Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1933)
- Date
- 1933-09-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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28. September 1933__ sicheren Zuflucht, einer Zuflucht zum höchsten über ihnen und zum heiligsten in ihnen. Jom-Kippur läßt sie die Quelle aller Ruhe finden, die Demut, hin- . sinken läßt sie Iom-Kippurin Demüt.lgkeit vor dem, was ewig über uns ist, und läßt sie sich innerlich erheben über das, was äußerlich im Leben gegen uns ist. An diesem Tage fühlt der Verlassenste, noch nicht ganz verloren zu sein. Roch sind wir — kündet uns der Jom-Kippur — Menschen eines hohen Ziels, eines bedutfamen Sinns; noch lebt in uns ein großer Gedanke, eine starke Kraft, eine heiße Sehnsucht, noch .sind wir Juden. Roch wecken die Töne aus einer großen Vergangenheit ein heiliges Echo in unserem Herzen, noch erweist sich unsere Seele zur höchsten Schwungkraft fähig. Am Jom-Kippur lernen wir wieder mit wonnigem Tröste verstehen das jüdische Vptimistenwort der alten Lehrer: „Israel ist nicht verwaist". Darum mag es diesem großen Tage vielleicht gelingen, was keiner Menschenmacht sonst gelingt, •••pms n^nn ns wnns' was krank ist an Mutlosigkeit und verlorenem Vertrauen zu stärken und zu heilen und was zerbrochen ist an vertrauensmangel und an Zielschwäche zu verbinden. Wie noch nie befinden sich an diesem Jom-Kippur Ungezählte in einem Zustande der Bereitschaft. Vergangenes versinkt, Neues taucht auf, manch jüdische Seele will sich erneuern.. Der träge, gleichförmige Schritt vieler, denen ihr Iudesein so fern stand, daß es für sie nichteinmal mehr ein Problem war, ist zum Stillstand gekommen. Jeder muß heute, ob er will oder nicht, über sein Indesein Nachdenken. Tinen anderen, neuen Weg gilt es einzuschlagen, einen besseren, heiligeren. Auf der Wagschalc liegt der Entschluß dazu. 2lm Jom-Kippur muß das Bessere, Reinere in allen überwiegen. Wer will es da versäumen, sein Jude sein zu überprüfen, seine Seele von Schlacken zu säubern; wer will nicht kommen und Wiederkehr halten, wenn wie diesmal Jom-Kippur zur Heimkehr ruft? Zu Rabbi Rachman, dem Gerechten, so wird erzählt, kam einst einer und führte über seine Verirrungen Klage und nannte sich Sünder. Der Rabbi wehrte es ihm. „Du bist doch ein Jude," sagte der Rabbi. „Dicht nenne dich Sünder, nenne dich vielmehr Umkehrender und kehre wieder zu G'tt zurück." „Ich kann nicht mehr," sagte dieser. „Sieh' Rabbi, wie dieser abgeschnittene Ast dort draußen vor deinem Fenster, so ist mein Leben; es kann nicht mehr grüncit und Knospen treiben, es ist verwirkt, der Weg ist mir abgeschnitten." „Geh' heute," befahl der Rabbi, „und komme in einer Woche wieder." Tr ging und kam wieder. Der Rabbi zeigte ihm jenen Ast. Tr hatte ihn inzwischen unter Wasser gesetzt, er schlug aus und trieb wieder, und Spuren von neuem Grün zeigten sich an ihm. „Also ist dein Leben, Reuemütiger," beschied ihn der Rabbi, „wie dieser Ast bist du. Der Weg der Buße ist nie abgeschuitten, die Pforten der Reue sind »immer offen." Ts gibt heute viele, die wie dieser sind, der zu Rabbi Uachman kam. Teils wollen sie es, und meinen nur es nicht mehr zu können, teils wissen sie nichteinmal mehr zu wollen. Sie irren umher, eingesponnen in der Vorstellung ihres Verlorenseins. Der Weg liegt vor ihnen, aber sic gehen an ihm vorbei. Pier wäre eine Aufgabe wie die des Rabbi Rachman zu erfüllen. Man müßte vielen, vielen das Wunder der Buße erschließen. Jom-Kippur tut es jetzt einstwei- Icn, aber der Jom-Kippur wird gehen und wird die 'Aufgabe als Ausgabe zurücklassen, wer wird sie übernehmen, auch für die, die nicht einmal mehr zu dem Jom-Kippur hinfinden? Man hat sich viel zu' wiel daran gewöhnt, öiell'ywiS' die Sünder, wie zu Tode Erkrankte aufzugeben. Zu Hellen müßte mau sie suchen. Jom-Kippur wendet sich zunächst an sie. Warum raffen sie sich nicht auf? Sie sind es ja, denen alle Wunder offen stehen, denen alle Gnadenwege entgegenharren. „Worauf wartet ihr, Säumige," ruft ihnen Jom-Kippur zu. „Seid ihr euch der Verlassenheit eures