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Der Israelit · 1933-09-20 · Heft 38 (20.9.1933) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 38 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38 Seite 5 20. September 1933 _unser Vater im Himmel, der treue Wächter über unser Tun und Lassen. „Die durch das Tal der Hölle hinöurchziehen und seine Glut durch ihre Tränen kühlen, sie wandeln seine Schrecken zum Duell der Crlösung, ja mit Segnungtn, umhüllt sie der g'ttliche Erzieher." 5. Aber es gibt dazu unzählige Leiden, die nicht als Folge unserer selbsterwählten Lebensleistung, sondern schicksalhaft uns überkommen: Krankheit,^Armut, der Tod lieber Angehöriger und Freunde, die Vernichtung dessen, woran unser Herz sich hängt. Solche Leiden erscheinen zunächst außer Zusaminenhang mit dem Lebensganzen zu stehen; es sind scheinbar Sinnlosigkeiten, mit denen die Vorsehung uns überfällt, die den eindeutigen Strom segenvoller Lebensbetätigung unterbrechen und heinmen. Cs sind das ganz eigentlich die Prüfungen unserer G'ttesliebe, weil sie wider unsren Will e n, für UNS unfaßbar und unbegreiflich UNS treffen. Es sind zwar im allgemeinen, verglichen mit den sinnvollen und glückvollen Ereignissen jedes Lebens, nur wenige Geschehnisse des Schreckens und der Angst, des Schmerzes und der Trauer, welche die Sonnenbahn des Daseins wie dunkle Linien strichweise überschatten. Aber sie drängen sich oft so kraß in unser Lebensbild, wirken so niederschmetternd auf unser Gemüt, daß es uns zuerst fast unmöglich ist, sie mit dem Wirken einer allweisen und allgittrgen himmlischen Wallung in Einklang zu bringen. Gerade deshalb ist es höchster G'ttesdienft, sie demütig und willig als Fügung einer höheren Wacht entgegenzunehmen. Keine Tat ward dem Abraham so hoch angerechnet, als die Bereitschaft, den einzigen Sohn zu opfern, gerade weil der g'ttliche Befehl zu solcher Tat ihm völlig sinnwidrig, unvereinbar mit allen ihm sonst gewordenen G'ttesoffenbarungen sich darstellen mußte. Solches Leid, das wider unsren Willen uns trifft, so hinzunehmen, als wäre es unser freier Wille, als wäre es ein Teil unsrer Lebensaufgabe, das ist zwar schwerste Forderung der Religion, aber auch von ihr als Zeichen wahrer Frömmigkeit am höchsten gewertet. Die Tränen, die solchem willig hingcnommcncn unverschuldetem Leiden fließen, sind perlen. Sie sind der Aüsdruck echter Glltverbundenhert und G'ttesnähe. Sie beweisen, daß unser Glaube unerschütterlich ist. Wie wahre Freundestreue sich erst dort bewährt, wo uns das Verhalten des Freundes unbegreiflich wird, so unsre Frömmigkeit, wo wir uns des weiten Abstands unserer Wünsche und Gedanken, von der höheren Wallung unter Schmerzen bewußt werden. Die Liebe zu G'tt, die im Leid ihre Stählung und Bekräftigung erfährt, wird dem Menschen zur wahren Beseligung, zur Duelle der Läuterung, zur G ' t t e s o f s e n b a r u n g. Wer aus Leid G'tt sucht, der begegnet Ihm gewiß; wer aus Leid G'tt befragt, dem wird Cr sicher die Antwort nicht nveigern. '6. Leid ist aber auch der große Kitt der Menschheit, durch Leid entdecken wir die große Wacht der Bruderliebe. Denn nie sind wir so fähig, Liebe zu geben und Liebe zu empfangen, als wenn das Leid an unsre oder des Bruders Tür pocht. Das Glück des Wohltuns, die Herrlichkeit des Mitloidons, sie erschließen sich beiden: dem lieber wie dem Empfänger der Liebe. Leiden sind die Geburtswehen der Menschenliebe. 