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Der Israelit · 1933-08-31 · Heft 35 (31.8.1933) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 35 (31.8.1933)
Date
1933-08-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Der 3 s n e I t t 31. August 1933 „Aus dem Gesichtswinkel des deutschen Judenproblems muß man aber doch an manchen Partien der Kongreßresolutionen Kritik üben. Wir vermissen an manchen Stellen Verständnis für die Eigentümlichkeit der deutschen Judensrage. Dies ist leicht erklärlich, wenn man bedenkt, daß Delegierte aus allen Ländern hier Zusammentreffen, die vielfach die Art und Weise der Betrachtung der Judenfrage in ihrem eigenen Land auch auf die Betrachtung der deutschen Judenfrage übertragen. Wer die deutsche Entwicklung nicht von innen beobachtet Hat, kann offenbar nicht ermessen, welchen Umfangs die Revolution ist, die sich in Deutschland vollzogen hat und auf welchen neuen Grundlagen der deutsche Staat aus-, gebaut wird. Dann verkennt man leicht das Problem, vor dem das deutsche Judentum steht. Die meisten führenden Delegierten kommen aus Ländern, wo entweder das Prinzip der liberalen Gleichberechtigung gilt oder die Eigentümlichkeiten eines Nationalitäten-Staates auch die Rechte der Juden bestimmen. In Deutschland liegen die Dinge ganz anders. Der Liberalismus ist hier endgültig erledigt, der Parlamentarismus wird nicht wiederkehren, der nationalsozialistische Staat erstrebt einen organischen Aufbau nach berufsständischer Struktur, und darüber hinaus wurde der völkische Gedanke und das Rassenprinzip zur Grundlage des deutschen Staates gemacht. Man kann diese gewaltige Veränderung nicht ignorieren. Es wäre unsinnig, für die Juden in Deutschland heute etwa eine Politik zu empfehlen, die auf eine Wiederherstellung der Weimarer Verfassung hinausliefe. Gerade die deutschen Zionisten werden sich von solchen Jrrtümern freihalten, weil wir die Tiefe des geschichtlichen Geschehens in Deutschland empfinden. Wenn man zur deutschen Judenfrage Stellung nehmen will, so muß man diese besonderen Verhältnisse würdigen. Auch wir — unb alle deutschen Juden — glauben, daß der gegenwärtige Zustand, der noch eine unmittelbare Nachwirkung der eben erst abgeschlossenen Revolution ist, nicht endgültig sein kann. Wir glauben, daß auch die deutschen Juden ihren Platz und ihre Eingliederung in diesem Staate finden müssen, und wir hoffen, daß sich die Form hierfür, die mit den Grundsätzen des neuen Staates in Einklang steht, wird finden lassen. Wenn aber der Kongreß in seiner Resolution, offenbar ohne tiefere Kenntnis der deutschen Entwicklung zu haben, an die zivilisierte Welt und den Völkerbund appelliert, um den Juden in Deutschland bei der „Wiedererlangung ihrer Rechte" zu helfen, so ist dies eine Verkennung der Aufgabe. Es gilt micht eine „Wiedererlangung", sondern eine Neugestaltung. Alte Formeln werden hinfällig, wenn man es mit einer einzigartigen Situation zu tun hat, die eine ganz neuartige Lösung verlangt. Gerade ein zionistisches Gremium hätte dies nicht übersehen sollen." Befreiung jüdischer Schüler vom Schulunterricht in Baden. Karlsruhe, 25. Aug. Wie das Unterrichtsministerium den unterstellten Schulen mitteilt, bleiben die bisherigen Bestimmungen über die Entbindung jüdischer Schüler vom S ch u l.u nterricht an Samstagen und jüdischen Festen bis aus weiteres bestehen. Bei der Festsetzung der Stundenpläne ist unter den veränderten Verhältnissen aber eine Rücksichtnahme auf die israelitischen Schüler nicht mehr angängig, es sei denn, daß-der geregelte Schulbetrieb sie ohnehin zuläßt. Für die aus den Versäumnissen der jüdischen Schüler etwa entstehenden Folgen übernimmt die Schule keine Verantwortung. Die Namen arischer Prozeßparteien, die nichtarische Rechtsanwälte beschäftigen, werden veröffentlicht. Kassel, 28. Aug. In einem Aufruf des Führers des Nationalsozialistischen Deutschen Juristenbundes, Gau Kurhessen, wurde vor kurzem die Wahl nichtarischer Anwälte durch arische Prozeßparteien als mit den Grundsätzen völkischer Wiederaufbauarbeit für unvereinbar erklärt und die Veröffentlichung solcher Fälle in der nationalsozialistischen Presse angekündigt. Nunmehr veröffentlicht die „Hessische Volkswacht" unter der Ueberschrift „An deutschen Gerichten nur deutsche Anwälte" die Namen von Prozeßparteien, die