Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1933)
- Date
- 1933-09-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 36 Der Israelit 7. September 1933 der zurückkommt. Sie weif; nachher nicht mehr, wie die Stunden vorübergegangen sind. Endlich darf sie aufatmen. Es war ein Mißverständnis. Herbert ist krank. Kein Wunder. Drei Wochen im Wasser. Kaum warmes Essen, kaum ein Lager zum Schlafen. „Das hält kein Gaul aus," sagen die Landser. — „Sei doch kein Simpel, meid' dich krank. Für was denn alles. Andere haben zu fressen und zu saufen. Wir können verr.Jede Rächt schanzen. Brot mit Marmelade. Dörrgemüse . . . Wenn i emol ein am Krage verwisch . . ." So geht's. Es ist nicht so bös' gemeint, sie tun doch ihre Pflicht, wenn es auch im Innern da und dort kocht und gärt . . . Eine ganze Weile sieht er von all dem gar nichts. Weißes Bett, weiße Säle, Schwestern. Ruhe und Schlaf. Fährt außen ein Schnellzug plötzlich vorbei, schrickt er zusammen. Granaten? Aber es geht bald wieder einigermaßen. Gerichtsdienst in einem Gefangenenlager. Irgendwo in einem Flußtal marschiert ec durch die herbstliche klare Landschaft, die Vogelbeeren leuchten am Weg, hinauf zu einem Berglager. Im Süden liegt die Kette der Schneeberge. Cs ist strenge Luft da oben. Der Dienst ist nicht zu schwer. Auch wieder Schabbos, auch wieder Freitag-Äbend gibt es. Wenn draußen der Schnee sich meterhoch häuft, wenn über die Ruffcngräber — wer wird sie jemals aus ihrer Heimat aufsuchen — die Stürme heulen, sitzt er bet dem älteren Kameraden, sonst parnes der kleinen Kchillo. Sie „lernen". Es ist wieder eine Zeit zum Ruhigwecden. Aber die Gedanken wollen nicht ruhig sein. Sie schauen jetzt tiefer hinein in die Verwicklungen der Welt und wollen wissen, was ist. Was haben die armen frierenden Menschen, hier, und in England und in Frankreich und in Rußland, und wo sie überall sein mögen, eingespecct hinter ihren Stacheldrähten, denn getan, daß sie aus dem Licht, der Sonne ihrer Heimat fortmußten und nun in Holzbarackcn hausen, durch die der Schnee dringt und eisig kalter Rordwind bläst? In Käfigen, immer eine Gewehrmündung vor dem Gesicht, Kben sie stumpf dahin. Schon versuchen Menschen, all das Elend in Büchern zu schildern, schon liest man, ist auch kein Ende zu sehen, von den willenlosen Geschöpfen, die eingespannt sind in das Räderwerk eines gewaltigen Geschehens, bei dem alle aufsteigen, siegen, jubeln, ein herrliches Bild der Zukunft schauen möchten, und bei dem doch Millionen zermalmt, zerfetzt, verschlungen, bei dem doch so viele Wünsche, so viele Sehnsüchte, so viele Träume vergeblich fein werden. * * Heimatliche Stadt. Grabengewirr, Verwüstung, Tag für Tag einander gegenüberliegen, das gibt es hier nicht. Aber der Krieg schweigt auch da nicht, schreit auch da unbarmherzig in das Leben welker Greise und spielender Kinder hinein. Das Schakalengeheul unsichtbarer Sirenen zerreißt die Stille der Rächt, den Schlaf der Menschen in tausend Fetzen. Hinter verhängten Fenstern kleiden sie sich todmüde hastig an, nehmen den Kleinsten die Süße ihres lächelndes Schlafes und berauben sie ihrer sonnigsten Träume. Maschinen, grauenhafte Nachtvögel, fliegen hin und her über der Stadt. Im Scheine des Mondes treten die Ecken und Kanten der Häuser, die gradlinigen Straßen, die hohen Türme und Kuppeln mit scharf umrissenen Konturen deutlich hervor. Wie in großen Wartesälen Menschen lange Stunden hindurch auf ihre Rachtzügc warten, so hocken sie in den Kellern. Schweigend, frierend, willenlos, vornübergobückt, man weiß nicht, wachen sie oder schlafen sie. Wie Auswandererfrauen, die in den Hafenhallen hinstieren auf ihre Bündel und Kasten, das Jüngste in Decken eingehüllt und noch ein paar Aeltere um sie herum, so haben die Mütter ihre Kleinsten in Kissen und Tücher gehüllt und hüten sie sorgsam. Zittrige Greise tasten sich langsam in die Kellernacht hinab. Sic wissen nicht viel zu sagen. Dben in der Straße pfeift es in atemraubenöem Sausen. Wie von einem (Opferaltar dampft eine dichte Wolke empor. In ihrer Hülle ist ein teuflischer Tanz von Zerstörung und Verwüstung, von Feuer und Brand, von Jammer und Not. Die Sirene bringt auf einmal eine frohe Unruhe in die muffige, beengende Kellereinsamkeit. Der entsteigen sie wieder alle, Männer und müde Frauen, weinerliche Kinder- und Alte, die kaum mehr gehen können. Indessen durchsuchen sie mit Lichtern fiebrig, hastig ein verschüttetes Haus und spüren die Krallen des Todes in ihrer Rähe. Irgendwo in der Ferne hört man Abwehrgeschütze. Der Mond verkriecht sich hinter Hellen Wolken. (Fortsetzung folgt.) Glückwunsch- Inserate für mpn Größe 2 Größe 1 Größe 3 Mark 6.- Die Beträge wolle man auf Postscheckkonto Nr. 19 802 überweisen, den Text durch Postkarte emsenden. Texte, die bis zum 16. September in unserem Besitze sind, werden in der Rosch-ha-schono- Nummer. später eintreffende in der darauffolgenden veröffentlicht. Jranksiirl a, Al. Die Anzeigen-Verwaltung des Israelit a * w S< - x. - - XX: Sammelinseral Ablösung für Erez Jisroel. Wer seine Glückwünsche zu Gunsten von Erez Jisroel a b z u l ö s e n und keine Anzeige zu veröffentlichen wünscht, wolle dem ngch Belieben sestzusetzenden Ablösungsüetrag eine Gebühr von 1.50 Mark für die Veröffentlichung von Namen und Wohnort im Sammelinserat beifügen. Höhen am Genfer See. - IV. —— -. ----- - Bex. Dieses etwas harte Wort bedeutet für uns längst nicht mehr das oberhalb des Genfersees idyllisch ins schimmernde Grün gebettete Städtchen des Waadtlandes, es ist schon mehr ein Fels, ein Block in die Alpenlandschaft hineingebaut, daß sich junge jüdische Menschenpflanzen an ihm hochranken. Bex bedeutet für uns Dr. M. Ascher, der hier seit Jahren (früher in Neuchatel) sein Pensionat und Internat leitet, ein Mann, der in unverwüstlicher Jugendlichkeit, mit Liebe und philosophischer Abgeklärtheit am Werke ist, jugendliche Menschen im entscheidenden Alter im Judentum zu verwurzeln, ohne sich von Menschen und Moden, Meinungen und Methoden in der Arbeit stören zu lassen. Und Mancheiner und Mancheine, die heute in Paris oder London, in Deutschland oder in Amerika sich in erhöhter Lebensstellung auch ihr inneres jüdisches Glück erhalten haben, denken voll dankbarer Verehrung an B e x - les - Bains als an die Wiege ihrer Bildung und Gesinnung und an „den Mann von Bex" als den Wegbereiter ihrer Zukunft zurück. In diesem heute wie immer vollbesetzten Erziehungsheime für Knochen und Mädchen können nach Lage der Dinge nicht, wie in Montreux, gleichgestimmte Seelen auf dem Eingeleise der Gemoro von fester Hand zusammengehalten werden. Dafür ist die Zusammensetzung zu heterogen. Die Kinder kommen aus verschiedenen Ländern, aus verschiedenem Milieu, mit verschiedener Vorbildung und Einstellung, aus gut und auch weniger gutjüdischen Häusern. Eine Schülergemeinde, die eine Gemeinde von kleinen Einzelpersönlichkeiten ist. Hier muß die Kunst der individuellen Behandlung, die Kleinkunst der aus das Detail berechneten .Schleifarbeit geleistet werden, ohne die Einzelzüge und Striche zu einem Gesamtbilde zusammenfügen zu wollen. Aber gerade darin liegt die Eigenart und der Eigenwert von Bex. Und daß es auch hier bei alldem möglich ist, daß täglich gut und gründlich gelernt wird, daß bei regelmäßigen G'ttesdienften sich die ganze Schülergemeinde findet, daß eine sabbatliche Tafel alle sabbatlich stimme und eine, ist die eigene Kunst des Leiters. Wir finden am Sonntag morgen die weiten Räume des Pensionats wie leergebvannt, denn die jungen Menschen sind nach einer Woche der Arbeit und einem Sabbat voll geistiger Anregungen unter treuer Obhut in die Berge hinausgewandert. Der Hauch der frischen