Lebeirs ohne G'tt und sein Volk noch immer nicht bewußt? Kann es euch noch deutlicher gemacht werden, daß ihr Juden, unentrinnbar Juden seid, daß ihr dorthin gehört, wiederum dorthin gehört, von wo ihr euch niemals hättet entfernen dürfen? Wer mag euch, wer sucht euch, wer tröstet euch, wer liebt euch, wer heilt euch, wer sehnt sich nach euch außer G'tt allein? Kommt wieder! Äusgebreitet hält Der Israelit j der Jom-Kippur feine Friedensarme, alle, alle zu empfangen. Wir brauchen jede Seele, die abgeirrt ist, alle brauchen wir. Schwach und gering sind wir geworden, und von allen Seiten umbrandet uns Verkennung und Beengung. Die jüdische Sorge ist bis in die Wolken gewachsen, und es gibt noch jüdische Menschen, die von der Ferne stehen! Kommt! Wie kann es jetzt noch Lässige in Israels Mitte geben? 'Eilt herbei, eilt und kommt!" j Ts war zur Zeit der großen Iudentumsbedräng- I nie in Spanien an einem Kolnidre-Abend. Iir einer der großen Städte, in denen noch Reste von Juden wohnten und im verborgenen ihre G'ttesdienste abhielten, war eben die Gemeinde zusammen gekommen, um den Jom-Kippur zu empfangen. In tiefer Andacht, Tränen in den Augen und auf den Lippen heiße Gebete, harrte die fromme Schar. Der Dienst sollte beginnen. Da klopfte es an die Pforte, und als man nicht öffnete, klopfte es wieder und abermals. Lähmender Schrecken erfaßte alle, was will man von ihnen? Wer mag da kommen zur Störung und Bedrohung? Da ließ sich von draußen leise verhaltender, lieblicher Gesang vernehmen, die bekannte alte und erhabene Melodie des Kolnidre. Wer mögen die Singenden sein, die Gemeinde ist doch vollzählig da? Klan öffnete und es waren Anufsim, jüdische Brüder und Schwestern, die zwangsweise vom Judentum abgedrängt worden waren und äußerlich nicht mehr als Juden lebten. Aber in ihrem Kerzen loderte noch die heilige Flamme gläubiger jüdischer Liebe. Lei Anbruch des Jom-Kippur konnten sie, trotz aller Gefahr, in die sie sich dadurch begaben, innerlich nicht mehr widerstehen. Ts zog sie zur Gemeinschaft, zur alten, lieben Religion der Väter. Sie taten sich zusammen und kamen. Die religionsgesetzlich begründete Formel, das Kol-Ridre dreimal zu sprechen, erhielt jetzt auch noch einen anderen Sinn. Ts könnten noch Brüder in Rot sich befinden, sich besinnen und noch kommen. — Und die Formel,n*?y»^VN2''V''2wie sie auch in Deutschland einst von Rabbi Meir aus Rothenburg und anderen eingeführt wurdest) hat auch im Sinne ähnlicher Beöachtnahme auf Brüder, die sich etwa besinnen und wieder zu uns kommen, ihre tiefe Wurzel. Die jüdische Gemeinschaft nimmt an diesem hohen Abend die D'mns?' die Uebertreter des religiösen Gesetzes, in Liebe auf und erklärt sich, in der Hoffnung auf ihre Reue, bereit, mit den Wiederkchrenden gemeinsam zu beten.') 'Auch heute gibt es Anussim, das sind die von der Härte des Lebenskampfes Erfaßten und, oft gegen ihren willen, aus der Lahn des religiösen Wandels Herausgeschleuderten. Aber die Ereignisse unserer Tage haben noch eine andere, eine entgegengesetzte Art des alten Begriffes der Anussim hervorgebracht, solche Juden, die die neuen Verhältnisse zwingen, sich als Juden zu bekennen. Si kommen nicht wie einst, weil sie ihr Judentum verbergen müssen, sie kommen vielmehr, weil sie es im Gegenteil, nicht mehr verbergen können. Das ist nicht mehr der alte romantische und sympathische Tvp der Anussim aus eigenem 'Antrieb, die aus heiligen inneren Beweggründen allen Gefahren zum Trotze im Iudcntumc verblieben und ihre reine pomme Zuflucht zur Gemein schuft nahmen. Das sind heute Anussim des Richtanderskönnens als Iudesein, es sind Juden des eisernen Muß. — Aber, sollen wir auf sie verzichten, sind sie deshalb weniger Anussim, weil sie eigentlich noch unglücklicher als die alten Anussim von ehemals sind und des eigenen inneren religiösen Haltes vollauf entbehren? Rein, nicht verzichten wollen wir auf sie, die sich plötzlich, soweit es um das Religiöse geht, vor eine Tatsache gestellt sehen, der sic nicht gewachsen sind. Gewinnen wollen wir sie, ganz und voll gewinnen, daß sie aufhören