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Der Israelit · 1933-08-31 · Heft 35 (31.8.1933) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 35 (31.8.1933)
Date
1933-08-31
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Heimkehr — und was dann? : i Von Karl Darmsisditt. (Fortsetzung.) An Schowuaus sind sie Ln Her Heimat, Herbert und Mirjam. Wiedersehen und wiederzusammensein im Glanze der sonnigsten Tage. iMexall bas blühen undReifwerden. Man mochte brausten sein vom Morgen bis zum Abend. Auf den wiesen liegen. An den Himmel schauen. Nichts tun» mchts denken, den Festtag feiern. Aber es will keine rechte Feststlmmung aufkommen. Aus unbedeutendem Anlast — „der Sack ist den Bändel nicht wert," sagen sie in der Gemeinde — hat mit der Voreiligkeit der Jugend Leo Rothenbucger eine Bemerkung gemacht, die von neuem Aecger, Freudlosigkeit und Unfriede in die Häuser trug. Menschen, zwischen denen eine Spannung besteht, sind nun einmal viel empfindlicher als andere. Ein Blick wird falsch gedeutet. Lin Wort wird falsch ausgelegt. Immer glauben sie, der andere habe es auf absichtliche Kränkung abgesehen. Fällt ein Wort, dann erschrecken sie, keiner hat's ja gewollt. „Die Menschen können nicht aus ihrer Haut heraus," sagt Herbert beruhigend zu Mirjam. Beruhigend? Ls ist doch ein leiser Ton von Bitterkeit in seinem Sprechen — wie soll denn das werden? -„Dein Bruder weist von uns, kennt unsere Gedanken. Freilich, er macht sich nicht viel Kopfzerbrechen darüber, hat andere Dinge, die ihm wichtiger sind. Aber will er absichtlich den Hast weiterführen? war' er dein Vater, ich könnte noch schweigen, aber wer von uns hat i h m etwas getan, was braucht er von neuem vergiften, was zu heilen beginnt? Cs must anders werden,, oder ich sehe kein Lnde." Herbert will» daß es anders wird. Mirjam will es. wer ist stärker als die zwei? Mirjams Auge läßt die Bitterkeit eine weile vergessen. Aber was nützt alle Freude, wenn Joseph Rothenbnrger in seinem Hause nichts gesprochen haben will von „der Sach"? — Cr ist verärgert und weist wohl im Innersten nicht, weshalb. Ls gibt jetzt nur noch eine Helligkeit, die den Nebel verscheuchen könnte. Sie geht aus von einem Mutterauge. In seltenen Stunden liegt die ganze Seele eines Menschenkindes, die Freude und die Trauer, das Glück und der Schmerz, das Jauchzen und das weinen, die Seligkeit And die Enttäuschung, alles, äusgebreitet vor dem gütigen verstehen der Gefährtin und Freundin — der Mutter. So lag Mirjams Innerstes —- sie konnte es nicht mehr verschließen in den Kammern des eigenen Seins — hingebreitet vor der älteren Gefährtin, die den Namen: Mutter trug. Frauenseelen tauchten ineinander und leuchteten voreinander auf. „Als du noch kindlich spieltest, sah ich in dich hinein, mein Kind. Ich sah alles Kommende." „Aber," war die angstvolle Frage der Tochter, „wer ändert den Sinn des Vaters?" „Mutter, warum ist der Vater so? Ich ertrage die Ungewißheit nimmer. Ich will um des Friedens willen alles tun, ich will Herberts Vater selber bitten, wenn unser Vater es haben will, zu uns zu kommen.. Glaub' mir, er wird es tun. Mutter, Mutter, es ist eine Schande vor allen Leuten. Jeder weist davon. Jeder spricht davon. Ich gehe selber zum Vater, ich weist, er versteht mich nicht, aber er darf nicht Nein zu dem sagen, worum ich ihn bitte, sonst —« „Kind, beruhige dich, sprich nichts Sündhaftes. Ich fühle, es wird anders. warte noch ein wenig. Ihr seid noch jung." „Das weist ich alles. Das wird Mir immer wieder, tausendmal, gesagt, wir — ja, wir wollen gern warten, aber wir wollen wissen, ob wir uns gehören - dürfen, wir wollen nicht mehr von den Leuten bedauert, mit