Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1933)
- Date
- 1933-08-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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wi^=nrwr ■ » '"■IIIM-111 ■"■■PÜO 0 0 M .9jo 0[ MH | )mm SH Erzi .ehungu Pädagogische Beilage ii&d Leh zum „Israelit“ re Organ des Bandes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands | | faasBB8B| raj Oll \ummat4 ]j MH Jasf jm JE. Verantwortliche Schriitleituna: L. Kaufmann, Sprendlingen tKrets Osfenbach) Der jüdische Lehrer im nationalsozialistischen Staate. Wenn wir, von christlichen Kollegen aufgefordert, versuchen wollen, die Stellung des jüdischen Lehrers in und gegenüber dem national-sozialistischen Staate zu präzisieren, so geschieht es nicht in der Erwägung, daß der jüdische Lehrer einer solchen wegweisenden Darlegung bedürfe. Denn wir sind dessen sicher, der jüngste jüdische Lehrer, wenn er auch erst seit wenigen Wochen im Amte ist, ist mit den Grundlehren seines Judentums doch so sehr vertraut, daß er weiß, welche Pflichten er gegenüber dem Lande zu erfüllen hat, das ihn geboren und in dessen Mitte er lebt. So sind es also sozusagen außenpolitische Momente, die uns Anlaß zu nachfolgenden Ausführungen geben. Gewiß, das sei von vornherein unverhohlen ausgesprochen, das neue Deutschland, dessen Fahnen seit dem 5. März siegreich über Deutschlands Städte und Dörfer wehen, meint es nicht gut mit den Juden. Es erübrigt sich, alle Maßnahmen aufzuzählen, die eine Ausschaltung der deutschen Juden aus dem deutschen Kultur- und Volksleben und auch aus der deutschen Wirtschaft bedeuten. Man geht allenthalben nicht sehr liebevoll mit den Juden um. Man macht sie und in der Hauptsache sie allein verantwortlich für die Fehler und Schwächen, an denen das republikanische Deutschland krankte und schließlich zu Grunde ging. In der Presse, in Versammlungen, durch den Rundfunk werden Millionen des deutschen Volkes tagtäglich hingewiesen auf die Juden als diejenigen, die sich tausendfach versündigt haben an dem Volke der Deutschen, dem Lande, das sie gastfreundlich ausgenommen und ihnen Vürgerrschte gegeben. Alles Elend und Leid, das feit 1. August 1914, im Weltkriege und erst recht in der Nachkriegszeit Deutschland heimgesucht, sie haben ihre letzte Ursache in der anationalen Gesinnung der Inden — so hört und liest man es Tag für Tag, so wird es dem deutschen Volke eingehämmert, bis schließlich auch der Wohlmeinendste wankend wird. Es ist nicht unsere Absicht, in Liesen Zeilen die Ungerechtigkeit und Unsinnigkeit Nachweisen zu wollen, von denen die gegen die Juden geschleuderten Anklagen erfüllt sind. Das ist die Aufgabe der jüdischen Zeitungen und der Organisationen, die die Vertretung der Rechte der Juden sich zur Ausgabe gesetzt. Nur eines wollen wir sagen: Als Balak, Moabs König, den heidnischen Seher Bileam zu sich berief, damit er Israel fluche, führte er ihn auf die Höhe eines Berges, von wo aus er das ganze Volk wohlgeordnet nach Stämmen und Familien lagern sah, und nicht Worte des Fluches, sondern begeisterte Segnungen, Verheißungen des Heils entströmen den Lippen des heidnischen Sehers. Der darob erschrockene König spricht zu Bileam: „Komm' mit mir an einen andern Ort, von dessen Höhe du auch das Volk erblicken wirst. ..irrin rrb ii>i2i nsnn ins? oss „Jedoch nur einen Teil wirst du erblicken, nicht