wie ein Rohr zu sein, das ohne Halt nach allen Seiten im winde schwankt. Und finden sie nicht mehr mit allen Konsequenzen des frommen Iudefeins von selbst ganz zu uns zurück, so müssen wir sie rufen, nach ihnen Ausschau halten, um sie werben, ihnen die Wege der vollen jüdischen Konsequenz ebnen. Hier *) Vgl. auch '21-18 zu n»t und siehe N"2 und '"2 zu n-rr Iiv- -') Vgl. dazu als Quelle r-vwi2 6, 2. Schon '"vi hat bekanntlich in' diesem Sinne nach dem ersten Kreuzzug für die grundsätzliche liebevolle Wiederaufnahme der Anussim seiner Zeit sein machtvolles Wort erhoben. Nr. 39 Seite 5 ist die Aufgabe einer inneren jüdischen Mission, wie sie sich bisher nur einmalig in der jüdischen Geschichte zeigte, gegeben. An sie aber, die es zu faulmeln und zu gewinnen gilt, ergeht die 'Aufforderung, der Ruf des Jom-Kippur, auch von sich selbst aus das Werk der vollen jüdischen Annäherung zu vollziehen. Cs ist Zeit, die Zeichen der Zeit nach dieser Richtung hin zu erkennen. Laßt euch nicht erst durch den Druck von außen erinnern, daß ihr Juden seid. Bekennt euch freudig von selbst dazu. Kommt aus eigenem Antrieb. Crkennt in der Tatsache, daß es nunmehr kein 2lusweichen gibt vom Pfade Israels, den himmlischen Wink für euch selber und den 2lnker zur Rettung und Erhaltung des alten G'ttesvolkes. Kommt, wie einst die Anussim kamen. Klopfet an die Türen der nie versiegenden und nie versagenden G'ttesbarmherzigkeit, in Liebe werden sie sich euch auftun. Schließt euch und schmiegt euch an den großen Pförtner, von dom wir wissen naiipnn ’psnV nyiz? nmsn „daß er das Tor öffnet denen, die reuig anklopfcn." Eilt und kommt zu eurer Gemeinschaft, komnlt ganz zu ihr. Helft ihr, euch selber helfen, cmny rmw, kehret um, Entfremdete, bxnti” miff' kehre um, Israel. Glaube dem Rufe, vertraue der Liebe, folge der Botschaft des großen heiligen Tages! Deutsches Reich. Zur Aufklärung! Berlin, 2(3. Sepr. Die von den Gemeindeverbänden und bezüglichen Organisationen mit der Regelung aller die Schächtfrage berührenden Angelegenheiten (Betäubungsverfahren, Fleischversorgung usw.) betraute R e i ch s z e n t r a l e gibt hiermit bekannt: E n t g e g e n st e h e n d irreführenden Veröffentlichungen weisen wir d a r a u f hin, daß das als „betäubt und koscher" feilgebotene Fleisch nichtals koscher, sondern als T r e f o und N e w e l o a n z u s e h e u i st. Keines der bisher erprobten BetMlbUNgSversichren hat sich nach dem übereinstimmenden Urteil der Rabbinerverbände als vereinbar mit den Religionsbestimmungen über Schächten und Organbefund ergeben. Auch die Hoffnung, vermöge eines elektrischen Verfahrens den Doppelbestimmungen des Religionsgefetzes und der Reichsbestimmung gleichzeitig Rechnung zu tragen, hat sich bis zur Stunde trotz ununterbrochener Fortsetzung der Experimente nicht erfüllt. Darum kann zurzeit Fleisch von betäubten Tieren nur unter Verleugnung des Religionsgefetzes als „Koscherfleisch" in den Hgndel gebracht werden. Da andererseits der Genuß von Vieh oder Geflügel, das ohne vorangehende Betäubung geschlachtet ist, durch Reichsgesetz untersagt ist, verbleibt bis zur Auffindung eines sowohl dem Religionsgesetz als der Reichsbestimmung entsprechenden Verfahrens zur Koscherfleischboschasfung nur der Bezug von Auslandsware, die gemäß den staatlichen Bestimmungen über Zoll, Fleischbeschau, Einfuhr usw. dem Bedarf des religiösen Publikums entsprechend eingeführt wird. Inzwischen werden die Experimentalarbeiten zur Auffindung dos geeigneten Verfahrens mit Nachdruck fortgesetzt. Eröffnung einer Icschiwa in Fiume. Frankfurt a. M., 24. Scpt. Herr Rabbiner Dr. Joseph Breuer, der Leiter der Frankfurter Jeschiwa, hat eine Berufung als Rabbiner der orthodoxen Gemeinde in Fiume (Italien) erhalten und gedenkt der Berufung nach N8121V Folge zu leisten. Mit dieser Berufung ist die Gründung einer Fesch i w a daselbst verbunden, die als S t ü tz p u n k t für die Frankfurter Jeschiwa gedacht ist. Die Jeschiwa soll bereits Mitte Marchefchwan eröffnet werden. Sie möchte vor allem B a ch u r i in a u s Deutschland, die durch