Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1933)
- Date
- 1933-09-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450756-2450791--79852-2537648- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 Nr. 36 Der Israelit 7. September 1933 . von Nr. 35) darauf hingewiesen worden, daß beim plan-si mäßigen Ausbau eines jüdischen Schulnstzes neue Schultypen für die Vermittlung der eigentlichen höheren jüdischen Bildung geschaffen werden müßten. Neben „jüdischen Fortbildungsschulen", die die Weiterführung und Vertiefung des jüdischen Wissens für die schulentwachsene Jugend ermöglichein müßten, wäre das Projekt einer „neuen höheren jüdischen Schule" zur Ausführung zu bringen. Diese „deutsche Jeschiwah", aus erweiterter Volksschule und Jeschiwah zusammengesetzt „und von einer nicht am Hergebrachten hängenden jüdischen Pädagogik zur organischen Einheit verschmolzen" wäre zur „Schöpferin harmonisch durchgebildeter jüdischer Golusführer" berufen. Es will scheinen, als ob in jener knappen Notiz eine Antwort auf diese Forderungen erteilt wird. Zum ersten Mal wird hier der Versuch unternommen, im Nahmen einer Schule eine Abteilung für „nur jüdisch Lernende" zu errichten. Auch ohne diese Neuerung wäre die Anstalt in Burgpreppach prädestiniert, zu einem wichtigen Stützpunkt in unserem Erziehungswerk zu werden. Hat sie doch aucf), bisher auf äußerliches Berechtigungswesen verzichtet und sich die Heranbildung tüchtiger, gerade denkender Baalebattim im Sinne der alten süddeutschen Tradition zur Aufgabe gestellt. Es bedeutet eine Gnade der Vorsehung, daß eine solche Schule trotz der bis vor kurzem herrschenden Ein- » stellung der jüdischen Gesellschaft alle Krisen überwinden I konnte und uns so für diese Zeit erhalten geblieben ist. Die idyllische Lage des Städtchens in der lieblichen Landschaft Untersrankens, fernab von den. Ablenkungen der Großstadt, bietet die ideale Vorbedingung für die Erziehung einer mit der Natur verbundenen, nervenstarken Generation, die mutig die Goluslast auf ihre jungen Schultern nehmen wird. Unß daß die geistige, sittliche und berufliche Ausbildung allen Anforderungen genügt, dafür bürgt die ernste, zielbewußte Persönlichkeit des Leiters, der einen Ruf als erfahrener Pädagoge genießt und umfassende jüdische Kenntnisse mit vielseitigem Allgemeinwissen vereint. Die glückliche Verbindung von Thora im Derech-erez läßt die Schule besonders in der heutigen Zeit als die gegebene erscheinen und sie sollte überall da in Betracht gezogen werden, wo Eltern nach einer opportunen Bildungsstätte für ihre Kinder Ausschau halten. Der mäßige Pensionspreis wird sicherlich dazu beitragen, daß sie sich zu einer „Volksschule" im besten Sinne des Mortes entwickelt. .Auch der Umstand, daß auf dem Lande die Schulpflicht mit Beendigung der 7. Volksschulklasse erlischt, wird bei der heutigen Situation die Wahl von Burgpreppach empfehlen. Die mit dem 8. Schuljahr einsetzende Verpflichtung zum Besuch der Fortbildungsschule beschränkt sich nur auf einen Tag in der Woche, die übrige Zeit kann schon zur beruflichen Ausbildung oder besser noch zur Erwerbung eines gründlichen jüdischen Wissens ausgenützt werden. Unter diesem Gesichtspunkt stellt die neugegründete Abteilung eine notwendige Ergänzung der Anstalt dar. Man scheint mit Absicht den Namen „Jeschiwah" vermieden zu haben. Dieses,Abteilung für nur jüdisch Lernende" soll ja keine Konkurrenz für die bestehenden Thoralehranstalten werden, sondern so recht eigentlich die schön lange schmerzlich entbehrte Vorbereitungsschule für diese darstellen. Die Existenz' einer sülchen „Mittelschule" würde unseren Jeschiwoth und Seminaren erst die Legitimation von Hochschulen verleihen; sie hätten es dann nicht mehr nötig, sich durch mangelhaft vorgebildete Schüler zu belasten und in ihrem Prestige beeinträchtigen zu lassen. Wenn die Gründung in der wünschenswerten Weise in Anspruch genommen wird, kann sie eine große Bedeutung für die kleinen Gemeinden Süddeutschlands erlangen, die meist nur noch vom kümmerlichen Erbgut einer großen Vergangenheit zehret; der frische Strom jüdischen Lebens, der von diesem geistigen Kraftwerk nach allen Seiten hin ausstrahlen wird, könnte sie aus ihrer dumpfen Enge und Nösignation erlösen. Vielleicht sollte man an die maßgebenden Kreise mit dem Vorschlag herantreten, mit Rücksicht auf die notwendige Umschichtung