Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1933)
- Date
- 1933-09-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Heimkehr — und was dann? Von Karl Darmstädter. (Fortsetzung.) SW! Nora weiß sich keinen Rat ' mehr. UTirjam, nimm mich auf bei Dir. Bitte Deine Litern. Ich halte es nicht mehr aus in dieser Stadt. Warum muß ich alles Schreckliche sehen und erleben? Seit unser Junge hier vermißt ist, ist alles schwarz und düster im Hause. Ich wage es nicht, den guten Leuten ein freundliches Wort zu sagen. Ich habe Angst, irgendein Schrei, ein irrer Schrei der Verzweiflung ist die Antwort. Ls ist feige, fortzugehen. Aber ich kann nicht mehr. Ich hungere, was haben wir denn? Aber das wäre nicht das Schlimmste. Gestern kamen sie wieder. Reben uns schlug eine Bombe ein. Nachher trugen sie zwei Kinder, blühende Kinder, mit zerfetzten Beinen weg. Wein G'tt, warum ist das möglich? Warum darf das sein, wem haben die armen Kinder etwas getan? Ich-ertrage es nicht mehr. Bitte die Litern, sie sollen mich eine Zeitlang zu Luch kommen lassen, sonst breche ich zusammen. Ich habe doch niemand, Du weißt es. Keinen, der mir — außer Dir — etwas Gutes gibt, etwas Gutes sagt. Ich weiß, wie schwer es Dir ums Herz ist. Aber vielleicht ist es auch gut, wenn Du nicht allein bist. Auch Du tust zuviel. Ich helfe Dir. Deine Nora. -b „Was ist mit Dir, Mirjam? Du siehst nicht aus, wie ich es haben möchte!" sagt Herbert, als er einen Schabbos lang daheim ist. Er erschrickt. Aber er beherrscht sich. Soll er ihr, soll er anderen das Herz schwer machen. Cs ist eine Zeit, wo man vieles mit sich allein durchkämpfen muß. Nur Nora sagt er einmal (er weiß ja, wie die zwei Menschenkinder aneinander gebunden sind), „sorge Du mir ein wenig, daß Mirjam sich nicht zuviel zumütet." Cs ist eine merkwürdige Unruhe in ihm. Aber da ist der Ruf. Der Ruf sagt: Roch einmal hinaus. Roch einmal hinaus. Roch einmal steht er Städte und Dörfer, Berge und Wälder, Flüsse und Ruhelager, die er gekannt hat, als der Krieg noch anders war. Aber jetzt geht es durch die Städte und Dörfer zurück,hdie. Berge verschwinden im Westen, atemlosgehetzt setzen sie über Flüsse, suchen sie Wege, wo keine Find. Äch gibt kÄne .Ruhelagers mehr) es-gibt keine Stellungen mehr. Auf Friedhöfen hinter 'Grabmälern, die wie Schwerter drohend aus der Lröe. ragen, bauen sie Maschinengewehre auf. Wie wenn man wild gewordene Bienen, Wespenschwärme, abwehren will, suchen sie verzweifelt, sich zu wehren gegen all das» was von oben und unten, von rechts und links auf sie einöringt. Da, eines Tages wird es still, es ist -eine furchtbare Stille'. Gibt es keine Geschosse und Geschütze mehr? Mit dem Fernglas sehen sie vor sich, noch einmal vor sich, Menschen, Menschen wie sie selber, Menschen, die den Krieg überlebt haben.' Und noch einmal ,ehe sie geduckt und gebeugt, Scham und Zorn im Herzen, -— aber sie wissen nicht recht, vor wen: sse sich schämen, wem sie zürnen sollen, — rückwärts marschieren. Sie richten sich hoch aus, recken sich, von geheimnisvollen Lebensströmen geschwellt, hoch empor, senden noch einmal Blicke nach dem Lande, das nun vier Jahre lang gepeitscht worden ist mit der Geisel des Krieges. Und als im nebligen, dämmrigen Grau des Rovemberabenös die Linien der Berge und Wälder verblassen, wenden sie sich langsam um, die Blicke nach Osten gerichtet, und. der Rückmarsch beginnt. * * * Jetzt versinken die Pappelalleen im Rovembergrau. Reber den Strom ziehen sie in endlosen Kolonnen. Irgendwo bleibt eine Wüste, Einöde, ein totes Land, tote Menschheit zurück. Der Krieg ist zu Lnde. Jahrelang haben sie in ihren Linsamkeiten gegrübelt über den Sinn und die Sinnlosigkeit des Lebens, bis sie des Grübelns müde wurden und, gleichgültig gegen alles, — nur Friede! — dahinvegetierten wie Tiere. Jetzt atmen sie in der freieren, nicht mehr todesschwangeren Lust der Heimat auf. Aber, und so geht es auch dem Unteroffizier Herbert Lergheimer, vor vielen dehnen sich jetzt noch einmal alle die Jahre und Monate, und am fernen Horizont scheint es, wie auf der weißen Fläche der Filmleinwand, vorüberzuziehen: Gräben und Drahtverhau, Patrouille und Angriff, Kanieraden und Tod und zerrissene Glieder, Schmutzigsein, Verlaustsein, verdammtsein zu ewigem Höhlenleben in fremder Lrdc. Wozu? Warum das alles? — Ach, was, Herbert Berghcimer fährt sich über Stirn. und Augen, als wolle er, jetzt auf dem Rückmärsche, beseitigen, wegwiscken, was keine Ruhe ließ und bohrte Tag und Rächt. Roch ist alles zu nahe, es wird, so empfindet eres einen kurzen Augenblick lang, der Dag komnren, wo wir alles noch einmal schänen, wo wir reden werden, wenn die meisten schon zu vergessen begonnen haben. Dann werden wir vom Kriege sprechen . . . Cr ist freilich noch kein anderer geworden, seit er Unterstand und Granattrichtcr mit seinen Gruppen verlassen hat und nun, auf dem Rücknrarsch, im kleinen Lahndorf, im Ouartier liegt. Auf ihm lastet die Wucht des Erlebten. Fremd ist alles, was ihn umfängt. Ferne die freundlichen Stimmen seiner Gastleute, die glücklich sind, einem solchen Schabbosgast Chre erweisen zu dürfen. Ihr Junge ist noch fort. Roch ist Sorgen und Bangen bei ihnen. Wenn er einmal die Schwelle überschritten, das pfostenwort, die alte Mesuso, geküßt haben wird, dann wollen sie aufhören, Tehillim, die Kriegspsalmen, zu sagen. Vielleicht kann man doch auch wieder einmal froh sein, sagt am Freitagabend der Mann, wenn er allein von Schul heimköMMt, zu seiner Frau. Der Gast erinnert sie an ihren Jungen. Ist er nicht auch so still, so grüblerisch, so wortkarg? ' Am Freitag Mittag ist die Truppe, bei der Herbert Lergheimer ist, ins Dorf gekommen. Dankbar hat er es begrüßt, zu jüdischen Menschen zu kommen, Schabbos wieder einmal in jüdischem Hause zu verbringen. Wann war das zum letzten Mal? . '«»Wieder fliegen die Gedanken zurück ... * * * Neun Männer, ein paar Alte, ein paar Buben, stehen vor dem S^nagogengarten und warten. Cs ist immer noch einer gekommen. Und wenn es irgend ein unerwarteter Fremder war, der,mit der Aussicht kam, wieder.einmal etwas anderes zu essen, als nur Kriegsbrot und Rüben. Fast scheint cs, als warte man heute' nur auf den Soldaten Herbert Bergheimcr, als könne kein anderer das Sabbatlied mitsingen, als der, der heimzieht aus dem Krieg, dem Frieden entgegen. Am Vorbeterpult steht ein gebeugter alter Manu. Cr singt, so gut er es eben kann. Cs wird auch einmal wieder einer da stehen, der in gewohnter Weise die alten Melodien wiedergeben kann. Die andern, summen halblaut mit. Cs ist wie daheim. Schließt man die Augen, ist ein anderes Dorf, ein anderes G'tteshaus vor ihm. Wars nicht