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Der Israelit · 1933-09-20 · Heft 38 (20.9.1933) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 38 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
– (sequence 17)
Language
German
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ZBOBisaaps! Heimkehr — und was dann? Von Karl Darmskädker. Mm mm (Fortsetzung.) Meder ist Freitag Crew Schabbos, Rüsttag zur Ruhe . . . Früher, als er dachte, war es Herbert geglückt» helmzufahren. „Mutter!" — Lachend und fast weinend zugleich, fällt er ihr in die Arme. Rur nicht so viel sprechen. Rur nicht so viel gefragt werden. Der Vater ist in der Frühe weggegangen. Riemand wußte ja, daß der Junge heute kommen wird. Herbert geht in sein Zimmer. Das sind also die vier Wände, die man, von den Urlaubstagen abgesehen, seit vier Jahren nicht mehr gesehen hat. Alles ist an seinem Platz, alles aber auch wie von einem Staub, einer Schicht vieler Jahre überzogen. Ist noch gültig, was in den schwarzen Kollegheften jenes letzten, schönen Sommers steht? Was soll man-anfangen mit den alten Bildern, die einmal die Wände „schmückien"? Man muß jetzt wieder überlegen, ob der ober jener Binder passen wird. Man muß sich jetzt wieder um Anzugmuster, um hohe oder niedere, eckige oder abgerundete Kragen kümmern . . . Ach, was lächerliches Zeug. Oder doch nicht? Beruhigt es nicht ein wenig, läßt es nicht ein wenig vergessen, worum man sich nun die ganze Ewigkeit her kümmern mußte? Herbert sinnt nach. Iugendetwas ist so unklar, so verworren, schmerzt beinahe körperlich, fühlbar . . . Jetzt glaubt er zu wissen, was es ijh. Das Richthinöurch-sehen-können. Das Wandern zwischen zwei Welten, von dem ein junger Dichter geschrieben hat. (Der liegt auch da oben, auf einer Insel, in seinem Grab). Die eine Welt ist noch so gräflich nahe, die andere noch so verhüllt, so verschwommen. Man weiß nur, die alte wird es nicht mehr sein. So vieles, zu vieles ist zerbrochen-. Sinnlos, das Grübeln jetzt in einem fort. Herbert reckt und streckt sich einmal, es ist da so eng, in diesem Rauin. Sind keine Wiesen und Wälder da, keine Sternennächte und Morgennebel, keine Regenstürme und Frühlingssonnen? Ist dag gar ein Sehnen nach Dingen, die in allen sind, nach anderem wilderen, ungestümeren Leben? Sehnen sie sich, ist cs zum Erschrecken, gar noch einmal nach dem, nach manchem, was war? Vielleicht wissen sie selber nicht, was in ihnen ist. - Du hattest doch den hellbraunen Anzug damals in den Augusttagcn an. Komisch, was einem auf einmal für Dinge einfallen.- „Cs ist Freitagnachmittag, Herbert, fahr mit, es gehen wahrscheinlich keine Züge mehr!" „O, ich bekomm schon noch einen Zug, Herr Levi. Es ist noch lange Zeit bis Schabbos." Cr war damals mit der kleinen Lahn flußentlang in das Rachbardorf gefahren. Ein paar Arbeiter waren im kleinen Wagen, die einen still, die andern fangen immer wieder an, von dem Unbegreiflichen zu reden, das kommen wird. Die Arbeiter in allen Ländern werden sprechen, sie werden es nicht zulassen, so reden sie. — Einige Tage später, und man lächelt über die Träume. Man lächelt freilich wehmütig. Man steht abgebrochene Brücken, zerrissene Fäden, eingehängte Hörer, verstummte Telegraphen, aufgerissene Gleise.