Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1933)
- Date
- 1933-08-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 35 Der Israelit Vorsicht bei der Überführung von jüdischen Kindern noch Erez AisroelL Wir haben bereits einige Male anf die an sich wohlgemeinten und dankenswerten Bemühungen hingewiesen, jüdische Kinder im Alter von fünfzehn bis siebzehn Jahren aus Deutschland nach Erez Iisroel zu bringen, uni sie Hort für einen landwirtschaftlichen oder handwerklichen Beruf, Mädchen für die Hauswirtschaft, vorzubereiten, oder auch ihre Schulerziehung im heiligen Lande zu vervollständigen. Soweit es sich dabei um Kinder handelt, deren (Eltern auf eine gut jüdische Erziehung im Sinne des überlieferten Judentums keinen Wert legen, besteht kein Anlaß, zur Vorsicht und zur Zurückhaltung gegenüber diesen Bestrebungen zu mahnen, wir haben aber Grund zu der Annahme, daß man auch in streng religiösen -jüdischen Kreisen Deutschlands, da von orthodoxer Seite eine analoge Organisation der Jugendfürsorge noch nicht geschaffen werden konnte, vielfach daran denkt, Kinder der zu diesem Zweck in Berlin geschaffenen Organisation (Jüdische Jugendhilfe e. v.) anzuvectcauen. Diese Organisation sorgt für liberale und zionistische Kinder in Verbindung mit der radikalen tzistadruth-hoowdim in Palästina, für gesetzestreue Kinder in Verbindung mit dem Hapoel-Hamisrachi. Die Pflicht gebietet unter diesen Umständen, darauf hinzuweisen, das; selbst die vom Hapoel Hamisrachi beaufsichtigten Kibbuzim, wie z. B. der Kibbuz Rodges, der für die Unterbringung von Kindern aus religiösen Häusern von der Ingondhilfe in Aussicht genommen ist, trotz besten Willens der Führung keine unbedingte Gewähr bietet für die Heranbildung der Kinder im Sinne des orthodoxen Judentums. Uoch viel weniger ist das natürlich der Fall, wenn es sich um Stätten handelt, die nicht vom Misrachi geleitet werden, sondern allgemeln-ziönlstischen Charakter tragen. * (Es geht uns in dieser Hinsicht von einem zuverlässigen palästinensischen Korrespondenten, der dem Misrachi nicht fernsteht, eine Zuschrift zu, die wir der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten dürfen. Unser Korrespondent bezieht sich zunächst auf _ eine Veröffentlichung von Rabbiner Dr. Ignatz Maybaum in den (E. V.-Blättern, in der in seltsamer Verkennung der Wirklichkeit davon gesprochen war, daß die deutscheu Auswanderer nach (Erez Jisrocl ihren Fuß „nicht in die nationale Heimstätte, ins Land Israel, setzten, sondern ins heilige Land." Hierzu schreibt unser Korrespondent: „Dem Schicksal der heutigen deutschen Judenheit den Glorienschein eines Glaubensschicksals zu geben, ist abwegig. Eine solche Ehrenbezeichnung darf den Juden des Mittelalters zugesprochen werden, die in der Wahl zwischen Taufe und Tod den Tod wählten. Wenn es sich aber heute nur um die Entscheidung zwischen Taufe und bürgerlicher Entrechtung oder Auswanderung — nicht einmal um den Tod — gehandelt hätte, sicherlich hätte eine Judenheit, in der seit Jahrzehnten die Mischehe grassiert, einen bemerkenswerten Prozentsatz für die Taufe gestellt. Der Kampf in Deutschland wendet sich aber nicht gegen die Religion des Judentums, sondern gegen den Menschen jüdischer Rasse und trifft darum auch die Getauften. Das ist das Neuartige. Deutsche Juden wandern heute auch nicht aus, wie es im Jahre 1492 die spanischen Juden taten, um ihren Glauben zu retten. Darum kommen sie auch nicht nach Palästina mit dem Gefühl, das Heilige Land der jüdischen Religion zu betreten. Trotzdem dürste man erwarten, daß sie sich in Palästina der jüdischen Religion allmählich immer mehr nähern, — gäbe es durch den Einfluß der modernen nationalen zionistischen Bewegung nicht ein großes Aber. Früher kam der Jude nach Palästina nur aus religiösen Motiven. Erst der modernen nationalen zionistischen Bewegung blieb es Vorbehalten, Massen nach Palästina zu führen, die der Religion des Judentums vollkommen indifferent gegenüberstehen. Diesen Massen bedeutet Palästina nur den Boden des einstmaligen selbständigen jüdischen Volkes, — und sie erstreben, dort ein Volk wie andere Völker zu werden, aber nicht das G'ttesvolk, das es einst gewesen war. Bei den letzten Wahlen zur Religionsgemeinde der Stadt Tel-Awiw hatte die Arbeiterorganisation, die bedeutendste Organisation innerhalb des nur nationalen jüdischen Palästina, Wahlenthaltung beschlossen, da sie an einer religiösen Körperschaft kein Interesse habe. In dem gesamten zionistischen Schulwerk (soweit es nicht von dem religiösen „Misrachi" erfaßt wirb) existiert die Religion des Judentums nicht. Sabbat ist nur ein wöchentlicher Ruhetag, die traditionellen Feiertage sind nationale Erinnerungstage oder wie.das-.Thorasest '/,Schewuoth" Erntefeste. /Die deutsche n.; K in de r > d i e man jetzt nach P a l ä st i n a gef chi ck t h a t, 's i rib nationalen Erzieh u n g s st ätt e n' anvertraut worden, i n d e n e n sie w e d e r i n T h e orie noch in Praxis etwas von dem Judentum, das ihren Vätern heilig war, vernehmen. So sehen die Dinge heute in dem von der zionistischen Bewegung orientierten Teil der palästinensischen Judenheit aus. Da dieser Teil aber im Besitz der Herrschaft und des äußeren Glanz es'ist, so beeinflußt e r und nicht der religiös orientierte Teil die Einwanderer. . Es steht in Palästina.heute Unendliches für die Zukunft des Judentums auf dem Spiel, — doch die Gegenwart ist deprimierend, — und die geistigen Führer in der modernen zionistischen Bewegung tragen die Verantwortung." Wir haben dem werrig hinzuzufügen. Gewiß würde es Pflicht und Aufgabe der „Agudas I i s r o e l " fern, den deutschen Juden die Möglichkeit zu gewähren, daß sie ihre Kinder beruhigten Herzens in gleicher Weife frühzeitig eine e ch t j n d i f ch e Erziehung im heiligen Lande geben können, wie es heute Zionisten und Liberalen in ihrem Geiste möglich wird. Aber solange finanzielle Hindernisse der Verwirklichung dieses Gedankens im Wege stehen, sott wenigstens niemand aus Unkenntnis der Tatsachen in die Gefahr geraten, später die religiöse Entfremdung seiner, Kinder, die er in gutem Glauben nach Erez Iisroel gesandt hat,' beklagen zu müssen. "Krakauer Misrachi Beschlüsse. Die in der vorigen Rümmer wiedergegebenen Beschlüsse der Krakauer MisrachteKonserenz enthalten zunächst eine feierliche Bankerotterklärung des „Misrachi" als Fraktion der zionistischen Weltorganisation, das offene Bekenntnis, daß es Misrachi „ t r. o tz. dreißigjähriger Arbeit nicht gelungen ist, die zionistische Organisation und die Aufbauarbeit in Erez Israelmit seinem Geiste zu erfülle n." Man scheint nun zu glauben, daß durch einen „religiösen Weltkongreß", bei denr sich der „Misrachi" in den Mittelpunkt stellen und die sonst noch vorhandenen „religiösen Körperschaften" — man denkt dabei natürlich in erster Reihe an „Agudas Iisroel" — um sich sammeln möchte, die Aufgabe, an der der Misrachi in dreißigjähriger Arbeit gescheitert ist, besser gelöst werden könnte. Das halten wir für einen tragischen Irrtum. Eine „Misrachi-Fraktion", die durch ihr bloßes Dasein schon als Fraktion des Monismus das U e b e r g e w i ch t -der blutmäßigen nationalen Zusammengehörigkeit über die G't t Hörigkeit des jüdischen Volkes feierlich anerkennt, kann nicht Cinberufer und- Mittelpunkt eines. „: r e l i giöfen Weltkongresses" fein, ohne ihn von vornherein zu kompromittieren und zu einem Ableger des zionistischen Kongresses zu stempeln.' Sind ja die führenden misrachistifchen Herren noch heute, während sie ihr eigenes Scheitern offen bekennen, so blind gegen die Wahrheit, daß sie int gleichen Atemzuge eine unerhört scharfe Resolution gegen das Recht der selbständigen Orthodoxie ErezIsroels auf Gewissensfreiheit und Gleichberechtigung beschließen zu sollen glauben, und daß sie damit „Agudas Iisroel" in ihrent heiligen Kampfe um diese elementarsten, religiösen Rechte einer Zehntausende umfassenden orthodoxen Minderheit vor dem Völkerbund, vor aller Welt in den Rücken fallen! Cs könnte die Zeit kommen, in der die jüngere Generation des „Misrachi" — falls sie inzwischen nicht ganz nach links abgewandert fein sollte — den „gewissen Gruppen in Palästina", die heute so verächtlich behandelt werden, noch recht dankbar dafür sein wird, daß diese „Gruppen" den Kampf um den Lestanid einer vorbehaltlos thoratreuen Gemeinschaft in Erez Isroel, aller Verkennung und Anfeindung zum Trotz, zum siegreichen Ende geführt haben. Diese anti-agudistische Resolution, die wohl eine mißglückte persönliche Huldigung für Ober- __ 31. August 1933! rabbiner Knk darftellen. soll, Ist/ein. Schulbeispiel für die von Rabbiner Fischmann auf dem Kongreß selbst festgeftellte Tatsache, daß der „Misrachi" feine Energien leider häufig im Kampfe, gegen Pech t s zu verbrauchen pflegt, statt sie gegen die Linke einzusetzen. Die Lage der deutschen Juden und der Zionistenkongreß. Auf dem Zionistenkongreß hat Dr. Arthur R u ppin ein durch besondere Sachlichkeit ausgezeichnetes Referat über die, „ S eßhaftmachung deut - scher Juden in palä.stin a " gehalten, dessen Hauptinhalt wir im folgenden wiedergeben. von den deutschen. Juden gehören zehn Prozent zu den Beanüen- und freien Berufen, fünfzig zum Handel, dreißig zu Handwerk und Industrie und der Rest zu verschiedenen anderen Berufen. Durch die Gesetzgebung der deutschen Regierung ist der Stand der Beamten und der Angehörigen freier Berufe katastrophal betroffen worden. Aber selbst diejenigen,, die von den gesetzlichen Verboten nicht direkt betroffen wurden, haben ihr Ansehen und einen großen Teil ihrer Kundschaft verloren. Ich bin der Ansicht^ daß nur ein kleiner Teil der Angehörigen der freien Berufe seinen Lebensunterhalt in Deutschland weiter verdienen kann. Die Folgen der gegenwärtigen Politik, welche sich gegen die Juden als volksfremde richtet, wirken sich auch in allen anderen Berufen aus. Die indirekten Folgen der neuen Gesetzgebung sind für die Juden wirtschaftlich noch verheerender als diedirekten Folgen. Sie lassen sich weder zählen noch 8 messen. Zu r Zeit lebt noch ein Teil von der Subst amz f e i n e s v e r m ö g e n s. Die Monate aber find gezählt, nach welchen b e i v i e l e n d i e f e R e f e r v e n a u f gezehrt f e i n w e r d e n. D a n n w i r d sich erst d a s U n g l ü ck in feiner ganzen (Br ö § e zeigen. Es gibt in Deutschland etwa 8000 jüdische Aerzte, etwa 4000 Rechtsanwälte, 2000 Zahn- 8 ärzte und Zahntechniker, Tausende von Ingenieuren^ | Beamten, Lehrern, Apothekern, Journalisten und 8 Schauspielern. Sie und viele jüdische kleine Kauf- » leute haben ihre Existenzgrundlage. eingebüßt. Die 3 Zahl der Juden in Deutschland betrüg bei der Volkss Zahlung von 1925 534.000/ Die Ziffer ist allers dings heute niedriger. In den verflossenen 8 Jahren S haben die deutschen Juden infolge ihrer außerordent- I ich niedrigen Geburtenziffer und durch den Ueber- N 'chuß der Sterbefälle jährlich etwa 4000 Menschen I verloren. Außerdem ist der Ueberschuß der Auswan- « derung über die Einwanderung auf mindestens 50.000 1 zu schätzen, wenn man noch berücksichtigt, daß in S den. letzten Monaten allein mehrere Zehntausende Inff den freiwillig oder gezwungen Deutschland verlassen A haben, kommt man zu dem Schluß, daß die Höchst- 8 z-ahl der Juden in Deutschland heute 600.000 be- 8 trägt. Diese Zahl wird noch zurückgehen, da die jüs dischen Eltern noch viel schwerer die Verantwortung, 'ühlen weröey, Kinderin die Welt zu setzen. Ich glaube, daß sich in den nächsten zehn Jahren die Zahl der Juden auf natürlichem Wege auf 450.000 vermindern wird. Hierbei lasse ich die getauften oder j aus Mischehen hervorgegangenen „Richtarier" außer ß Betracht. Ich will nur bemerken, daß ihre Zahl mit 200.000 zu-hoch geschätzt ist. Alle diese „Richtarier" j ind in erster Linie -ein Problem für diejenige kirchg| iche oder völkische Gemeinschaft, welche .sie aufge- || nommen hat. wir haben kein Recht, in ihrem Ramen JS zu sprechen. E s gibtfür 200 000 J u d enrn || Deutschland k ei ne Möglichkeit, eine m Existenz in anderen Berufen zu sind e n. würden sie a n ö e n U e b e r g a n g if zur Landwirtschaft denken, so stoßen j|f ' i e sofort auf das neue deutsche Bauijf ernges e tz. Ein Uebergang zum Handgf werk kann bei der politischen Lage ß ebenfalls nicht ins Auge gefaßt wer- V den. Auch der Handel kann keine werß terenJudenaufnehmen. DieLagedee' | jüdischen Jugend, b i e i n dieser Zeit 1 an dieBerufswabl geht, ist verzwei- | feit. ' |