Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1933)
- Date
- 1933-09-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. Der Israeli! 7. September 1933 zierung starken Anteil gehabt. Alan muß hier Kapitalismus und Technik schärfer trennen, als es heute üblich ist; man darf auch — als bestätigendes Svmbol — nicht vergossen, daß der Marxismus gegen den Kapitalismus sich wandte, nicht aber gegen Maschine und Mechanisierung, weil jüdischer Geist nur im Kapital das Treibende sehen konnte, die Technik aber kaum wahrnahm und in ihren Folgen gar nicht begriff. Ts wird uns später beschäftigen, daß der heutige Kationaiismus, wo er sozial ist, antikapitalistisch ist, aber nicht antitechnisch, und also im Grunde die marxistischen Lahnen wandelt — Technik und Industrie waren im neuen Deutschland durch die vorwiegende Teilnahme deutscher Menschen und nicht zulegi durch den Krieg: durch Armee und Flotte als „nationale" werte legitimiert; nicht der Kapitalismus als solcher, den cs vor der technischen Epoche wohl in England, Holland, Frankreich, nicht aber in Deutschland in wirklich entscheidenden Dimensionen gab. In den Armeen der Ingenieure und Arbeiter also hatte der Jude keinen Platz, so wenig er ihn je i(t der schwer-industriellen Führung hatte; ihm war aber auch, iin Gegensatz zu England etwa, der Staatsdienst verschlossen; und damit blieben für einen gewaltigen Teil der jüdischen Intelligenz nicht nur die freien Bcrufe im allgemeinen, sondern die geistigen Berufe im besondern übrig — das musikalisch-literarisch-künstlerrsche Leben, soweit es außerhalb der staatlichen Gehege, das heißt außerhalb von Schule, Kirche, Universität sich abspicltc, ward geradezu eine Domäne des Judentums. Freies Literatentum und Presse, Schauspielkunst, Konzert- und Tbeateruntecnehmung, Kunsthandel, Kunstkritik — all das geriet ganz überwiegend in jüdische Hände; nicht, weil der Jude ini Verfolg eines raffinierten planes sich dieser Gebiete bemächtigte, um den deutschen Geist zu „zersetzen", sondern weil man von „rein" deutscher Seite, materiell geworden, das Geistige mißachtete und es ohne Skrupel anderen überließ. Entscheidend war hierbei, das; man schon längst und ohne jüdischen Einfluß das Geistige überhaupt für alle Pflege und Bewahrung höchst fahrlässig und verantwortungslos dem privaten Unternehmertum anheim gegeben hatte, anstatt es aus öffentlichen Mitteln für die Gesamtheit der Kation wirklich kulturbewußt zu pflegen und zu verwalten. Die pcivatwicschaftliche Ausbeutung des Geistes war da, ehe jüdischer Geschäftsgeist sich ihrer bemächtigte. Staatlichen Schutz und Fürsorge hat in Deutschland immer nur Glauben und wissen: kirchliches Dogma und Spezialwissenschaft, genossen, niemals das geistige Schaffen im Sinne des eigentlichen schöpferischen Ausdrucks der Kation; es fei denn, daß es, als vergangene, „historische" Schöpfung, wiederum Objekt der alleinseligmachenden beamteten Wissenschaft geworden war. Ein Staat, der nur magaziniert, der „U3m publicn pat-n^1' nur über Bibliotheken und Galerien, nicht aber über Theater und Konzertsäle schreiben kann, der eine Stätte der Verkündung s e i - n e 8 Geistes, des Volks- und Kalionalge^istes, überhaupt nicht besitzt — ein solcher &aat läßt seinen Dienst, am geistigen Leben der Kation zn einem gewaltigen Teile unerfüllt und darf sich nicht beklagen, wenn der opfervolle und materiell oft aussichtslose Dienst am lebendigen Geist von Menschen besorgt wird, die, zum wabrnehmen des nationalen Gesamtinteresscs nicht erzogen und vom Staate selber ohne Beispiel gelassen, nun das private Interesse allein wahrnahmen und schließlich Macht und Geld, Rentabilität und Erfolg zu entscheidenden Faktoren dieses zu Geschäft und Wettbewerb berabgewürdigten Geisteslebens machen. (Schluß folgt.) Die neue Situation im Esra. Aus der Csra-Bundesleitung schreibt man uns: In den 16 Jahren, 6fe der Esra nun besteht, ist cs noch nie zu einer Abspaltung, zu einer Trennung irgendwelcher Art innerhalb des Bundes gekommen. Diese Beständigkeit wurde dem Bunde von Seiten der anderen Jugendbewegungen, die alle 5 bis 5 Jahre Revolutionen und