die Gesamtheit Israels." Sicher hat ihm von der Spitze dieses Berges der König den Teil des jüdischen Volkes gezeigt, der wenig dazu einlud, Worte des Segens zu sprechen, vielleicht nur die Schwächlinge, mit sittlichem Makel Behafteten, in der Erwartung, daß dieser weniger imponierende Teil des Volkes genüge, über das ganze Volk statt Worte des Segens solche des Fluches zu sprechen. Diese, wie man sieht, uralte Verallgemeinerungs-Methode, versteht man auch heute noch mit glänzender Fertigkeit zu handhaben. Gewiß, wir geben zu, es gibt Entwurzelte, die mit dem Judentum nichts mehr zu tun haben, die außer dem jüdischen Namen, den sie tragen, nichts mehr Jüdisches ihr eigen nennen können, die selbst verwundert ausschauten, als man urplötzlich ihr Judentum entdeckt hatte und sie als Juden ansprach. Seit fast zwei Jahrtausenden wandert der Jude durch die Länder aller Zonen, und noch immer arbeitet man nach der Methode des alten Moabiterköntgs. Wenn irgend ein Jude sich unliebsam bemerkbar macht, sei es auf dem Gebiete der Politik, der Literatur oder der WirtsMast, sofort hört man in allen Gassen Europas den Schrei: „Die Juden!" Die wenigen Juden, denen man destruktive Handlungen Nachweisen zu können glaubt, sieht man, die vielen Tausende, die ruhig und ernst ihrer Arbeit und ihrem Geschäfte nachgehen, die Großes leisten im Dienste der Menschheit und der Wissenschaft, übersieht man. Heute stehen wir jüdischen Lehrer vor der vollendeten Tatsache, die bereits vielfach gesetzlich verankert ist, daß der deutsche Jude aus der sozialen und nationalen Gemeinschaft des deutschen Volkes ausgeschaltet ist. Welche Folgerungen werden sich für uns ergeben, wenn wir in der Schulstube unser Verhältnis zu Deutschland, dem nationalsozialistischen Deutschland darzulegen haben? Wir haben bereits bemerkt, wir vermögen unfern jüdischen Kollegen nicht das geringste an neuen Gedanken zu sagen, es ist die uralte Lehre des Judentums, die es darzustellen gilt, mit unfern schwachen Worten zu zeigen, was das Bekenntnis zum positiven Judentum als religiöse, g'ttgebotene Pflicht von uns fordert, die mir die Aufgabe haben, die jüdische Jugend in das Judentum und seine Pflichtenlehre einzuführen. ->svn '-di ni>sv Und dies sind die. Worte des Buches, das Jirmijahu, der Prophet, gesandt hat an die übrigen Aeltesten der Weggefährten und an die Priester, und an die Propheten, und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt, 'n nvs na msax- So spricht der Ewige der Heerscharen, G'tt Israels, zu all den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel weggesührt. znv ns idasi •dei dtg ua Bauet Häuser und bewohnet sie und pflanzet Gärten und esset ihre Frucht. .üibv 02^ mv' nvi^va '2 nvv vans 'nHin ->vs *v>j»n vHv ns imi Und suchet das Wohl der Stadt, dahin ich euch weggeführt habe, denn in ihrem Wohl wird euch wohl sein. Und derselbe Prophet Jirmijahu, der zerrissenen Herzens alles Elend, das der König Nebukadnezar, erfüllt von dem starken Willen, der Geschichte Israels ein gewaltsames Ende zu bereiten, w-iay vava in der Geißel seines Zornes schaudernd miterlebt, richtet an seine Volksgenossen die dringende Mahnung: ^aa iVa ns nay- Dienet dem Könige von Babel! Der Prophet spricht nicht in eignem Namen, sondern im Namen G'Ues. Die Forderung des Propheten, dem Staate, in dessen Mitte wir leben, dessen Schutz