törichtem, häßlichem Gerede bedacht werden. Jeder soll es wissen, ob wir mit dem Segen unserer Litern unser Leben gestalten, oder ob der Vater es auf sich nehmen will." Sie konnte nicht mehr weiter sprechen, wieder will die Mutter beruhigen. „Ich will keinen Sturm mehr heraufbeschwören. Cs wird gehen. Ich kenne deinen Vater, was willst du machen gegen das, was im Menschen ist vom Vater oder von der Mutter her; was im Blute ist, von vielen Generationen her? Das Wesen eines jeden ist gestaltet vom Leben, vom Schicksal, von M den Dingen, die ans seine Vorfahren, auf seine Kindheit, auf sein ganzes Sein eingewirkt haben. Da ist es schwer, zu verwandeln, zu mildern, zu besänftigen. Ich meine es gut mit dir. Cs wird anders werden." Aber Mirjam kann nicht mehr antworten. Cs ist ihr, als kämen die Worte der Mutter aus weiten Femen, als habe sie diese Stimme vor vielen, vielen Jahren gehört, sie selbst noch ein winziges Menschenkind, die Mutter aber groß, über ihr, über allem . . . wie in den ersten Stunden ihres Lebens liegt sie, ein weinendes Kind, am Herzen der Mutter. * * Der Sturm kam nicht im kleinen Kreise zum Ausbruch. Alles Cinzelleben und Cinzelschicksal schrumpfte zu winzigem Gebilde zusammen, als das schwere schwarze Wetter schicksalsgewaliig aus den Finsternissen Europas hervorbrach. Die Sturmglocken der Menschheit dröhnten. Der Krieg zerriß das brütende Glühen des Sommers. An die ehernen Pforten des Weltgeschehens schlugen dumpf die Hämmer der Schlacht, wen riß sie nicht mit sich fort? Die Völker beteten in allen G'tteshäusern. Keines, das nicht von eigener Reinheit, keines, das nicht vom verbrecherischen Schuldigsein des anderen überzeugt war. In allen Kirchen, Knallen Tempeln, in allen Letstätten der Kviegsvölker und waffenstarrenden Nationen traten sie hin vor G'tt, der der gerechten Sache den Sieg verleihen sollte. währenddessen lagen sie, die Jugendlichen, dem Tod noch fremden und die Erprobten, die ihm ins Auge gesehen hatten, irgendwo zerschmettert, warfen im Sprung die Arme hoch und sanken zurück in die Cröe, wurden in Nichts zerfetzt, brauchten kein Grab und kein Denkmal mehr. Des Nachts ging das Marschieren über vergessene Leichname hinweg, Sommer und Winter, Tag und Nacht, Tag um Tag, Werktag und Festtag, Monde und Jahre. In ewiger Unruhe verzehren sich die Daheimgebliebenen. In den Nächten werden Millionen von Namen gerufen, stieren schreckhaft weitgeöffnete Augen in irgendeine schwarze Ferne. Aber das unaufhörliche Rufen und'Anrufen macht die Kehlen heiser, das endlose In-die-Ferne-starren den Blick trübe, die Sinne stumpf unö müde. - Die Dörfer sind leer geworden. Sie Kegen abseits^ vom Weltmeer des Krieges. Doch auch durch die Dorfgassen schreitet das Schicksal. Sie fallen im westen, im Osten, wandern als Gefangene nach sibirischen Wäldern und lagern aus nebligen Inseln hinter Stacheldrahtzäunen. Die G'tteshäuser der kleinen Gemeinden, zuvor schon schicksalhaft entleert und verödet, sehen bald keine Menschen mehr. Sie sitzen in niedrigen Stuben auf kleinen Schemeln und haben keine Tränen mehr, eine Frau, eine alte Mutter, eine Braut, ein Kind, das seinen Vater nie gekannt hat, ihn nie kennen wird. * * „Erinnerst Du Dich," so schrieb Herbert einmal dem Freund, „wir lernten einst von den Wanderern, die am Rüsttag des Sabbats auf das Schiff gehen, weil sie am Tag der Ausfahrt. am Ruhetag selbst, nicht durch Reisebeginn das Sabbatgesetz übertreten wollen ... So machte ich mich damals am Freitagnachmittag auf den weg zur nahen Stadt, wo die Fahrt auf hohe See, auf stürmisches Meer, ihren Anfang nehmen sollte. Die -Tage zuvor waren rasch verflogen, Schon war, vor immer wieder neuem