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Der Israelit · 1933-08-31 · Heft 35 (31.8.1933) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 35 (31.8.1933)
Date
1933-08-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Dir. 35 Seite 5 . 31. August 1933 Der Israelit In dieser Not gibt es keinen anderen Ausweg, .als eine organisierte Auswanderung, die im Laufe von 5 bis IO Jahren die 200.000 Juden, die heute in Deutschland „überzählig" geworden sind, in andere Länder bringt. Eine solche Auswanderung würde auch wahrscheinlich der Regierung erwünscht sein, da ihr nichts daran liegen kann, eine pauperisterte Bevölkerung im Lande zu haben. -Line Auswanderung würde auch eine Scheidung innerhalb des Judentums mit sich bringen. Ich glaube annehmen zu dürfen, daß einer organisierten Auswanderung von Juden aus Deutschland unter teilweiser Mitnahme ihres Vermögens keine Hindernisse .in den weg gelegt würden. Ich will damit den Gegensatz zu einer fluchtartigen Auswanderung betonen. Diese ist in den meisten Fällen weder ein Segen für. den Auswanderer, noch für das Land. Unter den Auswanderungsländern richtet sich der Blick natürlich in erster Linie auf Palästina. Das Palästina von heute stellt für die Aufnahmefähigkeit einer neuen Einwanderung einen bedeutenden Faktor dar. Palästina kann heute mehr als doppelt so viel Einwanderer anfnehmen, als im verflossenen Jahrzehnt. Als Vorsitzender einer Kommission zur An- .siedlung deutscher Juden in Palästina kann ich Ihnen die Schlußfolgerungen Mitteilen, zu denen sie gelangt ist. In den bestehenden Siedlungen ist für etwa \ 000 .Familien Platz. Für 400 Siedler ist sofort Anstodlungsmöglichkeit vorhanden. Die Kosten der Siedlung betragen 400 bis 600 Pfund. Außer diesen Siedlern ist noch die Anstedlung von 200 Familien in der Nähe von Haifa aus dem Loden des Jüdischen Rationalfonds in der Form einer vorstädtischen Siedlung in Aussicht genommen. Ueber die 1000 Familien hinaus kann eine landwirtschaftliche Siedlung erst erfolgen, wenn neuer Boden gekauft worden ist. Die Ansiedlung von neuen Menschen in der Landwirtschaft schafft einen vergrößerten inneren Markt für die Produkte der Industrie. Mir müssen auch natürlich im Auge behalten, das; Palästina nicht nur für die deutschen Juden da ist, sondern daß die Tore Palästinas auch für die Juden anderer Länder offen sein müssen. Für die Aufnahme der gesamten 200.000 Einwanderer werden außer Palästina auch andere Länder in Betracht kommen. Ich denke hierbei in erster Linie an die Vereinigten Staaten. Cs scheint mir nicht ausgeschlossen, daß sich unter dem Eindruck der katastrophalen Lage der deutschen Juden die Einwanderungspraxis liberaler gestalten wird. Abgesehen von den Vereinigten Staaten denke ich auch, daß die im Völkerbund vereinigten europäischen und überseeischen Staaten eine beschränkte Anzahl von Juden aufnehmen werden. Die Iudenheit der Welt sollte durch den Völkerbund einen Appell an seine Mitglieds-Staaten richten. Ich habe die Hoffnung, daß es möglich ist, durch so einen Appell 50.000 Juden Zuflucht zu schaffen. In dieser schicksalsschweren Zeit, in der der Riederbruch der deutschen Juden der Welt die Tragik des jüdischen Loses vor Augen führt, hält uns die Tatsache aufrecht, daß viele führende Persönlichkeiten und Gruppen in der Welt uns ihre Sympathie gezeigt haben. Für die deutschen Juden muß es ein Trost sein, daß ihr Schicksal die ganze Iudenheit aufgewühl hat. Unsere Aufgabe muß es sein, die Hilfsbereitschaft und die Sympathie der Wetl zu einer großen Tat zu verdichten, um einen Teil der Juden, die in Deutschland nicht bleiben können, in andere Länder einzugliedern, von diesem Kongreß soll die Parole ausgehen, die die Juden der Welt ohne Rücksicht auf ihre Richtung zu einer einheitlichen Aktion aufruft und in den deutschen Juden die Hoffnung erweckt, daß es aus ihrer Rot noch einen Ausweg gibt. Der Kongreß faßte zur deutschen Indensrage zwei Resolutionen, von denen die eine lediglich propagandistische Bedeutung hat und die Katastrophe, die über die deutsche Iudenheit hereingebrochcn ist, als Beweismaterial auszunützen sucht für die angebliche Richtigkeit des zionistischen Rezepts zur Lösung der Iudenfrage mit politischen Mitteln. Die zweite Resolution stellt einen Protest gegen die Behandlung der Juden in Deutschland dar und lautet in ihrem wichtigsten Teile: * „Die mit allen Machtmitteln bes Staates üurchgeführte Entrechtung üer Juden Deutschlands, in diesem Maße einzigartig und unvorhersehbar im zwanzigsten Jahrhundert, stellt eine neue •' furchbare Erscheinungsform der jahrhundertealten Iudenfrage dar.