Auslösungen erlebten, als innere Trägheit, als Mangel an Fortschrittswillen gedeutet. In der Tat ist es wohl auch die Bindung von außen her, von der g'ttlichen Offenbarung der Tauroh, der Zwang zu einem bestimmten, außerhalb unseres Ermessens liegenden Ziel, der die Einheit erhielt und die gemeinsame Form trotz aller Gegensätze bewahrte. Kur innerhalb dieser Form, also der Erziehung zur grundsätzlichen und praktischen Unterwerfung unter das Religiönsgesetz konnten die verschiedensten Tendenzen auseinandergeben, Fortschritt und' Trägheit bestehen. wenn der Esra heute sich gezwungen sieht, e i n e n Teil seiner Gruppen a u s z u - s ch l i e ß e n , so ist offenbar, nach Meinung des überwiegenden Teiles seiner Führer, diese Einheit nicht mehr gewahrt und das gemeinsame Band, nämlich die Erziehung zur grundsätzlichen und praktischen Unterwerfung unter das Religionsgesctz, verletzt. Es hat in der Geschichte des Esra vielfach Zeiten gegeben, wo der Wille zum Fortschritt, das heißt der Wunsch, die aktuellen Zeitströinungen auszuschöpfen für das Gedeihen der Tauroh, in Gegensatz kam znr bedächtigen und konservierenden pflege alter gesicherter Methoden der Erziehung und Methoden des Denkens. Der Bund war stes lebendig genug, über Abstimmungen und dergl. hinaus die gesunde SMHese zu finden und die Geister wieder aneinander zu gleichen, wenn heute dies nicht mehr gelingt, so wohl hauptsächlich darum, weil der eine Teil des Bundes eine Einfluß-Sphäre aus dem Lund heraus verlegt hat, und die ihn bestimmenden Einflüsse vön anderen Kreisen berbeizog — und zwar von den Kreisen, die — nicht prinzipiell, wohl aber praktisch — die stärkste Gefahr für unsere Erziehung entwickeln: v o m TU israch i. Die Krise, die zum Ausschluß geführt hat, — begann zunächst an methodischen Differenzen über politische und apolitische Erziehung, an Agudo und Misrachi:— und wäre damals, wie auch früher, im Bunde nach und nach ausgeglichen worden. Sie setzte sich fort im weltanschaulichen, in die Hinciutragung der Diskussion über die Entwicklung der Halacha in jugendliche Kreise, denen jede Befugnis zum Diskutieren über diese Dinge fehlte, und denen die absolute Geltung des Religionsgesetzes nicht genügend vertraut war. In gleichem Maß, in den; die Taurob die absolute Leitung einbüßte, gewannen die weltanschaulichen Elemente des linkszionistischen Kationalismus Geltung, — dementsprechend verschoben sich die wertrnaßstäbc für das praktische Handeln. Endlich verschlossen sich die letzten Möglichkeiten der Verständigung, als die misrachistischcn Gruppen ihre Arbeit mit der des Brith Hanoar und des dem Poel Hamisrachi verpflichteten Brith Ehaluzim Datiim in steigendem Maße verbanden. Die ursprüngliche Idee des Esra: die apolitische, völlig der Erziehung zu Middaus und zum Kijum Hadin hingegebene Arbeit, war in diesen Gruppen verloren gegangen, ■— und sie unterschieden sich in nichts von den misrachistischen Kachwuchs-Organisationen. Es ergab sich zwangsmäßig die Lösung, die uns allen dennoch sehr schwer fällt: Der Ausschluß der mit dem M i s r a ch i eng z u s a m m e n a r b e i t e n d en Gruppen aus dem Esra. Ein solcher Entschluß in heutiger Zeit ist nur dann zu rechtfertigen, wenn eine starke Idee den Rest des Bundes erfüllt, und die Idee der ausgeschlossenen Gruppen im Gegensatz zu dieser steht und sie schädigt. Dem Bund ist heute die gemeinsame Idee nicht mehr so gemeinsam wie sie etwa 191S war; doch ist der Bund heute wieder so einheitlich, daß das Kebeneinander und Auseinandergehen der Tendenzen den gesunden Ausgleich in ihm finden kann. Dem Bunde einheitlich ist das Bedürfnis, mit stärkstem Kachdruck die Absolutheit des Religionsgesetzes, die Uneingeschräenktheit des Din zu betonen; in diesem Sinne und zu diesem Zwecke ist der Bund heute zwar wieder apolitisch, nicht aber neutral — in weltanschaulichem Sinne, vielmehr lehnt der Bund weltanschaulich den heutigen Misrachi oder v i e l m e h r seine kulturelle Stellung entschieden ab. Cs hat der Einbruch nationalistischer Ideen in die Lebenssphäre des religiösen Menschen viel Gutes im Gefolge gehabt, vor allem die Stärkung des