wir genießen, in Treue zu dienen, galt und gilt also für alle Juden aller Länder und aller Zeiten, ganz abgesehen davon, wie der Staat gegenüber seinen Juden eingestellt ist. Zur Zeit, als das jüdische Staatswesen, zu Tode getroffen von der vernichtungbringenden Faust der römischen Staatsgewalt, verröchelnd am Boden lag, lehrte ein jüdischer Gesetzeslehrer mai-v bv nraiViya Won» 'in „Bete für das Wohl der Regierung, denn wäre nicht die Furcht vor ihr, sie würden einer den andern lebend verschlingen." Zu dieseln Satze bemerkt Samson Raphael Hirsch V'xtin seinem Kommentare zum jüdischen Gebetbuche: „Darum, wo du öift; da achte die örtliche und Landes-Obrigkeit und bete für ihr Wohl, wie es dein Juden (Jerein. 29, 7) bei seiner Hinauswanderung in die verschiedensten Länder und Staaten zur Pflicht gemacht wurde, nicht mir Nicht nur alles zu tun, was die Wohlfahrt der Staaten und Länder zu.fördern geeignet ist, sondern auch bbsnnbr vor G'tt, mit der nur von G'tt geschauten und von G'tt vernommenen Gesinnung ein treuer Untertan zu sein und für das Wohl der Obrigkeit zu beten." Das oben erwähnte Wort aus den „Sprüchen der Väter" beleuchtet mit klarster Deutlichkeit die Stellungnahme des Judentums auch für Zeiten, in dsnsn der Jude unter schwerstem Drucke zu leben gezwungen ist. Es zeigt uns die Richtlinien, die wir in unserem Religionsunterrichte einzuhalten haben, wenn es gilt, unsere Schüler mtt den Pflichten vertraut zu machen, die das Vaterland von uns zu fordern berechtigt ist. In seinem in vielen deutschen Schulen und Familien eingeführten Religionslehrbuche n>ian „Die Vorschriften der Thora" stellt Ludwig Stern die Pflichten, die der Jude gegen das Vaterland zu erfüllen hat, in folgender Weise dar: Aus der Darstellung von der Heiligkeit 'des Staates könnten wir schon die Pflichten folgern, welche wir gegen den Staat, dem wir a «gehören, also gegen unser Vaterland, welche Regierungssorm es immerhin haben mag, zu beobachten haben; allein die Pflichten sind uns in den heiligen Schriften und den Worten der Weisen sel. And. ausdrücklich oorgeschrieben; es sind folgende: Gehorsame Befolgung der vom Staaten züm Heile des Ganzen erlassenen Gesetze. So lehren unsre Weisen: sin sn-o^m sm die Rechtsordnungen des Staates sind wie die Rechtsordnungen der Thora zu beobachten. Pünktliche und gewissenhafte Zahlung der Steuern, Zölle und anderen Abgaben. Die Umgehung der Steuergesetze wird als Diebstahl bezeichnet. Förderung des Wohles unseres Vaterlandes durch Gründung von Familien, als Grundlage des Staates, dann durch redliche Arbeit in einem nützlichen Berufe: Ackerbau, Handwerk, Handel, Kunst oder Wissenschaft, ferner durch Teilnahme an der Gründung und Erhaltung aller dein Vaterlande heilsanren Anstalten, endlich durch dessen mutige, Verteidigung, wenn es tut Kriege dazu ausruft; durch Gebet um dessen Wohlfahrt und Gedeihen. Das alles sind Binsenwahrheiten, die jedem Juden, der die Religion seiner Väter kennt, bekannt und in Fleisch und Blut übergegangen sind. Sa sieht das wahre Judentum aus, dessen Wurzeln hinaufreichen zur Höhe des Sinai. Es liegt uns natürlich fern. A n - b i e d e r u n g s v e r s u ch e machen zu wollen bei denen, die heute alles, was Juden und Judentum betrifft, durch die Brille der Voreingenommenheit fehött. Der Kundige weiß, daß außer den angeführten Beweisstellen