— In der Westentasche ist noch ein Fahrschein vom 51. Juli 1914. Von der Universität bis zum Bahnhof. Warum gibt es so groteske Dinge, -die einen so plötzlich um Jahre zurückwerfen. , „Ich will nicht mehr . ." — er ertappt sich beim Sprechen mit sich selber. Dann lacht er hell auf. Jetzt ists aber genug. Raus. Raus auf die Gasse. Ich will mal wieder aufrecht gehen, nicht mehr gebückt durch Grgben schleichen. Hochauf richtet er sich. Er ist schlanker geworden, aber jugenöfrisch, als habe er Unsägliches hinter sich geworfen, tritt er nus dem Haus. Man kommt nicht rasch vorwärts in den'Gaffen. Was für Sachen die fragen. Leo ist noch nicht daheim. Aber nun ist die Zeit anders geworden, und zu den Kriegsereignissen der üehillo müßte man auch dies ln die alte Tefillo schreiben, daß heute am Crew Schabbos Herbert Bergheimer die Gasse hinuntergegangen ist» an einem alten Hoftor eine Sekunde, so scheint es, gezögert hat und dann im Haus des Joseph Rothenburger zum ersten Mal in seinem Leben Menschen die Hand gereicht hat, die ihm bis heute fremder waren als Hunderte in den Gräben des Krieges ... Zuviel hatten die Menschen eben doch erlebt/ als daß sie so bleiben konnten wie vorgestern und gestern. Joseph Rothenburger und seine Frau waren allein. „Wenn nur Leo auch schon da wäre. Ich habe Sorge, sagte seine Mutter. Man hört soviel von Unruhen, von Zugstörungen. Bis jetzt ist ihm nichts zugestoßen, unberufen. Was wäre das ein schöner Schabbos, wenn die Kinder alle daheim wären." „Ja, wenn die, die nicht mehr kommen, alle dabei fein könnten, dann wäre es schön." „Und wenn der Haß gegen die Iehudim nicht so furchtbar überhandnehmen würde, könnte man sich freuen." „Aber wo ist Mirjam?" Untätig war sie nie in dieser Zeit. Sie konnte es nicht sein. Am liebsten wäre sie in die Stadt gegangen, um dort in Lazaretten tätig zu sein. So ganz anders war es gekommen, als sie (und Rora) cs sich gedacht hatten. Damals im August, so hatten sie vor, wollten sie zusammen im Dorf schöne Tage verbringen. Aber dann kam all das Andere . . . Erst viel, viel später, auf jenen verzweifelten Brief Roras hin, ruhte Mirjam nicht, bis die Freundin kann Eine ernste, fast könnte man sagen, zur Frau gewordene Mirjam traf-sie an,-ein junges Mädel, das Tag und Rächt um ein Menschenleben bangte. Mirjam hatte es übernommen, im Dorf nach dem Rechten zn sehen, wo Mütter, die allzu frühe Witwen geworden waren, sich kaum mehr ausraffen konnten, die verwaisten Kinder (sie hatten ja noch für ihre Felder und Kühe zu sorgen) zu betreuen. Mirjam schaute nach Alten und Gebrechlichen. Die vergaß man beinahe in einer Zeit, wo die Jugend dem Sterben so nahe war. In der Obermühle, wo der Großvater und der Vater daheim waren und Geschäfte machten seit Generationen, war der Müller im Feld. Die Mnllersfrau mußte sich Herumplagen mit Kriegsverordnungen, sich um Gefangene und unzuverläfstge Mädchen kümmern. Die alte Müllersgroßmutter konnte sich nicht mehr allein vorstehen. Keine Woche verging, ohne daß Mirjam sich nach'ihr umsah und mit ihr plauderte. Einmal war der alte Pfarrer dazugekommen. „Ihr seid nicht alle so erzogen, daß das putzen und Waschen und Schaffen im Garten und im Feld euch so selbstverständlich ist, wie Ihnen, Fräulein Rothenburger. Man kann ja von ihnen noch lernen, wie man all die Arbeit, die es heute gibt, anfassen soll." .;»Herc Pfarrer, ich bekam einen Brief vom- Feld. Sie wissen ja, 'von wem — der Pfarrer lächelte,' er kannte den Herbert Bergheimer und hatte sich oft genug »mit ihm über jüdische Dinge unterhalten — Wissen Sie, Herr Pfarrer, was er schreibt?" „Was wir tun, ist nicht recht. Tun wir etwas Besonderes, dann wollen wir uns vordrängen. Tui einer Außergewöhnliches, — jüngst habe ein Jude feines Regiments, schrieb er, seinen Leutnant, schwer verwundet, aus dem Feuer getragen, -— ja, dann heiße es: Ra, ja, auch eine Seltenheit. Drücken sich ein paar, dann sind wir's alle, wir werden keinen Dank haben — —." „Cs wird einmal an den Führern liegen, fügte Herbert noch hinzu in jenem Brief, wo sie. wenn die großen Schuldfragen gestellt werden, die Sünöenböcke suchen und wen sie dabei der leichtgläubigen Menge zeigen-werden —- Der Pfarrer war sehr ernst