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Der Israelit · 1933-09-07 · Heft 36 (7.9.1933) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 36 (7.9.1933)
Date
1933-09-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Jeuilletoit, Nl.ZH 1 m Heimkehr — und was dann? Von Karl Darmstädler. (Fortsetzung.) Cs ist Uacht, Herbert hat keine Ruhe. Cr sttzt in seiner Höhlenwohnung, droben hört man Mineneinschläge, die Worte des Kameraden geben ihm den Stoff für den Brief, den er jetzt schreiben will an den fernen Freund. „Mein Lieber! Ich will Dir heute einen Brief der Erinnerung schreiben. Im Schabbosgeplauder mit einem lieben Kerl, aber einem Jungen» wie wir sie von der Universität her noch allzugut im Gedächtnis haben, flogen die Gedanken zurück . . . Draußen ist's nicht schön. Jeden Augenblick können wir raus müssen. Trotzdem . . . Wir saßen, erinnerst Du Dich» es war ein Jahr vor all diesen Ereignissen, am Nachmittag bei dem Raw. Dft sprach er in der geheimnisvollen Stunde des zu Ende dämmernden Schabbos zu uns von den Dingen des jüdischen Lebens. Ein Lied dazwischen. Eine uralte Melodie. Auch einmal ein fröhliches Wort. Dann wieder ein „Wörtel". Und wieder ein Schreiten durch den stillen Garten, meistens war er mitten unter uns. An jenem Tage sprach er über den heiligen Sabbat selbst. Ueber Dneg Schabbos, die Weihe des Tages, die Schönheit des Tages, die Ruhe des Tages. Wie kann man es überhaupt übersetzeir? Er sagte viel von dem Schweren des Schabboshaltens. Neulich -dachte ich schon einmal an jene Stunde, als in einem jener Feldbriefe, die der Frankfurter Verein uns Woche um Woche sendet, von unserem Schabbos im Felde, in den Gräben, die Rede war ... Ich weiß noch die Worte, die der Lehrer gebrauchte: „Ls wird," sagte -er, „vielleicht eine Zeit kommen^- wo Ihr alle gezwungen sein werdet, das Köstliche dieses Tages zu entbehren. Was könnt Ihr, Iisroelkinder, tun, wenn die Völker zum Kriege rüsten und. Ihr auch am Schabbos die Waffen des Todes im. Dienste für Euer Vaterland in die -Hand nehmen müßt? Aber ich bin überzeugt, je größer die Ferne vom Schabbos für Luch sein wird, um so näher werdet Ihr ihm kommen, und mit Euch Tausende, die erst dann seine Schönheit begreifen werden. Ja," fuhr er fort, „vielleicht werden die Menschen'einmal, nach 'furchtbaren Leiden und Entbehrungen mehr, Ruhe, mehr Innehalten im Haften des Lebens brauchest und st-erden, mehr denn je, ihren Ruhetag feiern' und Euch die Feier des siebten Tages leichter machen, als es in der Vergangenheit der Fall war ..." Wir schwiegen. Aber Du selbst, skeptisch, wie Du immer warst, stelltest zweifelnde Fragen, lächeltest über die Art des Führers, der, wir wußten es ja alle, oft genug in allzukühnem Gedankenflug die Schwierigkeiten der irdischen Dinge beiseite schob (Du weißt noch, welche bezeichnende Hanöbewegung er oft-dabei liebte), um das Ideale der geschauten Zukunft allzu leicht auf die Erdezu zaubern. . ‘ Drr wagtest die Einrede, es könneauch anders kommen, es könne auch so fein, daß die, die noch mit einem dünnen Faden mit dem Sabbat' verbunden waren, rasch den Faden zerreißen würden, wenn eine harte Zeit sie von allem entbinde . . . -Ist es ein Wunder, daß solche Stunden jetzt wieder lebendig werden? wir haben ja die Zeit zum Grübeln, zum Nachdenken. Wenn man nicht weiß, was man mit den endlosen Stunden und Minuten anfangen soll, dann wird alles zum Bild, zum Traum, zur Rückschau und zum Ausblick. Wie! lange aber soll das noch so gehen, müden auch die wachesten Sinne . , Einmal er» Cs gibt gewaltige Bilder zu sehen. Man lernt ein neues Schauen. Wie war das doch heute wieder. Die