Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-08-31 · Heft 35 (31.8.1933) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 35 (31.8.1933)
Date
1933-08-31
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450790--79842-2537637
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

31. August 1933 __ „Und sein Jung' auch nicht" erwidert einer. „Der fährt seinem Later in allem nach, im Fleiß und in der Frömmigkeit." „Die beiden sind ein wahrer Kiddusch Haschern," setzt ein andrer hinzu. „Die Bauern schätzen halt körperliche Arbeit und schlichte Biederkeit vor allem. Und auch die Frau ist brav und tüchtig und packt überall an, wo sie helfen kann, und geradeso ihre Tochter Rahel, die schlägt nicht aus der Art." Die Unterhaltung wird unterbrochen. Auf der Dorfstraße ertönt das Klingelzeichen mehrerer Fahrräder, und gleich darauf biegen fünf junge Menschen hintereinander in den Platz vor der Synagoge ein und springen munter, höflich grüßend, von ihren Rädern. „Wird jetzt Mincha gebetet?" fragt der Vordermann, und als ein vielstimmiges „Ja" ertönt, bringen die Burschen ihre Räder zur Seite, waschen sich rasch an der Quelle, ziehen ihre Röcke an, die sie wegen der Hitze abgelegt hatten, und begeben sich hinter den Gemeindemitgiedern Ins G'tteshaus. „Das hat noch ein gutes Minjan gegeben," äußert der Vorsteher, behaglich schmunzelnd, zu seinem Nebenmanne, und in der höflichen Art der Dörfler fragt er die Fremden,' ob nicht einer der Herren vorbeten wolle. Auf einen Wink des Führers tritt ein junger Mann an das Vorbeterpult. Auf seinem Angesicht liegen noch die Spuren der Schriftverse, die soeben leise, tief empfunden seinen Lippen entquollen waren. „Wie schön deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen Israel! Durch deiner Gnaden Fülle trete ich in dein Haus und bücke mich zum Tempel deiner Heiligkeit in Ehrfurcht vor dir. Ich liebe die Stätte deines Hauses, Ewiger, den Ort, wo deine Herrlichkeit residiert. Ich bücke mich, ich beuge mein Knie vor dem Ewigen, meinem Schöpfer. Ich richte mein Gebet zu Dir, zur Zeit des Wohlwollens. G'tt, bei der Fülle Deiner Gnade, erhöre mich mit Deiner wahren Hilfe." Noch einmal schickt der Jüngling einen Blick nach oben zu dem „heiligen Schrein", dann beginnt er mit klangvoller Stimme: „Heil denen, die in Deinem Hause weilen, immerdar preisen sie Dich, Selah." Die Anwesenden horchen auf. Ihre Gestatten strafften sich. Ernst tritt in ihre Züge und tiefe Andacht. Und als der jugendliche Vorbeter das Hauptgebet wiederholt, da gelingt es ihm, diese Andacht festzuhalten und sie zu verinnerlichen bis zum Schluffe. Mit einem Händedruck und dem Wunsche „Jejascher kochacho" (deine Kraft möge immer reicher werden" verabschiedet sich jeder von ihm. Verabschieden? Nein, das stimmt eigentlich nicht. Denn vor der Synagoge blieben die Leute stehen und erkundigten sich, ob die Fremden auch „Quartier" hätten, und als sie hörten, daß in der Jugendherberge schon ein Nachtlager bereit war, so wollten sie die jungen Menschen zum Abendessen einladen. Die aber lehnten dankend ab. Sie wollten niemand bemühen und hatten sich mit sicherem Blick den Platz hinter der Synagoge zum Abkochen ausersehen. Doch konnten sie nicht verhindern, daß ihnen