Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1933)
- Date
- 1933-08-31
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 35 Der Israelit 31. August 1933 In verborgener Nacht krampst sich ein Rläöchenherz, es war ein ernstes Frauenherz geworden, zusammen. Lieber G'tt, gib mir ihn wieder! „Das Leben liegt vor mir," schreibt sie ins Feld, „ich sehe es in weiter Ferne froh vor mir liegen, wie die reisen Aehrenfelder, die sich dehnen, weithin, wenn man den Berg hinter der Synagoge hinausfleigt und sie vor sich steht. Komm' zu mir, ich kann den weg nicht allein gehen . . Line rotbraune Schnecke sieht Rlirjam einmal am Boden dahinkriechen. Sie denkt daran, daß es eine Zeit gab, wo es ihr eine eigenartige Freude bereitete, dem langsamen Fortbewegcn des seltsamen Geschöpfes lange zuzuschauen. Jetzt aber sieht sie ihr eigenes Leben im Bilde des Wesens. „So sind die Tage, die ich verbringe, wenn ich einen Brief von Dir habe, denke ich, das ist vor zwei Tagen geschrieben worden, was war inzwischen? wann erfahre ich das nächste? . . . Alle wollen gestärkt sein, ich soll überall helfen, überall ein frohes Gesicht machen, die Menschen, die Eltern ausmuntern, wer sagt mir etwas Gutes und Starkes? ..." Herbert sagt es ihr jede Woche. Cr schreibt ihr so, daß sie fast immer am Schabbos Nachricht von ibm bat. Er schreibt ihr, wenn Schabbos vorbei ist. Man kann auch Spaziergänge machen in den engen Gräben. Dann und wann ist ein Schweigen über allein. Man möchte hinaus aufs freie Feld, schauen, was drüben los ist, ob da nicht auch Menschen sind, die Sehnsucht haben nach Frohsern, nach Sorglosigkeit, nach Friede. was es nicht für Stunden gibt. Da steht er einmal früh uin sechs, die Sonne war eben aufgegangen, an elnenr klaren Rlorgen in einem Hinteren Grabenabschnitt. Man kann das Gelände gut überschauen. 2luch die französischen Linien, vielleicht sieht ihn auch einer und hebt die Waffe. Egal. Herbert hat sein Gewehr und macht Jagd auf Ratten. Das gehört auch zum Krieg. Aber warum muß der Franzose da drüben so frech sein und oben am Grabenrand spazieren laufen, in den Himmel gucken, als läge öie Welt im tiefsten Frieden. Dem müßte man einen Denkzettel geben, damit er seiner Lebtag genug hat, Schon zielt er. Ein Kamerad steht neben ihm und meint, den könne man nicht verfehlen. Aber ist da hinten nicht das Gesicht eines jungen Mädchens, das angstvoll die Hand erbebt, um den Geliebten zu schützen? . . . Eine ünmerkliche Bewegung . . . Schon spritzt ein wenig Erde an der Stelle auf, wo das Geschoß in den Boden schlug . . . Am Abend wird der da drübeu vielleicht seiner Braut einen großen Brief schreiben vom Glück, das ihm hold war . .. Kann man im Feld denn den Schabbos halten? „wer sagt denn, daß man überhaupt im Krieg etwas halten muß? Das verlangt kein Rabbiner. Der liebe G'tt auch nicht. Sonst hätt's keinen Krieg geben dürfen." So reden sie draußen. So sagt Salti Mosbacher. Ein braver Kerl, gibt alles her, was er hat, frißt wie ein Hamster altes, was ein anderer hat, wenn ihn der Hunger quält; hat den ganzen Dreck so satt, schimpft und tut seine rpflicbt (bis chm eines Tages Handgcanatensplitter den Arm lähmen.) „Du, Menschenskind, Bergheimer, Du bist verrückt. willst du verhungern mit deinen paar Konserven? Meinst du, die postboler sind närrisch, daß sie dir, wie neulich an pesach, 17 Pakete auf einmal durch den Schlamm schleppen? Und wenn du Grabendienst machen, Leuchtpistolen abschießen, Aufzeichnungen abgeben mußt, was ist denn, zum Doirnerwetter, dabei, wenn du einen Brief beimschreibst — heute Abend, wenn der Schabbos rum ist, schreibst du vielleicht keinen Brief mehr — oder, wenn man doch nichts Richtiges zum Essen hat, eine Zigarre rauchst? Da, so hast du doch keine." (Fortsetzung folgt.) Abschied von Lhusker Raw. C h u st, 23. August. Man hatte sich längst mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß uns unser Führer und Oberhaupt verlassen wird, und man fand sich damit ab, daß seine überragende Kraft nunmehr von Erez Jisroel her der ganzen jüdischen Gemeinschaft zugute kommen wird. Wie aber bie Stunde des Abschiedes nahte, kam doch eine solche Welle von Verehrung, Dankbarkeit und Abschiedsweh zum