Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 38 Der Israelit 20. September 1933 OSMIASUPR FÜLLHALTER 8 Dei Deutsche Qualitätsarbeit . Rm. 15.- 17.50 u. 20.- öere Lebensbcöingungen harren ihrer. Schwer genug lasteten schon in btn letzten Jahren die Sorgen auf UNS 01"»' 'Ql '2 12717-» '2 '317' '2 Noch harter kommt nun die Schicksalsfrage hinzu m3' ’» •1713' '21 Auch dieses Kapitel unserer eigenen Geschichte hat Rabbi Ä m n o n erlebt und mit Tränen eingezeichnet in sein letztes „Dokument von der Heiligkeit des Toges" avn nsmj? *|j?n « * « Hätten wir Menschen die Fähigkeit, so zeitlos oder überzeitlich die Dinge zu sehen, wie sie sich gesetzmäßig in das große Weltgeschehen einordnen, wären wir überhaupt imstande, in großen Zusammenhängen zu denken und uns selbst, unser Sein, als des Gesamtbildes einen winzigen Teil zu begreifen, es könnte solches Selbsterkennen sehr viel von der Bitterkeit unseres Loses und Leides nehmen. „Trage deinen Sinn in der Ferne hinaus und du wirft deinem Schöpfer Recht geben." j?*7X '^27iaV P1N12*? '171 X27X» Aber können wir das? Ist es uns gegeben, gleich dem großen Rabbi A m n o n , aus den Wehen und Wunden unserer Zeit zurück und in die weite Ferne zu schauen? An den heiligen Tagen vielleicht! Indem wir die Worte sprechen und die Weisen singen, wie sie an d e m Tage zur gleichen Stunde in allen jüdischen G'tteshäusern auf dem Erdball gesprochen und gesungen werden, da wir mit den gleichen Hymnen und Melodien uns zu unserem Röntg finden, in denen schon hunderte Generationen vor uns zu ihm aufjubelten und aufschrieen, in denen noch hunderte Generationen nach uns zu ihm aufjubeln und aufschreien werden, in diesen Tagen, da wir uns mitten in der großen Gemeinde der Früheren und der Späteren und aller in Esst und West, Rord und Süd fühlen, in diesen Tagen sollte es uns vielleicht glücken, von jenem Ewigkeitsgehalt unserer Geschichte und unserer Bestimmung einen Hauch in unser Herz zu leiten, daß es sich in großer Schau weite und das Auge hellsehend werde für die Dinge über den Tag hinaus. Die alten jüdischen Morallehrer aus der Welt des M u f s a r und des M o f ch o l erzählen gern von jenem Prinzen, der, aus dem königlichen Vaterhause verbannt, sich schließlich an seinen Sturz und feine Erniedrigung so sehr gewöhnt, daß er, einmal mit dem Vater zusammengetroffen, diesem nur über die mangelhafte Ernährung zu klagen hat. Der Glanz des früheren Lebens im königlichen palaste war in seiner Erinnerung verblaßt, er sorgte sich nur um das Rächstliegende. Weinen und weinen sollte Israel um die S ch e ch i n a h , die im Galuth ist und, wie es selbst, der Erlösung harrt; klagen sollte es, daß es von Vaters Tisch auf Moria vertrieben ist, und die Synagogen Hallen wider von der Bitte um ,1*?2°?21 NV31S' um Ernährung und Versorgung ... Wollen unsere Mussarlehrer damit eine Anklage aussprechen? Gewiß ist es so, daß ns?wn 172713 ‘ptW' ll'Q^>ii7,daß die Hilfe, die wir von G'tt erflehen, eine ewige, allumfassende, Welt und Menschen erlösende sein muß und sein wird. Allein "|'S2 117V1' dtn o> auch der Tag hat und meldet seine kleinen Rechte an. Und so reich an Liebe und Verzeihung, Gnade und Erbarmen ist unser G'tt, daß er uns für den Tag hilft und über den Tag hinaus unsere letzten wünsche, die ausgesprochenen und die auszusprechen wir heute die Kraft nicht besitzen, erfüllen kann. V'QNIN ^Z721 Tiin'bv 21 .118 '2 Gutgedüngter Boden muß eine gute Ernte ergeben. Er ist bestens bearbeitet, der Boden unserer Seele dieses Jahr, ausgelockert und gut mit Tränen gewässert, warum sollte die aus solcher weicher, schwarzen Erde erwachsene Frucht nicht eine über den Tag hinaus wirkende Erlösungsfrucht sein? Wir wissen, wo wir bei der inneren Umwandlung und Umwälzung die Hebel anzusetzen hüben. Die Widersacher sagen es uns in prägnantester Weise '3V2NN ’2'1K». Man kommt uns mit der Rassenb i o l o g i e. So kehren wir unsere alten Rastenmerkmale hervor, die uns als v'32>'2 D'3am v'ivn zeichnen. Raffen stolz! Den hatten wir nicht, wenn wir die