Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 38 Wir wissen nicht, ob die optimistische Auffassung der „Indischen Rundschau", damit sei die Bereitschaft Mussolinis festgestellt, beim Völkerbund oder im Rate der europäischen Nationen - für eine internationale Cooperation zu Gunsten des Jüdischen Nationalheims einzutreten, irgend welche Berechtigung hat. von einer unverbindlichen offiziösen Presseäußerung bis zu einer diplomatischen Aktion pflegt c.irt weiter Weg zu sein. Nachdem aber auf dem Zionistenkongreß selbst die Zudenstaatspactei sich als eine deutlich abgegcenzte Minderheüsgruppe im Gegensatz zur ungeheuren Mehrheit konstituiert hat, sollte man eigentlich auf zionistischer Seite darauf verzichten, mit der von dem italienischen Blatt formulierten Iudenstaatsi d e e, die ja nur die jüdische Position gegenüber dem Arabertum aufs allerschwerste gefährdet, gefährdet um einer politischen Illusion willen, zum Gegnestand journalistischer Spielereien zu machen. Dazu ist die jüdische Lage denn doch viel zu ernst und das Schicksal des jüdischen Volkes zu heilig. «Taufend jüdische Familien aus Deutschland . ...“ Auf dem Prager Kongreß sagte Dr. R u p p i n u. a., man könnte sofort tausend jüdische Familien aus D e u t s ch l a n d n a ch Erez Israel überführen und sie dort in den Kolonien so ansiedeln, daß sie für sich ausreichende Existenz finden und dem Lande dienen. In seinen Glossen zu den Kongreßverhanölungen im „Doar Hajom" knüpft Mosche S m i! i a n s k i an diese Worte an und stellt an Herrn Dr. Ruppin die Frage, warum er seinen Plan nicht gleich an den deutschen Familien, die bereits im Lande sind und unter denen mehr als tausend, sind, die sich dafür eignen, zur Ausführung bringt? viele dieser Olim, schreibt Smilianski, irren in den Straßen Palästinas herum wie verlorene Schafe und suchen verzweifelt und vergebens einen Platz, wo sie ihr Haupt niederlegen könnten. Wieviele von ihnen, die einiges Kapital mitbrachten, sind bereits den gewissenlosen Agenten und Maklern ins Garn gegangen, UM ihr Letztes ZU verlieren. Es gibt wohl auch vernünftige, die den guten Rat annehmen, sich nicht zu überstürzen und in Ruhe abzuwarten, bis ihnen die günstigen Voraussetzungen für zweckdienlichen Ankauf und Ansiedlung geschaffen werden, statt jetzt schon übereilt ihr ganzes Hab und Gut auf eine Karte zu setzen, die doch zumeist verliert. Es wird ihnen empfohlen, sich zunächst als Arbeiter in Kolonien zu betätigen, um somit sich einige Kenntnis der Landwirtschaft anzueignen und sich so für ihre Zukunft vorzubereiten. Freilich erlebt man es immer, wie die Leute solche Botschaft mit Schrecken entgegennehmen. Cs war ihnen nämlich „von zuständiger Seite" nach der Heimat berichtet und versprochen worden, daß sie mit Kapital sofort „Herren des Landes" in Crez Iisroel sein könnten, und nun sollten sie als einfache Arbeiter dienen. Sie fühlen sich enttäuscht, um all ihre Illusionen gebracht. Wer sind die „zuständigen Stellen", die den gläubigen Leuten Versprechungen machen und bei ihnen solche Illusionen wecken und nähren? wußten sie nicht, daß man auch mit zweitausend Pfund und mehr nicht gleich in einer bestehenden Kolonie sich, wie vom Himmel gefallen, über Nacht einen Cristenzboden schaffen kann; daß man auch mit Geld erst auf Landsuche gehen muß und daß man vor allem durch die harte Schule der Arbeit, Ausbildung und Vorbereitung gehen muß, wenn man Erfolg haben will? Im Fluge läßt sich das nicht schaffen. Daß er „kam, sah und siegte", konnte in Crez Israel noch keiner von sich behaupten. Har aber Dr. Ruppin und hat die hinter ihm stehende Organisation einen plan, taufend Familien anzusiedeln und zu versorgen, warum holen sie sich dieses erste Tausend nicht gleich von den Straßen Palästinas weg, wo es dem grausigen Zufall ausgeliefert ist? Oder glaubt man, daß die taufend