die gastfreundlichen Dörfler Milch und Käse, Butter und Eier herzubrachten, bis sie gleich Mosche Rabbenu baten, man möge doch nichts mehr bringen; „es fei genug und zu viel." II. Rasch war an diesem Augustabend die Nacht der Dämmerung gefolgt. Eine Nacht, die vom Frühling süßen Duft, vom Sommer wohltuende Wärme, vom Herbst ein mildes Wehen und vom Winter lauschige Stille entliehen hatte. Um ein kleines Holzfeuer lagern auf Felsblöcken und Grummethäufchen die fünf Jünglinge mit ihren neuen Bekannten, zu denen sich inzwischen auch der Tüncher Awrohom mit seinem Sohne gesellt hat. Das Abendessen ist verzehrt, das Tischgebet gesprochen und durch Frage und Gegenfrage das Terrain schnell sondiert worden. Man weiß sogar schon, daß der jugendliche Vorbeter große Lust hat, ein Handwerk zu erlernen, um es einmal in Deutschland oder in Erez Jisroel auszuüben, und daß feine Freunde bestrebt sind, sich durch Wanderungen und Sport körperlich zu ertüchtigen, damit ihre akademischen und kaufmännischen Berufe einen gesunden Ausgleich finden. Dann spricht man von den herannahenden Jomim hanoroim und von dem Frankfurter Gebrauch, schon vom Schabbos Nachmu an durch den Schluß des Kaddifch vor der Tefilla am Freitagabend auf sie hinzuweisen. Da bittet einer: „Felix, sing' uns den „Daamiron beolmo!" Und alle stimmen zu. Ort und Zeit und Seeleninhalt haben den gleichen Wunsch erzeugt; er muhte nur ausgesprochen werden. Leise fällt das Bächlein die Felswand herab und riefelt dann durch die Wiesen, die das Tal hinter dem Dorfe ausfüllen. Im Osten begrenzt ein stattlicher Bergkegel in der Ferne die Aussicht. Ueber seinen Rücken hebt sich in diesem Augenblick langsam und würdevoll die Scheibe des Vollmonds, weißes Licht grüßend über die dunklen Wälder an den Hängen der fernen Hügel und über den breiten Fuß, den der Kegel machtvoll, wie für die Ewigkeit Besitz ergreifend, in das Tal hinausschiebt. Ueber die Gegend wölbt sich in tiefem Blau ein mit Sterne übersäter, von keinem Wölkchen getrübter geheimnis- Der Israelit reicher Himmel und rundet Verg und Tal, Wald und Wiese, Dorf und Bach zu einem geschlossenen Ganzen. Eine Sternschnuppe durchsliegt leuchtend das werte Rund. Und als ob er aus dieses Zeichen gewartet hätte, beginnt in diesem Moment, den Blick auf die Mondscheibe gerichtet, der Sänger: „Leelo, min kol birchoso weschiroso ..." „Dein Ruhm übersteigt jeden Segen und jedes Lied, jeden Preis und jeden Trost, alles, was je in der Welt gesprochen worden i st . . Ringsherum tiefste Ruhe. Wie Perlen lösen sich die Töne in ununterbrochener Kette aus des Sängers Kehle, steigen empor zur Höhe und senken sich hinunter zur Tiefe, nehmen zu an Kraft und Wirkung, füllen die Seelen der Lauschenden und die Weite des Platzes, brechen sich an den Wänden der Felsen und der Gebäude und enden schließlich leis, aber desto eindringlicher mit der Aufforderung: „Weimru omen!" — „Sprechet: Ame n." Ein minutenlanges Schweigen folgt. Jedes Herz spricht: Amen. Jeder Mund lispelt: Amen. Der Mond, den man erst jüngst nach Ausgang des Tischo beaw des Gedenktages tiefsten Leidens unsres Volkes begrüßt hat, begrüßt hat mit dem Vorsatz der Erneuerung und Vervollkommnung nach seinem Beispiel im Herzen, mit dem Wunsche nach