Zeit ersehnen konnten, da „die Ehrfurcht vor ihm all seine Werke und Geschöpfe umfaßt." Allein nimmt die Welt düs Blut der Ahnen in unseren Adern zur Ursache unserer Schuld und unseres Schicksals, einer imaginären Schuld und eines wirklich tragischen Schicksals, so rufen wir zum Protest G'tt an: 1127 pflS' jyppjn ani28 r>'12' daß er Jener gedenke, die uns den Weg gezeichnet haben, der uns zum Leidensweg geworden ist. „Fertigmachen für Palästina!" ruft die Gasse. Hören wir den im anderen Sinne ergangenen ähnlichen Ruf unserer Propheten! wir haben ihn bislang vielleicht zu wenig beherzigt, so daß der Weckruf von der anderen Seite kommen mußte. Was haben wir zu unserem Teile dazu beigetragen, daß „Freude Deinem Lande und Wonne D ein e r Stadt" wird? Ja D e i n e m Lande und Deiner Stadt! Das Land fand seine Bearbeiter, die Stadt und die Städte ihreOErbauer, die Stein auf Stein schichteten, Haus an Haus reihten. Jerusalem b a u t, Tel-Awiw am Meere greift weithin aus, und es jubelt unsere Seele. Aber weint nicht Zion, das alte Zion, mitten in diesem Jubel, m '»aarv p'L larmir wie viel, Jude der Thora, hast du schon in der letzten Zeit, da alles um dich wankt und stürzt, für Zion getan, dir dort materiellen oder geistigen Stützpunkt zu sichern, wieviel für die dortigen Schulen und Lehrhäuser, daß unsere Kinder dort eine geistige Heimstätte finden? Cs ist nicht zu spät. Die Stellen, die deinen Ebolus annehmen, deine Mitwirkung nutzbar machen und deinen Anteil sichern, sind da, die warten auf dich. „Fertigmachen für Crez Israel!" Im Sinne von Einkehr und V.u ß f e r t i gk e i t. Und unsere jungen Menschen, die in die Welt hinausgehen, ob sie in Palästina oder in Frankreich oder sonstwo landen, sie verlieren sich nicht im Strudel des Lebens, um bestenfalls mit ihrem reinbleibenden Ich, mit ihren Heiligsten als ihrem Geheimnis sich in ihre Gemächer zurückzuziehen. Der Sinn der Wanderung und Wandlung, der neuen „Zerstreuung" wäre damit mißverstanden und in sein Gegenteil umgekehrt. Es trage jeder die guten in ihm wirkenden Keime aus Schule und Elternhaus in die Well hinaus und verpflanze sie auf den fremden Boden — oder ureigenen Boden Crez Israels —, um wahr zu machen das talmudische wort n*?'i3 niinn 2'Q ^2 ^27 Thoraluft ist von keinem Klima und keinem Wasser bedingt. Insbesondere im heiligen Lande hat jeder junge Jude die Pflicht, aus und über sich hinaus Seelengut ft d) z u erwerben, zu wecken und zu wirken, daß mitten im „Ieruscholajim des Aufbau" sich Zellen für Zion bilden, die wachsen und wachsen und um sich greifen. Bis die Begriffe Zion und Jerusalem so eng miteinander verwachsen sind, daß Zion seine Stadt und Jerusalem s e i n H e i l i g t u m — 'sVIP» H'2 Obwil'^l *]1'J7 — genannt werden kann. Dreifach ist die Frucht, die uns am Baume der Herbstfeste dieses Jahr reifen muß: Innere Umwan ö l u n g bei all der uns aufgezwungenen äußeren Umstellung: Rückkehr zum eigenen Ich; mehr Anschluß und Anteilnahme an der jüdischen Gemeinschaft! Eder wie es unsere Gebetdichter noch klarer und trefflicher, als Fazit des f]j?n mrm formulieren: rawn r^'DTi npnit Die Akedoh Von Rabbiner Dr. 2R. Lewin in Hamburg. Zeigt uns unser nawn in den Familienbildern, die uns die g'ttesdienstliche Vorlesung des ersten Festtages bringt, das jüdische Haus als die Kernzelle unseres jüdischen Volkes, wie dieses sein muß, um zu bestehen in seinem Wesen und in seiner Geartung, so führt uns das Kapitel der mp? am zweiten Tage zu den Höhen unserer Aufgabe und Bestimmung. Da sehen wir Stammvater Abraham, wie er als va als hochragendes Panier des Glaubens und Opfermutes, den schweren entsagungheifchenden Weg zum Morija geht und es bezeugt: ina’ p’-rs- > „Der Herr prüft den Frommen und Gerechten." In einem sinnigen Gleichnis sagen die Alten: Wenn ein Töpfer die Güte und Festigkeit der feilgebotenen Ware anpreist, dann nimmt er ein erprobtes Gefäß und schlägt an dasselbe. So hat G'tt auch Abraham, der treu bewährt war, erwählt und weit herausgestellt, daß er für alle Zeiten Vorbild und Beispiel sei für treue Hingebung und willigen Opfermut und an ihm sich aufrichten, die durch das Tal der Tränen und Leiden ziehen. Die ganze tiefe Tragik, die in dieser schwersten aller Prüfungen, die je einem Erdenkinde zugemutet wurden, liegt, deutet G'ttes Wort selbst an. 