Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1933)
- Date
- 1933-09-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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7. September 1933 Der I s r a e l r r Nr. 36 Seite 3 Der Reichskanzler hat sich in zwei tief durchdachten, für die große Masse wohl kaum vollkommen verständlichen Reden mit der zentralen Bedeutung des rassischen und nationalen Moments für die Kulturentwicklung beschäftigt und dabei gezeigt, daß er trotz der ungeheuren Energie seines politischen Möllens, das ja wie jedes stacke wollen einer gewissen Einseitigkeit der Betrachtung normaler weise gar nicht entraten kann, doch ein scharfes Auge besitzt für die Geltungs-Grenzen der rassischen Betrachtungsweise. In dieser Hinsicht ist eine Stelle der Schlußrede bemerkenswert, in der es nach dem Berichte der „Frankfurter Zeitung" heißt: „Allein im Laufe einer langen Entwicklung ist trotzdem sehr oft aus dem Zwang für alle ein Segen geworden. Ls bildeten sich jene Gemeinwesen, die durch das ZA f a m m e n schmieden v e rs ch i e d e n e r Rasse n das Wesen der (Organisation begründeten. Diese aber erfordert Unterordnung des Willens und der Tätigkeit vieler unter den Willen und die Tatkraft immer eines Einzelnen! In eben dein Maße, in dem aber die Menschen die staunenerregenden Ergebnisse dieser Zusammenballung ihrer Fähigkeit und Arbeitskraft entdecken, erkennen sie nicht nur die Zweckmäßigkeit, sondern auch die Rotwendigkeit eines solchen Vorgehens. U n d s o i st n i ch t d o r t e i n e a r i s ä) e Kultur von Größe und Bedeutung entstanden, wo Arier rein u n d ausschließlich u n t e r s i ch lebten, sondern überall beut, w o sie mit andersgeartete n Rassen eine lebendige Verbindung e i n g in g e n , nicht im 0imte einer blutmäßige n Vermischungsondern einer organischen Z w e ck - g e m eins ch a f t. Und was für den Besiegten zunächst sicherlich als harter Zwang empfunden wurde, ist später trotzdem auch fein Segen geworden. Unbewußt wude in dem Herrenvolk immer schärfer als Moral die Erkenntnis lebendig, daß fein Herrentum nicht Willkür fein darf, sondern edle Vernunft. Die Fähigkeit, andere zu unterwerfen, wurde ihnen von der Vorsehung nicht gegeben, um diese, sinnlos den Herrn fühlen zu lassen oder zu quälen, sondern -um aus der Verbindung seiner Genialität und der Kraft des anderen für beide gemeinsam ein menschenwürdiges, weil ihnen nützliches Dasein zu gestalten." wir glauben zwar nicht, daß der Reichskanzler, als er von der Verbindung der arischen Rasse mit anderen zu einer o r g a n i s ch e n Zweck g e m e i nschaft sprach, zunächst an die Stellung der Juden innerhalb des deutschen Volkes gedacht hat, denn seine Darstellung scheint mehr auf noch weiter zurückliegende historische Prozesse hinzuwcisen, Lei denen cs Sieger und Besiegte gab. Aber dennoch könnte grade der hier ausgesprochene kulturpolitische Gedanke der organischen Z w e ck g e m e i ns ch a f t unter Ablehnung der b l u t m ä ß i g e n Vermischung einen weg weisen, der aus dem sicherlich auch von der Reichsregierung als unerwünscht und unheilvoll betrachteten Labyrinth der heutigen deutschen Iudenpolitik hecauszufühcen und viele Mißverständnisse des Auslands zu zerstreuen geeignet wäre. wie bitter diese Mißverständnisse empfunden werden, zeigte die Rede des Propagandammrsiers, die sich in eindrucksvoller weise gegen die Greuel- und Boykottpropaganda im Auslände wendet, wir haben diese Propaganda von vornherein aus sittlichen wie aus weltpolitischen Gründen aufs schärfste bekämpft und empfinden es als. Genugtuung, daß der von uns trotz mancher Anfeindungen vertretene Standpunkt heute, wie der Verlauf des Zionistenkongreffes und die Erklärungen Lord Melchetts zeigen, sich doch bis tief in die Kreise des „radikalen Flügels", um die Bezeichnung des Reichsministers Goebbels zu gebrauchen, Anerkennung verschafft hat. Aber es muß gerade deswegen doch ausgesprochen werden, daß auch im Innern manches noch geschehen könnte, um dem Kampf der zweiten und dritten Internationale gegen den deutschen Antoritätsstaat die Spitze abzubrcchcn und ihm jeden Widerhall in den wohl m e i n c n - den Kreisen des Auslandes zu nehmen. wir rechnen dahin beispielsweise die Schaffung von Garantien gegen die unbegründete Verhängung von Schutzhaft über Juden, die sich nichts zuschulden kommen ließen und die man, wie es in einem polizeibefehl ausdrücklich hieß, nur deshalb verhaften zu müssen glaubt, weil „sich die Erregung gegen sie richten könnte ". Man vergegenwärtige sich, wie sehr solche Dinge — auch die maßlose Sprache des „Stürmer" gehört in dieses Kapitel — das Verständnis für den Sinn der nationalen Revolution im Auslände erschweren und wie sehr sie Wasser auf die Mühlen aller derer leiten, die Deutschland isolieren und diffamieren wollen. Ebenso wichtig wäre die staatliche Verhinderung von Versuchen, über die vom Staate erlassenen Gesetze und Verordnungen h i n - a u s die z u g e l a f f e n e n Anwälte oder Äerzte jüdischen Stammes oder jüdische wirtschaftsunternehmen zu schädigen und ihnen den Erwerb abzuschneiden. Endlich darf immer wieder die Frage gestellt werden, ob es nicht an der Zeit wäre, in gleichem Sinne wie es bei dem Transfer-Uebcreinkommen für Palästina in dankenswerter weise zu Gunsten der A u s w a n d e r n ö e n geschehen ist, auch der in Deutsch lau dv er bleibende nMasseder ni c i st u n b e m titelten Juden einen wirtschaftlichen L e b e n s c a u m int Gebiete des Handwerks und der Landwirtschaft zu schassen, der ihnen Betätigung und Erwerb zum eigenen wähle wie zum Wöhle des Staatsganzen sichert, positive Taten der Reichsregierung nach dieser Richtung wären die beste Weltpropaganda für Deutschland. - Ein Kongretz der Unsicherheit. Der dieser Tage nach langen, allzulangen Sitzungen und Verhandlungen in Prag zu Ende gegangene XVIU. Z i o n i st e n k o n g r e ß war von Haus aus nicht gerade von verheißungsvollen Perspektiven begleitet. Er war in der Hauptsache von zwei Tatsachen beherrscht, deren eine sein äußeres Bild und die Atmosphäre bestimmte, während die andere ihm innerlich den sicheren Boden nahm. Der Schatten des ermordeten A r l o s o r o s f ruhte über dein Hause und verdüsterte die ohnehin schon scharf genug zugespitzten Beziehungen zwischen rechts und links, Revisionisten und Histadruth, bis zu einem Grade, daß ein Zusammenbleiben kaum noch möglich war, geschweige denn eine gemeinsame Plattform für die Arbeit und die Wahlen. Die andere Tatsache, die auf dem Kongreß drückend lastete, ohne durch eine Erörterung Entspannung zu bringen, war die L a g e i n Deutschland. Der Kongreß konnte nicht um die deutsche Frage herumkommen, durfte aber nicht aus dem A/ige lassen, daß gerade die Behandlung dieser Frage vor den gespitzten Ohren der Welt und besonders in Deutschland, ein delikates, äußerst taktvolles und vorsichtiges Vorgehen erforderte. Allein die Tatsache aber, daß die deutschen Delegierten dem Kongresse fernblieben, daß ferner ihr offizielles Organ die „Jüdische Rundschau" auch die gemäßigte Resolution zur Frage der deutschen Juden nicht angebracht findet» und in einem Artikel in ihrer Rümmer vom l. September den Kongreß in seiner ganzen Struktur und besonders die Generaldebatte als fruchtlos und verfehlt abtut, all dieses zeigt die eigene unsichere Konstellation und die innere Tragik der heurigen zionistischen Heeresschau. Der langen Verhandlungen kurzes Resultat besteht auch für uns, abgesehen von der besagten Deutschlandresolution und den damit zusammenhängenden Palästinabeschlüssen, vornehmlich in der absoluten und geschlossenen Absage d c r z ionist i s ch e n Organisation in all ihren Schattierungen, mit Ausnahme des Misrachi, a n d e n Revifionis m u s. Iabotinsky soll einmal in den Wandelgängen von fanatischen Gegnern angegriffen und an die wand gestoßen worden sein. Cs war der einzige ernstliche Zwischenfall» aber er wirkt beinahe symbolisch. Die Revisionisten waren an d i e w a n d gedrückt. Richt zuletzt infolge der aus Palästina einlangenden Berichte über den Gang der Untersuchung in der Mordsäche Arlosoroff wurde ihre Stellung mit jedem Tage unhaltbarer. Alle ihre Reden, — man hatte möglich ist, dann bist du 'nb piaa, dann opferst du ein 'r\b pip! — So schreibt die pmin uns 'n mmy vor Das heißt «*vian ps-) erfüllen! Dann aber, wenn du von solchen maus getragen an das nata zum Opferdienst herantrittst, — bedarf es da noch großer Erläuterungen, daß du — in Gedanken nur für G'tt — absolut betrachtet, aber nur zu deinem egenen Heile opferst? — Denn wem könnte der Gedanke aufkommen, daß der Weltenschöpfer auf dein Brot und deinen Opferdienst. — auf deine gesamte tägliche «■»«}>. überhaupt — angewiesen sei?! Es ist doch in Wirklichkeit alles nur zu deinem Wähle! Deine ganze nana ist einzig und allein darauf gerichtet, 'nb vn!