Geschehm, jener Tischobeaw fast vergessen, an den: wir sahen, wie die Bauern die köstllche Ernte bargen in der Gluthitze des Sommertages. Viele waren schon fort. Auch der Tod hatte im Dorf schon Opfer gefordert. Cs war herbstlich und grau geworden, als ich die Heimat verliest. In den Sukkostagen war cs. Mit dem Väter war ich noch zuvor am Bach ontlanggegangen, zu den Weidenbüschen. Jetzt, Freitags, vor dem Schabbos Cholhamoed, gingen wir über die alte Brücke. Du weißt, man must sie überschreiten, wenn man die Kleinbahn benützen will, die mit ihren altmodischen wagen am anderen Ufer in die Stadt fährt. Ich war oft in fremden Städten. Ich hatte manchen Schabbos fern dem Elternhaus verlebt, aber nun war dies doch seltsam genug, dieses Fahren in die große Stadt. Ein Freund langen Abschiednehinens bin ich nie gewesen. Ich habe immer erst Abschied genommen, wenn die, denen es galt, schon lange nm die Ccke verschwunden waren . . . So war es auch jetzt. Als die Bahn mit ihrem eintönigen Gebimmel durch die leeren Felder fuhr, kam mir das Zurückbleiben lieber Menschen, das Entfernen aus meiner bisherigen Welt, erst zum Bewußtsein. Standen sie nun nicht am andern Ufer drüben, sahen sie nicht Tausende und Abertausende dem Kampf der Wellen preisgegeben? . Als wir in die Stadt einfuhren, die mir von Jugend an recht vertrant war, geschah etwas Merkwürdiges. Sie war mir fremd geworden. Ich kam als ein 2lnöcrcr zu ihr. was ging cs mich heute an. daß ste Schule und Freundschaft, Vergnügen und Spielj wissen und Fröhlichkeit, so Vielerlei geboten hatte. Ich hätte damals auch nach Dir mich umseben können, aber das alles war in ferne Bezirke entschwunden. so daß ich nichts tat als allein sein mit mir selber. Ich weist noch, daß ich keinen G'ttesdienst besuchte, daß ich mir ein Zimmer nahm und Gestern, Heute und Morgen (wußte ich, wie das ist: das Morgen?) überdachte. Und immer wieder ging es mir durch den Ginn: Morgen früh, wenn sic im G'tteShaus Hallelpsalmen singen, stehe ich in einem Gedränge von fremden Menschen, inmitten einer Jugend, die in eine neue IDelt, verpflanzt wird, inmitten von 2luswandetm, die hinausfahren auf den Ozean dos Krieges." * * Am Schabbos in die Kaserne, in einer Freitagnacht ins Feld, uni die Mincho-Zeit an einem Samstagnachmtttag in glühender Sonnenhitze durch staubige Straßen marschiert, bei Sabbatausgang, als die ersten Sterne sich zeigten, nach Frankreich hinein . . . Da gibt es keine jüdischen Häuser. Da sind Trümmer und Ruinen. Da Kegen sie an einem Tischobeckw auf der verschlammten Erde der Champagne. Da steht Herbert Bcrgheimer an einem Rösch ha sch onoabend am Rand eines zerschossenen Dorfes auf Posten. Höchstens ist von Zeit zu Zeit so etwas wie G'ttesdienst. Manchmal kommt ein Mann zu ihnen» der kein srenider „Geistlicher" sein will. Der schaut ihnen in die Herzen und ist Bruder unter Brüdern. was soll man aber mit dem wortgeklingel, das so viele vor ihnen ausbreiten, als seien psalmstim- MM und Prophetenreden Feldpostpäckchen, die man Woche um Woche austeilt . . . Am schönsten ist es, wenn zehn sich zusanunenfinden, Bekannte oder Fremde, um Minjan zu machen. Einmal war es am Sederabend in einer kleinen Stadt. Felög'ttesöienst war angesagt, aber plötzlich gab es Hindernisse. Da hatte einer rührig alles besorgt. Sie saßen zusammen bis Mitternacht. Sagten und sangen, schlicht und einfach, die Lenden gegürtet. Doch es waren nur Augenblicke. Dann war auf lange hinaus alles wieder still. Rur am Kalender, nur in kleinen Luachbüchlein war es ausgezeichnet, wenn man am Freitag, in der Nacht, hineinschaute: Heute ist Schabbos . . . s s

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