'pns» ns nans nas ns *ua ns sj np „Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, den Jizchok, und gehe hin in das Land Morija und bringe ihn dort zum Opfer auf einem der Berge, den ich dir ansagen werde." Jedes Wort fast, das hier G'ttes Mund spricht, konnte Abraham eine Handhabe zur Entgegnung bieten. Doch der Patriarch hat nicht nur gesprochen, ehe er des Herrn Geheiß vernommen, 'vn, hier bin ich, — e r blieb fest und versagte auch nicht, nachdem er es vernommen das verhängnisvolle: sä np „Nimm doch," nimm — und gib ihn her deinen Sohn . . . rmpa si>s kj ps. G'tt hat seinen Plan und seine Absicht. Er, der Schöpfer, kennt die Menschennatur und darum fordert,er nicht nur, sondern bittet er förmlich den Patriarchen in seiner Opferwilligkeit ja nicht zu erlahmen, wo es gilt, für die Ewigkeit zu werben, das Schatzkästlein des mas mar zu schaffen, ein Samenkorn des Heils für die kommenden Geschlechter bis in die fernsten Zeiten zu pflanzen. Abraham duldet und überwindet alle Hindernisse und beschwichtigt alle Zweifel. Nicht anders sehen wir Jizchok, es gleicht der Sohn des Vater, nn» orrar iaV»v „Sie gingen beide zusammen." Beide in derselben Gesinnung und von dem gleichen Seelenadel, beide sich voll bewußt der Schwere dessen, was G'tt fordert, und außerstande das Geheimnis dieses Befehles sich zu enthüllen, beide aber gleichwohl nicht zaudernd und nicht deutelnd an G'ttes Wort, vielmehr beide fest entschlossen, zu entsagen, apsni» nn np?i> nt, der Vater das Opfer zu bringen — und der Sohn sich und fein Leben darzubieten. Dieses Zusammenstimmen und Sicheinsfühlen von Vater und Sohn, dieser' Gleichklang ihrer Gefühle und Empfindungen war die Vorbedingung für das Gelingen des schweren Weges, den sie zur Erfüllung der g'ttlichen Forderung „zusammen" gingen. Sinnig und schön heißt es im Midrasch: ns >nn pm® Dipan „Abraham sah den Ort von ferne." nsn nn Was sah er eigentlich? nna -iwp p? nsV Er sah einen Berg und eine Wolke darüber gelagert. ' ,nsn ’assr nn nns ns>-> pnx»!? ins Da fragte er Jizchok: Siehst d u, was i ch sehe? Da antwortete der Sohn: ,i»i>? mp 73»i naivn nsa in nsn »as „Ich sehe einen schönen rühmenswerten Berg und auf ihm ist eine Wolke." . . . Vater und Sohn sehen das gleiche Bild. Sie haben einen Berg zu ersteigen, dessen Gipfel nur unter Mühen und Anstrengungen zu erreichen ist. Ist aber die Schwpere des Bergsteigens überwunden, dann schwindet das Gewölk, das den Ausblick trübt, und der Odem des Heiligen und Erhabenen umweht, die die Wolke nicht gefürchtet . . .In diesem Bilde, wie es Abraham und Jizchok erleben, ist treffsicher unser Judentum gezeichnet. Ein schöner 'Berg voll Reiz und Anmut, mit wunderbarer Ausschau und Fernsicht ist da zu ersteigen. Unser Bekenntnis mit seinen erhabenen Ideen und Wahrheiten ist der Gipfel jedes religiösen Bewußtseins und der Quell aller Moral und Sitte. Die Wolke fehlt da gewiß nicht. Das ist nicht etwa die Fülle der Entbehrungen und Entsagungen, die an der Lehre Satzungen geknüpft sind, — die Wolke, in die der Gipfel unserer Bestimmung getaucht ist, das ist vielmehr unser Akedoh-Schlcksal, daß wir leiden und dulden müssen als Volk G'ttes, inmitten der Menschheit und nur dann bestehen vor G'tt und vor unserer Geschichte, wenn wir unbeirrt um die Stimmen der Welt und unbekümmert um die Vorurteile der Menschen, Abraham gleich sprechen: 'vn hier bin ich, gewärtig deiner Befehle, bereit, mich zu beugen und unterzuordnen. Wir haben doch es wahrlich genug deutlich wieder erfahren, daß wir nur dann uns geborgen fühlen können, innerlich gefestigt und mit dem seelischen Gleichgewicht begabt, wenn wir voll stolzen Bewußtseins zu unseren Ahnen emporblicken und unsere Vergangenheit nicht schnöde preisgeben. Mögen Leiden auch kommen