Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1933)
- Date
- 1933-09-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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28. September 1933 Der Israelit Nr. 39 Seite 3 Die Regierung verlangte auf einmal einen B i ldungszens für die Rabbiner. Lbofez Lhajim ist kein Feind der modernen Bildung. Aber wozu die allen bewährten Rabbinen aus ihren Aemlern drängen und die Jüngeren mit Dingen belasten, die auf Rosten, der Thora gingen? Wie kann der Rllmster, ein kluger wann, glauben, daß man für religiöse Entscheidungen die polnische Literatur kennen muß? Rlan mußte nur aufklären. Und der greife Rabbi hat in Warschau eine Audienz beim Rlinisterpräs i d e n t e n V a r t e l. Der Riinister ist überwältigtvon der Persönlichkeit und den Worten des alten Rabbi. Wie ec über Polen denke, fragt er ihn. „Im Rlidrasch heißt es," sagt Rabbi Israel Rleier, „dem Perserkönig Cyrus war es gegönnt, den Tempel auf Rloria wieder aufzubauen, weil er um die Zerstörung des Tempels durch die Babylonier geweint hatte. Ich bin ein alter Jude und habe noch in meiner Jagend viele Tränen über die Zerstörung des polnischen Staates geweint, darum hat mich -der liebe G'tt d e n Wiederaufbau Polens erleben lassen . . Das geplante Gesetz wurde aufgehoben, und man weiß in polnischen Kreisen, daß der Umschwung in der Taktik der Regierung zugunsten der Juden, besonders der Orthodoxie, der sich heute noch in erfreulicher Weise zeigt, von jener Audienz herrührte. Es ist durchaus natürlich, daß der Mann, der in sich schon die Einheitsfront des g es e tz e's t r e u e n I u d e n t u m s verkörperte, sich von Urbeginn an mit der ganzen Kraft und der ganzen glühenden Hoffnung, deren dieses große Herz fähig war, der Agudas Iisroel-Weltorganisation anschloß und als Ehrenpräsident ihres R a b b i n i s ch e n Rates von dannen geht. Auf der ersten Kcncssio Gedaulo sahen wir ihn, damals schon bald ein Achtziger, in seiner bescheidenen Ecke im Saale sitzen, in seiner einfachen, fast dürftigen Kleidung, mit der typischen wütze des einfachen litauischen Juden auf dem Kopfe, das Auge glückstrahlend auf die herrschen gerichtet, die sich mn G'tt und seine Thora hier sammelten. R'lan hatte Rlühe, ihn an seinen Ehrenplatz zu bringen. Er sollte den Kongreß mit einein Segenswort eröffnen, er weigerte sich. Wie er sich aber dem nicht entziehen konnte, sagte er mbvn'i ’mTö bv „Alan berufe sich nicht auf seine Aiaaloth, (Eigenschaften), um das Podium zu besteigen. Sagte man mir aber, man wünsche von mir den p r i c ft c rfegen eines Greises, wohl denn: ein G r e i e bin ich und ein K o h e n auch; diese Würden, die kein Verdienst sind, kann ich nicht von mir weisen." Und dann erzählte er die Geschichte vom K r a nken, an dem alle Aerzte herumlaboriertcn, der eine gesehen von ihrer sühnenden Wirkung, -ein Gebot wie alle anderen Gebote der Thora, mit dem Unterschiede jedoch, daß wenn man dieses Gebot Übertritt oder außeracht läßt, man zugleich der Sühne des Jaum Kippur verlustig geht und alle seine Sünden behält. Dafür selbst aber, daß man sich durch die Unterlassung der rown die Befreiung von der Sünde entgehen läßt, wird man auf Grund des pavn-Bersahrens wiederum zur Rechenschaft gezogen. Und es ist durchaus möglich, daß — ähnlich wie bei Sdom — diese eine neue rrpav des Nichttfchuwohtur. s schwerwiegender und belastender für den Uebertreter -ist als alle seine m-ray vom ganzen Jahr zusammen. In diesem Falle aber, meint der Rabbi, wird der Jaum Kippur für den Menschen rn zum Verhängni s. Mögen die erschütternden, aus dem Herzen eines leider nicht mehr unter uns weilenden oi-im '12 ^2 bv p*i kommenden Worte ihre Wirkung nicht verfehlen und uns zu einer ru&v riwrm anspornen, auf daß uns, sowie dem gesamten brriv' bbo ein "ibvi wm n® 'vyiv'i ni-irn beschießen werde. Wochenkalender. vom 30. Sept. bis 7. Okt. 1933 10. — 17. Tifchrt 5694 'vl' sp Sep. 71121712 Samstag 30 10 15 *1135 Öl* Sonntag 1 11 TO Montag Okt. 2 12 no Dienstag 3 13 VV Mittwoch 4 14 57 711210 2iy Donnerstag 5 15 Ky « Dl1 niDID Freitag 6 16 ay '2 OP 71121V Samstag 7 17 jy lyinn!>1N 7i2iy mit einem Mttel für die Augen, der andere mit einem solchen für Hände und Füße; bis der richtige Arzt kam und sagte: „Das Herz ist krank. Sorgen wir dafür, daß das Herz gesunde, und alle Gliedmaßen und Organe werden schon von selbst in Funktion kommen." Das war ein Programm, das Programm der Agudas I i s r 0 e l. weg mit allen Kurpfuschereien! Das Herz, die Thora im Mittelpunkte, muß den Organismus beleben und alle jüdischen Fragen lösen sich, von selbst . . . Cr griff noch oft genug in die Diskussion ein, mit den einfachsten Formeln, aber sie waren entscheidend. Kampf gegen die anderen? Ritt Nichten. Alan kämpft nicht gegen Finsternis mit Hauen und Stechen, m a n z ü n d c Licht an und die, Finsternis wird verdrängt. Will heißen: Arbeit statt Kritik und Kampf! ... Das K u l t u r p r 0 b l e m im Osten, der R i e d e r g a n g i m w e st e n. Die Entwicklung im Westen fei eiine Warnung für den Osten. Ehofez Lhajim erzählte von der Tribüne herab, wie er einmal auf feinen Reifen in einer Stadt nachts in dein ihm vertrauten Gasthofe die Türen verschlossen fand und sich diese auf alle seine Hinweise, daß schon seine Väter und vätersväter hier Obdach gefunden, nicht öffneten. „Was tat ick? Ick snckte eben ein anderes Asyl auf." Line ganze historische Periode hatte der Rabbi in diesem einfachen Gleichnis zusammengefaßt: rrnnn n^ty by minn „Die Thora kehrt immer und immer wieder in ihrer alten Herberge ein", wie konnte es dennoch kommen, daß sie in den Westländern ihren Sitz nicht mehr hat? Sie kam wohl vor hundert Jahren und pochte an die Türe und flehte: „Hatte ich nicht hier immer meine Stätte, haben nickt hier Raschi, die Toffofistcn, Maharani und Rosch gelebt und gelehrt?" Aber Deutschland, Frankreich und Italien hatten keinen Platz mehr, öffneten der Thora nicht die Türe. Sic tat eben, was jeder in diesem Falle tun würde: Sie schlug ihr Zelt anderswo auf, in Polen, in Lila u en, Üng a r n. min» heißt ja nicht „einkehren", sondern nur a u f s u ch e n. Wenn man aber nicht hereinläßt! . . . Alle verstanden die tiefen Worte. Im letzten Jahrzehnt bereitete sich Rabbi Israel Girier Hakohen für den großen Augenblick der Erlösung vor. Er sah Rioschiach kommen, hörte den Flügelschlag der großen Zeit. Die Leiden und Rcliglonsverfolgungen in Rußland waren für ihn die letzte Sturmwelle vor dem nahen goldenen Ufer. Es kamen noch andere Sturzwellen in anderen Ländern dazu. Seine Sehnsucht wurde immer stärker-und erhärtete sich zu einer sicheren Erwartung. Klan sagte von ihm, er habe sich neue Kleider angeschasft, wollte sie aber erst anziehen, wenn die Stunde geschlagen, zur Begrüßung des Moschiach. Sehen konnte man aber, wie er intensiv Tag und Rachid^tyi^ lernte, als bereitete er sich zu dem hohen priesterdienst vor, wie er zehn seiner b e st c n S ch ü l e r , die zufällig Kohanim waren, verpflichtete, ebenfalls in Reinheit und Heiligkeit lernen.'Roch ein werk entstand aus dieser Periode der Sehnsucht, wiederum -anfv'V'7,?' unter dem Titelrnph.