Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-09-07 · Heft 36 (7.9.1933) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 36 (7.9.1933)
Date
1933-09-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450791--79848-2537644
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Nr. 36 Der Israelit 7. September 1933 zuallerletzt auf die Attraktion einer Iabotinskv-Rede doch nicht verzichtet — Vorschläge und Resolutionen batten lediglich den Charakter einer Demonstration, über die der Kongreß ohne große Anstrengung ' zur Tagesordnung hinweggehen konnte. Ihre Riederlage ist so endgültig, daß sich ihrer eilt Teil, unter Mitnahme der letzten positiven Bestandteile der revisionistischen Weltanschauung, zu einer neuen Fahne, die den Rainen „Iudenftaatspartei" trägt, hinüberrettete. Freilich glaubt Weizmann, der auch langjährige persönliche Abrechnungen mit den Revisionisten hat, und zudem auch in der Mitte auf einige Gegnerschaft stößt, für seine Person den weg zur Leitung immer noch nicht genügend vom Revistonistenspuk gesäubert, und er blieb hart. Aus der anderen Seite hinderte die Erledigung der Revisionisten die führende Presse der deutschen Rationalsozialisten leider nicht, die revisionistischen Phrasen alb Programm und deren Demonstrationen als Spiegelbild der Kongreßmeinung zu behandeln, was wir in jüngster Rümmer bereits erörterten. In der Auswirkung des Parteihaders innerhalb der Organisation fehlt es aber auch nicht an grotesken und bedenklichen Begleiterscheinungen. Die Einheitsfront gegen den Revisionismus, in der nur Misrachr fehlt, hat bei der scharfen Kampfstimmung zu einer engen Koalition zwischen den Allgemeinen Zionisten und dem linken Flügel geführt, die die erftcren, wie die Leitung überhaupt, blind macht für alle Fehlgriffe und Ausschreitungen auf der extrem linken Seite. 'Als ob es nicht auf dieser Seite a u ch .wilde Streiks mit wüstem Terror gäbe, als ob nicht hier die rote Fahne oft genug eine Herausforderung nicht allein des politischen Gegners, sondern auch aller religiös gesinnten Menschen bedeute! Auf der anderen Seite hat sich Misrachi mit dem Revisionismus so sehr auf Gedeih und Verderb brüderlich alliiert, das; er nun mit diescui seinen Sitz in der Exekutive wie im Aktionskomitee e.inbüßt. Cr fühlt sich in Kampfstellung gegen die religiösen Ausschreitungen auf der linken Seite und sieht nicht, daß seine Verbündeten auf der extremrechten Gegenseite es in religiöser Beziehung gewiß nicht anders und besser machen. Ein Misrachiredner sagte von der Kongreßtribüne herab, die unabhängige Orthodoxie gewinne an Boden, Misrachi wolle aber die jüdische Einheit — vorausgesetzt, daß man chm die Basis zur Zusammenarbeit mit der Organisation sichere. Glaubt Rlisrachi nun wirklich, -diese Basis der Zusammenarbeit auf dem rechten Flügel der Organisation, unter Männern, die auf dem Kongreß mit fruchtlosen und gefährlichen Resolutionen spielen, im übrigen aber vom R a t! o n a l h e i m t des j ü - ö i f ch e n G ei st e s genau so weit entfernt sind wie die Linksradikalen auf der anderen Seite, glaubt Misrachi, hier 6ic Basis für -die Zusammenarbeit besser gesichert? - Daß der „Misrachi" auch auf diesem Kongreß der inneren Unsicherheit und äußeren Verworrenheit, die ihn zu dem überflüssigsten und unerfreulichsten aller bisherigen Kongresse machten, nicht den weg zu einer gerechteren Einstellung zur selbständigen Orthodoxie gefunden hat, muß wieder mit schmerzlichem Bedauern konstatiert werden. Positives deutsches Judenrecht. Daß man in nationalsozialistischen Kreisen durchaus nicht gesonnen ist, sich mit der Ausschließung oder Znrückdrängung der Juden aus Reichsbürgertum, Staatsverwaltung, Kultur und Wirtschaft des deutschen Volkes zu begnügen, sondern auch eine reichsgesetzliche Reuregelung der Gemeinschaftsrechte der Juden nach der positiven Seite erstrebt, ist aus mannigfachen literarischen und rednerischen Äußerungen führender Politiker -des neuen Reiches ersichtlich. Man spricht davon, daß die Vorarbeiten zu einem das Recht der S^nagogengemeinden und der jüdischen Körperschaften überhaupt regelnden Gesetzentwurf im Reichsministerium des Innern ziemlich weit gediehen seien, ohne daß man bisher jüdischen Instanzen Gelegenheit gegeben hat, sich dazu zu äußern. In der jüdischen Presse des Auslands war, wie früher berichtet, sogar