Farben des Tages sind am Erlöschen. Aber neue Farbenquellen erschließen sich. Dunkle, grüngraue Wolken hängen am Horizont. Streifen anderer Farben zwängen sich durch das Dunkel. Zwischenhinein schießen helle.Lichtbänder. Aber alles verblaßt neben den roten Fahnen, den roten Bannern, die nebeneinander unterhalb der grauen Wolken allmählich grell und immer greller, düster und immer düsterer, aus der Dämmerung treten. Bald sind es Fahnen, bald eine Riesenwanö von purpurrotem 'Gestein, bald eine Bergkette mit roten Felsen und in -glutrotes Licht getauchte Schroffen und Jacken, Gipfel und Zinnen. Taufend Meter weg — oder waren es zweitausend oder mehr, stehen gespenstig phantastische Baumruinen, kahl vom Splitterregen der Geschosse, kahl vom Winter. Schaurig ragen sie in die Landschaft hinein und umrahmen ein dazwischen sichen gebliebenes, halbzerstörtes Haus, weit zieht sich die Ebene hin, die tote erstarrte Ebene. Da lösen sich links aus der inzwischen schärfer gewordenen .Dämmerbeleuchtung Schattenrisse los. Gebannt weilt der Blick, der eben noch auf den Farbenwogen des Geschauten ruhte, nun auf dem lebendigen Spiel. Die Dämmerstunde scheint die erscheinenden Gestalten aus der Erde hervorwachsen zu lassen, wie der Crde einst nach der Sage Menschen entstiegen, ein eisernes Geschlecht. In gemessenem Schritt folgert sie sich. Lasten auf den Schultern, Holz und Hacke, das Handwerkszeug und Baugerät der Nacht, wie ein dünner Stab ragt über der Schulter die. umgehängte Waffe ein wenig in die Höhe. In Reihen hintereinander, zum Greisen nah und doch fern, bilden sie mit dem Führer an der Spitze eine schwarze Kette, deren Glieder im Dunkeln wieder verschwinden, sobald sie, ganz rechts, einen in Dunkel gehüllten Berghang erreicht haben. Aber eine Stelle ist's, da muß jeder die Rotglut der Purpurfarben passieren; schwer umrahmt dann die lichte Farbenpracht die Vorüberschreitende Gestalt; leicht hebt.sich die winzig erscheinende schwarze Schattenfigur scharf in den Linien vom roten Hintergründe ab. Die sie von ferne sehen, -sind ergriffen, von der Schöpferkraft, die die Farben des Alls den Menschen hinwirft zu ihrem Staunen. Bewunderung hüllt sich -in Schweigen, bis die Nacht selbst hereinbricht und ihren schwarzen Vorhang vor den Favbensymphonien des Abends langsam, feierlich niederrauschen läßt. ';- Je rauher' die Tage, je härter und derber die Menschen werden, um so mehr flüchten sie.sich, Mal. um Mal,, in das Märchen, das sie -entrückt aus der Wirklichkeit: Dieser aber sind sie zu sehr verhaftet, -als daß nicht -auch in ihren Märchen es aufzucken würde vom furchtbaren Münöungsfeuer des Krieges. In -einem halbzerschossenen Kanal sitzt Herbert Bergheimer, schreibt für ein verängstigtes Menschenkind ein Ehanukkamärchen, damit stees liebkose und streichle^ wie man den liebkost, der -einem nahe ist in den Träumen und ferne ist, wenn inan erwacht. — „Hinter unseren Gräben liegt ein wundes blutendes Dorfu Man macht am. besten einen großen Bogen um das Dorf, wenn man in feine Nähe kommt. Cs ist nicht geheuer darin. Aber ich will mir einen Chanukkaleuchter bereiten. Cs ist ein Nebeltag im Dezember, und ich suche ein frierendes Haus in dem Dorfes auf. Da liegen Briefe aus Friedenstagen auf dem Tisch. Eine Ki'nderpuppe, ein kleiner Eimer zum Spielen am Sand, auf dem Boden. In meinem Tornister ist so viel Platz. In einer Tür sind Granatsplitter. Ein Stück Holz daraus wird zum Leuchter. Ich war froh, es mir geholt zu haben. Das einsame Haus mit den Briefen ans dem Tisch und der Kittdecpuppe und dem Sandeimec aus dem Boden ist jetzt in wüste Trümmer zusammengeschossen. In der dunklen