Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-09-28 · Heft 39 (28.9.1933) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 39 (28.9.1933)
Date
1933-09-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450794--79899-2537698
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 Nr. 39 Der Israeli: 28. September 1933 DIE PAROLE FÜR SIE: STEINWEG 9 Strümpfe, Handschuhe, Tricotagen, Modewaren Striekmeden, Blusen, Kur2waren stets preiswert Das ist der weg des Ehofez Chajim: mit einem kleinen Wagen voller Bücher über die Landstraße. Er wäre einer der geheimen „Sechsunddreißig" geblieben, wenn ihn nicht Israels Leiden ans Licht gezogen Hätten. Sagte er doch selbst einmal in Beziehung auf andere: Unsere arme Zeit könne stch den Luxus nicht leisten, ihre Großen im verborgenen blühen zu lassen, sie müssen an den Tag, an die Arbeit . . . In Radin, einem kleinen Städtchen bei Wilna, läßt er sich nieder. Dort will er in ungestörter Ruhe, aber mit dem Blick nach der offenen jüdischen Welt im nahen litauischen Jerusalem, seiner stillen Aufgabe leben, vorübergehend richtet er auch einen-Kramladen ein, verkauft Beringe und Raphla. Die strikte Chrlichkeit und Gewissenhaftigkeit, mit der der Rabbi-Kaufmann seine Kunden bedient, führen ihm alle Käufer auch über seine Gemeinde hinaus zu. Andere Händler und Krämer sehen sich geschädigt, und wie er es merkt, schließt er sein Geschäft und greift wieder zum Buchhandel. Die Gemeinde fleht ihn an, wenn er schon in ihr weile, auch ihr Rabbiner zu sein. Rach langem Widerstreben nimmt er das Rabbincramt unter zwei Bedingungen an: Tr wolle kein Gehalt annehmen, sondern sich nach wie vor vom Vertriebe seiner werke ernähren, wünsche aber von der Gemeinde a b s o l u - t e n G e h o r s a m und bedingungslose G e f o l g s ch a f t, da er nie etwas für sich wolle und immer nur mit der Forderung der Thora an seine Gemeinde und ihre Mitglieder herantrete. Rack wenigen Jahren ergibt es sich aber, daß eines der Mitglieder sich seiner rabbinischen Entscheidung nicht fügt. Sofort legt er sein Amt nieder und lebt als „Kaufmann" ohne Amt und Stellung volle 75 Jahre im Städtchen Radin, diesem kleinen polnisch-litauischen Städtchen, dem er als Lehrer Gesamtisraels zu einem Ruhme verbisst, um den es von den größten Riuttergcmcinden beneidet wird. Tr war nicht Raw der Gemeinde, aber vor fünfzig Jahren gründete er dort die große Ieschi - w a h . die in einem halben Jahrhundert tausende von Thoragrößen hervorbrachte. Run kennt man schon den Wussarlehrer beim Rainen, aber sein Raine bleibt doch Thofez Thajim . . . Seinen Ruf als G a o n der Lehre begründet das 1892 erschienene große Werk auf S ch u l ch a n 21 ruch Orach T h a j i m mm n:wa mit den Kommentaren rD*?n "nx'2 und jrxn nsw* Dreißig volle Jahre arbeitete >der Rabbi im Stillen an diesem Standardwerke. And als nun die reife Frucht dieser Riesenarbeit in die Welt hinaus ging, wirkte sie wie Hettesbotschaft. Cs gab in den Lchrhäusern und Ieschiwoth blanke Augen und leuchtende Gesichter, als man dort das gewaltige Werk in Händen hatte und man den Schulchan Aruch in all seinen Beziehungen zu u n s e r e r Zeit, ihren Erscheinungen und Umständen wie neugeschaffen erleben durfte. Im Rabbihause der letzten jüdischen Dorfgemeinde greift der Rabbiner bei jedem Anlaß nach dem mm mwa und nimmt die Meinung des Ehofez Ehajim als abschließende Entscheidung. Das Werk erlebte eine vielfache Auflage und wird wieder und immer wieder vergriffen. Es ist das tägliche Brot der praktischen Halacha. Aber er, der bescheidene Rabbi, machte nicht viel Wesens von seinen gelehrten Werken. Als Epigone und ZufammensteUer nur gab er sich aus, als „kleiner Buchhändler", obwohl das Geniale und Schöpferische jener Zusammenstellung beinah an die Methode des Ri a i in o n i d e s erinnert. Wichtiger war für ihn, was er aus dem He r z e n z u m H e r z e n des kleinen Volkes sprechen konnte. Er blieb bei all der geistigen Größe einfach der „Ehofez E h a j i m ". J Man muß sich die Maßstäbe aus vrefloffenen Zeijtcn für die Bewertung dieses Mannes holen, mindestens aus der Zeit von Rabbi I i z ch o k E l ch o - non, Rabbi Israel Salanter und, um eine chassidische Größe zu nennen, Rabbi L e v i I i z - ch o k aus B e r d i t s ch e w (viele gehen viel weiter zurück). Und dennoch war er mit keinem der Genannten vollkommen vergleichbar, wiewohl er von jedem derselben etwas in seinem Wesen und Wirken vereinigt hatte. Rabbi Iizchok Elchonon, der „Kownocr Raw", war der geborene, bewußte Führer, um den sich eine ganze Tpoche bewegter jüdischer Geschichte im großen Rußland konzentrierte. Rabbi Israel Meier wollte aber im Winkel bleiben und von dort aus die Wacht halten. War jener Fürst, so wollte dieser ein Wächter sein und als solcher unablässig rufen und wecken, mahnen und den Weg weisen. — Rabbi Israel Salanter erschloß uns die Welt des Muffar. Aber jener Rtussar war von etwas anderer Art als der, der von Radin ausging. Rabbi Israel Salanter -suchte Flammen in matten Herzen zu entzünden, zu entfachen. Der Ehofez Ehajim rief nur Erkenntnisse wach, die ganz an der Oberfläche lagen, nicht einmal schlummerten. Was er sagte und lehrte, wußte jeder, freilich „wußte man cs erst, daß man es wußte", nachdem inan es aus seinem Munde gehört hatte ... Cr sprach zumeist nur das Wort aus, das uns selbst gleichsam auf der Zunge lag, und die Wirkung war schlagend, denn es war ja unser Eigenes. Warum der Sabbat ms genannt wird? Er ist Aushängeschild, das Zeichen, daß das Geschäft noch im Betriebe ist. Wo kein Schabbos mehr ist, ruht der ganze innere Betrieb, es ist Schalterschluß d e r jüdischen Seele. — Du bewunderst die Errungenschaften der.großen Zeit, die Erfindungen des Jahrhunderts, die Wunder der Technik und fühlst bei diesem Fortschritte deinen Glauben an G'tt erschüttert? Weißt du nicht, daß du in deinen Beziehungen zu G'tt schon längst die Kräfte gekannt hast, die heute die Schallwellen von einem Weltcnende zum anderen tragen? Wie konnte sonst dein Gebet zmn Himmel steigen, wie seine Stimme zu dir dringen? An den Wundern der Zeit sollst du deinen G'tt erkennen! vieles hatte dieser Rabbi auch.mit jenem volkstümlichen Chasstdimführer aus Becditschew, Rabbi Levi Iizchok, gemein. Aber „Ehofez Ehajim" war und blieb ein Litauer, der, es war nicht immer leicht, den Rimbus des Wunderrabbi um sich nicht aufkommen ließ. „Der Zaddik kann auch der Vorsehung befehlen" Q”pa napm im pm- Er aber sagte, seine Kraft bestehe im Gehorche n. wunder? In einem gewissen Sinne gab es f.ü r ihn keine Wunder, denn daß G'tt, wo die Rot am größten ist, helfend eingreift, ist nichts weniger als wunder. Das ist, so lehrte er, alles viel natürlicher als der Auf- und Untergang der Sonne. Wer ein Frühlingserwachen erlebt und an die Auferstehung der Toten nicht glaubt, der betrügt sich selbst. Da er aber in vielen Punkten die Eigenschaften all jener Männer in einer herrlichen Synthese in stch vereinigte, so war er der verkörperte Ausgleich. In seiner Zeit und unter dem Einfluß seiner Schule mußte der alte Hader zwischen Ehassidim und Misnagdim auch in feinen letzten Rachwehen und Auswirkungen verstummen. Rein, auch zwischen Ehassidim und Ehassidim. Cr war es, der den historischen Streit zwischen dem Belzer und dem Gerer Hans beilegte und Dauerfrieden stiftete. „Wie kann es Streit geben um ein geistiges Erbe", sagte er, „es ist ja so weit und so groß, dieses geistige Reich, daß es für alle Platz hat." In der Einfachheit seines Wesens und Denkens konnte er nicht begreifen, wie andere die Dinge komplizieren. Man mußte mit ihnen reden, einfach in „Mame-Loschaun", und alles klärte stch bald auf. In Wilna, klagte man, nähmen es die jüdischen Frauen mit der Reinheit und der Heiligkeit der Familie nicht mehr so genau! War das möglich in der Stadt des Gaon? Cr ging, ein Reunzigjähriger, in Begleitung einer ganzen Rabbinerkonferenz dahin, sprach in der großen vollbesetzten Schul vor 5Ö0Ö Frauen, daß Teiche von Tränen flössen und gab zuletzt der Gemeinde bei offener Thoralade den Priestersegen. Es wurde anders und besser. Eine Zaum Kippur - Studie von Rabbi Meir Simcha. Uebertrageu und bearbeitet von Benzron Rachelfohn in Frankfurt a. 211. Saum Kippur — ebenso Rausch Haschono — ist ein pin LN" ein Gerichtstag vor dem Weltenkönig. Wie Rabbi Elojor Hakappor in den Sprüchen der Väter (4, 29) lehrt, vollzieht sich die himmlische Rechtsprechung nach zwei Grundsätzen: nach pi und nach poion-" - - Und gegen deinen Willen, lautet dortselbst der Spruch der genannten Weisen, wirst du einst vor dem König aller Könige H und rozrn oblegen müssen. Was aber heißt jn und was heißt Tnwn? Der Wilnaer Gaon definiert die beiden Begriffe wie folgt: rn ist die Zurechenschaftsziehung für die begangene Sünde, pasn dagegen die Berechnung der m-tn. die der Sünder hätte tun können, die er aber infolge der nmoo nicht getan hat und für die er ebenfalls verantwortlich ist, ja zuweilen sogar noch mehr verantwortlich ist als für die n-nasr selbst. Diese Definition des Gaon liest aber Rabbi Meir Simcha deutlich aus der Tauroh heraus und zwar aus dem Dialog zwischen G'tt und Abraham vor der Zerstörung Sdaums. Awrohoms Plädoyer für die Sedomiter beginnt mit fünfzig, und als G'tt ihm dies glatt genehmigte, flehte er weiter und G'tt reduziert das Minimum bis auf z e h n. Es waren auch soviel nicht zu finden. Auffällig ist bei dieser Unterredung, daß die Antwort G'ttes an Abraham nicht immer gleich lautet. Während es bei zehn und zwanzig mmorr rS heißt: „Ich werde nicht vernichten", heißt es bei dreist i g und vierzig mm nt-, was wohl bedeuten soll: „Ich werde nichts unternehmen". Die Verschiedenheit der Antworten ist auch sehr einleuchtend. Nämlich: bei zehn und zwanzig ist die Zahl für eine völlige Freisprechung zu gering, darum heißt es nur