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Der Israelit · 1933-09-07 · Heft 36 (7.9.1933) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 36 (7.9.1933)
Date
1933-09-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DerIsraelit 7. September 1933 will und soll) und von dem er dieser letzten Endes sogar das Erstehen der „Dritten Konfession" über -den beiden bestehenden erwartet.; Auf die Stellung, die das Dritte Reich bisher zur 'Lösung der Iubenfrag -c eingenommen hat» geht Benz dabei nicht unmittelbar ein. Aber er äußert sich dazu in einem weiteren Zusammenhang in so gedankenvoller und eindringlicher Weise) daß die jüdische Oeffentlichkeit daran nicht Vorübergeben darf) sollte es auch lange dauern, dis feine Deutungen und rNahnungen im Getümmel des politischen Tageskampfes ein Echo finden werden. Wir möchten dein Verfasser selbst in einigen seiner charakteristischsten Aeußerungen, zu dem uns interessierenden Thema das "wort geben und nur der Hoffnung Ausdruck verleihen, daß fein Buch Eingang finde und zur langsam reifenden Selbstbesinnung auf dem Boden der heute gegebenen nationalen Erneuerung Anlaß gebe. L „Idee ist, was einer ü b e r sich sieht, dem er als -einem höheren Bilde nachstrebt, dem er im Irdischen nur Stellvertreter und Vollstrecker ist. Es wäre im pripaten Leben grotesk, wenn einer die physische Tatsache feiner-Existenz und ihren Anspruch auf Geltung als feine „Idee" proklamierte, die -alle andern überzeugen müsse und an sich schon mythisch-metaphysische Bedeutung besitze. Und doch erleben wir im politischen das Analoge: daß das Rationale als solches, das heißt doch das physische Vorhandensein eines gegen andre unterschiedenen und -abgegrenzten Volkstums, -bereits eine „Idee" darstelle, gleichgültig, wie beschaffen es fei und was es vertrete und erstrebe. Run ist die Ration unter allen Umständen ein Wert; für den, der ihr angehört, einer der nächsten und höchsten, weil sie auf eine nicht wegzudenkendc Art feine Existenz bestimmt; sie enthält aber deshalb noch lange keine Idee — sondern erst, wenn sie vermag, ein geistiges Bild aus sich zu erzeugen, dein sie sich schaffend zugestaltet, das alle ihre Taten und Aeußerungen durchdringt. Wir haben einstweilen besonders in Deutschland diese von Tag zu Tag sich stärker verbreitende Ansicht, daß die Zugehörigkeit zur physischen Substanz eines bestimmten Volkstums an sich schon eine Idee darstelle, ja, eine Weltanschauung bedeute und einen höheren Rang verleihe. Dieser Idealisierungsvorsuch der Ration muß seine besonderen Ursachen haben, die noch zu untersuchen sind. Hier -ist vorerst festzustellen, daß diejenigen Rationen, die sich mit Erfolg aus der bisherigen europäisch-amerikanischen Entwicklung zur uniformen Waste hin herauslöflen, cs nicht unter bloßer Berufung auf ihr naturgegebenes Volkstunr taten . und im Pochen hierauf schon eine Leistung sahen; sondern daß sie im Aufblick zu einer Idee sich zu etwas Reuem zu formen suchten, die sie über sich heranssiellten und die sic über sie hinaustrug. Russischer Kommunismus und italienischer Faschismus sind Ideen, die mit der Gegebeirheit dieser Rationen keineswegs identisch sind, die sie aber neu zu gestalten verrirochten; sicherlich national bedingt und deshalb unübertragbar; aber keineswegs das Rationale selbst. Sie verhalten sich in Wirkung und Ursprung zueinander geradezu umgekehrt: Kommunismus als Gesellschafts- und Wirtschaftssystem ist Reaktion gegen Sie westeuropäische Ordnung der -Dinge, deni Russentum nur künstlich aufgepfropft; die Grundidee aber, die er enthält, konnte deshalb Wurzel schlagen, weil sie an etwas rührte, was tief in der russischen Seele liegt: an den Kommunismus als Brüderlichkeit, der derr überlagerten andern vielleicht einst sprengt und einer iteuen asiatischen Religion den Weg bereitet. Der Faschismus dagegen will altrömische Ideen und Symbole wieder zu Ehren bringen, aus einer Summe anderer Vorstellungen genial herausgegriffen: um kapitalistische und demokratische R'lethoden, die im Italien der Renaissance sogar ihren Ursprung hatten, aber in der westlich-angelsächsischen Weltform und den durch -sie ausgclöften Gegenkräften Unzuträglich aufs heutige Italien zurückwirklen, durch neue Formgedanken zu korrigieren und zu modifizieren. Hier wie dort, in Italien wie in Rußland, gilt Begeisterung, ja Fanatismus der Leistung und dem System, nicht der Tatsache der Ration an sich — der Idee, die sie über sich hinausschus, nicht ihr, der physischen Grundlage, seihst. Wacuin ist in Deutschland das Verhältnis zwischen Idee und Ration ein airderes? Warum soll nationale Gesinnung hier bereits die Leistung, die Rettung, die Erfüllung sein? 2. Aber die nationale Bewegung h a t doch ein positives Ideal! Sie gibt für alles Rationale die zureichende tiefere Begründung —' sie läßt im Begriff des Bluts, der Raffe, der echten ursprünglichen Art doch Grunderkenntniffe Wiederaufleben, nach denen man sich wirklich richten kann; da sie das Letzte darstellen, was von der Substanz eines Volkes sich überhaupt aussagen läßt! — Run, das Bewußtwerden des Blutes, der physischen Grundlage hat heute den notwendigen Sinn der Reaktion des körperlich-Organischcn gegen Rationalisierung und Riechautsieruttg; als spezifisch deutsches Vewußsein eigener völkischer Art hat es, wie noch zu zeigen sein wird, den tieferen Sinn, jene feindlichen Mächte reinen Verstandes und Rutzens, abstrakter Crrcchcnbarkeit und Riechanisierbackeit der Weist die nicht von uns erzeugt wurden, als art- und wesensfremd zu empfinden. Aber der Mythos vom Blut, mit dem man innerhalb des eignen Volkes heute auftrumpft, ist andrer Herkunft: er entspringt zuletzt demselben Ressentiment, wie der Mythos der Schuld; und wirkt sich ganz in gleicher Weise aus, ist nur ein Teil von ihm. Alan gibt einem fremde n Blut, einer andern Raffe und Art die Sch n l d am nationalen Riedergang, und gelangt dadurch — nicht zum Bewußtsein und zur Selbstbehauptung des wirklich Eigenen, was erfreulich und berechtigt wäre; sondern zur Konstruktion und Verherrlichung eines auf unserm Boden höchst fremd Anmutenden: des ausschließlich Blut- und Raffemäßigen in einem weltanschaulichen Sinn, was in dieser Forrn als Deutschtum gar nicht besteht, sondern alle seine Züge erst aus der Kontra-Position zu den vorhandenen Zügen einerwirklichen bekämpften fremden Raffe empfängt. Es ist verhängnisvoll, daß alles, was in Deutschland als Auswirkung jener echten und n o t w c n d i g c n Reaktion des Blutes lm organischen ratiofeindlichen Sinne sich zeigt, durch den speziellen Rassemythos verfälscht und in eine gänzlich andere Kampfrichtung gedrängt wird. Der deutsche Raffemythos ist die unzulängliche positive Fassung des rein gefühlsmäßigen 21 ntisemitismus , der gier st vorhanden war; also eine ursprüngliche R e g a t i o n , eine Instinkt-Reaktion, eine Abwehr, die nach zureichender theoretischer Begründung sucht und sie in einer Sphäre findet, wo sie gerade in Deutschland von Haus aus gar nicht vorhanden sein kann. Ihre Begründer sind nicht Deutsche ,sondern Ausländer: Gobiueau und Chamberlain. Lhamberlain hat zwar deutsch geschrieben, hat aber, als Engländer, der nicht vom ursprünglich deutschen Sprachtum herkam. sich n u r raffemäßig, als nordischer G e r - m (tue, dem deutschen Wesem verbunden gefühlst nicht aber auf spezifisch d rutsche Art, die eben im Volksmäßigen der Sprache und alles aus ihr entspringenden Geisttums ruht. Es ist bezeichnend, daß der einzige große Deutsche, der je dem Raffeglauben huldigte, Richard Wagner, in die Tiefe sprachschöpferischen deutschen Wesens nicht hinabrcichtc — man vergleiche seinen StU in Vers und Prosa mit der Sprachgewalt der beiden andern gleichzeitigen Genien, Bismarck und Rietzsche, und inan wird wissen, worin das Und c u t sch e an Wagner besteht, selbst wenn man seine Musik mit ihrem ausgesprochen orientalisch-ekstatischen Einschlag hier nicht in Betracht zieht. D e r S p r n n g ü b er di e S p r a ch e hinw c g z u r R a s s e i st a b e r f ü rD c u t s ch egerade d e r S p r u n g i n s L e e r e, B l n t l o f e, in die reine A b st r a k t i o n — man kann sich stellen wie man will: man wird als das, was Deusche über das Erdenrund verbindet, nichts r e i n -Blut- und -Raffemäßiges finden, sondern immer das raffchaft-Physische eingegangen ins geistige E l e m e n t ei n e r d e n M e n s ch e n selbe r bildenden, ja e r s ch a f f e n d e n S p e a ch e, und sei es die deutsche Weltsprache der Musik. Die __ - _Nr. 36 Seite 6 Sprache, und die Sprache allein hat ursprünglich in Deutschland Rord- und anders-Rassige: Germanen, roma.nisierte Kelten, daun Slawen zu einer Einheit des Denkens und Fuhlens, der Schöpfung und der Tat zusammengeschweißt; eine Sprache, die wohl einst auch in Stämmen einer Raffe, eben der germanischen Rord-Rasse, Herkunft und Ursprung gehabt haben mag, die sich zur deutschen Sprache aber erst in einer bestimmten Landschaft und durch lbestimmte Vöikcrmischungen wandelte. Der Deutsche hat an dein, was dem Stammes- und Volkstum übergeordnet ist: an dem sagenhaft-Ursprüngiichen der Raffe, nur Teil durch Sprache -— das Rasse-Clement ist ans geistige Sprach-Element g e b u n b c it, es kommt „frei", als etwas dem ganzen Volk Gemeinsames, nicht vor. Landschaft und Mundart, Code und Geist werden als „deutsch" unendlich realer empfunden als die Abstraktion „Raffe", die als Gleichung mit irgendwelchem Deutschtum einfach nicht stimmt. 5. Ich glaube, daß das „Deutsche" jahrhundertelang so und nicht andersempfunden und verstanden worden ist: sich'gründend auf gemeinsame Sprache und Landschaft, aus der eine gemeinsame geistige Kultur, ans der ein gemeiusames Schicksal erwuchs. RI a n w i r d b c i n n [ e r n Klassikern und R o m a n - t i k e r n vergeblich den Begriff der „Rasse" suchen. Dagegen finden wir als erstes klassisches Beispiel bewußter Formulierung und Definition «des deutschen Wesens bei Fichte den Begriff des „Volks der ursprünglichen Sprache", aus dem nicht weniger als alles, was uns von andern Völkern scheidet, bergeleitet wird. Wie kommt es, daß gegen Ende des Jahrhunderts hier eine Aenderung eintritt? — Gerade geistige Menschen sieben auf einmal vor Erscheinungen, die nicht mehr unter die Fichtesche Definition zu bringen sind, die dem bisher gültigen Sprachgesetz zu widerstreiten scheinen; und um eine gefühlte Grenze für das, was deutsch ist, wahren zu können, beruft man sich ans etwas, was plötzlich wirklich als reaktionsfähig sich erweist: auf jenes vorhin beschriebene Grenzgefühl von Rasse und Blut. Cs ist das jüdisch e Problem; das also auf geistigem Gebiet zuerst gesichtet wird. Daß das aber geschieht, liegt nicht, wie heute die Parole lautet, ausschließlich und in erster Linie an einem Vordringen und Eindringen des Judentums in geistige Bezirke, sondern zu allererst daran, daß bisheriges Deutschtum freiwillig Positionen räumt, in welche „jüdischer" Geist allerdings mit erstaunenswerter Vehemenz dann nachgedrungen ist. Cs ist eine Feststellung, die wir uns selber schulden, wenn sic heute auch ungern gehört wird: daß um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts das deutsche Volk seiuen bisherigen Ruhmestitel unter den Rationen, das Volk der Dichter und Denker zu sein, bewußt und willentlich zum allen Gerümpel warf und in rein materiellen, nicht m ehr s p r a ch - n n d g e i st b e.d i n g t e n Bezirken mit nicht 'minderer Kraft -sich einznrichten begann. Richt nur die kriegerisch-politische Einigung unter Bismarck verschob das Schwergewicht der Ration vom Geist zue Macht — dies hätte zur Rot, nach vorübergehender Ueberbetonung, kulturell sich ausgleichen lassen. Entscheidender war, daß das Geistige sich selber wandelte; daß alle geistige Potenz und Schöpferkraft sich auf ewas warf, was nicht der Sprache kulturell entstammt, wo alles Formende, Gestaltende nach sprachlich-geistigem Urgesetz belanglos wurde: auf die Schaffenswelt, die von der errechneten sprachlosen Formel und Zahl regiert wird, aus die Wissenschaft der Ratur und ihre dynamische Anwendung als Technik. Diese Umstellung des nationalen Schöpfergeistes nun fiel mit den 'Auswirkungen der um den Iahrhundertbeginn erfolgten Emanzipation des Judentums zusammen; und das paradoxe war, daß der im geheimen viel bewährte materielle Trieb des Judentums — wiederum durch sein europäisches Schicksal vorwiegend gezüchtet — gerade in diese r Richtung nur in begrenztem Ria sie sich ausleben tonnte: gerade nicht in dein eigentlichen neuen Arbeitsprozeß. Als technischer Erfinder, Ingenieur, als industrieller Arbeiter und Unternehmer kommt der Jude kaum vor; er hat nur an der Auswirkung dieses gewaltigen dynamischen Prozesses im HandU und an seiner Finan-

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