dort handwerkliche und landwirtschaftliche Ausbildungsstätten zu schaffen, die sich in idealer Weise um dieses geistige Zentrum gruppieren könnten. Noch schwebt über den Gräbern der mini; von Burgpreppach ein vninn rm- Wir wünschen, daß an deren einstiger Wirkungsstätte bald neues, mit mirn nn erfülltes Leben emporwachse. Schweiz. Vom angeblichen Antisemitismus in der Schweiz. Bern, 28. Aug. Ms Folge der in der Schweiz in letzter Zeit hie und da auftretenden nationalen „Fronten" ist im Auslande der^ Eindruck entstanden, als ob in der freien Schweiz das übersteigerte Rassenbewußtsein in Mode gekommen sei, das naturgemäß in erster Linie gegen die jüdische Minderheit sich auswirke. Die Woche. Berlins Der kommissarische Bürgermeister von Rothenburg a. F. gibt bekannt: Nachdem der Schloßpark durch einstimmige Beschlüsse der städtischen Körperschaften in „Adolf Hitler-Platz" umbenannt worden ist, verbietet es sich von selbst, im Interesse der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, daß derselbe durch Nichtarier betreten wird. — Wie eine Nürnberger Zeitung mitteilt, hat Dr. R. Kummer vom Sachverständigen für Nasse Forschung im Reichsministerium des Innern den Auftrag erhalten, die Quellen der Geschichte der Juden in Deutschland, ganz besonders für das 18. und 19. Jahrhundert, zu studieren. Hamburg. Die weltberühmte kulturgeschichtliche Bibliothek Marburg, eine Gründung von Professor E. Marburg, die von der gesamten Familie Marburg unterhalten wird, und jedermann zugänglich ist, soll demnächst nach England verlegt werden. Dem Personal sind schon die Kündigungen zugegangen. Breslau. Einer Mitteilung des Städtischen Presseamtes zufolge sind auf Grund des 8 3 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums 16 jüdische Bezirksärzte entlassen worden. Aliltenb'erg. In der letzten Stadtratssitzung 'in Miltenberg wurde beschlossen, im Interesse der Ausrechterhaltung von Ruhe und Ordnung auf der Michaelismesse vom 2. bis 9. September, die im ganzen' Untermainbezirk einen hervorragenden Ruf genießt, jüdische Händler und Geschäfte nicht zuzulassen. Heidelberg. Bier ordentlichen Ho- .norarprosessoren sowie sieben außerordentlichen Professoren und Privatdozenten wurde die Lehrbefugnis auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entzogen. Prag. Professor Theodor L e s - sing hatte in seinem letzten Willen den Wunsch zum Ausdruck gebracht, inPalü st ina bestattet zu werden. Die provisorische Beisetzung Professor Lessings fand in Marienbad am 3. September in aller Stille statt. Bukarest. Die Jugendlichen Samuel K a tz und Eduard Friedmann aus Tecuci, die nach Palästina fahren und wegen Geldmangels die Reife mach Bukarest auf dem Dach eines Waggons des Jassy-Bukarester Schnellzugs machen wollten, wurden, als der Zug unter einem einem Viadukt durchfuhr, enthauptet. Warschau. Als künftiger .SSertrefer P o - lens beim Völkerbund ist der erste Legationsrat der polnischen Gesandtschaft in v Paris, Mil st e in, der sich vor kurzem mit einer. Tochterdes Pariser Baron Rothschild ' vermählt tjat, in Aussicht genommen. — Wie aus einer von der Emigratiönsabteilung des polnischen Arbeitsministeriums veröffentlichten Statistik zu ersehen ist, sind in der Zeit vom 1. Januar bis zum 15. August 1933 6500 Personen aus Polen nach Palästina ausgewandert. Es wird angenommen, daß die Zahl der Palästina-Auswanderer aus Polen bis zum Jcchresschluß 10.000 erreichen wird. Jaffa. Abraham S t a v s k y, gegen den die Untersuchung wegen Beteligung an der Ermordung Ärlo-' sorosss geführt wird, wurde am 28. August von seinem Vater und seinem Bruder im Gefängnis von Jaffa besucht. Das Wiedersehen Stavskys mit seinem Vater und feistem Bruder, das'in Gegenwart von Polizisten und einem Polizeioffizier stattfand, verlief äußerst I dramatisch. Stavsky versicherte seinem weinen- I den Vater, er sei vollkommen unschuldig.. I nHUHOBnanHannaHn Dem ist aber durchaus nicht so. Wohl haben gewisse. Gruppen unter Führung eingebürgerter deutscher Elemente, deren es in der Schweiz mehr als. .Hunderttausend gibt (davon in Zürich allein ewa 20 000) nach den bekannten Apriltagen des Boykotts, ^twas Maienlust verpürt. Es gab und gibt auch eine stattliche Zahl von echten Schweizern unter ihnen, die aus irgend einem Grunde unzufrieden, aus der normalen Bahn gedrängt. verärgert öder verarmt würden. Aber, immerhin zählen, all