- f'nb sanp, zu opfern,'— der Schöpfer in seiner Allmacht aber wandelt es in zani', dein Brot, um, — läßt hieraus in tausendfacher Vergeltung d e i n Wohl hervorsprießen. So — und nur so — will es der heilige und weife Wille des Schöpfers! Soweit über 'n rnias, über niwn und nana als Hilfsmittel der nrn* und geistiges Band zugleich zwischen uns und dem Schöpfer. Wenn wir solche von nemp und Erhabenheit erfüllten Gedanken einmal bis zum klaren Verständnis durch unseren Kopf gehen lassen, so müssen sie ganz gewiß im Stande sein, jenen 'pVx prra in uns auflodern zu lassen, indem sie uns in Bewunderung und Ehrfurcht vor den m w» versetzen und uns schließlich dazu zwingen, unsere Handlungen einmal einer gründlichen Revision zu unterziehen, ob sie auch wirklich den Forderungen wahrer 'n mias entsprechen. Aber sowie wir nur unseren Blick von diesen „hohen Sphären" heraus auf den gewöhnlichen Alltag lenken, so überfällt uns Schrecken und. Trauer'. Ach, wie düster erscheint es uns dort! Ueberall nuaiv anstatt nEmpi Wir fühlen uns rat- und trostlos. All die „hohen" Dinge haben wir doch mit dem geistigen Auge so offenbar und unwiderlegbar, so nah — fast sinnlich wahrnehmbar — gesehen. Aber beim besten Willen lassen sie sich nicht in den Rahmen des Alltags fassen! Und warum? Hat der Schöpfer vielleicht wirklich soviel Düsterkeit unserer Erde bestimmt? — Sollen jene „hohen" Dinge vielleicht doch nur in höheren Sphären zu suchen sein? — Nein, lieber Freund, nicht so ist es in Wirklichkeit! —!nan 1V11 wss firm b’z ’rb wnn so ruft der überglückliche qi,»n w aus. Die ganze Erde schwelgt und frohlockt in ihrem Glücke, in dem Lichte, das der Schöpfer in seiner Gnade ihr spendet. aaai' cmn nm ep ■'Rha’ rmna :na 'avv ^>an irrtwi c>'n osn’ „Cs stürmt das Meer samt seiner Fülle; — der Erdball mit seinen Bewohnern." Ströme schlagen in die Hände, gemeinsam mit den Bergen jauchzen sie/' Und warum die Fülle an Glück? —: -wiD'va n'ttsn p*m ban vwv' ynun rnr vivvb «a 'a m 'asb „Bor dem Ewigen, da er kommt, die Erde zu richten. Er wird den Erdball richten mit Gerechtigkeit, die Völker mit Geradheit." So erwartet die Natur tagein, tagaus unter Frohlocken die Offenbarung der na'av- (Schluß folgt.) (Der „Grand old Man" der englischen Iudenheit gestorben.) Am 29. August verstarb in London im 91. Lebensjahre auf seinem Landsitz in Surrey Sir Philip Magnus, der „Grand old Man" der englischen Judenheit. Sir Philip, der ursprünglich Prediger an der West London Synagogue of British Jews war, vertrat die Londoner Universität, deren Senat er angehörte, 16 Jahre lang im englischen Parlament. 1886 wurde er geadelt, 1917 erhielt er die Baronetswürde. Er galt als führende Autorität auf dem Gebiet der Technik in England und hat auch im öffentlichen Leben des englischen Judentums eine hervorragende Rolle gespielt. Insbesondere war er auf dem Gebiete von Erziehung und Bildung tätig. Jahrelang war er Präsident der West London Synagogue, die er auch im Jewish Board of Depüt i e s , dem er als Vizepräsident angehörte, vertrat. Zigarren AQ Zeil Wolf Tel« Hansa 27030 Wochenkalender. vom 9. — 18. Sept. 1933 vom 18. _ 95. Elul 5898 WN Ep niaina Samstag 9 18 na Nian-’a Sonnmg 10 19 in Montag Aug. 11 20 ra Dienstag 12 21 na Mittwoch 13 22 va Donnerstag 14 23 a Freitag 15 24 rra Samstag 16 25 ai 1?»", ovjsa Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton <3. Echachnowttz, Frankfurt a. M.; Inserate 1. B.: S. Sch ach - nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kausmann. In Sprendlingen (Kr. Ofsenbach). — Verlag ves Israelit und Hermvn G. m. b. Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M.