Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1933)
- Date
- 1933-09-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 37 Der Israelit 14. September 1933 Das ist Leo Rotbenburger. Gebräunt von 6m Jahren Wetter und Wind und Sonne. Langgeschossen. Hager. Das gekräuselte schwarze Haar, wie der kleine Junge Leo. Den Kopf immer ein wenig schräg zur Seite geneigt, wie die Rothenburgers alle. — vor drei Wochen ist Leo Rothenburger mit einem -kleinen Transport noch einmal ins Feld gefahren. Tin komischer Transport. Soldaten, die in Rußland schon gefangen waren, die unterwegs, sehen sie Russen, Verbrüderungsruse hinüberrusen, die unterwegs Gepäckstücke im Zug liegen lassen und schließlich waren's noch 18 von 50, selber „lostürmen". Was noch da ist, gelangt zum Ziel, einem kleinen Bergdorf. G'tt weist, was man mit ihnen jetzt noch vor hat. Leo Rothenburger soll sich mit zwei anderen an einem bestimmten Orte melden. Aber es gelingt ihnen gerade noch, sich zum Rückzug zu ihrem Truppenteil durchzuschlagen. Und wie sie so heimmarschieren, bergauf, bergab, durch Wälder und Felder, durch Städte und Dörfer, angestarrt und angestaunt, bejubelt, weil sie so wundersam vieles geleistet und ertragen haben, bemitleidet, weil sie so fern vom Ersehnten sind —, da biegen sie eines Tages in das Tal der Lahn ein, und im weltenilegcnen Dorfe trifft Leo Rothenburger den Unteroffizier Herbert Bergheimec. „Du?" — Was alles in dem Wort lag. Das viele Reden haben sie draußen verlernt. Was sollte man jetzt auch sagen? Aber, so komisch es klingt, man kann doch heute nicht Freund sein, wenn man gestern — nein, nicht gestern, vor vielen, vielen Fahren, so schien es — Feind war. Genug, daß sie aus den dunklen Gräben des Hasses herausgestiegen sind und sich droben im Licht des ewigen Tages einander wortlos die Hände reichen, sich in die Augen schauen. Sie kommen nocheinmal zusammen, ehe sie, die eine Truppe in der Rächt, die anderen, vielleicht am nächsten Morgen, das Dorf verlassen. Der Wind bläst kalt durch das Tal, durch die Gassen. Aber Herbert merkt es nicht. Es ist ein merkwürdiger Schabbos. Cs wird nicht die Zeit sein zu tiefsinnigen Betrachtungen über Feindschaft und Versöhnung und alte Familienstceitigkeiten. Cs ist ihnen alles vocgeschrieben, was zu tun ist. Der Krieg ist aus. Cs werden andere Hasser kommen. Cs werden Dinge kommen, sie haben davon gehört, gesehen, gelesen, die sie eng zusammenschweißen. Enger, als es früher notwendig schien. Gezählt, gezeichnet sind sie alle. Leo, aufbrausend, wie so oft, ist voll Aerger und Zorn . — Wir werden keinen Dank haben, die Gefallenen nicht und die Lebendigen nicht. Wir sind ja doch schuld an allem. Sie reden von nix anderem mehr, pfui, es ekelt einenr, wenn man daran denkt. Er spuckt aus. „Wozu ist der Julius gefallen? Wozu der Westmamr's Adolf und Rudolf und ihcF Mutter dann vor Gram gestorben, daß sie uns jetzt scheel ansehen und uns kein Wort mehr gönnen? Zum Heulen ist es. Söll nur einer was sagen daheim, ich pack' ihn an der Gurgel ..." Herbert sagt wenig dazu. Aber Leo bat recht. Es wird eine schwere Zeit kommen. warum das alles? — Doch, weg, weg damit. Es wird noch frühe genug zu spüren sein. Ist nicht bei allem ein wenig Sonne da? Sie leben ja, konnnen heim mit gesunden Gliedern, nicht verkrüppelt. „Mit G'ttes Hilfe gesund" werden sie heute Abend, wenn Schabbos aus ist, nach Hause telegraphieren, — wenn man das kann. Was ist das alles für ein Durcheinander im Land? Seit vielen Tagen hat keiner mehr eine Rachricht von daheim gehabt. Unter dem Telegramm werden ihre beiden Ramen stehen. # » * Wieder liegen die kleinen Dörfer abseits von den Heerstraßen der Welt. Eingeengt sind sie oft zwischen ihren Hügeln und Bergwänden. Rur die Stichworte der großen Ereignisse fallen in die stillen Häuser. Wenn in den Städten schon längst vergessen ist, was gestern den Atem der Menschen stocken ließ, spricht der Lauer im Dorfwirtshaus noch lange und bedächtig von dem, was los ist im Land. vier Jahre lang haben sie es ertragen. Immer vergrämter, immer verbitterter sind die Menschen geworden. Und über allem stand zuletzt die große Frage: War alles umsonst? Durch die Gassen ziehen die Truppen. War es nicht genug, daß der schwere Krieg vier Sommer und vier Winter hindurch das Land heimsuchte? Muß