7. Gemeinsames Leid kann G'tt über uns verhängen. Seuche, Erdbeben, Ucbcrschwcmmung, Hungersnot, und wie die mächtigen Naturkatastrophen heißen, sie treffen uns in.unsrer Dhnmacht und machen uns fühlbar, wie schwach und hinfällig, wie hilflos und wehrlos wir dem Arme der Allmacht gegeuübersteheu. Und doch sind solche verheerenden Unglücksfälle nicht die seelisch schmerzvollsten. Wir leiden noch viel unsagbarer, wenn das uns angetane Leid von Mensche n h a n d herrührt. „Laß uns in G'ttes Hand fallen," betet König David, „denn groß ist Sein Erbarmen, aber in die Hand der Menschen möcht' ich nimmer fallen." __D er Israelit ._ Wenn Ueid und Mißgunst, Härte und Grausamkeit eines Andren über, dich Unglück bringen, das mühsam errichtete Gebäude deines Lebens zerstören, dann ist das Leid am bittersten^ weil dich stets das Empfinden erfüllt, daß es vermeidbar, unnötig ist, weil der Schlag von Menschenbrüdern herrührt, die bestimmt sind, brüderlich und gütig und vorsichtig zu handeln. Cs fehlt'das versöhnende, das TröMche, das jedes Leid aus G'ttes Hand immer begleitet. Aber auch hier darf nicht Gefühl des Zorns und der Bache, der Verbitterung und des Menfchenhasses die Antwort unserer Seele sein. Auch solches Leid muß Dir wie eine Naturkatastrophe Vorkommen. Auch die Missetaten der Menschen fallen nicht aus dem Machtbereich G'ttes heraus. „Er der Gewaltige, der das All ins Dasein rief, Er nimmt auch die Verbrecher und Toren in Seinen Dienst." Er lenkt auch ihre Werke zum Guten. Gam Su Letauwo. Trage auch solches Leid mit innerer Fassung! Besser ist Unrecht leiden als Unrecht tun. Dein stilles Dulden besiegt und beschämt die Zornesglut der Feinde. „Die beleidigt nicht wieder beleidigen, ihre Schmach hören und nicht antworten, von ihnen sagt der Vers: die Ihn lieben gleichen der Sonne, wie sie so machtvoll aufflrahlt." . S. Alles Gesagte gilt im verstärkten Maße, wenn das Leid nicht einen Einzelnen, sondern ein ganzes Volk trifft. Da erst wird die ganze Macht der Liebe sichtbar, die alles gemeinsame Leid tragen hilft und zur Duelle des Glücks macht. Herz findet sich zu Herz; alle Unterschiede des Standes und des Wesens überbrückt die einende Kraft gemeinsamen Unglücks. Einer wird Tröster und Halt des andren; keiner kann selbstgerecht sich auf die Brust klopfen, daß er besser als irgend ein zweiter und deshalb verschont geblieben sei. Jetzt wird es jedem fühlbar, daß alle Kinder eines Volkes eine untrennbare Einheit bilden. Das kleine selbstsüchtige Herz wird weit. Das Ich des Einzelnen verschmilzt in das beseligende W i r der Zueinandergchörigcn, der mit- und füreinander Leidenden. 9. Darum ist das Schicksal Israels trotz ferner ausgesprochenen weltgeschichtlichen unentrinnbaren Tragik voll Herrlichkeit und Größe. Weil wir mit Bewußtsein eine historische Sonderstellung, eine Mission und Aufgabe auf uns genommen, weil wir als Volk G'ttes, als Volk der Bibel, der gewaltlosen Bereitung messianischcr Menschheitszukunft durch Zonen und Zetten gezogen, darum steht unser Martyrium in natürlichem Zusammenhang mit unserer Aufgabe, darum ist a l l e s jüdische Leid sinnvoll, ist der Preis unserer Erwählung. 10. Der Prophet Jesajas hat tiefsinnig den Zusammenhang von jüdischer Lebensaufgabe und jüdischem Leid vorgeschaut und im Bilde d e s G ' t t e s k n e cht e g , des E w e d H a s ch e m , verherrlicht. Er hat uns verheißen:, daß „wenn wir auch verachtet und von Menschen verlassen sein mögen, leidengesättigt und mit Krankheit vertraut, dennoch die Völker einst bekennen werden: nur unsre Krankheit hat der G'ttesknecht getragen, unsre Leiden, er hat sie auf sich genommen. Wenn wir unsre Seele wie ein Sühneopfer hingeben, dann wird das Ziel G'ttes durch unsre Hand gelingen." Die Weisen erläutern: Wie ein Sühneopfer bewußt dargebracht wird, so müssen wir b e w u ß t die jüdische Tragik aus uns nehmen. Fühlet Euch, Ihr Brüder, als C w e d Hasche m. Traget bewußt alles Leid E u r e s S ch i ck s a l s, j a, l i e b e t E u e r L e i d! Dieses Leid, dieses einzigartige wunderbare Märtyrertum unseres Volks hat alle Völker veredelt. Koch