Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1933)
- Date
- 1933-08-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 35 Der Israelit 31. August 1933 Wem die Erhaltung des thoratreuen jüdischen Lebens in Deutschland am Herzen liegt, wer unserer im harten Lebenskampf stehenden Jugend den Weg bahnen will zum Ausbau eines erträglichen Lebens, als wertvolle starke Glieder unserer Gemeinschaft, helfe und trage nach dem vollen Ausmaß seines Könnens dazu bei. unser heiliges Jeschiwawerk zu erhalten und zu stärken." Noscher-Fleischemfichr aus Dänemark. Frankfurt a. M.. 27. Aug. Zur Deckung des Bedarfes der jüdischen Bevölkerung haben die Zufuhren van srischein geschächteten Schlachtfleisch aus Dänemark in den letzten Monaten angehalten und teilweise sogar noch zugenommen. Die in Frankfurt a. M. eintreffenden Fleischmengen werden von dort aus auf den ganzen Bezirk verteilt. Während bis Mitte Juli die Zufuhr pro Woche 6000 bis 7000 Kilo Rindfleisch und 500 bis 700 Kilo Kalbfleisch betrug, ist die Anlieferung in der letzten Juliwoche auf 10.080 Kilo Rindfleisch und 575 Kilo Kalbfleisch angestiegen. In der ersten Augustwoche trat daun allerdings wieder sin Rückgang von 2520 Kilo Rindfleisch ein. Im Handel und bei den Metzgern macht sich diese Auslandseinfuhr sehr stark bemerkbar. Die Zollbelastung ist recht beträchtlich, so daß sich der Verkaufspreis am Fleischgrohmarkt bei Rindfleisch aus RM. 1.10 und bei Kalbfleisch auf RM. 1.25 pro Pfund stellte, während im August die allgemeinen Notierungen für Rindfleisch erster Qualität 52 bis 86 Pfg. und für Kalbfleisch zwei ter Qualität 60 bis 72 Pfg. pro Pfund waren. „Juden werden gewarnt!" Darmstadt, 28. Aug. Der Landespolizeipräsident gibt durch die Staatspressestelle folgende Warnung bekannt: „Die Mel düngen mehren sich, daß in zahlreichen Plätzen in Hessen die Juden beginnen, die gebotene Zurückhaltung außer Acht zu lassen. Freche Aeußerungen gegen den national sozialistischen Staat und gegen einzelne Nationalsozialisten —, Versuche, sich deutschen Mädchen zu nähern und dergleichen — verursachen berechtige Erregung in der deutschen Bevölkerung. Die politische Polizei ist hierdurch genötigt, die Schuldigen oder solche bekannte Juden, gegen die sich die Erregung richten könnte, in Polizeihaft zu nehmen, wie dies im Schutzbezirk der Polizeidirektion Worms heute wieder der Fall gewesen ist. Allen Juden wird deshalb wiederholt dringend geraten, die selbstverständliche Zurückhaltung und die richtigen Formen zu wahren und ihre jüdischen Volksgenossen zu dem gleichen Verhalten zu veranlassen." Veranlassung zu dieser Warnung gaben, nach dem Polizeibericht aus Worms, gewisse Vorkommnisse in dieser Stadt. Dort wurden am 26. August, nach amtlicher Bekanntgabe, eine größere Anzahl Juden in P o l i z e ih a f t genommen und dem Konzentrationslager O st h o f e n z u g e f ü h r t. Die Juden werden beschuldigt, sich in herausfordernder Weife gegen den Staat und seine Einrichtungen benommen zu haben. Schulwert der Adaß Jisroel-Gememde in Berlin Berlin, 23. Aug. Das Schulwerk der Adaß Jisroel, Berlin besteht aus einer achtklasfigen Volksschule für Knaben und Mädchen, einem Realgymnasium und einem Oberlyzeum. An allen drei Schulanstalten werden neuhebräische, an der Volksschule englische Sprachkurse veranstaltet. Diejenigen Kinder, denen durch die Umschulung Schwierigkeiten in den sprachlichen Fächern entstehen, wird weitgehendst Entgegenkommen gezeigt und Nachhilfe billigst geboten. Für Siinber, deren religiöses Wissen ein geringes ist, werden besondere Religionsstunden eingerichtet. Ab Oktober sollen Handelskurse eingerichtet werden, an denen sich auch Kinder fremder Schulen beteiligen können. Die Schulen werden zurzeit von etwa 800 Kindern besucht, sind aber noch nicht voll besetzt, so daß Aufnahmen erfolgen können. Auskunft im Schulgebäude, Siegmundshof 11, Tel.