noch Revolution sein, dag Gebliebene auch noch Zusammenstürzen? Den Heimziehern warf man schüchtern Blumen zu. Man gab ihnen zu essen. Sie hatten so vieles verdient. Was konnte man ihnen geben? Roch begriffen die Menschen im Lande draußen nicht, was geschehen war. Roch war, was die elfte Vormittagsstunde des grauen Rovembertages bedeutete, ihnen nicht in die Sinne eingegangen. Schon hatten sie im Geiste Siegespforten gebaut. Aber aller Jubel war verstummt. Oder doch nicht? Jubelte nicht das Herz der abgehärmten Gattin, der Mutter, die ihr Kind in die Arme nahm und es dem Vater hinreichte? Bitteren Empfang gab es freilich auch. Der Krieg hatte viele Bande zerrissen und gewühlt in den Tiefen verwirrter Seelen.. Kinder kannten ihre Väter nicht mehr und erschreckten beim Anblick der verwitterten Gesichter. Es war ein düsterer Winter ins Land gekommen. Die aus den Dörfern kehrten einzeln heim. Am frühen Morgen und um Mitternacht kamen sie packbelaöen in den schweren Stiefeln über die Bergwege gegangen. Alles war verschneit. Wer die Höhe erreicht hatte, sah die Heimat zu Füßen liegen. Bärtige Männer sanken in die Knie und weinten. * * * (Fortsetzung folgt.) Aus dem Buche: Biblisch-kalmudische Medizin. Von Dr. Julius Preuß s. 31. Am 21. Ellul sind es 20 Jahre, daß ein Frommer in Israel, Sanitätsrat Dr. Julius Preuß aus Berlin, im frühen Alter dahinging. Er ist gewissermaßen als Opfer feiner Liebe zur jüdischen Wissenschaft gestorben. Religiös ein felsmade-man, hat er, neben aufreibender Berufsarbeit als Arzt, sich die Erforschung unserer religiösen Quellen auf ihren medizinischen Gehalt zum Ideal gesetzt, zu der er sich die sprachlich wissenschaftliche Vorbildung erst durch späte Eigenarbsit nmerben mußte. Das Ergebnis seiner Studien legte er in dem im Titel genannten klassischen Werke nieder, das erschöpfend das ganze Spezialgebiet zusammenfaßt und als vorbildlich für die exakte, treue Bearbeitung eines Sonderbezirks der jüdischen Altertumswissenschaft gelten kann. Einige Zitate aus den ersten Blättern sollen zu seinem Gedächtnis hier abgedruckt werden: Man hat von meinen früheren Arbeiten gesagt, sie feien „kühl bis ans Herz hinan" und ihnen diese Eigenschaft zum Vorwurf gemacht. Ich hoffe und wünsche, baß man von diesem Buche dasselbe sagen kann. Freilich kann man bei keiner Arbeit auf die Dauer der Liebe entraten, freilich hat auch mich die Zuneigung zur Sache niemals verlassen — ich hätte sonst wahrlich nicht mehr als zwanzig Jahre hindurch alle Mußestunden, die der ärztliche Berus mir ließ, diesen Studien gewidmet — aber niemals habe ich die Lehre des R. Schimeon den Elazar aus den Augen verloren, daß' „die Liebe die gerade Linie krumm macht", das klare Urteil trübt. Diese Leidenschaftslosigkeit und stete Skepsis ist wohl einer der Gründe, weshalb ich selbst vieles nicht verstanden habe, was meinen Vorgängern völlig klar war, daß ich nur zu einem non liquet komme, wo andere mit großer Sicherheit eine Entscheidung treffen zu können glaubten. Auch von mir kann ich nur sagen, was einst Rubin a in weiser Resignation von sich meinte: „Ich bin kein Seher (der durch höhere Inspiration die Wahrheit schaut), und kein Weiser (der sie durch eigenen Scharfsinn ermittelt) — bin nur ein Sammler und Ordner." Die Bibel wird von der Mehrzahl derer, die sich mit ihr beschäftigen, als Religronsbuch, nicht als historische Urkunde gelesen. Dem gläubigen Gemüt miderstrebt es, Anschauungen anzutressen, die unseren heutigen Meinungen widersprechen, und es sucht durch Hineintragen moderner Auffassungen die entgegenstehenüen Aussprüche zu erklären und zu rechtfertigen. Der Ungläubige andrerseits ergreift die willkommene Gelegenheit, gerade durch Betonung der Disharmonie einzelner biblischer und moderner Anschauungen die g'ttliche Abstammung der heiligen Schrift zu diskreditieren. So entstehen die Klassen der Apologeten und der Spötter. Für historische Untersuchungen haben aber religiöse Empfindungen vollkommen aus Sem Spiel z u bleiben, nur die Tatsachen haben zu reden, und wo die Quellen zu sparsam fließen, um ein klares Bild zu ermöglichen, und man durch Verrnutungen eine Verbindung herzustellen gezwungen ist, da soll man nicht das Produkt des eigenen Geistes für historische Ueberlieferung ausgeben. Uebrigens fehlt zur Apologie sowohl, wie zur Widerlegung jeder Grund; dazu müßte man doch von der Voraussetzung ausgehen, daß unsere jeweiligen Anschauungen in jeder Einzelheit die unwandelbare, absolute Wahrheit repräsentieren! Es ist ebenso töricht, den Aerzten der talmudischen Zeit einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie den Augenspiegel nicht benutzten, als mit scholastischer Findigkeit den Beweis für ihre Bekanntschaft mit den Bakterien aus gelegentlichen Aeußerungen über dämonische Einflüsse (mazziqin) herleiten zu wollen. In der Methodik des Arbeitens kann man zwei Gruppen unterscheiden: die einen, die Theoretiker (Vuchgelehrten), wie R. Joch an an, der, als man ihn bittet, die Lage des Nierenfettes zu demonstrieren, antwortet: ich bin kein Fleischer und auch nicht unter Fleischern ausgewachsen; so und so habe ich gehört. Die anderen, Naturwissenschaftler im modernen Sinne, die die Tatsachen am Objekt studieren, wie Nab, der 18 Monate bei einem Hirten zubringt, um die Augenkrankheiten bei Tieren aus eigener Anschauung kennen zu lernen, oder wie die Schüler des R. I s m a e l, die die Sektion einer Prostituierten ausführen. Manche heißen direkt askan bedewarim, Experimentator. So R. Simon ben E h a l a p h t h a , der, um. den R. Iehuda zu überzeugen, daß ein gerupfter Vogel nicht sterben müsse, eine Henne rupft, in einen Ofen setzt und mit einem Schmiedschurz zudeckt, mit dem Erfolge, daß dem Tiere ein dichteres Gefieder wieder wächst wie das frühere. So experimentiert R. A f f a mit Rabenküchlein und R. Simon mit einer dukiphath (Auerhahn). Auch Versuche mit Ameisen werden erwähnt. Wahrscheinlich ist, daß auch in den jüdischen Hochschulen medizinische Dinge besprochen wurden, wenn auch nicht in systematischen Kursen, wie an unseren Universitäten, schon weil sie zum Verständnis und zur Anwendung des Gesetzes erforderlich waren und von jedem Richter eine Vertrautheit mit aller Wissenschaft, auch mit der Heilkunde, verlangt wurde. So erläutert (darasch) R. Iochanan das Mittel gegen caphdina, das er von einer römischen Dame erfahren, im Sabbatvortrag, pirqa, im Lehrhause. So bespricht Rabba ein von ihm kombiniertes Unwersalpflaster im Lehrhause zu Machoza. Darum kann sich auch der Kaiser Auto n i n von R. I e h u d a einen seiner Schüler kommen lassen, als einer der kaiserlichen Diener schwer krank und dem Tode nahe ist. Eine Kultur, die in voller Blüte gestanden, vergeht nicht ... So sind auch sicherlich die ärztlichen Lehren, die die Juden selbst geschaffen oder von Fremden entlehnt haben, an der Nachwelt nicht spurlos vorübergegangen. Kirchenväter und Mönche waren Schüler von Juden, zahlreiche talmudkundige Juden waren Aerzte mit nichtjüdischer Hörerschar. Es ist gewiß kein Zufall, daß bei den großen arabischen Aerzten, bei A v t c e n n a und Abulcasem, die Zahl der Glieder des menschlichen Körpers ohne galenisches Vorbild, aber in Uebereinstimmung mit der Mischna, auf 248 ungegeben wird, kein Zufall, wenn ein talmudisches Rezept zur Behandlung des Gehirnwurms im gothaischen Arzneibuch wieder auftaucht, kein Zufall, wenn die Erzählung von den weißen Kindern eines Mohrenkönigs, die man bis in, das vorige Jahrhundert hinein bei vielen Schriftstellern findet, am frühesten im Midrasch nachzuweisen ist. Freilich sind dies alles nur Indizienbeweise, wenn auch sehr schwerwiegende, für die Entlehnung: nur selten wird es möglich sein, den Zusammenhang so sicher nachzuweisen wie in dem'Falle eines vor der Verfolgung aus Rußland nach Amerika geflüchteten Juden, der, nachdem ihn ein Arzt wegen Harnverhaltung mit Digitalis mißhandelt hat, einem im Talmud sich findenden Rate folgend, sich mit promptester Wirkung ein lebendes Infekt in die Harnröhre fetzt. Die Juden hatten ja ganz besondere Gelegenheit, ihre Wissenschaft in alle Teile der Erde zu tragen; gab es doch kaum einen Fleck, in den sie nicht in meist unfreiwilliger Wanderschaft gedrungen sind. Im Inseratenteil unserer heutigen Ausgabe bietet die Firma Wittwe Hassan (Inhaber Mayer u. Sommer) ihren bekannt guten Kaffee an. Unsere Leser werden sichern gern zur Erhöhung der Festesfreude von diesem Angebot Gebrauch machen und bei.ihrem Einkauf daran denken, daß auch nach Ausgang des Jaum-Kippur nichts so belebend wirkt, als eine Tasse Hassan-Kaffee. (Siehe Inserat.)