mnDrr ab „Ich werbe nicht o e r n i d) t e n “ , womit gesagt wird, daß eine mildere Strafe wohl unausbleiblich ist. Dagegen bei dreißig und vierzig, wo die Zahl ansehnlicher und für eine völlige Freisprechung ausreichend ist, heißt es nvsrr rrb „Ich werde — überhaupt — nichts unternehmen". Schwierig bleibt jedoch, daß bei 45, wo i doch die Zahl noch ausreichender ist für eine völlige : Freisprechung als dreißig und vierzig, daß dort ebenso! wie bei zehn und zwanzig die Antwort mns» rrb lautet > und eine völlige Freisprechung ausschließt. > Zur Behebung dieser Schwierigkeit sagt nun Rabbi! Meir Simcha auf Grund obiger Definition des Gaon etwa: Bei der Beurteilung der Sedomiter muß man sich folgendes vor Augen halten: Es sind fünf Städte, um die es sich handelt. Bei 45 Frommen entfallen auf jede Stadt neun Fromme. Nötig sind zur Erhaltung jeder Stadt — auf Grund der Lehre: 'io Knroir mos ’n io „überall, wo 10 Fromme beisammen sind, weilt die G'ttes Herrlichkeit" — zehn. Es fehlt also in jeder Stadt ein Frommer. Wäre dieser zu haben, so wäre die ganze Stadt gerettet. Welch geistiger Tiefstand, welche sittliche Verkommenheit gehört also dazu, wenn jeder einzelne weiß, daß von ihm allein bezw. von seinem Anschluß an die neun Frommen das Wohl und Weh der ganzen Stadt abhängt und er bleibt trotzdem denselben fern?! Es ist j also begreiflich, daß die beiden an der Peripherie liegenden Zahlen, die Zahl 45 und die Zahlen 10 und 20, gleich behandelt werden. Letztere auf Grund des pi, d. h. wegen der niedrigen Ziffer, erstere auf Grund des p2VN' d. h. wegen der hohen, aber nicht bis zu 10 hochgegangenen Ziffer. Eine Ausnahme bilden nur die in jder Mitte liegenden Zahlen dreißig und vierzig. Da ist die Ziffer ansehnlich, aber dennoch nicht so hoch, i daß aus der Höhe etwa eine Belastung entstehen könnte! für die unerreicht gebliebene Zehnzahl. Denn bei 30 entfallen auf jede Stadt 6 und fehlen zur'Zehnzahl vier j und bei 40 entfallen auf jede Stadt 8 und fehlen zwei.! Wenn zwei und vier fehlen, zögert jeder mit seinem Anschluß an die Frommen« und sagt sich: mit mir allein ist es doch nicht getan, wozu also beitreten? Darum lautet hier die Atnwort G'ttes mos« rrb. „Fch werde — überhaupt — nichts unternehmen" und werde sie völlig freisprechen. Auf Iaum Kippur übertragen, kann aber, meint Rabbi Meir Simcha, die erwähnte poem-Definition für den Menschen die fürchterlichsten Folgen haben. Iaum Kippur sühnt! — Gewiß, sogar Jrnism mbp, leichte und schwere Vergehen; aber — nur mit naw'n* Um jedoch zur nawn zu gelangen, wurden dem Menschen an diesem Tag große Erleichterungen gewährt. Man hat seinetwegen — lt. Ndorim 31 —" den m«?' den Ankläger, seines Anklageamtes enthoben. Man hat ferner dem Einzelnen das Recht der Gesamtheit aus Erhörung und Rückgängigmachung bereits gefällter Urteile eingeräumt rrn 18). Des Menschen Schicksal liegt also in seiner eignen Hand. Ergreift er die Gelegenheit und rafft sich zur mnzm auf, dann erkauft er sich ewiges Leben, erlangt die Liebe G'ttes und wird seiner Sünden ledig. Tut er es nicht — dann kommt zu seinen früheren Sünden noch eine neue hinzu, nämlich: die Außerachtlassung des Tfchuwohgebotes. Denn naurm am Iaum Kippur ist, ab-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.