-Nr. C. 9, Tiergarten 6913. Verhandlungen über einen Warenaustausch zwischen Deutschland und Palästina, Berlin, 28. Aug. Die „Vossische Zeitung" veröffentlicht eine Mitteilung des Deutschen Landhandelsbundes E. V. betreffend ein Abkommen über Warenaustausch zwischen Palästina und Die Woche. Frankfurt a. Al. Die in Düsseldorf erscheinende „Junge Front" meldet: Ein beachtliches Vorlesungsverzeichnis ist das der Universität Frankfurt a. M. Aus ihm erfährt man, daß im Hinblick auf die neuen Richtlinien über Abstammung und politische Einstellung insgesamt 88 Lehrkräfte dieser Universität beurlaubt sind. Berlin. Die letzte Nummer der Zeitschrift des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, „Der Schild", ist als Sondernummer „Der jüdische Frontsoldat" in verstärktem Umfang erschienen und enthält eine Reihe bisher unveröffentlichter Dokumente über Leistungen jüdischer Frontsoldaten im Weltkrieg. — Das vor einigen Tagen veröffentlichte Verbot des Besuches des Freibads von Wann fee durch jüdische Staatsangehörige ist aufgehoben worden. Das vor dem Freibad aufgestellte Verbotsschild ist entfernt worden. Rördlmgen. Der Stadtrat von Nördlingen veröffentlicht folgenden Beschluß: „Juden ist der Zutritt sowohl zum städtischen Freibad wie zum städtischen Volksbad in der Turnhalle verboten". Breslau. In einer unter Ausschluß der Oeffentlichkeit durchgesührten Verhandlung verurteilte das Breslauer Sondergericht den in Hermsdorf wohnhaften 60jährigen Sprachlehrer Harry Diamant, einen rumänischen Staatsangehörigen, zu zwei Jahren Gefängnis mit nachfolgender Verweisung aus dem Reich. Die Verurteilung erfolgte wegen Greuelpropaganda. Leipzig. Der sächsische Ministerpräsident von K i'l t inger erklärte kategorisch, daß jeder Ausländer, gleich welcher Rasse, ruhig zur Leipziger Messe kommen und sicher sein könne, stets als geachteter Gast behandelt zu werden. Das Ausland müsse sehr wohl wissen, daß in Deutschland Ordnung und Sicherheit herrsche. Trotzdem habe er aber noch besondere Anweisung an die Polizei erteilt, während der Messetage den Sicherheitsdienst zu verstärken. Mainz. Der jüdische Schuhwarenhändler Sieghart Mann aus Lorsch bei Bensheim wurde in Worms festgenonunen, weil er sich als Nationalsozialist ausgab und einem Geschäftsmann das unter seinem Rockkragen befestigte Hakenkreuz zeigte. Mann wurde das Parteiabzeichen abgenommen, er selbst wurde einige Zeit nach Osthofen gebracht. Nun wurde er wegen unberechtigten Tragens des Abzeichens von der Ferienstrafkammer Mainz zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Darmsiadk. Zehn ehemalige SA-Leute aus Dieburg, die wegen ihrer Vergehen aus der SA. ausgestoßen wurden, hatten sich vor der Großen Strafkammer Darmstadt zu verantworten, weil sie versucht hatten, als Hilfspolizisten bei Juden Autos zu beschlagnahmen. Der Hauptangeklagte hatte zuvor Kreisamtssiegel entwendet und zusammen mit zwei anderen Angeklagten unter Fälschung der Unterschrift des Kreisleiters ein Schreiben angefsrtigt, das sie angeblich zu solchen Beschlagnahmungen ermächtigte. Das Gericht verurteilte den Hauptangeklagten wegen Einbruchdiebstahls, einfachen Diebstahls, Fälschung einer öffentlichen Urkunde, Amtsanmaßung und Betrugsversuchs zu einer Gesamtstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten Gefängnis. Darmstadt. In Bensheim wurde, wie die „Frankfurter Zeitung" berichtet, ein Jude in Schutzhaft genommen unter der Beschuldigung, den Hitlergruß verächtlich gemacht zu haben. Budapest. Das Mitglied des ungarischen Magnatenhauses, Oberrabbiner Dr. Immanuel L o e w, Szegedin, eine der markantesten Erscheinungen des ungarischen Rübbinats, feiert demnächst seinen 8 0. Geburtst a g. London. Aus dem Nachlaß des vor kurzem verstorbenen Sir Edward David Stern sind verschiedenen jüdischen Institutionen in - England größere Beträge zugefallen. Das Taubstummenheim erhielt 60.000, das Waisenhaus 10.000, der Wohlfahrtsausschuß (Board of Guardians) 10.000, der Ausschuß für religiöse Erziehung 5000, die West London Synagogue 2000 Pfund. 