Nacht sind wir an die Arbeit gegangen. Erst um Mitternacht sind wir „nach Hause" gekommen. So lang habe ich gewartet mit dem Lichteranzünden. Cs ist ein kühnes Warten. Weil man nie weiß, wie die Mitternacht -aussteht, wenn man in die schweigende Nacht hinaustappt. Am Sternenhimmel waren Tausende von großen und kleinen Chanukkahlichtern. Bald war auch im finsteren Unterstand eine frohe Helligkeit von Lichtern und Chanukkahmelodien. Auf einmal waren wieder ferne Jahre da. Der Großvater hat oben entzündet, und ein kleiner Bub steht neben ihm. Und die Schwarzamseln konnnen aus dein Schnee, Hüpfen in der Winternacht aufs Fensterbrett, und im Lichtschein der kleinen Kerzlein picken sie ihre Brosamen auf ..." Wer vier Jahre lang den Tod sieht, verlernt auch das Märchenschreiben. Verlernt es, vom Leben zu schreiben. Aber vom Tod -etwas sagen, wer das könnte. Cr liegt in einem Granattrichter, zwei endlose Sukkostage lang. Sie sind zu fünf. Cs ist zum Wahnsinnigwerden. Daheim wohnen sie in Hütten. Hätten wir nur auch Hütten. Hier wohnen müssen neben den Toten. Weißt du, wenn du vor Müdigkeit nachts umsinkst, daß es vielleicht der Rücken eines Toten -ist, der dir als Ruhelager dient? Sie können sich kaum rühren. Strecken sie die Köpfe in die Höhe, fängt drüben das Tak—tat—tat—tat des Maschinengewehrs -an. Einer stürzt vornüber in den Trichter. Kopfschuß. An. einem Schabbos-nachmittag hat Herbert Dienst im Graben. Rechts und links liegt schweres Feuer auf der Stellung. Zwischen den Einschlägen bleibt dann und wann Zeit, ein Stück Mincho zu beten ... Einmal haben sie Unterkunft ln einem alten Kanalschacht. Zwanzig, dreißig Mann. Cr hat an einenr zerbrochenen Tisch gesessen, hat gerade das schon recht schmutzig gewordene Tehillimbüchlein, die Psalmen, in der Hand. Irgend ein Einfall sagt ihm, das kannst du auch sagen, wenn du dich in die Ecke legst und dabei ausmhst. Der Unteroffizier Kappenberger bleibt am Tisch sitzen und schreibt seiner Braut. Da schlägt eine englische Geanate in den Kanalschacht ein. Steine und Balken, Dreck und Staub und Qualm, alles auf Herbert, wie aus weiter Ferne stöhnt es zu ihm hin: „<D, mein Arm! mein Arm!" — „Mein Kopf! Mein Kopf!" — Warum sagt der Unteroffizier Kappenberger nichts? — Herbert gelingt es, alle Glieder schmerzen, am Arm scheint es blutig zu sein, aus dem Gewirr herguszukormnen. wo ist meine Taschenlampe? Cr greift im Dunkel das Tehillimbüchlein. Da ist die Taschenlampe. Cr fürchtet stch beinah, Licht zu machen. Von außen kommen Sanitäter. Licht. Der Unteroffizier Kappenberger sttzt noch am Tisch. Cr ist tot. Granatsplitter, sie müssen über Herbert hinweggejagt sein, haben ihm den Schädel aufgerissen. Auf dem Tisch liegt noch sein Brief an die Braut, „wir sind noch gesund . . ." Den Uamen hat der Unteroffizier Kappenberger nicht mehr schreiben können. An dessen Stelle liegt es wie eine tiefrote Rose. Cs ist aber eine Blutlache. Blumen, die au Grabeuränderur wachse», schickt Herbert an Mirjam. Cr schreibt vom Frühling, von der Mondstchel, vom Regenbogen, der sich über die Menschen, die sich hassen — hassen sie sich? — hinwegwölbt. Zweimal darf Mirjam froh sein, froh wie ein 'Kind, bas voller Bangen, ob sein Wunsch erfüllt wird, zaghaft fragt' „Vater, darf ich mitgehcn?" — So froh ist Mirjam. Herbert ist in Urlaub. Aber diesmal sind die Tage ja nicht wie Schnecken, und im Glück, und in aller Seligkeit fließen viele Tränen, „wie lange noch?" — Und wieder fährt Herbert heimwärts. Im dritten Jahre. Cs geht ins Lazarett. Schon war Mirjam dem Wahnsinn nahe. „Vermißt" steht auf dein Brief»

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