Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-09-20 · Heft 38 (20.9.1933) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 38 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450793--79884-2537682
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 8 Nr. 38 Der I sr a e l i t 20. September 1933 Schweiz. Preußischer Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeindon. Halberftadt, 13. Sept. Der preußische Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden hat seinen Mitgliedsgemeinden folgende Mitteilung des preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 16. August zur Kenntnis gebracht: „Es ist allgemein Uebung geworden, beim Singen des Liedes der Deutschen und des Horst Wessel-Liedes fl. Strophe und Wiederholung der 1. Strophe am Schluß) den Hitlergruß zu erweisen ohne Rücksicht darauf, ob der Grüßende Mitglied der NSDAP, ist oder nicht. Wer nicht in den Verdacht kommen will, sich bewußt ablehnend zu verhalten, wird daher den Hitlergruß erweisen. Nach Niederkämpfung des Parteienstaates ist der Hitlergruß zum Deutschen Gruß geworden." Wirtschaft und rassepolitische Forderungen. Stuttgart, 10. Sept. Die vom Verlag „Wirtschaft und Verkehr" herausgegebenen „Wirtschaftswinke" reproduzieren eine Notiz aus den „Wirtschaftlichen Tagesberichten", die sich gegen die Aufstellung r a s s e n p o l i t i s ch e r Forderungen durch Unberufene wendet. In der Notiz, die die Ueberschrist „Gebt Ruhe für die Arbeitsbeschaffung" trägt, Heißt es: „Dis Voranstellung rassepolitischer Forderungen — noch dazu durch unberufene Verbände und Personen — bei Gelegenheiten, wo es vermeidbar wäre, ist nicht opportun. Die Regelung dieser Dinge ist ausschließlich Sache der Regierung, nicht aber des Einzelnen. Man muh sich bewußt sein, daß außer einer' reichlichen halben Million Juden in Deutschland mindestens drei, vielleicht auch fünf Millionen Menschen leben, die direkt oder indirekt von der ganzen Nichtariersrage in ihrer Lebensführung und Existenz berührt werden. Gerade in Kreisen der Geschäftswelt, der unternehmerischen Kreise, ist die Zahl der an dieser Frage interessierten Menschen außerordentlich groß. Wir können von unserem Standpunkte aus nur all dem zustimmsn, was vom Führer und von maßgebenden Persönlichkeiten des neuen Deutschland in den letzten Wochen angeordnet und verkündet wurde, um dem Unternehmertum und der Geschäftswelt Vertrauen, Unternehmungslust und Wagemut einzuflößen. Ganz besonders möchten wir in diesem Zusammeuhange^auf. die sehr beachtlichen Ausführungen des Führers der Deutschen Arbeitsfront, Dr. Ley, in Bernau Hinweisen. Auch Dr. Ley hat sich energisch gegen die Verhetzung in den Betrieben, gang gleich, von welcher Seite sie kommt, geäußert. Friede und Ordnung im Betriebe ist die Devise unserer Zeit: „Wenn ihr auch heute noch nicht erkannt habt, daß das Schicksal des Arbeiters von dem des Unternehmers und das des Unternehmers von dem des Arbsitsrs abhängt, dann geht ihr unter. Vertrauen ist das beste Arbeitsbeschaffungsprogramm." Bestrebungen zur Ausschaltung des nicht-arischen Hopfenhandels. : { . Nürnberg, 13. Sept. ' In dem Hopfenbaugebiet vl>n H e r s b r u ck (westl. Mittelfranken) wird auf Anordnu.ng des.Hersbrucker Bürgermeisters und Landtagsabgeordneten Sperber, der gleichzeitig Kreisleiter der NSDAP, ist, die Ausschaltung jüdischer Hopfenhändler eingeleitöt., Die Ortsgruppenführer sind aufgefordert worden, zu verhindern, daß jüdische Einkäufer bei. den Bauern Hopfen kaufen können. In diesem Zusammenhang wurde der Auffassung Ausdruck gegeben, daß' „die deutschen Geschäfte vollauf in. der. Lage sind, den Ernteertrag aufzukaufen, so daß kein Hopfenbauer um den Absatz seines Hopfens in Sorge zu fein braucht." Während der Hersbrucker Bürgermeister innerhalb seines Einflußbereichs den Hopfen-Einkauf jüdischer Firmen unterbindet, bemüht sich der Deutsche Landhandelsbund, diese Firmen aus dem Hopfen- Verkauf auszuschalten. Die „Franks. Ztg." bemerkt dazu, daß es sich dabei nur um ein privates Unternehmen handeln kann, da amtlicherfeiks wiederholt betont worden ist, daß ein Ausschluß von Juden aus der Privatwirtschaft nicht stattfinden darf. Die Zudenfrage aus dem Berndr Mnderheitskongresse. ""Sern, 17. Sept. Auf dem Minderheitskongresse, der zur Zeit in Bern tagt, gab zu der j ü d i s ch e n Frage der Führer der deutschen Minderheit in Rumänen, Dr. Roth, im Namen sämtlicher deutschen Minderheitengruppen eine Erklärung ab, in der er feststellte, daß auf Veranlassung der deutschen Minderheiten die Aussprache über die grundsätzlichen Probleme der Ausgliederung andersgearteter Menschengruppen aus dem Volkskörper staatsführender Völker auf die Tagesordnung des Kongresses gesetzt worden sei. Die deutschen Minderheiten hätten sich stets gegen die Aufsaugung der Minderheiten durch, die Staatsoölker gewehrt, weil sie die Bindung an das Volkstum und an die Kultur des eigenen Volkstums als das höchste Gut und -den wichtigsten Gegenstand der Schutztätigkeit des Minderheitenkongresses ansähen. Die Au s g l i ede.run g .völkisch anders gearteter und andersrassiger Menschen aus einem Volkskörper hielten die deutschen. Minderheiten für grundsätzlich berechtigt, erachteten es jedoch auch für gerechtfertigt, wenn diese zu Minderheiten gemachten Menschengruppen bestrebt seien, die Minderheitenrechte auch für sich gellend zu machen. Die deutschen Mindsr-- heitengruppen ständen nach wie vor auf dem Boden der Grundsätze des Minderheitenkongresses und seien bereit, auch in Zukunft für die. Grundsätze des Minderheitenkongrsssss oinzutroton. . Holland. Zahreskonferenz der Agudas Jisroel in Holland. Amsterdam, 15. Sept. In Amsterdam fand unter dem Vorsitz von Oberr-abbiner S. I. S. Hirsch (Zwolle) und in Anwesenheit des Mitglieds der politischen Exekutive der Agudas Jisroel und Direktors der Palästina-Zentrale Dr. Salomon Ehrmann sowie des jetzt in Scheveningen lebenden Dr. Nathan Birnbaum die Jahreskonferenz der holländischen Organisation der Agudas Jisroel statt. Referate wurden u. a. oon .Dr. Ehrmann und von Dr. Birnbaum gehalten. Es wurde eine Resolution gefaßt, m der gegen die orthodoxe Juden von der Palästinaeinwanderung fernhaltende Einwanderungspolitik der Jewih Agency energisch Einspruch erhoben wird. Ferner wurde beschlossen, ein Schechita-Büro zum Schutz der Schechita in Holland zu errichten. Zum Präsidenten der holländischen Agudas Jisroel wurde Oberrabbiner Hirsch wiedergewählt. Samuel Gazan (Haag) trat neu in die Exekutive ein. weltverband für Sabbatschutz „Schomre Schabbos". Amsterdam, 15. Sept. Der Weltverband für Sabbatschutz „Schomre Schabbos" hat feine Zentrale von Berlin nach Amsterdam (C., Rapenburgerstrflflt 179) verlegt. Das geschäftsführende Präsidium haben die. Herren. E. A s s ch e r Ezn,, Vorsitzender der Vereinigung HSjemiras Sjabbos m Nederland , S)‘. Guggenheim, Rabbiner L. H. S a r l o u i s, Dr." M. ^)ch o r l e s - heim und Dr. D. M. Sluijls übernymrtzeN, nachdem der Generalsekretär des Verbandes nach hlcr überge- 'iedelt ist. . Frankreich. Lochs Absage an Antisemitismus. Paris, 12. Sept. Wie bereits mitgeteilt, hat Coty in einer Erklärung an die Jüdische Gemeinde Genf sich vom Antisemitismus losgesagt. In dem vom „Ami du Peuple" veröffentlichten Text der Erklärung Cotys heißt es, seine bisherige Doktrin bleibe unverändert aufrecht. Alle ihm gehörenden Blätter verfolgten mit gleicher Energie dieselbe Politik und dieselben Grundsätze, nämlich den Sozialismus in allen seinen Formen zu bekämpfen, ohne Rücksicht darauf, ob er jüdisch oder christlich ist. Die religiöse Frage, schreibt Coch, hat für uns keine Bedeutung: wir verteidigen bloß den religiösen Gedanken als solchen, weil wir ihn für notwendig halten für de moralische und materielle Entwicklung der menschlichen Geellfchaft. Es ist nicht unsere Sache, zwischen Israeliten zu unterscheiden anstatt sie dies selbst tun zu lassen; wir sind nicht berufen, uns hier einzumengen, ebenso wie wir nicht berufen sind, uns in kirchliche Fragen emzumengen; wir wissen, daß es orthodoxe und moderne» zionistische und antizionistische Israeliten gibt, wir wissen, daß es auch unter den Zionisten selbst Unterschiede gibt. Als freiheitlich denkende Franzosen sind wir bereit, einen