über die Idee des Vaterlandes im Judentum, die dem biblischen und talmudischen Schrifttum entnommen sind, noch unzählige beigebracht werden können. So schreibt Samuel' David Luzatto in seinem Kommentar zu Jesaja 53, 12: Nunmehr wissen wir, durch welches Verdienst Israel befreit werden kann, dadurch, daß es die Leiden und den Tod auf sich nimmt und denen verzeiht, die es bedrängen, und daß es für sie betet, das bedeutet, daß es die Völker liebt und nicht haßt, auch wenn sie ihm Böses tun. Samson Raphael Hirsch sagt in seinem „Chvreb", Kap. 96: Cs ist darum siir Israel religiöse, nicht minder als alle übrigen heilige, von G'tt geordnete Pflicht: in jedem Lande, wo es weile, nicht nur alle die Pflichten zu erfüllen, die des Landes Gesetze ausdrücklich fordern, sondern überhaupt mit Gesinnung, Wort und Tat alles zu tun, was dein Lande nur zum Heile gereichen kann. Auch die Stimme eines christlichen Theologen sei anzuführen gestattet. Bernhard Duhm sagt in seinem Buche über Israels Propheten, Seite 336: Muß man nicht eine Religion hochstellen, die eine Gestalt von solcher Berufstreue, solcher Opferfreudigkeit, solcher duldenden Sanftmut gegen die Menschen, die nicht wissen, was sie tun, hervorznbringen vermochte? (Gemeint ist der Knecht G'ttes in Jesaja) und ist es nicht ein herrliches Zeugnis für die geistige Höhe der Prophetie, daß sie einen Menschen mit solchen Idealen erfüllen konnte, einen Menschen, der ein wahrhaft sittlicher Mensch i[t? Der „Weise" der griechischen Philosophie, der sorgsam sich selbst und das Gleichgewicht seiner Seele hütet, der Inder, der der Welt den Rücken kehrt, beide sorgen für sich selbst, hier haben wir einen von G'tt gelehrten „Knecht", der allen Menschen dient, auch denen, die ihn beschimpfen und mißhandeln. Man wird nicht einwenden. daß dieser Mann in der jüdischen Religion eine ganz vereinzelt dastehende Persönlichkeit ist, und daß jene Religion auch von seiner friedlichen Missionierung der Welt meist nicht viel hat wissen wollen: er ist dach eben da, er steht so in der Mitte dieses Volkes und dieser Religion. Es war im Jahre 1905 zur Zeit des russisch-japanischen Krieges. Ich faß an meinein Tische und studierte die neuesten Nachrichten vom Kriegsschauplätze. Da trat ein armer russisch-jüdischer Durchmanderer in meine Stube, eine herkulische Gestalt mit lang wallendem Barte, wie ich später von ihm hörte, ehemaliger, langjähriger Soldat im Heere Nikolaus l. Er erhielt seine Anweisung für die Armenkasse, blieb aber dann noch zögernd an der Türe stehen. Aus meine Frage, ob er noch etwas wünsche, bat er mich, ihm mitzuteilen, welche Nachrichten die Zeitung heute vom Kriegsschauplätze bringe. Ich berichtete ihm, daß der Japaner dem Russen ganz gewaltige Niederlagen beibringe. Dem alten Manne liefen die hellen Tränen die Wangen herab. Ich sagte: Lieber Mann, ich verstehe Euch nicht. Euch russische Juden behandelt man mit Härte und Grausamkeit, schlimmer als es im finstersten Mittelalter geschah, und jetzt, wo den Russen ob der unmenschlichen Behandlung seiner jüdischen Untertanen die gerechte Strafe trifft, fließen Euch die Tränen. Darauf der Alte: Ich will Euch was sogen, lieber Herr, mein Voterland ist ein böses Voterland, ober mein Voterland ist es doch! Deutschland, das Land der Dichter und Denker, wo wir deutsche Juden seit langen Jahrhunderten wohnen,