spontanen Ausdruck, daß alle, auch Nichtjuden, mit hingerissen waren. Möge dieser grandiose Abschied ein gutes Omen sein für die neuen großen Ziele, die dem vielverehrten Rabbi im heiligen Lande gesteckt sind. Schon zwei Wochen vorher kamen Rabbinen und Freunde aus den umliegenden Gemeinden nach Chust. um sich vom Rabbi zu verabschieden. Auch die Behörden schickten durch ihre Vertreter ihre Abschieds grüße. Am letzten Sabbat hatte sich eine große Schülerzahl auch aus weiter Ferne in Chust eingefm den. Der Freitagaoendg'ttesdienst auf der Jeschiwah, Schachris in der Schul und Musfaf im großen Beshamituasch bildeten zugleich den Abschied von diesen heiligen Stätten seiner Wirksamkeit. Wie immer, trug der Rabbi selbst das Roschchaudesch-Benschen vor, das die Gemeinde zu Tränen rührte. Nachmittags gab es eine Abschiedsdroschoh in der uoerfüllten Schul. Bei dem den Thoraworte". folgenden Mahnungen und Gtückwün/chen zum Absch'co, hörte man mutes Schluchzen. Am Sonntag morgen umr> .1 Tausende das Rabbihaus. Als sich der Wagen ' Regung setzte, trug man die Sejer Thora des Rabbi, die, wie die ganze reiche Bibliothek, mit hinübergenommen wird, voran. Schüler der von ihm gegründeten Talmud Thoraschule trugen ein riesiges Transparent mit hebräischen Segensworten. Am Bahnhof mußten Beamte zur Aufrechterhaltung der Verkehrsordnung eingesetzt werden. Das Bild der wogenden taufendkäpfigen Menge, die ihrem geliebten Rabbi am Waggonfenster Abschiedsgrüße zuries, war überwältigend. "Die Agudajugend stimmte einen Chorgesang i'Ksn nnn«n -2 an; noch andere Gesänge ertönten, indem die Frauen und Mädchen von der Rebbezin und dem Kinde in ergreifender Art Abschied nahmen. Eine größere Deputation aus der Gemeinde setzte sich zum Rabbi in den Wagen und fuhr bis S e o l j u s mit, intimere Freunde führen noch weiter bis Miskolc. Fast auf alttn Stationen bis Budapest erwarteten den Rabbi neue Scharen mit ihren Huldigungen. Viele stiegen in den Wagen und fuhren einige Stationen mit. In B u d a p e st selbst hatte sich eine große Anzahl von Schülern und Verehrern des Rabbi in der Wohnung seines Bruders, wo er Quartier genommen hatte, eingesunden. 2m Festsaale der Gemeinde wurde abends ein Festessen veranstaltet, auf dem neben vielen anderen der Rabbi selbst herrliche Worte über die Alijah und die Hoffnungen, mit denen er nach Jeruscholajim gehe, sprach. An seine Schüler richtete er den Appell, sich noch weiter mit ihm vereinigt zu fühlen. Am Dienstag früh reiste der Rabbi mit Familie, begleitet von den rauschenden Ovationen der Freunde, weiter nach Triest ab. Möge mit seinem Einzug in Erez Jisroel eine neue Aera des Thoralebens für das Heilige Land und die Heilige Stadt beginnen. Ainderecke. Ellul Ellu! hat als vorbeceitungsmonat für die Tage der Buße und Einkehr seinen eigenen Charakter. Ja, er gehört schon selbst zu der Summe der Bußtage, worauf das S ch o f a r b l a f c n morgens, und an manchen Plätzen auch abends, hinweist. Am ersten Lltul, so rechnet uns der Talmud aus, bestieg Rlofes zum zweiten Riale die G'tteshöhe, um, nachdem die ersten Bundestafeln zerbrochen waren, stch neue zu erflehen und endgültige Verzeihung für das Volk zu bewirken. vierzig Tage verharre er im Gebet. „G'tt zog an feinem Angesichte vorüber, und er, Risses rief G'tt der Barmherzigkeit und der Gnade an, der langmütig und reich an Liebe und Treue ist." Die Gebete bewirkten, daß der liebe G'tt am vierzigsten Tage sein „ S o l a ch t i! " „Ich habe verziehen" rief. Seitdem ist dieser vierzigste Tag, vom ersten Ellul ab gerechnet, der Tag der großen Verzeihung und Versöhnung, der Jom Kippur. Das große Ringen um die Verzeihung beginnt aber, wie bei Risses, schon mit dem ersten Ellul, mit Gebet und Einkehr, mit Selbstläuterung, mit Schofarblasen. Der Schosar wirkt wie ein Signal, das ein Schiff in Rot. hinaussendet, es ist auch ein Weckruf an alle guten Kräfte in uns, daß sie den Kampf aufnehmen mit bösen Regungen, zur inneren Läuterung und zur Reuaufrichtung der Verbindung zwischen Rlensch und G'tt. Steht auch von der Bedeutung des Ellul In der Schrift nicht ausörückuch, so haben doch unsere Weisen viele Andeutungen im Schriftworte für den Rlonat und seinen besonderen Charakter gefunden. '1111 'in1? '2« Dieser Satz aus dem Hohenliede, der die Sehnsucht Israels zu G'tt und G'ttes zu Israel („Ich meinem Geliebten unb mein Geliebter mir") ausdrückt, trägt in seinen Anfangsbuchstaben den Ramen Ellul in seiner hebräischen Schreibart. Ein anderer Satz im Buche Esther nunai i.isnb w'rr v il'irr*? deutet in seinen Anfangsbuchstaben ebenfalls auf Ellul hin und besagt, daß Jedermann besonders in diesen Tagen Friede halte mit seinem Freunde und Gaben reiche dem Armen. Solche Deutungen und Andeutungen nennt man in der Erklärerliteratuc rai (Wink oder Hinweis), und sie sind unabhängig vom einfachen Wortsinne des Satzes. Rlit den beiden Sätzen, die unsere Weisen auf Ellul beziehen, haben wir seine besondere Bedeutung als Rlonat der Buße, der uns die Brücke baut z u G'tt und zugleich auch zu den Herzen der Rienfchen. Roch einen dritten Satz aus der Thora selbst haben die Weisen herausgefunden, der in feinen Anfangsbuchstaben Ellul enthält 7*? ’natm n’b rum* Diese Worte, aus dem Zusammenhänge losgelöst, befinden sich im Kapitel der Zufluchtsstätte für denjenigen, der aus versehen einen Mord begangen hat. Mit diesem dritten Hinweis würde also der Ellul zur Flucht in sich selbst mahnen, ins G'tteshaus, in die eigene Seele, in die Welt der Gebete, in der der Mensch sein Glück, seinen Trost und seine Wiederverjüngung findet. Die drei für den Ellul angewandten Bibelsätze würden somit der dreifachen Forderung der Hohen Feste entsprechen: -.121VN — -nnf? 'irr •nV’an - *jV nasn .ivtt -.1,718 - v'ii'zrr'? rmnai lnsnV-'BnK Kein Zltinjcm? Bon Heinrich Einflädier. l. Die erste Hälfte des Monats Ab ist vorbei. Nach Wochen schmerzlicher Erinnerungen erhebt sich das Gemüt zu neuer Zuversicht. Die „erhabenen Tage"' beeinflussen bereits die Stimmung, obwohl noch sechs Wochen von ihnen trennen. Ein heißer Augusttag geht zu Ende. Hochbeladene Erntewagen schwanken durch die Dorfstrahe, deren Häuserzeile aus der Nordseite von grauen Felsen unterbrochen wird. An vielen Stellen hat Gras und Gebüsch zwischen den Steinen, die jetzt die Tageshitze zurückstrahlen, ein Plätzchen gefunden, und dort, wo in einem ansehnlichen Spalt eine Quelle ein fleißig rieselndes Bächlein hinabschickt, haben sich ein paar mächtige Kastanien und Pappeln zu einem Kreise zusammengetan, der wohltuenden Schatten auf eine runde Steinbank hinabsenkt. Die Bank ist zur Hälfte besetzt und zwar von älteren Leuten, die behaglich ihren Tabakspfeifen blaue - Wölkchen entsenden. Ihnen gegenüber haben sich auf einem Steinblock einige jüngere Männer niedergelassen, denn die Rundbank ist zu gemeinsamer Unterhaltung ungeeignet. Im Hintergründe ist die Eingangstür eines Gebäudes sichtbar, über dessen Giebel zwei steinerne Tafeln uns belehren, daß wir die Synagoge des Ortes vor uns haben. Die Leute ruhen hier, und warten auf den Beginn des Abendg'ttesdienstes, der erst erfolgen kann, wenn durch das Hinzukommen zweier weiterer Männer die vorgeschriebene Zehnzahl des Minjan erreicht ist. Die kleine Gemeinde ist in den letzten Jahrzehnten sehr zusammengeschrumpft. Durch Tod und Wegzug entstanden Lücken, die nur selten durch Geburten wieder ausgefüllt wurden, und so kam es, daß schließlich nur knapp Minjan übrig blieb, eine Tatsache, deren Betrüblichkeit immer wieder zum vollen Bewußtsein der Ueüriggebliebenen gelangt, wenn durch irgend ein Vorkommnis einer von ihnen verhindert ist, zum G'ttesdienst zu erscheinen, und dieser daher ausfallen muß. Auch jetzt wartet man auf zwei Männer, die schon am Vormittag das Dorf verlassen haben, um ihren Geschäften nachzugehen, — Vater und Sohn, die das Tünchergewerbe betreiben, der Vater als Meister, der Sohn als Lehrling. Sie kommen weit herum in den Dörfern der Umgegend. Ihre Arbeitszeit ist nicht so genau begrenzt; denn manchmal helfen sie noch den Bauern nach Feierabend bei landwirtschaftlichen Arbeiten, wofür jene wieder ihnen gern beistehen, wenn sie zur Bestellung ihrer eigenen Aecker Arbeiter oder Zugtiere bedürfen. „Wir werden heut' kein Minjan bekommen," läßt sich der alte Gemeindevorsteher vernehmen, „höchstens zu Maariw bismano; denn wenn der Awrohom kommen kann, läßt er nicht auf sich warten."