geworden. „Gesündigt wird überall. Wir alle sind Menschen. Wir werden sehen, wie alles wird. G'tt gebe es, daß dem Volke Schlimmeres erspart bleibt. Hoffentlich braucht es nicht dazu zu kommen, daß man erst anfangen mus^ die Sündenböcke ausfindig zu machen. Schreiben Sie Herrn Bergheimer viele Grüße. Ich denke an ihn, wie an alle Menschen, die nun schon so lange in Todesgefahren sind. Wenn unser Herrg'tt es will, kommen sie alle zurück." „Gehst du jetzt den Talweg hinaus, wird dir Mirjam begegnen. Roch weiß sie nicht, daß du da bist. Den ganzen Morgen ist sie schon draußen. Du weißt ja, die alte Grvßmuter in der Mühle ist ihr ans Herz gewachsen. So brave Leute stnds. Wenn alle so wären . . . Ihr könnt dann zusannnen Herkommen, erst zu uns, dann zu deinen Eltern." Frau Rothonburger lächelte, indem sie dies sagte. Oder weinte sie vielleicht auch ein wenig, als sie jetzt hastig sich umdrchte, um in die Küche hinauszugehcn? Rur jetzt niemand begegnen. Rur allein fein auf dem Wog. Das Wetter war schöner, als der Dezembertag es hatte erwarten lassen. Klarheit überall, der Schnee warf breite Lachen von Helligkeit über die Felder hin. Kinderarmer Leute lasen am Waldrand Holz und trugen es gebündelt nach Hause. Was fto reu die armen Geschöpfe. Einmal haben wir auch so' gefroren, dachte er. Gab es keine Blumen am Wegrand? Wäre man jetzt in Flandern, im Frühling freilich erst, wo der rote Mohn auf grünen wiesen (und auf Gräbern) wächst, könnte inan einen ganzen roten, leuchtenden Strauß pflücken . . . Raben saßen unbeweglich im Feld. In diesem Augenblick schlängelten sich Gräben, wie tiefe Wunden, durch die Landschaft, war kein Krieg mehr? Waren das nicht, die Schneefelder da, ungeheure Leichentücher, die man über die Toten des großen Krieges gebreitet hatte? Er tastete <an sich selber hin. Bin ich unter den Lebendigen? Wandte ich wieder im Lande des Lebens? was ist geschehen, daß ich nicht schnccvcrhüllt unter Erdhügeln verwese? — Da lauschte er, - hielt den Atem an. Das Herz klopfte stürmischer. Er bog um die Waldecke. Da trat Mirjam auf ihn zu. ' * * Was wäre das für ein Gesprächsstoff in den ruhigen Zeiten gewesen, damals als sie alle so viel Zeit für das Unwesentliche hatten» wenn plötzlich in der Gemeinde es jeder dem andern erzählt hätte: der Leopold Bergheimer und der Joseph Rothenburger reden zusammen . . . Sie werden noch nicht allzu viele Worte gemacht haben, dafür war zuviel. Sie sind auch keine jungen Männer mehr, denen das Leben noch alle Tore aufsperrt, denen das Kommende, so verlockend.schein^ daß man alles Gestern hinter sich werfen könnte . . . Aber es ist viel geschehen seit gestern. Der eine läßt den andern am Sabbatmorgen einen Mischeberach machen, in den Häusern Bergheimer und Rothenburger sind die Friedensengel eingezogen. Gestern, am Freitag Abend haben sie einer jungen, glücklichen Braut Sabbatmclodien gesungen, die sie noch nie gehört hatte . . . Gestern haben Mütter ihre Kinder unter Tränen gebenscht. Rur die Alten, die ganz Alten fehlen. Droben am Waldhang schlafen sie. Hätten sie das erlebt ... Selbst in der Wirrnis dieser Tage, da über dem unglücklichen Land der frevelhafte Feuerschein sinnlosen Zusammenbruchs und unbegreiflichen Umsturzes lohte, sprach man in der Kehillo fast nur vom Glück der jungen Menschen. Das Leben verweilt freilich nicht beim Schicksal des Einzelnen. Ja, der selber, so hochgestimmt er gewesen fein mag, so niedergedrückt ihn das Schicksal irgendwo zurückgelassen hat, er könnte es nicht lange ertragen. Er geht, der eine langsam, verdrießlich und mürrisch, der -andere noch in sein Leid verstrickt und jammernd, der dritte, die Zähne zusammengebissen,

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