gemeinsamen Verantwortungsgefühls und des Empfindens der Gemeinschaft. Derzeit ist es aber so, daß die nationalen werte, den religiösen gleichgestellt werden, — und einer ephemeren Zeiterscheinung gleiches Recht in der Erziehung zugebilligt wird wie der zeitlosen Tauroh. Dies führt notgedrungen zu einer Schwächung der Verpflichtungskraft des Din, und um dieses grundlegenden Nebels willen muß — wenn es nicht anders geht ■—; auch auf die guten Anregungen verztchret werden. So findet vorläufig der positive Crneuerungs- und Aufbauwille des Bundes seinen einheitlichen Ausdruck in der Abwehr, im Negativen. Denn in den wegen zum einheitlich gefaßten Erziehungsziel bestehen noch erhebliche Unterschiede. Koch glaubt die Mehrheit 'der Führer, daß nur eine apolitische individuelle Erziehung es vermag, den einzelnen Esräer zur freien Uebcrnahme des aul malchus schomajim in seiner absoluten Verpflichtung zu bringen. Doch eine erhebliche Minorität meint, daß in der heutigen Zeit solcher Erziehung genügende Kraft nicht inehr innewohnt/und daß eine Politisierung der Erziehung, eine Einschaltung Massen suggestiver Maßnahmen nötig ist, um unser Ziel zu verwirklichen. Der Zukunft bleibt der gesunde Ausgleich dieser methodologischen und weltanschaulichen Differenzen Vorbehalten. Es mag nur noch cingefügt werden, daß die Spaltung nicht etwa verursacht wurde durch Gegensätze in der Wertung von Ehaluziuth und Alija — eher wohl durch die Intensität dieser Wertung. Cs ist die Ueberzeugung des größten Teiles der heutigen Führerschaft, daß — unabhängig von der aktuellen wirtschaftlichen un'd seelischen Kot des deutschen Judentums — Trez Iisroel die wesentliche Aufgabe der religiösen jüdischen Menschen in heutiger Zeit darstellt; bestritten wird allerdings die Ausschließlichkeit dieser Aufgabe, wie sie der Misrachi anffaßt. Ebenso anerkennen wir die ethisch-bcsruchtende Wirkung des beruflichen wirtschaftend mit den ursprünglichen produkdionsgütern, glauben aber, daß es unvergleichlich wesentlicher ist, die direkten, auf das Bewußtsein wirkenden Erziehungsmittel zu pflegen, als diejenigen, die indirekt über das Unterbewußtsoin anpacken. Zum Schluß möge noch der Wunsch Ausdruck finden, daß die Verbindung zu den ausgeschiedenen Gruppen nicht abrcißen möge, — und daß die persönliche Freundschaft, die uns mit den Führern verbindet, deren Leistung und deren reinen willen wir imnier anerkennen, auch wenn wir ihren weg nicht Anschlägen können, uns noch zu mancherlei gemeinsamer Leistung in Zukunft zusammenführe. (wir hoffen zuversichtlich, daß der vom weitansschaulichen und politischen Einfluß des „Misrachi" befreite „Esra" recht bald auch erkennen wird, daß es bei der „apolitischen", d. h. zum Egoismus, zur unfruchtbaren Kritik oder zum Aestbetizismus führenden Erziehung nicht bleiben kann, sondern daß das offene, mutige Bekenntnis zu dem nninn 'S Vy organisierten Klall Iisroel zu den 'npy rniQX und die tatbereite Hingabe an die Gesamtheitsarbeit sogar zum Rettgionsgesctz gehört — stehe jwjn »Ti 'V'ypn "d m« Red.). Eine Hoffnung und eine Mahnung. In einer Zeit, da sich so viele mit dem Gedanken jerumtragen, sich in Palästina anzusiedeln oder anzukaufen, und wohl in erster Reihe an Pardessim (Orangerien) denken, darf ein durch tiefe Sachkenntnis sich auszeichnender Artikel des bekannten Mosche Smilanski im Organe für palästinensische Landwirtschaft „Bostenai" nicht übersehen werden. Smilanski bespricht als Fachmann von weitem Blick den derzeitigen Stand des O r a n g e n w e l t m a r k t e s und seine Rückwirkungen auf die Pflanzer im neuen 1 Palästina. Die spanische Orange hat auf dem Weltmarkt eine so tiefe Niederlage erlitten, daß die spanischen Pflanzer die Früchte auf den Bäumen verfaulen lassen. Die Krisis überträgt sich mählich auch aus den Export aus S ü d a f t i t a. Ob auch Palästina in Mitleidenschaft gezogen wird? Smilanski ist nicht allzu pesstnüstisch. Die Jaffa- Orange, wie die Frucht aus Palästina schlechthin bezeichnet wird, erfreut sich solcher Beliebtheit und solchen Ruhmes in der Welt, daß sie so bald das Schicksal der spanischen und südafrikanischen Frucht