Jugendlichkeit ist geblieben, weht uns aus allen Ecken des Hauses an. Hübsch und anmutig, blumig und duftig die Räume in der Mädchenabtellung, einfach und sachlich, aus den nüchternen harten Ton der Zeit gestimmt die Schlasräume der Jungens. Eine kleine, sorglich gepflegte Landwirtschaft umrahmt das Haus, eine richtige Siedlung mit Wiese, Fruchtbäumen und Gemüsegärten, mit Pferden, Hühnern, Gänsen und Enten. Den braungebrannten jungen Menschen in der grünen Joppe, der uns mit dem Landauer an der Bahn abholt und die Pferde so stramm im Zügel hat, als hätte er nie in seinem Leben etwas anderes getan, erkennen wir erst nach einiger Zeit als einen der besten aus unserer Frankfurter Jugend. Eine höhere Hachschara. Diese „Landwirtschaft" bildet die Sarge Uttd die Hoffnung des Leiters, über die freilich -die Akten noch nicht geschlossen sind. Es sollte daraus eine Art „Hochschule für jüdische Bodenkultur", eine h ö - Here Hachschara werden. In einer eigenen Broschüre als „Beitrag zur Ueberwindung der Krisen" <A. I. Hofrnann, Frankfurt a. M.) finden wir einen in allen Einzelheiten ausgearbeiteten Lehrplan, der Chemie und Physik, Botanik und Zoologie, Geologie und Agronomie, auch Garten- und Weinbau, Baum- und Waldkultur, Vieh-, Geflügel- und Bienenzucht, Milchwirtschaft und Umgang mit Ackerbaumaschinen umsaht. All das umgeben von einem Kranze jüdischer Disziplinen, die sich in der Hauptsache auf die an den Boden gebundenen Thoragesetze und Talmudlehren beziehen. Es sind, wie man sieht, weit gesteckte Ziele, zu denen vorerst nur ein kleiner vorsichtiger Schritt gemacht ist. Immerhin: In den Gärten reift das Gemüse und -erzählen Rosen und Blumen von Händen, die kundig im Gartenbau sind. Die Aeste ächzen unter der Last der halbreifen Frucht. Im Hühnerhause gackern und brüten die Zuchthühner, -im Gehege schnattern die Gänse und Enten und im Stalle die Kuh macht Muh, Muh . . . Einige, freilich noch sehr Wenige junge Menschen des Institutes arbeiten unter Anleitung eines Fachmannes im Stall und Garten mit jenem Eifer, wie man ihn heute in allen Hachscharafarmen, wo die Liebe der Ahnen zur Landwirtschaft und Viehzucht nach tausend Jahren im Blute der späten Nachkommen erwacht ist, beobachten kann. All dieses find wohl nur kleine Ansätze, aber sie zeigen, daß auch den Plänen des Leiters, so theoretisch und weitgespannt sie im ersten Augenblick anmuten, das Motto vorangestellt werden kann: „Und wenn ihr wollt, ist es kein Märchen! . . ." Am Nachmittag fahren wir wieder an den See hinunter. Zwischen Ouisisana oben (Jeschiwah) und der Villa Bella am Hang (Wohnung des Rebben) ist Großbetrieb. Das ganze Gelände ist von den „Botschkos" (Sammelname für alle Jeschlwahbewohner bis zum kleinsten Ferienjungen), annektiert und besetzt. Ist wieder -ein Gast da? Ja, unser Dr. Deutschländer war auf einen Sprung hergekommen und hatte natürlich in der Jeschiwah einen Vortrag gehalten. Er wird jetzt im Triumph von der ganzen Corona den Berg hinunterbegleitet ... Von unten, der Landung her, wird eine neue Kolonne sichtbar: eine Schar junger „Franzosen", das leichte Gepäck geschultert, ist eben mit ihrem Führer angekommen und steigt den Hügel hinauf. Pfadfinder, die über Berg und Wasser, den Weg zu Quelle fanden. Drei Monate wollen sie hier bleiben und lernen. Sie werden auf der Veranda mit warmem Tee und noch wärmeren Reden begrüßt. Es rattern die schönen Wagen der Berner Oberlandbahn an uns vorbei in die Höhe hinauf, weiße schlanke Schisse geben -Signale und fauchen nach Genf hinunter. Der verhältnismäßig kleine Raum auf und zwischen den Bergen am See ist von regem bunten Leben öurchrauscht. Und mitten in der unvergleichlich schönen Landschaft hat auch ein Strom reinen, klaren -jüdischen Lebens — er flieht in Windungen von Bex über Montreux nach Clärens — sein schönes Bett gefunden. —tz.