- Daher hält es der 18. Kongreß für seine Pflicht, zu erklären, daß die Zionisten der ganzen Welt nicht ruhen werden, bis die Entrechtung und Entwürdigung der Juden Deutschlands ein Ende nehmen wird. Abgesehen davon, daß die Geschehnisse in Deutschland einen der wertvollsten Bestandteile des jüdischen Volkes und der zivilisierten Menschheit in seiner Existenzmöglichkeit zu vernichten drohen, bedeutet die Erschütterung der Daseinsmöglichkeiten der jüdischen Gemeinschaft eines Landes die Gefährdung der Existenz aller anderen jüdischen Gemeinschaften der Welt. Es ist daher die selbstverständliche Pflicht der Selbsterhaltung des jüdischen Volkes, den Kampf ge-gen die Entrechtung der deutschen Iudenheit als die gemeinsame Sache des gesamten Volkes zu führen." Zu der Resolution, die übrigens in ihrem offiziellen Wortlaut noch nicht vollständig vorliegt, schreibt der „völkische Beobachter" an der Spitze seiner Rümmer vom 26. August unter auffälligen Schlagzeilen („Reuer Hetzfeldzug des Judentums gegen Deutschland")^ „Heroorzuheben ist bei Bewertung dieses arroganten Angriffes, daß die Juden in Deutschland in Ausübung ihrer religiösen Tätigkeit nirgends behindert worden sind. Nirgends ist eine Synagoge geschloffen oder beschädigt worden, nirgends wurde ein Jude auf dem Wege dahin belästigt. Der Vorwurf ist von einem heimtückischen Motiv geleitet: Man möchte durch diese Entschließung allen Nationen der Welt beibringen, daß in Deutschland eine religiöse Verfolgung stattfinde! Zweifellos wird dieser verlogene Vorwurf seine Früchte zeitigen in einer verschärften Hetze gegen das neue Deutschland. Da sämtliche Zionisten der Welt (die Vertreter Deutschlands sind vorsichtshalber nicht erschienen) für diese Entschließung gestimmt haben, so haben wir es hier mit einer programmatischen Einheitsfront des gesamten zionistischen Weltjudentums zu tun, das sich jetzt erst recht bemühen wird, die Souveränität der anderen Staaten für die jüdischen Sonderinteressen einzuspannen. Interessant ist die Forderung, daß die ganze sogenannte „zivilisierte Welt" sich für die Juden einsetzen müsse, und der Aufruf an den Völkerbund, sich im Kampf für die jüdischen Privatinteressen einzusetzen! Das alles stellt eine unerhörte Einmischung in innerpolitische deutsche Verhältnisse dar, denn was sich in Deutschland abgespielt hat, ist eine rein deutsche Revolution gewesen, welche die Rechte anderer Staaten und Völker nicht angetastet hat. Wenn die Herren glauben, durch derartige verlogene Angriffe und provozierende Entschließungen die Lage der Juden in Deutschland zu bessern, so irren sie außerordentlich. Man wird sich den Wortlaut der Resolution in Deutschland genau betrachten und beobachten, welche tatsächlichen Folgerungen aus ihnen gezogen werden." Wir glauben über beit verdacht zionistischer Einstellung ja auch über den der Vorliebe für zionistischpolitische Riethoden erhaben zu sein. Hier muß aber ausgesprochen werden, daß es dein Zionistcnkongrcß durchaus ferngelegen bat, zu behaupten, die deutschen Juden seien in der Ausübung ihrer religiösen Betäliguitg, etwa am Synagogenbesuch, verhindert worden. Der vom „Völkischen Beobachter" beanstandete Passus der Resolution bezieht sich einzig und allein auf das Verbot der G ch e ch i t a , dessen ticfeingreifenöe Wirkung auf die religiöse Treue und Gewissenhaftigkeit gewiß nicht verkannt werden darf, und das ja eine schwere Kränkung daestcttt grade für das o r t b o b o r e Judentum, das zum politischen Zionismus in scharfem religiösem Gegensatz steht. (Eine „religiöse Der* folgung " , das bezeugen wir dem „Völkischen Beobachter" gerne, har im neuen Deutschland niemals ftattgcfundcn, wohl aber ein bewußter Kampf gegen die Inden als fremde und angeblich minderwcrtige Raffe und . eine die n ackte Lebense x i st e n z vieler Tausende v o n Iud e n gefährdende Bewegung zu ihrer Ausschaltung aus allen Winkeln des Wirtschaftslebens. Wir perhorreszieren programmatisch jede Einmischung des Auslandes in die deutsche Politik, auch wenn es sich um die Juden handelt. Aber cs müßte in Deutschland auch dem entschiedensten Gegner der Juden psychologisch verständlich und natürlich erscheinen, wenn überall in der Welt das Mitgefühl sich regt mit Zchntaufenden voir Menschen, denen plötzlich, nur weil uach den Grundsätzen der RassenpolM das Wohl des deutschen Volkes das fordern sott, der Boden der Existenz unter den Füßen wcggezogen wird in einem Lande, das ihnen und ihren Vätern feit anderthalb Iahrtaufendest zur Heimat geworden war. INTERNATIONALE SPEDITION Frankfurt a. M. Telefon 30576 Gufleufstr, 31 Lagerung) Verpackung, Umzüge, Gepäck, Versicherung Sammelladungen innerh. Deutschl. u. nach d. Ausland PALÄSTINA-TRANSPORTE Mit Genugtuung ist fcstznstellcn, daß der Kongreß — im schärfsten Gegensatz zu der von niemande.m ernst genommenen kleinen Iabotinsky-Partei — den Boykott gegen Deutschland, gairz im Einklang mit der von uns feit Monaten energisch vertretenen Auffassung, entschieden verworfen und seinen Appell ans Ausland, an Völkerbund und öffentliche Meinung der Welt, auf die Forderung p o f i t >i v e r H i l f c l e i stu n g für 6 i c depoffedierten o d er zur Auswanderung gezwungenen deutschen Juden beschränkt hat. Diese Mäßigung sollte von deutscher Seite anerkannt werden. Korrespondenzen * Nachrichten. Deutsches Reich. Die Frankfurter Jeschiwa. Frankfurt a. M., 29. Aug. Statt des üblichen Semesterberichtes richtet das Kuratorium der Frankfurter Jeschiwa nachstehenden Appell an die große jüdische Oeffentlichkeit: „Das zu Ende gehende Semester hat unsere Jeschiwa vor außerordentlich schwere Aufgaben gestellt, die sie mit Aufbietung aller Kraft zu lösen bestrebt war. Noch größere und schwerere Ausgaben stehen bevor. Wir richten den dringendsten Appell an die opferwillige Mitarbeit weitester Kreise des In- und Auslandes, unsere Jeschiwa in ihrem Kampf um ihre Existenz nicht im Stiche zu lassen. An dem erfreulichen Aufstieg des thorntreuen, geistig jüdischen Lebens in Deutschland, der in den letzten zwanzig Jahren zu verzeichnen war, hat die Jeschiwa hervorragenden Anteil. Heute geht es um den Fortbestand des thvratreuen Judentums in Deutschland: da erweist sich die Erhaltung der Jeschiwa als heilige Pflicht, ihre Stärkung fordert die bittere Notwendigkeit. Kein junger Mensch, der sich seiner jüdischen Pflicht bewußt ist, kann und darf heute auf einen, wenn auch nur einjährigen Jeschiwa-Besuch verzichten. Je schwerer die Lebensnot auf unserer Jugend lastet, desto rüstiger muß ihre jüdisd)e Kraft sid) enthalten, um das Leben als aufrechter, st alter Jude zu meistern. Wer sich aber mit dem Gedanken trägt, nach Erez Jisrool auszuwandern, wird seine Hachschara für diesen großen Entschluß in e r ft e r Linie darin erblicken, nicht als armseliger Amhoorez den heiligen Boden zu betreten. Die in Betracht kommenden Organisationen machen es daher auch in der Regel den jugendlichen Anwärtern zur Pflicht, den Nachweis eines erfolgreichen Jefchiwah- Besuches zu erbringen. Die Frankfurter Jeschiwa wird ihre ganze Kraft dafür einfetzen, den erhöhten Anforderungen, die an sie herantreten, trotz aller Schwierigkeiten, gerecht zu werden. Wirtschaftliche Erleichterungen, sowie eine für die besondere Brufswahl als notwendig sich erweisende Ausgestaltung des Lehrprogrammes sollen der jüdischen Jugend vom vollendeten 15. Lebensjahr ab die Möglichkeit geben, über die Jeschiwa den Weg zum Lebensberuf zu nehmen. Anmeldungen müssen u m gehend an den Rektor der Jeschiwa, Rabbiner Dr. Joses Breuer, Rückertstraße gerichtet werden, da nur bei frühzeitiger Anmeldung Gesuche um wirtschaftliche Beihilfe berücksichtigt werden können. . "’.j

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