auch daheim immer so, daß sie langsam an der Gassenecke zusammenkamen, von draußen an der Wiese, der eine vom Berg, der andere vom Hinterdorf? — — — Cs fehlen noch drei Mann. Sie haben Zeit. Der alte Pfarrer, das war vor langer, langer Zeit freilich, als man friedlich bcisammenlcbtc, — der kennt die Bräuche. „Sie kommen wieder nicht bei, Herr' Vorsteher. Sie haben Ihre Mühe!" — „Cs macht nichts, Herr Pfarrer. Die Kirchenuhr hat noch nicht geschlagen. Und wenn sie nicht kommen, warfen wir noch ein bissel und holen sie. Man muß alle möglichen Künste anwenden, Herr Pfarrer, um die Schäflem zusammmzubekommen." Der Pfarrer nickt und lächelt. Einmal hat er am Sonntag vor seinen Bauern gepredigt von den Juden, die Abend um Abend im Dorf Zusammenkommen, um ihren regelmäßigen G'ttesdienst abzuhalten. „Ich weiß," hat ec später einmal zu Herberts Vater gesagt, „ganz so ists auch nicht. Und die Frommen und die Neumodischen hats überall. Man tut, .was man kann." Da war noch kein Haß da. — — -—- Aber was ist denn? Wo bin ich denn? Beinahe merkte Herbert nicht, wie sich die andern alle umdrehen. „Komm' in Frieden". Wenn man das nur könnte, den Frieden den Menscheir aufzwingen, den Sabbatfrieöen, der keine Wunden hinterläßt, nichts von Gewalt und Rachsucht und Vergeltung in sich trägt. „Warum läßt Du, G'tt, Kriege zu unter den Menschenkindern?" Diese Frage habe Moscheh einst an G'tt gerichtet, so las Herbert einmal. Aber die Antwort, die G'tt gibt, — ä damit der Frieden einst noch viel größer werde" — gibt nur neue Rätsel auf. Unbekannte Menschen sagen „Gut Schabbos" zu ihm. Den Hausherrn begleitet er, und dann sitzt er, schüchtern beinahe in der armseligen, verblichenen Uniform, an der weißen Tafel. Ls ist alles so unwahrscheinlich. Man muß sich dann und wann einen Ruck geben, sich betasten, ob man nicht irgendwo neben toten Menschen in rissiger Crde liegt oder in windoffener Scheune friert. Am Schabbosmorgen hat er ein seltsames Lrlebnis. Nie in den vier Jahren, nicht ein einziges Mal ist er mit jüdischen Kameraden des eigenen Dorfes zusammengekommen. Bekannte aus der nahen Stadt sah er bei einem Iomkippurg'ttesdienfl, als sie in einer halbzerschossenen Kirche beisammenstanden. Doch —, in einer verregneten Oktobernacht, das Wasser troff an i&en Mänteln hinunter, lösen sie ein anderes Regiment im Graben ab. Cr wußtef einer vom Dorf ist dabei. — „Welche Kompanie seid ihr?" — ,'9. Kompanie". — „Ist der Berlinger bei euch?" — „Der- Iud — der Jakob," verbessert sich rasch der, der es gesagt -hatte, — „ja, der hat die Woch' erscht 's L. K. kriegt, da hinten muß er gleich kommen?" Der Graben war eng, an den nassen Wänden bröckelte die weiße Lröe ab. Sie reichten sich einander die Hände, die Gesichter sahen sie kaum. Es war Moze Schabbos, Sabbatansgang. An..ein Stehenbleiben war nicht zu denken. Die andern Gruppen drängten nach. „Gut woch', Herbert, daheim wars schöner!" „Gut Woch' und gut Jahr, schreib Grüße heim und bleib gesund. Auf Wiedersehen!" — Weiter. Lin paar Wochen später sagten sie schon das Kaddifchgcbct an seinem Grab . , Wer ist das, da vorn? Gibt es denn seltsame Verknüpfungen?-- — Werden Gedanken, die eben da waren, im nächsten Augenblick zur Wirklichkeit? Das ist kein anderer — Herbert gibt sich einen Ruck, wird verlegen, richtet fragende Augen auf ihn.