die Rede von einer Art „Konkordat", das die Beziehungen des deutschen Judentums zum Staat einer dauernden Regelung unterwerfen sollte/ Voraussetzung solchen „Konkordats" wäre natürlich. eine: Cinheitsorganisatron der deutschen -Iudenheit, die als Vertragspartner auftreien könnte. Es liegtauf der Hand; -daß damit von innerjüdischen Standpunkte äußerst delikate und schwierige religiöse Fragen angeschnitten würden, wenn wir auch die Möglichkeit, zu einer Einheit nach außen bei weitgehender Autonomie i m Inne r n zu gelangen nicht geradezu ausschließen möchten. Voraussetzung wäre hierfür die allgemeine Anerkennung des konfessionellen Momentes als konstituierenden Merkmals der jüdischen Gemeinschaft. Gewisse Hoffnungen nach dieser Richtung erweckt eine Aeußerung der zionistischen „Indischen Volkszeitung" in Breslau, die sich zu dem Thema in ihrer Rümmer vom ö. August wie folgt vernehmen läßt: ..... Aber auch der Staat kann kein Interesse daran haben, bewußte Juden mit Dissidenten und Getauften jüdischer Abstammung, sowie mit Halbjuden in eine rein äußerliche Organisation ohne innere Verbundenheit und ohne gemeinsame positive Ziele zusammenzuspannen. Die jüdische Gruppe soll also Menschen jüdischer Abstammung umfassen, die der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehören. Damit erledigen sich die Einwendungen, welche der „Israelit" vom Standpunkt des thor-atreuen Judentums in seiner Nummer vom 20. Juli 1933 gegen die „künstliche Schaffung einer gesetzlich konstituierten konfessionslosen jüdischen Nasse in Deutschland und ihre Proklamation als nationale Minderheit" erhoben hat. Wenn etwa das orthodoxe Blatt meinte, daß aus. zionistischen Kreisen eine derartige Forderung gestellt würde, so hat es den Zionismus durchaus verkannt. Nichts liegt dem Zionismus ferner, als die jüdische Gemeinschaft von der jüdischen Religion loslösen zu wollen und dadurch ihrer inneren Lebenskraft zu berauben. Auf jüdischer Seite wird man sich, abgesehen vielleicht von einigen Fanatikern der „allgemeinen Menschenrechte", leicht auf das konfessionelle Prinzip einigen können. Daß auch von staatlicher Seite kein Bedenken gegen dieses Prinzip besteht, glauben -wir nachgewiesen zu haben. Aber die formale Zugehörigkeit zur jüdischen Religionsgemeinschaft darf nicht genügen, sondern es muß darüber hinaus die Beobachtung der elementare n F o r d e r u n g e n d e s jüdischen Religionsgesetzes gefordert werden. Den Weg hierfür weisen uns die Satzungen der im Halberstädter Verband zusammengefaßten Austrittsgemeinden. So besagt die Satzung der Synagogengemeinde „Israelitische Religionsgemeinschaft" in Frankfurt a. M. (abgedruckt im preußischen Gesetz über die Aenrkennung dieser Gemeinde als Körperschaft des öffentlichen Rechts vom 29. April 1928): Art. 3. Mitglieder können alle Juden werden, die ... nicht durch Art. 4 ausgeschlossen sind. Art. 4. Als Mitglieder können nicht ausgenommen werden: a) ein Jude, an dem der religiöse Akt der Beschneidung, dem Religionsgesetz entgegen, nicht vorgenommen worden oder der die Beschneidung seines Sohnes verweigert, b) wer in einer vom Religionsgesetz verbotenen Ehe lebt oder der nach Vollzug der Ziviltrauung nicht die religiöse Trauung ol jeder chupo wekiduschin kedas mansche , wejisroel vornehmen läßt. Wenn sich die Trennungsorthodoxie in ihren eigensten Bezirken mit diesen Minimalerfordernissen begnügt, - so wird sie es -auch bei der künftig zu schaffenden deutschen Judenheit tun, und das liberale Judentum wird die Forderung ohne weiteres akzeptieren. / ' Daß das-Religions ges etz in allen Einrichtungen der künftigen deutschen Jude n h e j t b e o b a ch t e t w e r d em M u ß , -erscheint' als' Selbstverständlichkeit. Dieser Grundsatz ist ja schon längst in den Einheitsgemeinden durchgeführt. Einer Regelung bedarf endlich die Ausschließung abtrünniger Mitglieder. Früher ist man Mit religiösen Mitteln gegen diejenigen vorgegangen, die sich durch chre Handlungen von der jüdischen Gemeinschaft losgesagt hatten. In der Gegenwart werden andere Wege und Formen zu finden sein, welche auch den nicht religiös Gesinnten wirksam, treffen. , Jedenfalls muß, eine lebendige Gemeinschaft, wie sie die Organisation der deutschen Juden werden soll, die Macht haben, -aus ihren Reihen auszuschließen, wer nicht mehr zu ihr gehört." Berichtigend sei hierzu' bemerkt, daß der Halberlüöter Verband keineswegs -bloß „Austrittsgemeinden" zusammenfaßt, sondern daß ihm jede Gemeinde zugehören kann, deren Institutionen samt und sonders dem Religionsgefetz entsprechen, -die -also keine liberalen Einrichtungen wie Orgel, dogmenwidrige -Gebetbücher und neologe Kanzeln besitzt. Damit ist -auch schon der zweite Irrtum in den Ausführungen des Lr-eslauer Blattes richtiggestellt. Cs sollte allerdings „selbstverständlich" sein, daß eine jüdische Religionsgemeinde das Religionsgesetz itt allen ihren Einrichtungen wahrt. Leider ist aber dieser Grundsatz keineswegs „schon längst in den Einheitsgemeinden -durchgeführt/" -Denn auchdie Jüdische Volkszeitung wird nicht behaupten wollen, daß beispielsweise die Streichung.jedes Hinweisesauf die Wiederherstellung des davidischen Königstums, den Opfer-öienst auf Moria oder Techijas hameßim aus den offiziellen Gebetbüchern mit der darin liegenden demonstrativen.Leugnung grundlegender jüdischer Glaubenslehren einen geringeren verstoß gegen die religiöse Tradition darstcllt, als es etwa dis unrituelle Kost in einem jüdischen Krankenhause wäre. Immerhin begrüßen wir die Aeußerung des Breslauer Blattes und möchten nur hoffen, daß sie nicht das Votum eines konservativen Einspänners ist, sondern den offiziellen Standpunkt der deutschen Zionisten richtig wiedergibt. Dann läge eine Einigung — falls sich -die genügenden Garantien zur Wahrung der religiösen Autonomie im Innern schaffen ließen — nicht außerhalb des Bereiches der Möglichkeiten. Daß die Reichsregierung etwa an die Aufo k t r o i e r u n g einer nationalen Minderhaltsverfassung denkt, scheint uns schon aus außenpolitischen Gründen -ausgeschlossen. Auch wird man immerhin den Wunsch hegen, die deutschen Juden nicht durch Unterbindung der religiösen Einflüsse dem Radikal, lismus und Materialismus auszuliefern und endlich auch, nach Möglichkeit an die bestehenden Organisationen, die ja doch nun einmal Religronsgemeinden sind, anzuknüpfen. Jür die hungernden Brüder in Rußland. von einer Leserin wird -UNS geschrieben: Der wiederholte Aufruf in Ihrem geschätzten Blatte betr. die Hungerkatastrophe in Rußland zeigt mir, daß bis jetzt wenig oder gar nichts in dieser Richtung von uns deutschen Juden geschehen ist. Und doch müssen auch wir, trotz unserer eigenen, großen Rot nach bestem Können zu lindern und zu helfen suchen. Doch wie und wo könnte dieses geschehen?' Ich hoffte, daß Sie uns in Ihren Aufrufen einen Weg: dazu anzeigen würden! Da dieses bisher nicht geschehen, erlaube ich mir, Men Vorschlag zu machen. Fordern Sie in Ihrer Zeitung die jüdischen Hausfrauen auf, wöchentlich -b i s IT'Y zwanzig Pfennige bis eine M a r k v o n ihrem H a -u s h a l tungsgeld zu ersparen — dev Hausherr könnte den Betrag seinerseits auf das Doppelte erhöben — und diese dann an eine Stelle, die Sie zu bestimmen haben, abzuliefern. Mit einiger Energie und gutem willen könnte doch etwas geholfen werden. wir schließen uns dieser Aufforderung gern an und bitten, die Gelder ans' Bankhaus I. A. Schwarzschild Söhne, Frankfurt a. RL (Konto Rußlandhilse) abzuführen: Ernste Skimme« zur deutschen Zudenfrage. Ist Kittels Bekenntnisbuch ganz ein Ausfluß dev -aktuellen, durch die nationale Revolution geschaffenen, geistigen und politischen Lage, so verlegt das^ aus dem „Tat"-Kreis hervorgegangene, und bei Eugen D-ied-erichs in Jena erschienene bedeutsame Buch von Richard Benz: „Geist und Reich" die öffentliche Aussprache über die nationale Erneuerung Deutschlands -auf die höhere Ebene e.w i g e r Aktualität. Benz ist einer der ältesten und -entschiedenlen Vorkämpfer dieses Erneuerungsgedankens, wie hn im Grunde in machtpolitischer Verkörperung auch die Führung des neuen Deutschland vertritt; er hat in mehreren Schriften sich gegen die Verwurzelung dev deutschen Bildung in dem nach seiner Ansicht wesensfremden Erbgut der Renaissance gewandt und demgegenüber den Geist der Gotik und im besonderen das musikalische Element.-als Wesenszüge, deutschen Geistes und als die -eigentliche Kulturleistung und Külturaufgabe der Deutschen in der Weltgeschichte herausgestellt. Sein neues Buch wendet sich unmittelbar an das „Dritte Reich", das die R a t i o n zu einer „W e r tunö Wertungs-Gemeinschaft" erheben eines'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.