Ruhm und Frieden auf den Lippen, er spricht: Amen. Der mächtige Berg, zu dem schon so oft der Verzweiflung nahe Menschen die Blicke erhoben mit den Worten: „Von wannen wird mir Hilfe kommen?" er spricht: Amen. Die Erde, die alle trägt, Gute und Böse, und allen Nahrung spendet, spricht: Amen. Der Himmel, der über alle das gleiche Dach wölbt und ihnen in jeder Stunde predigt, daß sie Kinder eines Schöpfers sind und daß es sein Haus ist, in dem sie wohnen, spricht: Amen. Das Wässerlein, der Tiefe entquollen, tritt hinzu und spricht: Amen. Das Gebäude dort, in dem Generationen zum Höchsten gebetet haben, und das Haus in seiner Nähe, in dem einst Scharen von Kindern in G'ttes Lehre unterrichtet wurden und das jetzt vereinsamt liegt, auch sie sprechen: Amen. Und endlich jeder Seufzer, der auf dem Heimweg den sinnenden Menschen entflieht, ist nichts als ein: Amen. Und dort drüben, aus dem Felde der Toten, hallt nicht auch ein Amen? Annahme von Abonnements und Inseraten für den ISRAELIT in Erez-Jisroel: Palesline Economic Service, Tel-Awiw, Grusenbergstraße 35, P. 0. B, 844. III. Ein Morgen voll von Farben und Tönen und Düften hat seinen Zauber über das Dorf gesandt. Er zieht jedes Gräschen an das Licht, taucht jede Blume in Tau und Sonne, wandelt altersgraues Gestein durch farbenprächtige Schleier in anziehende Gruppen und erfüllt weite Gründe, die noch vor einer Stunde in stiller Ruhe lagen, mit Glanz und Leben. Der Morgeng'ttesdienst ist zu Ende, das Frühstück am gleichen Platze eingenommen wie gestern das Abendessen, aber in rascherem Tempo, und nun geht es an den Abschied. Fast nicht zum Wiedererkennen ist der gestrige Kreis; auch die Gesichter sind verändert. Mut und Zuversicht und jugendlicher Frohsinn sprechen aus den Zügen der Jünglinge, die ihre blitzenden Räder besteigen, nachdem sie ihren neuen Freunden die Hände zum Abschied gedrückt haben. Bunt durcheinander erschallen aus der Reihe der Zurückbleibenden die Abschiedsrufe. „Sie kommen aber gewiß zu uns als Ehasan (Vorbeter) über die Feiertage." „Rein, Sie müssen schon bald kommen und zwar zu mir! Bei mir bleiben Sie, bis Sie die Grundlagen meines Handwerks erlernt haben." „Sie können überhaupt bei uns bleiben!" „Kommen Sie nur alle recht bald wieder!" „Aber auf längere Zeit!" So tönt es von allen Seiten. Doch schließlich muß es ein Ende nehmen, und so spricht denn der Führer, indem er nochmals Abschied winkt, den Vers, mit dem man nach alter Sitte feststellte, ob Minjan vorhanden ist, weil man die Gemeinde nicht zählen soll und der aus zehn hebräischen Worten besieht: „H aus ch ij a es amecho " . . . „ Hilfdeinem Volke, segne dein Erbe, weide und trage sie e w i g l i ch." Nr. 35 Seite 15 Auflösung der magischen hebräischen QuadrakrStsel aus Jtr. 31. 