sich nichtaricher Anwälte bedient haben. Als Einleitungl: schreibt die „Hessische Volkswacht" dazu: „Im Anschluß ' an den Aufruf des Nationalsozialistischen Deutschen Juristenbundes, den wir am Freitag, den 11. August, veröffentlichten, geben wir unseren Lesern unten eine Aufstellung von einzelnen Prozeßparteien bekannt, die sich nicht schämten, jüdische Rechtsanwälte in Anspruch zu nehmen." Es folgt dann eine Aufstellung von mehr als dreißig Prozeßparteien mit Angabe des Aktenzeichens und mit Benennung der in Anspruch genommenen Rechtsanwälte. Einige der ausgeführten Anwälte sich durch inzwischen erfolgte Entscheidung in der Liste der Anwälte gelöscht worden. Bei den meisten aber handelt es sich um solche Anwälte, die auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen als Altanwälte oder als Frontkämpfer zum Berufe ausdrücklich zugelassen blieben. Hierzu bemerkt die „Frankfurter Zeitung": Wir haben erst kürzlich (vgl. „Neben dem Gesetz" in Nr. 662) darauf hingewiesen, daß solche Maßnahmen, die neben dem Gesetz erfolgen, den nichtarischen Anwälten, welche dort ausdrücklich zur Ausübung des Berufes zugelassen wurden, die Betätigungsmöglichkeit in so einschneidender Weise beschränken, daß vielen von ihnen damit auf die Dauer geradezu die Existenzgrundlage entzogen werden müßte. Die Ausnahmebestimmungen des Arierparagraphen würden dadurch praktisch fast wirkungslos gemacht werden können. Es ist wohl nach wie vor nicht anzunehmön, daß dies die Absicht der Reichsregierung gewesen sein sollte, denn es ließe sich sonst ja nicht erklären, warum sie überhaupt Ausnahmebestimmungen getroffen hat. Jüdische Gelehrte in den Ruhestand versetzt. K a r l s r u h e , 28. Aug. Reichsstatthalter Robert Wagner hat den ordentlichen Professor für Mathematik, Dr. Alfred Loewy, den planmäßigen außerordentlichen Professor für Pädagogik, Dr. Jonas Cohn und den planmäßigen außerordentlichen Professor für römisches und deutsches bürgerliches Recht, Dr. Andreas Vertaten Schwarz, sämtlich an der Universität Freiburg i. Br., sowie den ordentlichen Professor der Ingenieurwissenschast, Dr. Ing. Emil Probst, an der Technischen Hochschule Karlsruhe auf Grund des § 3 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in den Ruhestand versetzt. Professor Loewy, der seit 1910 ordentlicher Professor an der Universität Freiburg war, stammt aus Rawicz. Er ist Verfasser von Werken über Versicherungsmathematik und die Mathematik des Geld- und Zahlungsverkehrs und hat z ahlreiche versicherungswissenschaftliche Gutachten für den Staat Baden abgegeben. Tschecho-Slonmkei. Der XVIII. Zionistenkongreß. Prag, 25. Aug. Am Donnerstag erstattete Nahum S o k o l o w sein großangelegtes Referat über die Lage der Juden in der Welt. Er fing mit Rußland an, wo die Verfolgung des Zionismus und der hebräischen Sprache immer größere Dimensionen annehme. Auf die kolonisatorischen Versuche in Rußland sehe der Zionismus ohne Neid hin, denn sie. würden, wenn sie gelingen, dem Nationalheim keinen Abbruch tun. Eine Kritik wolle er auch an Rußlands Politik nicht üben, dagegen aber die Forderung nach Autonomie und Freiheit für den jüdischen Gei st ausstellen. Auf Polen übergehend, begrüßte Sokolow die neueste Erklärung der polnischen Regierung gegen Pogromhetzen und antisemitische Agitation. Die Verarmung der jüdischen Bevölkerung lege aber der polnischen Negierung die Pflicht auf, in ihrer Wirtschaftspolitik der spezifisch jüdischen Notlage mehr Rechnung zu tragen. In durchaus ruhiger und würdiger Weise bespricht der Redner die Lage der Juden in Deutschlan d. Mit ihrer Behandlung werde dem ganzen jüdischen Volke der Stempel der Minderwertigkeit aufgedrückt. Die Legende, die Juden seien Feinde des neuen Deutschlands, haben die deutschen Juden selbst mit Entrüstung zurückgewiesen. Dem Zionismus liege es fern, die innere Entwicklung in Deutschland irgendwie zu kritisieren, es wolle nur die gegen das jüdische Volkstum und dessen Ehre gerichteten Angriffe mit Stolz zurückweisen. Im übrigen sieht Sokolow in der Emanzipationskrisis und dem Zusammenbruch der Assimilation eine späte Betätij gung der zionistischen Doktrin vom jüdischen National-, Heime. „Ein Hinderungsgrund für die Emanzipation der Nr. 35 Seite 7 Juden in der Diaspora darf das Nationalheim in Palästina nicht sein." Es