diese „Frönten" im ganzen Lande, bei einer Beoölkerungszahl von genau vier Mllionen, nicht über 50.00$/ Anhänger. Und' auch diese Zahl ist eher im Äbnehmen begriffen. Der Gründe gibt es sehr viele. Hier-sollen nur einige aüfgezählt werden, """ , Selbstverständlich besitzt die Schweiz für' das antisemitische Gift kein eigenes Rezept. Was aber aus Deutschland und Oesterreich hereinkommt, ist nicht gerade für den Schweizerleib nach Maß zugeschnitten. So zieht hier die Phrase von der „jüdischen" Hochfinanz, schon gar nicht. Es gibt hier KantvNalbankem Volksbanken, Eidgenössische Banken, Nationalbanken, die hier jeder Bürger genau kennt. Es mag im ganzen Lande etwa zwei oder drei jüdische Privatbanken geben„ diese aber spielen im öffentlichen Leben als Bankhäuser eine ganz unbedeutende Rolle und erfreuen sich sogar großen Ansehens. Genau so geht es mit der ,-verjudeten" Presse. Das Land ist viel zu übersichtlich, als daß man dem Volke solchen „Schreckens yon dem schädigenden Einfluß der sogenannten Judenpressekünstlich einjagen könnte. Hier kennt der Abonnent die Redakteure seines Blattes oft sogar persönlich. Er weiß, daß sie weder Juden sind, noch von Juden irgendwie abhängig sein dürften. Dies gilt gleichmäßig von der konservativen, liberalen und sozialistischen Presse. Vollends die Sprüche aus dem Talmud, die man hier vom Auslande her zu verbreiten sich bemüht, oder gar die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion", begegnen hier dem allergrößten Mißtrauen. In Basel hat man eine ganze Ladung dieser Pamphlete beschlagnahmt .und auch in Bern ist deren Verkauf bei den Frontenoersammlungen verboten worden. Ein vor aller Oefsentlichkeit stattfindender Prozeß soll schon in nächster Zeit die Unechtheit dieser Protokolle klipp und klar freilegen. Hat doch gerade in Basel der erste Zionistenkongreß getagt. Und er tagte in aller Oefsentlichkeit. Die Baseler Regierung hat selbstverständlich dem Kongreß beigewohnt und ihn sogar begrüßt. Ein eidgenössisches Postbüro war im Kongreßgebäude während der ganzen Dauer des Kongresses untergebracht. Alles ging durch die Finger eidgenössischer Beamten. Auch die Landespresse war zugegen. Man kann darüber hinaus in allen öffentlichen Bibliotheken die stenographisch sofort aufgenommenen Protokolle gedruckt lesen. Man weiß, daß das offizielle Programm der zionistischen Bewegung nur die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte (kein Machtstaatf für das jüdische Volk in Palästina erstrebt. Darüber hinaus weiß man hier im neutralen Landevom Kriege her noch viel zu gut, daß die Inden während des Weltkrieges, je nach Sprache und Heimat, sehr scharf in Parteien gegen und für die Kriegführenden sich gesondert und auf allen Schlachtfeldern pflichtgemäß und vielfach freiwillig ihr Blut und ihr Leben und nicht zuletzt ihr Eigentum hingegeben haben. Man j überschätzt hier nicht die Ereignisse, wie sie leider durch Leute wie Barmat und Bklarek, in einer ungesunden Atmosphäre entstanden, weil man hier auch- , die Namen Lahusen, Ivan Kreuger und viele anbere „einfchlägige" Prozesse kennt, die nicht zu politischen. Zwecken so .sehr ausgemünzt worden sind, wie man es der jüdischen Minderheit gegenüber in Deutschland selbst unter der Regierung der Weimarer"Koalition jahrelang; praktiziert hat. Hier gilt bas Wort „Allzuschars schneidet nicht". Darum wird hier der Antisemitismus, wie man ihn untere Lueger in Oesterreich und seit vierzehn Jahren in Deutschland propagiert,’ii'i e in a l s aufkommen. Ja, die Schweizerpresse erblickt sogar in einem solchen Antisemitismus einen Angriff auf den Bestand der ältesten Demokratie- und wünscht von Herzen, daß wie der italienische Faschismus, auch der deutsche Nationalsozialismus, der nun einmal überstark mit Antisemitismus durchtränkt ist, kein „Exportartikel" werde. - .• Man hat daher deutlich beobachten können, daß nacH dem ersten Anlauf, das Frontenwesen und mit ihm die antisemitische Aufstachelung schon merklich zurückgegangen ist...Keinesfalls aber kann er hier jemals .auch nur annäherlckf, solche krassen Formen annehmen, wie etwa in unserem, nördlichen Nachbarlande. Der Schweizer ist von Natur solchen Extremen sehr stark .abgeneigt. Man vergesse schließlich auch nicht, daß wir hier keinen Krieg verloren, keine Inflation durchgekostet und auch kein solches Elend kennen, wie es leider der ver-