1) ’bM Braten pl pM pp4 lecken 1 p I ■* 1 teuer 2) P h 1 P P?t Suppe i i «h j sehet fr i1 i? 1 Vip Stimme 3) n | n | v rnty Sara (Herrin) n j a j -l nnn Rama (erhabene) “i | n | n nnn der Verg Richtige Lösungen sandten ein: Helene Lidzbarski, Josua Wilner, Hermann und Joses Tayer, Samuel Birnbaum und Erich Levy, Berlin, David Wilder, Dresden, E. Pfeffer, Dresden, Jakob Siegfried, Theo und Manfred Katz, Nürnberg, Kantor i. R. A. Davidsohy. Tilsit (Ostpr.), Elijohu und Schlaumau Carlebach, Baden-Wien, Alfred Donath, Pverdon. Palestine Economic Service. Die steigende Einwanderung aus Mitteleuropa und das erwachte Wirtschaftsinteresse europäischer Kreise fiir Palästina hat die Gründung des „Palestine Economic Service" (Palästina-Wirtschaftsdienst) erforderlich gemacht. Der Palestine Economic Service (Pecos) arbeitet auf privatwirtschaftlicher Grundlage, auf Grund der Erkenntnis, daß gemeinnützige Institutionen seriösen Wirtschaftsinteressenten nur in einem sehr begrenzten Ausmaße zu dienen in der Lage sind. Pecos gibt dem industriellen Kaufmann, Handwerker oder dem Landwirt zur Vorbereitung einer wirtschaftlichen Tätigkeit in Erez Israel nicht nur allgemeine Hinweise, sondern genau, fachlich und ausführlich ausgearbeiteter Expertisen. Die Bearbeitung derartiger Expertisen und genaue Wirtschaftsinformationen erfordert hervorragende theoretische und praktische Wirtschaftskenntnis und zugleich einen starken Zeitaufwand. Keine gemeinnützige Institution ist in der Lage, für einen Wirtschaftsinterefsenten Feststellungen zu treffen, deren Beschaffung unter Umstünden Tage und Wochen intensive Arbeit erfordert. Es kommt hinzu, daß die gemeinnützigen Körperscha-f ten behördlichen Charakter tragen und daher in keiner individuellen Beziehung zu dem Interessenten stehen. Der Interessent wünscht keine Information zu „erbitten", sondern beansprucht das Recht, genau Auskünfte zu „fordern" und dabei gleichzeitig in individueller Beziehung zum Jnteresietnen zu stehen, der gewillt und in der Lage ist, feine Aufträge durchzuführen. Pecos widmet sich dieser Tätigkeit. Der Pecos wird geleitet von den Herren Dr. Paul Arnsberg (früher Frankfurt o. M.), Elijohu Ben Horin (früher Jerusalem, Doar Hajom-Redakkion) und Dipl.- Kfm. Dr. rer. pol. Norbert Schäfer (früher Mainz/Rh.). Die Herren verbinden juristische, volkswirtschaftliche Vorbildung, langjährige praktische Tätigkeit in Handel, Industrie und Bankwesen des europäischen Kontinents, mit hervorragender Kenntnis Palästinas. Der Pecos arbeitet in engster Beziehung mit maßgebenden Wirtschaftskreisen Palästinas. Die Organisation des Pecos legt Wert darauf, direkt im Lande zu arbeiten, da die bisherige Wirtschaftsberatung in Europa unter dem Mangel einer zu großen Entfernung von dem Lande selbst gelitten hat, wodurch alle Informationen der notwendigen Konkretisiertheit entbehrt hat. Zu dem Arbeitsprogramm des Pecos gehört der Ausbau des Warenverkehrs zwischen Palästina und Mitteleuropa. In Deutschland wird Pecos in enger Fühlung mit den Außenhandelsstellen Zusammenarbeiten. Pecos beobachtet in nächster Nähe alle Entwicklungsmöglichkeiten im Lande und hat selbst den besten Ueberblick über alle Projekte. Pläne und Transaktionen, um in jeder Art seinen Klienten bestens zu dienen. Eine Spedtions- und Zollabteilung ist ebenso wie eine Annoncen-Expedition und Zeitungsvertrieb dem Unternehmen angegliedert. Die Bllroräume des Palestine Economic Service befinden sich in Tel-Awiw, Grusenberg Street 35. Exposituren in Haifa und Jerusalem sind eingerichtet. Die Briefanschrift des Pecos ist: Palestine Economic Service, Tel-Awiw, Palestine, P. O. B. 844, Telegrammadresse: Pales.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.