Neuankömmlinge von ganz besonderer Art, eine auserwählte Sorte sein werden? Auf alle Fälle haben doch die bereits Eingewanderten die Liebe zu Crez Israel voraus und: einige harte Erfahrungen als Plus auf ihrer Seite. Der Israelit 20. September 1933 Erstaunlich genug: Fertiger Plam auf der einen, und Tohuwabohu auf der anderen Seite! . . . Die litauischen Einwanderer, so'schließt Smilianski, hätten gar keinen Grund, die „deutschen Olim" als die Lieblinge der Organisationsfürsorge zu beneiden. Roch sind die „Deutschen" in Palästina um keinen Schritt weiter als die „Litauer" und die „Polen" ... Wir glauben, diese Worte eines Besteingeweihlen wiedergeben zu müssen, nicht aus Opposition gegen Ruppin, dessen Pläne an sich von dieser Kritik unberührt bleiben, sondern zur Information für die vielen Palästinaanwärter in Deutschland, die da glauben, als „Kapitalisten" (mit taufend Pfund) schon sofort ein fertiges Paradies in Palästina zu finden. Cs soll keine Warnung vor Palästina sein, aber eine dringende Warnung vor Spekulanten, Agenten und Maklern, die auf dem schwarzen Boden der deutschen Rot jetzt ihren Weizen am üppigsten blühen sehen, warum rückt die Irija in Tel- Awiw mit ihren weitgehenden Machtbefugnissen den: gewissenlosen Agententum nicht zu Leibe? Es wird jeder, der mit Kapital in Palästina etwas aufbauen möchte, gut tun, sich erst mit Sachkennern gründlich zu beraten. Für die gesetzestreuen Olim mit oder ohne Kapital ist die P a l ä st i n a z e n t r a I e der Ä g U d a s Iisroel die beste und zuverlässigste Beratungsstelle. Eine Demonstration. Im „Sprechfaul" der jüngsten Nummer plädiert ein Einsender dafür, daß „in den kommenden hohen Feiertagen alle jüdischen Geschäfte geschlossen sein müsien." Er erachtet es als eine „g ewaltige D einonjlration“ r die nur den einen Programmpunkt hätte: „Am 21. und 22. September und am 50. September bleiben alle jüdischen Geschäfte in Deutschland der hohen Feiertage wegen geschloffen." Alle Schaufenster und Ladentüren der jüdischen Geschäfte tragen ein Schild gleichen Inhalts ufw. Obwohl der, Platz, den wir dieser Anregung zugewiesen Haben (Sprechsaal) keinen Zweifel darüber läßt, daß hier keine Meinung des „Israelit" wieder-- gegeben wird, ist doch, wie wir aus Anfragen und Zuschriften ersehen, von vielen Lesern das Ganze als „falsch abgegeben" empfunden worden. Die Anregung, so meinen welche, wäre vielleicht am Platze in einem liberalen Blatte, dessen Leser die „hohen Feiertage" dieses Jahr als „Demonstration" anfehen mögen. Für uns sind die Feiertage ein gütliches Gesetz und der Sabbat ein „Bund zwischen G'tt und Israel", der von der Zeit und ähren Wandlungen zwischen Glück und Rot in seiner. ewigen Gültigkeit nicht berührt wird. . Dazu sei noch einmal betont: Es handelte sich bei jener Anregung um eine Stämme a u s. d t tu Publikum für dm s Publikp m, unter dem sich heute, wie die Dinge einmal liegen, auch viele befinden, denen das Judentum der Thora in feiner Totalität noch nicht eine Selbstverständlichkeit des Lebens und Denkens ist, und die sich vielleicht mittels der letzten Bindemittel zu ihm Hintasten. Für diesen Teil unserer Brüder auf halbem Wege glaubten wir jene Aeußerung nicht unterdrücken zu dürfen und ihr d i e Spalte unseres Blattes, die für die freie Aussprache bestimmt ist, öffnen zu müssen. Für uns und das Gros unserer Leser bedarf es keiner weiteren Erörterung, daß R o f ch H a f ch o n o h und I o m Kippur keine Feste sind, die uns von außen aufgezwungm werden können, daß, sie, alle Zeiten überdauernd, die Brücken sind, die wir über. Abgründe zu G'tt und zur Ewigkeit, zu unserer Geschichte und zur Zukunft der Menschheit schlagen. Und, auch das muß nicht erst gesagt werden, daß wenn in diesem Jahre am zweiten Rosch Haschono sich der Tag senkt, die Sterne am Himmel nicht den Schalterschluß unseres Werktaglebens