könnte vielleicht nötig sein, daß ein erheblicher Teil der deutschen Juden mit Hilfe der Regierung und des Völkerbundes in geordneter Auswanderung nach anderen Ländern, vorzugsweise nach Erez Israel sich begibt. Redner hofft, daß die gesteigerte Not der Zeit zur Sammlung und Vereinigung aller jüdischen Kräfte führen wird. Nach Sokolow hielt Dr. Ruppin sein großes Referat über Jmmigrations- und Kolonisationsfragen, das wir ebenso wie die Resolution zur Lage in Deutschland an anderer Stelle dieser Nummer ausführlicher wiedergeben. Am Donnerstag abend hielt M. Ussischkin sein Referat über den Nationalsond und die zionistische Bodenpolitik. Der jüdische Bodenbesitz in Palästina habe sich in den letzten zwanzig Monaten um 44 Tausend Dunam vermehrt. Im Sinne seiner Anträge wird beschlossen, daß dem N. F. ein Drittel der zur Ansiedlung deutscher Juden in Palästina gesammelten Hilfsgelder zum Ankauf von Boden für Siedlungen deutscher Juden zugewendet werde. Es soll auch eine nationale Lotterie veranstaltet werden, von der ein Drittel dem N. F. zusließt. Im Anschluß an sein Referat wird Ussischkin aus Anlaß seines s i e b e n z i g st e n Geburtstages in mehreren Reden gefeiert. Eine Siedlung des N. F. lall seinen Namen tragen. Am Freitag vormittag wurde die G e n e r a Idebatte mit einer längeren Rede des Arbeiterführers Ben Surion über die Chaluzi m e inwande - r u n g eröffnet. Die Revisionisten verzichteten auf eine Beteiligung an der Debatte. Ben Gurion tritt für eine besondere Bevorzugung der Chaluzimeinwanderer ein. Bei der Betrachtung der Araberfrage müsse man auch Mit den in den anderen Ländern lebenden 15 bis 16 Millionen Arabern rechnen. Was die Stellungnahme der Histadruth zur religiösen Frage anbelangt, so vertrete sie den Grundsatz der Achtung vor jeder persönlichen religiösen Ueberzeugung. Nach einer Rede Schwarzbarts im Namen der Allgemeinen Zionisten ergreift der Präsident des Weltmisrachi, Rabbi Meier Berlin, das Wort, um den Standpunkt der religiösen Zionisten zu den in den Referaten berührten Problemen darzulegen. Er protestierte gegen die Nichterfüllung der Forderungen des Misrachi auf religiösem Gebiete und klagte die Exekutive an, den Abschluß eines Vertrages zugelassen zu haben, der die Sabbatentweihung durch die beschäftigten Arbeiter zur Voraussetzung hatte. Man hätte eher aus den jüdischen Arbeitsanteil verzichten müssen. Unter Anerkennung der Leistungen der Arbeiter beschwört er sie, die religiösen Gefühle mehr zu berücksichtigen. Der Misrachi wurde bei verschiedenen Anlässen, so auch bei der 'Älijah, zurückgesetzt, was selbst H a p o e l H a m i s r a ch i zu spüren bekam. Die zionistische Forderung müsse heißen: Jüdische Religion, jüdisches Volkstum, zionistischer Staatsgedanke! Am Sonntag kann zunächst eine Plenarsitzung nicht stattfinden. Die Stimmung ist beherrscht vom Gang der Untersuchung in der Mordsache Arlosoross in Jaffa und von der angekündigten Erklärung Verl Katze ne ls o n s zu derselben im Namen der Arbeiterfraktiou. Eine vom Präsidium in Gemeinschaft mit dem Aktionskomitee gebildete Unterfuchungskoinmission stellt fest, daß Beweise für eine direkte Mitschuld der Revisionistischen Weltexekutive in der Ermordung Arlosoroffs nicht erbracht seien. Die Kommission soll sich nach P a l ä st i n a begeben, um dort, an Ort und Stelle, weitere Untersuchungen anzustellen. Am Montag vormittag konnte endlich wieder eine Plenarsitzung zur Fortsetzung der Generaldebatte einberufen werden. Morris Rothenberg aus Amerika macht Vorschläge für die Finanzierung der Ansiedlung deutscher Juden in Palästina. Mit großem Jubel wird eine Begrüßungsrede Castalinis, des Direktors der Mandatskommission im Namen des Völkerb n n d s s e k r e t a r i a t s ausgenommen. Salman R u b a s ch o w von der Arbeiterfraktion wünscht Ausschluß der Revisionisten aus der zionistischen Organisation. Anstelle Jabotinskys, der bei der Rede Rubaschows den Saal verlassen hatte, betritt Jabotinskys Parteigenosse S ch ä ch t m a n n das Podium. Nunmehr verläßt die gesamte Arbeiterfraktiou geschlossen den Saal. Schächtmann kritisiert die „verwässerte Resolution" über die Lage in Deutschland. Der Präsident M o tz k i n macht ihn darauf aufmerksam, daß die Diskussion über Deutsch-

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