jüdischen Staat, ein jüdisches Heimatland unter welcher Bezeichnung immer mit gleicher Loyalität anzuerkennen, jedoch unter der einen Bedingung, daß sich dahinter nicht eine Körperschaft verberge, die für den Marxismus arbeitet und daß die Interessen der französischen Kultur und Zivilisation nicht gefährdet werden. Volen. Zum Ableben des Lhofez Chajim >'27- Wilna, 17. Sept. Ueber dis letzten Stunden, den Tod und die Bestattung des Ehofez Chajim ist folgendes zu berichten: Bor acht Tagen etwa erkrankte der Greis, aber man nahm die Krankheit nicht sehr ernst. Dienstag trat sogar eine wesentliche Besserung ein. ' Als sich am Mittwoch früh fein Zustand verschlimmerte, holte man eine medizinische Autorität aus Wilna herbei. Es geschah alles, was nach menschlichen Kräften' geschehen konnte. Nach einer sorgenschweren Nacht, in der sich in der Umgebung des Rabbi keiner zur Ruhe begab, trat am Freitag früh der letzte Kampf ein und um 7.15 Uhr hauchte der Nabbr seine große Seele aus. Die Aufregung und Bestürzung beim Bekanntwerden der Trauerkunde läßt sich nicht bechreiben. Vor dem Sterbehause standen Hunderte, Jeschiwahjünger und Gemeindemitglieder, die laut schluchzten und den Trauerrih wie bei nächsten Verwandten an ihren Kleidern anbrachten.' Von Wilna erschien bald das gesamte Rabbinat mit sämtlichen Mitgliedernder Gemeindeverwaltung. Dort ging der Abfahrt eine Gedenkfeier voran, in der Rabbi Chajim Oser Grobzenski mit einer Rede, — es ist seit Menschengedenken die erste öffentliche Rede, die dieser schweigende Rabbi hielt, — alle Herzen aufwühlte. ‘ Das kleine Städtchen Radin war am Tage der Bestattung wie umgewandelt. Schon in. aller Frühe brachten die Züge und die Autobusse, auch Extrazüge, Menschen aus allen Teilen von Polen und Litauen. Die meisten waren die Nacht hindurch gefahren. Man sahalle Rabbinen von Namen. Auch Vertreter der Behörden waren da und ein großes Polizeiaufgebot hielt in Galauniform ernst und höflich die Ordnung aufrecht. Alle Straßenlaternen brannten zum Zeichen der Trauer,, alle Geschäfte, auch die nichtjüdischen, waren geschlossen. Nach -12 Uhr mittag begann die ninv, an der. sich' nur Auserlesene von den Mitgliedern der Jeschiwah, die vom Ableben an die Ehrenwache im Sterbehause hielten, beteiligen durften. Gegen 1 Uhr wurde die Bahre, von Rabbinern getragen, ins Bes Hamidrasch gebracht, wo die Trauerreden begannen. Es sprachen zuerst ber S t ad t r a b b i n e r von Radin, darauf der Schwiegersohn, Rabbi Hilel Ginsburg, dem durch viele Jahre: die Verwaltung der Jeschiwah oblag. Im großen Jeschiwah?. saal, wohin die Bahre verbracht wurde,.sprach der Atteste. Sohn, Rabbi Leib,, ganz.,zusammengeb.rochen mit tränenerstic^ter Stimme den Dank an den großen Vater aus.. Erschüttertstand die Gemeinde, als der erste Rosch Jeschiwah, Rabbi .Mosche L o ndin s.ki, . in Anknüpfung-an die Messiaserwartung des.. Heimgegangenen den . Rabbi beschwor, nunmehr vor dem Throne/G'ttes die Erlösung zu bewirken. Es sprachen noch einige nahe Verwandte des Rabbi. Der Kobriner Raw, Rabbi Pefach F r u m k i n, teilt mit, daß zum Andenken an den Großen ein „Keren Ehofez Chajim" zur Unterstützung der Jeschiwoth, gegründet -wurde.'Nach weiteren Hespedlm durch ein Mitglied des Wilnaer.Rflb-, b i n a t e s' (Rabbi Chajim Oser müßte infolge der'tiefen Erschütterung das Bett hüten und. konnte nicht nach Radin kommen) und den Üofnsch'a-er Raw setzte sich) der Zug in Bewegung. Etwa 20.000 Menschen begleiteten die Bahre. Hinter den Verwandten sah man Delegationen aus allen. größeren Gemeinden in Polen, ebenso Vertreter der städtischen und staatlichen Behörden, Unmittelbar nach der Bestattung hielten die in Radin, anwesenden Rabbinen. eine Sitzung ab, in der beschlossen wurde,, einen Aufruf an die.gesantte jü?- d i s ch e W.e lt zur Unterstützung.der Jeschiwoth -ergehen, zu lassen. Ein Teil, der Sammlung soll dazu dienen,-, die Rabiner Jeschiwah von ihren Schulden zu -entlasten. Der „Keren Ehofez Chajim" wird sich -insbesondere die Interessen der Rabiner Jeschiwah angelegen sein lassen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.