beendet, sondern neue Heiligkeit künden, noch ältere, die als Grundstein der Schöpfung über Israel gestellt ist. Die Feste sind für Israel da, der' Sabbat ist älter und geht 'Israel voran: rrntyn .tznp», und dann. erst D’imm Viofr’* Das ist, alles so alt- und .allbekannt, daß . man kein wort darüber verlieren sollte. Da aber jene Sprechfaalaußerung dennoch als Widerspruch ZU dieser Anschauung empfunden wurde, sei es hier in aller. Kürze noch.einmal ausgesprochen. "■ . Das Leid. Von Oberrabbiner Dr. Iof. Carlebach in Alkona. „Wer sich der Leiben freut, die über ihn kommen,, bringt Heil der Welt." (Taanis 8a;) 1. ' - ■ Der höchste Prüfstein der Weltanschauung des Menschen und seiner moralischen Kraft ist sein Verhalten gegenüber Leid und Rot. Solange das Glück leicht das Schiff des Lebens trägt, Erfolg und Befriedigung unsrer Wünsche die Wege des Daseins annehmlich machen, ist die dankbare Hinwendung des Einzelnen zu feinem G'tte und die Bereitschaft, des Nebenmenschen Recht und Anspruch zu achten, keine große sittliche Leistung. Erst wenn uns die Tragik des Lebens mit ernstem Gesichte an schaut, wenn Tod und Eiend uns umdrohen, erst dann zeigt es sich, ob die Liebe, die Liebe zu G'tt und Zum Menschenbruder, stark sind wie der Tod, ob in uns' die g'ttliche Flamme glüht, die alle Wasser nicht löschen können. Nichts wäre irriger, als ans das Leid wie auf eine trübe, häßliche Nachtseite des Lebens zu blicken, das wir auf jeden Fall und mit allen Mitteln aus unsrem Erleben bannen müßten. Der Wille, Leid aus sich zu nehmen, ist die Entscheidungsfrage der Persönlichkeit, ist der Wertmesser jeden Lebenslaufes. o Ein Leben ohne Leiden ist wertlos. Denn eine gute Tat ist erst dadurch bedeutsam geworden, daß wir sie uns durch Opfer abgerungen haben; jede Arbeit und Leistung nötigt erst dann zur Achtung, wenn ste durch Ueberwindung von Schwierigkeiten, durch Kampf und Hingabe, durch Selbstzucht und Selbstbezwingung, durch Treue und Ausdauer, durch Entbehrung und Verzicht ermöglicht wird. Das Leben aller Großen in Israel und in der Menschheit war eine Kette von Leiden, die sie für ihre Ideale, für ihre Selbstvervollkommnung, für die Beglückung ihres Volkes und die Förderung der Welt auf sich genommen. Ohne Opfer ist nichts Großes. Je höher Du Dein Ideal wählst, um so gewisser mußt Du mit tausend kleinen und großen Opfern täglich zahlen. 5. Allerdings sind die Leiden, die mit einer erhabenen Lebensbestimmuiig unauflöslich verknüpft sind, freiwillig, aus der Verantwortung für die Zukunft der Menschheitsgüter, aus der Verbundenheit mit den letzten Werten der Kultur übernommen. Daß man nicht aus äußerem Zwang, sondern aus innerem Drang sie trägt, macht sie uns zu tragen leichter. 4. wo immer der Mensch sich betätigt, wird aber schwerlich Fehl und Schuld vermieden werden. „Kein Mensch ist so gerecht auf Erden, daß er nur Gutes täte und nicht sündigte," daß er nicht durch Schwäche und Unachtsamkeit, durch Leichtsinn und Schuld Unglück aus sich selbst herausbeschwörte. Viel selbstverschuldetes Leid beschwert jeden Lebensgang. Wenn es uns zu tragen auferlegt ist, so ist es doch Sühne und Ausgleich, Läuterung und Erhebung aus dem Fall, und wird, daher sich ebenfalls sinnvoll in den Ablauf unseres Lebens einstigen. „Die Zucht G'ttes, mein Sohn, verachte nicht, überhebe Dich nicht Seiner Zurechtweisung." Denn gerade solches durch Schuld bewirkte Leid verklärt die Halbheit unseres Wesens, ist das Siegel unserer G'tteskindschast. wie der körperliche Schmerz ' des kranken E)rgans uns zur Wohltat wird, weil er uns zwingt, die Heilung zu suchen, so ist die Tatsache, daß unsre Schuld auf Erden sich rächt, Bürgschaft unseres über alle Rückfälle gewissen Aufstiegs, unserer steten Selbstvervollkommnung. Nimm es willig auf Dich, das Leid der Strafe, wie ein Vater seinen Sohn züchtigt, also straft uns