jedesmal, wo aus Unverstand und Uot inan Israel schlug, kam spater Reue und Scham über die Menschen; und sie lernten an uns, den Schwachen zu schonen, das Recht zu achten. Das G'ttesreich der Liebe und Brüderlichkeit, es wächst langsam, durch das Blut und die. Tränen Israels gedüngt. Glaubet getrost an die Menschheit, Ihr leidet nicht umsonst. Euer Leid ist Euch der Weg zu Eurem G'tte, den Andren der Weg zur Selbsterkenntnis und Menschlichkeit. Laßt Eure Liebe zueinander alle Tücke des Lebens besiegen. Selbstbesinnung, Gebet und Wohltun nehmen dem Leid seinen Stachel. Das Leid Israels ist die Crlösung der Menschheit. Die Überwindung des Individualismus durch die neue Eugenik. Zum Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Von Dr. med. Jacob Levy in Berlin. Die Grenzen der Aufgaben und Rechte von Individuum und Staat haben durch die politische Hut» wälzung eine wesentliche Verschiebung erfahren. Im Zeitalter des L i b e r a l i s m u s stand das I n d i - v i d u u ni im Brennpunkt alles Handelns. Glück und Gedeihen des Individuums war das höchste Strebeu des Staats, Wille des Individuums und feine Person war autonom, und im Emzcllcbcn war nur wenig staatlicher Einfluß zu spüren, war aber das Individuum das Maß aller Dinge, so war cs verständlid), daß diese Einstellung vor den religiösen Bindungen keinen Hall machte. So mußte als Folge der Ueberhebnng des Individuums im vorigen Jahrhundert die religiöse Katastrophe der deutschen Juden Hereinbrechen. Rur in geringem Maße gelang es den damaligen großen Führern der Orthodoxie, die deutschen Juden aus dem Strudel des judcutumfeindlichen Individualismus zu retten. Fast ohne Widerhall blieben in den letzten Jahrzehnten die Rufe Isaac Breuers, der im Verein mit anderen gesetzestreuen Schriftstellern und Rabbinen den jüdischen „philister"-Menschen den Klauen des selbstherrlichen Individualismus entreißen wollte. Vergebens! Der deutsche Jude wollte nicht sehen, daß das jüdische Individuum seinen Wert nur besitzt, den Zweck seines Lebens nur dann erfüllt, wenn es sich ganz und gar in den Dienst seiner g'ttgegebenen religiös-nationalen Aufgabe stellt. Was in Jahrzehnten schwerer Gcisicskämpse nicht gelang, erzwang die geschichtliche Entwicklung in wenigen Wochen. Wollte der deutsche Jude nicht freiwillig seinen individuellen Trotz in die religiöse Bindung fügen, so kam der ihn unbedingt ergreifende Zwang des neuen Staates, der das Indvrduuin von seiner angemaßtcn Höhe herabstürzte. „Jeder, der das Joch der Thora von feinem Halse wirst, dem lädt man das Joch des politischen und wirtschaftlichen Zwanges auf." Der neue Staat will ein totaler sein und alle individuellen Kräfte einzig und allein in den Dienst seiner volksstaatlichen Idee stellen. So mußte für alle Bürger des Staates der Spielraum der individuellen Rechte wesentlich eingeengt werden, indem in jedem Falle das staatliche Interesse das Einzel- Interesse verdrängt. Tausendfach mehr als alle anderen aber mußte so der deutsche Jude die Ricdcrlage seines individuellen Trotzes am eigenen Leibe erfahren. Dieses für die deutsche Iudeuheit so lehrreiche und schmerzliche Geschehen hat auf einem Gebiete eine Entwicklung angebahnt, die weite Strecken mit der jüdischen Straße parallel geht: auf dem Gebiete der Gesundheitspolitik. Die individualistische Betrachtungsweise erzeugte in den letzten Jahrzehnten eine entsprechende hygienische Einstellung. Gesundheit und Genuß des Einzelnen traten soweit in den Brennpunkt alles Strebens, daß für das geistige und körperliche wohl der G e m eins ch a f t schwere Gefahren heranfbe schworen wurden. Besonders trat dies auf dem Gebiet der Fortpflanzungsh v g i c n e hervor. Es wurde das sogenannte „Recht

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