10.000 Pfund erhielten Lehrer des Taubstummenheims. Tirana. Der amerikanische Gesandte in Tirana, Hermann B e r n st e i n , hat dem amerikanischen Außenamt seine Demission unterbreitet. Gesandter Bernstein, der Jude ist. hat mehrere Jahre hindurch die Vereinigten Staaten in Albanien vertreten. Tel-Awiw. In der letzten Sitzung der Jrijah wurde beschlossen, der Habima ein Grundstück für den Bau eines eigenen Theaters zu überweisen unter der Voraussetzung, daß in den Räumen der Habimah am Sabbat und an Feiertagen keine Vorstellungen stattfinden und daß bei den Bauarbeiten öffentliche Sabbatentweihung vermieden wird. Deutschland. In der Zuschrift des Landhandelsbundes, heißt es: Bor allem unter dem Gesichtspunkt der Arbeitsbeschaffung hat der DLB. jetzt ein für Deutschland günstiges Austauschgeschäft in die Wege geleitet. Es handelt sich dabei um ein Kompensationsgeschäft mit den . Ländern Palästina und Syrien, das die Hereinnahme von Jaffa-Apfelsinen im Werte von 8 bis 10 Millionen Reichsmark oorsieht. Dafür wirb Palästina deutsche Jndustrieerzeugnisse .in doppeltem Werte, also für rd. 20 Millionen Reichsmark einführen. Für die Ausfuhr nach Palästina sind hauptsächlich folgende Erzeugnisse der deutschen Industrie vorgesehen: Röhren, Rundeisen, landwirtschaftliche Maschinen, Motoren, Kühlschränke, Düngemittel, Sämereien, Textilien, Haushaltungsartikel sowie Maschinen für dort zu errichtende Hausindustrien, wie Knöpfe, Feinlederwaren, Korbmöbel usw. Bei diesem Austausch ist noch hervorzuheben, daß sowohl die Hinals auch die Rückfracht durch deutsche Schiffe ausgesührt wird. Man hat ferner berechnet, daß durch dieses Geschäft die Zolleinnahmen um rd. 1 Million Reichsmark erhöht werden. Zur Festlegung der notwendigen Einzelheiten ist eine deutsche Kommission mit Zustimmung des Reichsernährungsministeriums eingesetzt worden, die dieses erst nach schwierigen Verhandlungen mit den betreffenden Industrie- und Privatwirtschaftsgruppe» der beteiligten Länder zustandegekommene Austauschgeschäft in die Wege geleitet hat. Der Deutsche Landhandelsbund, die vierte Hauptabteilung des Rechslandstandes (Agrarpolitisches Amt der NSDAP.) teilt der ITA. zu obiger Bekanntmachung auf eine Anfrage mit, daß ein Abkommen, wie es in dieser Mitteilung geschildert wird, zwar noch nicht endgültige abgeschlossen ist, wohl aber vor dem Abschluß steht. Die Verhandlungen würden vom Reichsernährungsministerium einerseits und vom Außenpolitischen Amt der Palästina-Regierung (?) andererseits geführt. Boykott-Bestrebungen. Berlin, 7-1. Aug. Wie verschiedene Blätter melden, sind die in arischem Besitz befindlichen Geschäfte Gelsenkirchens von der Kreisleitung der NSDAP, aufgefordert worden, einen Boykottaufrus auszuhängen, der folgenden Wortlaut hat: Anordnung der Kreisleitung der NSDAP., Gelsenkirchen, in allen christlichen Geschäften zum Aushang gebracht. „Wir weisen erneut darauf hin, daß der Besuch von jüdischen Geschäften, Einheitspreisgeschäften und Warenhäuser für alle Mitglieder der NSDAP, und deren Unterglieüerungen (SA., SS., Anwärtern, Angehörigen der NSBO., der HI., des BDM., der NS.-Frauenschaft, NSKOV., NSVAG. und NS.-Kampsbundes) strengstens verboten ist. Es ist Ehrensache eines jeden Deutschen, seinen Einkauf ausschließlich in deutschen Geschäften zu tätigen. Zuwiderhandlungen werden ohne Ansehen der Person mit Ausschluß aus der Partei oder den betr. Unterorganisationen geahndet. Dieses Geschäft ist rein deutsch!" Die Stadtverordnetenversammlung von L i e g n i tz hatte in ihrer letzten Sitzung einen im April von der Stadtverwaltung gefaßten Beschluß, allen in Liegnitz erscheinenden Zeitungen bei Androhung der Entziehung aller amtlichen Nachrichten die Aufnahme von Anzeigen eitens jüdischer Geschäfte oder Privatleute zu verbieten, auf Antrag des Magistrats, dem anscheinend diese Maßnahme mit dem Arbeitsbeschaffungsprogramm der Reichsregierung nicht im Einklang zu stehen schien, wieder aufgehoben. . Dennoch weigern sich die Zeitungen, jetzt Anzeigen von Juden auszunehmen, da sie fürchten, als „ludenreundlich" angesehen zu werden. Aus diese Weise ist die Maßnahme der Stadtverwaltung unwirksam geblieben. Antik der „Jüdischen Rundschau" an den Aorrgreß- Resolutionen zur Lage der Juden in Deutschland. Berlin, 29. Aug. Im Rahmen einer Besprechung der sich auf die die jüdische Lage in Deutschland betreffenden Resolutionen des Zionistenkongresses wendet sich die „Jüdische Rundschau" gegen die Fassung einzelner Stellen dieser Resolutionen, in denen ihrer Meinung nach eine mißverständliche Auffassung des deutschen Judenproblems zum Ausdruck kommt. Sie schreibt: