Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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20. September 1933 Der I s r a eilt Nr. 38 Seite 3 Wochenrundschau. Eine Schraube ohne Ende. Wir lesen in öer „Kreuz-Zeitung", später auch in anderen Blättern, unter '• 6er Ueberschrift „Jüdische Drohungen" folgende aus Paris, den 12. September datierte Korrespondenz: Zu der am Montag abend von der „Internationalen Liga gegen den Antisemitismus" veranstalteten Kundgebung in einem der größten Säle des Pariser Westens fanden sich Tausende von Besuchern ein, von denen mindestens oie Hälfte aus reinem Senfationsbedürfnis hingegangen war. Eine Stunde vor Beginn des „Theaters" waren alle Plätze ausoerkauft, und etwa 6000 Menschen — meist Juden — hatten in dem Riesensaal Unterkunft gefunden. Nach einleitenden Reden verschiedener Rassenhäuptlinge, von denen jeder seinen eigenen Standpunkt vertrat, ergriff der Organisationsleiter des Abends und Vorsitzende der Internationalen Liga gegen den Antisemitismus, Bernhard L a c a ch e , das Wort und erklärte, man werde nicht dulden, daß Einstein dasselbe Schicksal widerfahre wie Professor Lessing in Prag. „Wir haben in Paris und anderen Hauptstädten bereits die Geiseln bestimmt, die mit ihrem Leben für das Leben unserer Freunde einstehen werden. Auge um Auge, Zahn um Zahn?" Diese Drohung bedarf dringender Aufklärung! von anderer Seite wird gemeldet, daß Prof. Linstein auf die Tladmcbt bin von einer angeblich auf seinen Kopf ausgesetzten Prämie Belgien verlassen und sich nach England begeben habe. Dort wollten einige freunde für ihn eine Schutzwache von 100 jungen Akademikern organisteren, um sein Leben zu schützen. Wie schmerzlich in objektiv denkenden jüdischen und nichtjttdischen Kreisen der Kampf empfunden wird, der um eine Persönlichkeit vom Range Albert Einsteins entbrannt ist, bedarf keiner Hervorhebung. Einstein selbst hat jüngst in einer Veröffentlichung zugegeben, daß er nicht überall in seinen gewiß von wärmstem jüdischen und menschlichen Gefühl eilige* gebenen Handlungen und Aeußerungen die nötige Vorsicht eingehalten hat, sondern daß er beispielsweise bei der Verknüpfung mit dem im Auslande erschienenen Lrauubuch einer bedauerlichen Täuschung zum Opfer gefallen ist. Aber nicht um die Person Einsteins handelt es sich jetzt, sondern um die furchtbare Gefahr,, die schließlich für Hunderttausende von Menschen heraufbeschworen wird, wenn überhitzte Köpfe jenseits und diesseits der deutschen Grenzen mit dem Schlagwort „Auge um Auge, Zahn um Zahn" — unter gröbster Entstellung des wahren Sinnes dieses B i b e l w o r t e s — hausieren gehn, um ihren Rachegefühlen zu fröhnen und nicht etwa denjenigen Schädigungen an Leib und Leben zuzufügen, die irgend etwas verbrochen haben, sondern t o t a st U n s ch u l d i g e n , die man in unglaublicher Verwirrung öer sittlichen Begriffe als „Geiseln" für irgend eine andere Gruppe betrachtet. Die angebliche Verkündung des Herrn Bernhard Lacache in Paris, von der hier berichtet wird, öffnet den Blick in einen Abgrund! Auf diesem Wege in die Hölle gibt es keinen Halt, wenn er erst einmal betreten wird. Wir appellieren an die Einsichtigen und Weitblickenden in Deutschland und im Ausland, sich gegenüber dieser drohenden sittlichen Verwilderung zusammenzuschließen und, wie sehr auch jedem Einzelnen und jeder Gruppe die Durchsetzung ihrer als Wahrheit erkannten Anschauungen rm Völkerleben am Herzen liegen möge, doch gewisse Grenzen des sittlichen Verantwortungsbewußtseins ein z u h a I t e n, die nicht ohne vernichtende Gefahren für die ganze Wenfchbeit überschritten werde n f ö n n e n. Boykottpropaganda, verhetzende Greuelphantastik und das System des Geiselnehmens stehen auf einem und demselben Blatt. Keiner will angefangen haben, jeder glaubt sich zu doppelter und dreifacher Vergeltung berechtigt und von dieser Schraube ohne Ende werden Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit in Grund und Boden gebohrt. Wie Legenden entstehen. Wir finden in deutschen Blättern eine Meldung der Telegrapheu-Rnion, die eine Acußerung des Mussolini'schen Organs „Popolo d'Italia" über den Zionistenkongreß wiedergibt. Zn dem mit „Klugheit" überfchriebencn Aufsatz heißt es, der Prager Kongreß habe eine kluge Entschließung gefaßt, als er sich gegen den wirtschaftlichen Boykott Deutschlands aussprach. Zn seiner Gesamtheit sei der Kongreß von den Sozialisten der ll. Znternattonale beherrscht worden, und diese Tatsache könne den Eindruck bestättgen, daß „Marxismus und Zudentum ein und dieselbe Sache s e i." Wir wissen nicht, ob diese Wiedergabe der Aeußerung des offiziösen italienischen Blattes vollkommen korrekt ist, müssen aber auf alle Fälle im Zntcressc der Wahrheit und Objektivität gegen den Versuch protestieren, aus der Parteigruppierung innerhalb des Zionismus die zum eisernen Bestandteil der judengegnerischen Presse gehörende Argumentation zu unterstützen — „Marxismus und Zudentum seien ein und dieselbe Sache", vor allem sind Zionistcnkongreß und zionistische Organisation nicht das Zudentum. Sie repräsentieren nur einen kleinen Bruchteil der jüdischen Gesamtheit, und wenn bei den Wahlen zum Zionistenkongreß die sozialistisch orientierte palästinensisch-jüdische Arbeiterpartei einen außerordentlichen Wahlecfolg erzielte, so ist auch dieser Erfolg kein objektiver Ausdruck der wirklichen Gesinnung selbst der Z i o n i ft e n in der ganzen wett, sondern nur die Folge geschickter Manipulationen bei dem Verkauf und Erwerb von sogenannten Schkolim, die das Wahlrecht zum Kongreß bedingen. Der Außenstehende kann davon nichts wissen. Aber das vitalste Interesse der jüdischen Gesamtheit erfordert die doppelte Feststellung, daß weder dcr Zionismus mit d c m M arxismns identisch ist, noch g a r die jüdische Gesamtheit, deren Zdentifikation mit der zionistischen Organisation auch aus anderen Gründen aufs allerentschiedenste abgelebnt werden muß. Wenn in dem gleichen Artikel des „Popolo d'Ztalia" — immer nach den Berichten der deutschen Blätter — die Behauptung.ausgestellt wird, in Prag sei offen proklamiert worden, daß „das Judentum nicht eine Religion, sondern ein Volk sei", so ist das sprachlich ein Unsinn, sachlich eiii? Unwahrheit. Ein Volk könnte höchstens die Zudenheit sein, nicht aber das Zudentum. Aber nicht einmal die auf entschieden völkischem Boden stehenden in Prag versammelten Zionisten würden die Stirn haben, dem Judentum den Charakter der Religion überhaupt abzusprechen und einen nackten religionslosen Rationalismus zu proklamieren. So sehr eine derartige Regierung der jüdischen Geschichte in der Tendenz des modernen Zionismus liegt — gerade heute wird man einen solchen Bruch mit der Vergangenheit nicht vollziehen, sondern höchstens an der Formel festhalten, daß die Religion Privatsache jedes einzelnen Juden, nicht aber des ganzen jüdischen Volkes sei. Schon dies ist eine Verleugnung der offenkundigen geschichtlichen Wahrheit, aber imiii" noch nicht identisch mit der hier dem Zionistenkon in den Wund gelegten Proklamation, daß die . heit mit ihrer Religion gebrochen und sich als religionsloses Volk konstituiert habe. Einer ,olchen Legendenbildung muß mit umso größerer Entschiedenheit entgegengetreten werden, als die „Jüdische Rundschau" aus dem ganzen Artikel des „Popolo d'Italla", wie er die Runde durch die deutsche Presse macht, nur den einen, bisher noch nicht erwähnten Satz heransgegriffen bat, der lautet: „wenn man das Iudenproblem in seinem ganzen Umfange überdenkt, kommt man dazu, daß es eben nur eine Lösung finden könnte: den h e b r ä,i s ch e n S t a a t in Palästina." und sich Sorgen über uns bergehoch türmen, wir wissen, daß Leid adelt und fürstet und läutert. In der Schule der Leiden wurde immer gestählt unsere Kraft, und wir blieben wie die Eiche, durch deren Wipfel der Sturm rast. Sollten wir das „Volk der Ewigkeit" wirtlich zagen und verzweifeln? Nimmermehr. Der iv'v ertönt, um uns auszurichten und uns zu festigen für unseren weiteren Weg. Die ni’sV», die wir sprechen, binden neu an unfern E'tt unser jüdisches Schicksal und leiten uns zu den r-mnai hin, zum Verstehen unserer Vergangenheit, die von heiligem Opfermut Israels zeugt und zum Festhallen an unserer Aufgabe uns verpflichtet. Die „Wolke" wird zerfließen, und die Erhabenheit und Reinheit unserer Lehre wird am Ende denn doch inmitten der Menschen uns Anerkennung erringen. Der G'tt, der unter Schofarklcmg Israel erwählt hat zum Künder feiner Lehre, wird die Menschheit erleuchten und der wahren und rechten G'tteserkenntnis zuführen. Nur daß unsere Bekennerschar sich selbst getreu bleibe und sich niemals abdrängen lasse vom rechten Wege und wir alle so leben, daß uns Abrahams Opfermut voranleuchtte und für unsere jüdischen Ideale immer von neuem entflammt. Es darf nie mehr in unserer Mitte Vorkommen, daß von außen her wir an unsere Ahnen erinnert und wir gemahnt werden, wie wir uns und unsere Kinder entwurzeln, wenn das abrahamitische Beispiel uns nicht begeistert zu gleicher Hingebung und Treue, pirrn "U b's isnra manni. „Es werden sich mit deinem Samen alle Völker der Erbe segnen," diese Segnung, mit der die Akedoh schließt, ist uns die Bürgschaft, daß wir den „Berg" ersteigen und die „Wolke" zum Schwinden kommt. Sie mag jede Furcht von uns nehmen und uns hoffnungsfroh und glaubensfreudig machen, bis daß erklingt für Israel und die gesamte Menschheit öer ivw min bv der Posaunenschall," der Freiheit und Erlösung ankündigt. (Kapores-Schlagen.) Nachdem infolge des bestehenden Schächtverbotes der in vielen jüdischen Kreisen bestehende Brauch des Kaporesschlagens in diesem Jahre in Deutschland nicht ausgeübt werden kann, werden wir von rabbinifcher Seite ersucht, darauf hinzuweisen, daß es sich empfiehlt, zur Ablösung dieses frommen Brauches einen entsprechenden Betrag als npnx für Arme oder für die Zwecke des heiligen Landes zu geben. (Das Horn König Sobjeskis.) Am 12. September fand .im Schloß Belvedere in Warschau die feierliche Uebergabe des elfenbeinernen Hornes statt, das die Stadt Wien anläßlich ihrer Befreiung von der Türkenbelagerung dem König Johann III. Sob - j e s k i von Polen als Ehrengabe überreicht hat. Das Horn, das jahrelang in einer russischen Sammlung aufbewahrt worden war, wurde 1921 von dem in Straßburg ansässigen polnischen Juden Simon Fischel von einem russischen Fürsten um den Preis von 30.000 holl. Gulden erworben. Fischel hat beschlossen, das historische Horn Marschall Pilsudski zu schenken und war in Begleitung des polnischen Konsuls in Straßburg, Lechowski, persönlich nach Warschau gekommen, um seine Gabe anläßlich des 230. Jahrestages der Befreiung Wiens von den Türken, dem Marschall zu überreichen. (Zählung der Juden im allen «Königreich Böheim".) Das Statistische Staatsamt der Tschechoslowakei teilt mit, daß im alten Königreich Böhmen (Böheim) bereits seit 1754 Volkszählungen stattfanden. — Im Jahre 1762 wurden hier 28.394 Juden gezählt. Darunter merkwürdigerweise nur.4 ütabbiner. Im übrigen gab es unter ihnen 40 Landesbeamte, 373 Handwerker, 5399 „Untertanen", keine Bürger, 1559 Diener, ferner 2700 Hauseigentümer, aber demgegenüber nur 971 Häuser, die Juden gehörten. Es hatte manches Haus, insbesondere in der Prager Judenstadt, mehrere Eigentümer, was sich nach und nach zu der Kuriosität entwickelte, daß es Hausanteile gab und noch gibt, die sich nur in lächerlich langem Nenner ausdrücken lassen, z. B. 13/2346. Die Zahl der Juden nimmt bis etwa 1890 zu, wo sie 94.619 erreicht, von da an fällt sie stetig und ist jetzt auf etwa 76.300 angelangt. Auch ein Pelz aus billigem Material wirkt fesch, wenn er in der Kürschnerwerkstätte für feinste Maßarbeit von Th. Rosenblum, Kürschnermeister, nur Großer H i r s ch g r a b e n 26, gearbeitet ist, deren Inhaber und Leiter mit 30jährigen fachmännischen Erfahrungen, gesammelt im In- und Ausland, die Eigenart eines jeden Pelzwerkes genau kennt und dem bei der sorgfältigen und geschmackvollen Verarbeitung Rechnung trägt. Angefertigt werden in dem seit 13 Jahren bestehenden Spezialgeschäft für feinste Pelze. Pelzmäntel und Pelzjäckchen in bekannt bester Verarbeitung zu zeitgemäßen Preisen, sowie Umarbeitung und Reparaturen, woran unsere Leser zu Beginn der Saison freundlichst denken wollen. Die neuesten Modelle werden ohne Kaufzwang jederzeit bereitwilligst gezeigt. (Siehe Inserat). Die Firma B. Karlsberg in Hamburg, Neuer Jungfernstieg 5, veranstaltet eine Sonderfahrt direkt Hamburg-Haifa, und zwar am 18. Oktober 1933 mit dem Dampfer „ E s p a n a " der Hamburg - Südamerikanischen Dampfschiffahrt - Gesellschaft. Preis der Reise einschl. Verpflegung, die nur rituell unter Aussicht des Hamburger Oberrabbinats verabreicht wird, beträgt Kabine: Mk. 250.—. Wohndeck: Mk. 180.—. Freigepäck: 100 kg pro Passage. Es ist auch günstige Gelegenheit zur Beförderung von Umzugsgut vorhanden. Anmeldung bis 5. Oktober erbeten. Näheres siehe Inserat.