischen Bezeichnungen „Halleluja" und „Amen" durch deutsche zu ersetzen." Amsterdcm. Bei der soeben stattgefundenen Neuwahl der Eemeindeältesten der Stadtgemeinde Amsterdam wurden zwei Juden, und zwar Dr. I. H. I. V o s , Präsident der holländischen Landesorganisation der Alliance Israelite Universelle und Mitglied der 2, Kammer des holländischen Parlaments, sowie Dr. E. I. A b r a h a m s zu Mitgliedern der Eemeindeleitmig gewählt. gen auf Erteilung einer Privatschulkonzession in Zukunft ebenfalls geprüft werden, ob der Antragsteller arischer Abstammung ist. Bewerber nichtarischer Abstammung werden nach diesem Erlaß im Sinne des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentmns vom 7. April künftig nicht mehr zugelassen. Die Ausnahmen des Gesetzes treffen auch hier zu. Weiter können solche Antragsteller nicht mehr zugelassen werden, die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr für einen rückhaltlosen Einsatz für den nationalen Staat bieten. Diese Grundsätze gelten auch für bestehende Konzessionen. Wird der Unterricht an nichtarische Kinder erteilt,, so findet der Erlaß, soweit es sich um den Arierparagraphen handelt, keine Anwendung. (ITA.). Aichtarischc Ariegerwitwen verbleiben im öffentlichen Dienst. Berlin, 24. Sept. Die Reichsregierung hat in Abänderung des Berufsbeamtengesetzes beschlossen, daß der Arierparagraph für solche weiblichen Beamten, Angestellten und Arbeiterinnen in öffentlichen Betrieben, deren Ehemänner im. Weltkrieg gefallen sind, keine Anwendung finden darf. Die Reichsregierung hat ferner beschlossen, daß vom. Arierparagraphen weitere Ausnahmen in Einzelfällen vom Reichsminister des Innern im Einvernehmen mit der zuständigen Obersten Reichs- oder Landesbehörde dann gemacht werden können, wenn dringende Rücksichten der Berwaltung es erfordern. Aeine Juden auf dem Gießener Pferdemarkt. Gießen, 25. Sept. Am 27. September fand hier der Herbst-Pferdemarkt statt. Auf diesem Markte nahmen keine Juden teil, da nach der Anordnung der Bürgermeisterei. Nichtarier ausdrücklich vom Besuch des Marktes ausgeschlossen sind. Wie vom Viehhandel überhaupt ernährten sich bisher viele Juden in den hessischen Landgemeinden speziell vom Pferöehandel. Diesen, soll jetzt, wenn Gietzen Schule macht, die Pserdemärkte geschlossen werden. Schweiz. Völkerbundstagung und Iudenfrage. Genf, 22. Sept. Wie in informierten Kreisen versichert wird, beabsichtigt die niederländische Regierung, auf der bevorstehenden Völkerbundsversammlung die Frage der jüdischen. Flüchtlinge auf die Tagesordnung zu setzen und im Einvernehmen mit der tschechoslowakischen Regierung die Schaffung eines Ausweises für staatenlose deutsche Flüchtlinge nach dem Muster des Nansen-Paffes vorzuchlagen. Diese Frage soll von der Kommission für soziale Probleme beraten werden. Der holländischen Völkerbundsdelegation ' gehören zwei Juden, Staatsrat Dr- Limburg und Professor Dr. E. M o r e s c o, an. Oesterreich. Amtseinführung des neuen wiener Gberrabbiners. Wien, 19. Sept. In der Stadtsynagoge in der Seitenstettengasse fand die feierliche Amtseinführung des zum Nachfolger des verstorbenen Professors Dr. Chajes gewählten Oberrabbiners Dr. Feuchtwang statt. Das G'tteshaus war in allen Räumen dicht gefüllt. Im Zeremonienfaal hielt Präsident Dr. Desiüer Friedmann die Begrüßungsansprache, in der er das Amt des Wiener Oberrabbiners als die höchste Würde bezeichnete, die das österreichische Judentum zu vergeben hat. In der Not der heutigen Zeit bedeute es noch mehr als sonst. Nach einer Ansprache des Tempeloorstehers Dr. Müntz gelobte zunächst Oberrabbiner Dr. Feuchtwang in die Hand des Präsidenten, der altberühmten Gemeinde ein aufopfernder Führer zu fein, der für das Judentum leben und sterben wolle. In feiner Festpredigt ging Dr. Feuchtwang von den gegenwärtigen Bedrängnissen aus, die schwerste Sorgen mr die Zukunft des Judentums begründen. Die Treue zum Glauben und das Bewußtsein einer ruhmvollen Vergangenheit verbürgen aber, daß die Not überwunden wird. Am kränkendsten empfinden die Juden den Veruch, sie als moralisch minderwertig einzuschätzen, was ihrer Rolle in der Geschichte kraß widerspricht. Er wolle seine beste Kraft für Einigung in der Gemeinde ein-