-i'vlp'^-In seinem Vorworte zu diesem Werke stellt er dieses als Handb u ch f ü r d c n h e i l i g -e n D >i e n st hin, zu dem er bald gerufen werde, und fordert alle Kohanim auf, rch mit allen Vorschriften genau vertraut zu machen, damit sie die große Stunde nicht unvorbereitet treffe. Es war rührend, seine letzten Erlasse und Kundgebungen zn lesen, die alle Genlahnähe atmen; ergreifend und erschütternd, als wir vor etwa zwei Jahren vor 'einem Bette in einem Dorfe bei Radin, wo er in der Sommerfrische weilte, standen und feine Worte über Heiligtum, Moschiack und Geulah unter tiefen Schauern wie höhere Offenbarungen in uns aufnahmen. Roch sind wir in der Erwartung, und er ist von uns gegangen. Er wurde gerufen, der Hohepriester. Ein D^n psn war er. Er möge für ein Volk das erflehen, was er mit seiner großen Liebe und Sehnsucht in den letzten Jahren schon für und in sich erlebt hatte, ein 'ibvn ♦nywn nbm r\m -tz. INTERNATIONALE SPEDITION Frankfurt a. M. Telelon 30576 Gulleufsfr. 31 Lagerung, Verpackung, Umzüge, Gepäck, Versicherung Sammelladungen innerh. Deutschi. u. nach d. Ausland PALÄSTINA-TRANSPORTE Wochenrundschau. „Gedenke des Bundes mit Abraham und der Todes- Hingebung Izchaks - - - " An: Rüsttag zum Rosch-ha-schono-Festc, in dessen Tema- und Scheworim-Tönen immer wieder das 'Andenken der A k e d a Izchaks erklingt, jenes ewigst Svmboles der todesbereiten Hingabe des jüdischen Volkes an seinen G'tt, den Urquell aller menschlichen Sittlichkeit, an diesem Rüsttage zum Feste der Äkeda, ist die deutsche Iudenheit durch eine Zeitungsmeldnng überrascht worden, die bedeutungslos klingt und doch selber symbolhaften Charakter trägt. Der Regierungspräsident von Schleswig habe, so lautet die Meldung, folgendes verfügt: „Bei Besichtigung und Prüfung des Religionsunterrichts stellen meine Sachbearbeiter fest, daß immer Noch die Geschichte von JsaaksOpserung behandelt wird. Ohne Rücksicht auf bevorstehende Änderung des alt» teftameutlichen Stoffes im Lehrplan der Schulen ordne ich an, daß die genannte Geschichte schon jetzt im Lehrplan zu streichen ist, da die in ihr vertretene G'ttesanschauung undeutsch ist." Merkwürdig! Ein echter U ichta r i er, der Stammvater des liberalen deutschen Reformjudentums, Abraham Geiger, hat einst in der Maienblüte der deutsch-jüdischen Abfallsbewegnng mit ihrer hemmungslosen 'Anpassung an die 'Anschauungen der Völker, es gewagt, das höchste Ideal jüdischer G'tteshingebnng, eben die Akeda, die sogenannte „Opfermig Isaaks" als — H u n d e g c h 0 rsa m zu beschimpfen. Und gerade ein Vollblut- 21 r i e r rein 11 0 rdisch e r R a s s e, S ö r e n. K i e r f c gaard , einer der genialsten religiösen Denker, den die Menschheit je hervorgebracht, war es demgegenüber, der jener Akeda, der Opferung Isaaks, die der Regierungspräsident von Schleswig als „nndeutsch" verbannt, ein ganzes Buch voller Ehrfurcht und tiefschürfenden Eindringens in die religiöse Tiefe der 2lkeda-Tat gewidmet hat! Schon in der Verfügung des Regiernngspräsidenten von Schleswig wird aber diese Streichung der 2lkeda als Vorläufer angedeutet für eine „Aenderung. des alttestamentlicken Stoffes im Lehrplan der Schulen", die wohl — falls die Ankündigung richtig ist und evangelische und katholische Kirche auch in dieser Hinsicht ihre 'Anpassung an die Zeitverhältnisse vollziehen — auf eine grundsätzliche Znrückdrängnng und Degradierung der Bibel des „alten Testaments" hinauslausen wird. 2lbcr sollte nicht hier dennoch der Punkt sein, an dem die Kirchen sich auf ihre übernationale Aufgabe, die ja geradezu die v 0 r a u s s e tz u n g ihres Lebensrechtes ist, besinnen? wenn das Blut und der von ihm erzeugte empirische Charakter jeder Ration ansroicht, um ihr nicht nur Sitte und Recht, Sprache und Kunst, sondern auch eine w a h r e Welt a tt s ch a u nng , ein wahres G ' t t e s b e w u ß t s c i it zu schenken — so daß es nota bene soviel Weltanschauungen, soviel G'ttesbewnßtseine und schließlich soviel Götter auf Erden geben wird wie Rationen '—, was soll dann noch die Kirche? Raubt sich die Kirche nicht ihr Bestes und Eigenstes, wenn sic das letzte, welthistorisch bewährte B a n d zerreißt, das in dem von d e r B i b e l d c s A I t e n T e st a m e n t s vermittelten einen einzigen G ' t t e