Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1933)
- Date
- 1933-08-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 12 Nr. 34 Einmal saßen wir, Nora Wolf und ich, an einem Schabbos im Dämmerlicht beisammen. Da breitete sich ein Mnscherischicksal vor mir aus. Sie erzählte mir vieles. Schweres. Ich war erschüttert. Irgendwoo ein Vater, und doch kein Vater. Irgendwo eine Mutter, aber doch keine Mutter. Mein G'tt, solch ein Leben! Nun ist sie bei guten Menschen. Aber sie sind doch fremd und schauen nicht so in ein unruhiges Mädchenherz hinein, wie wir einander uns nun anschauen. Ihr ist vieles fremd von jüdischen Dingen. Sie weis; so wenig. Sie lernt so wenig, und sie sieht so wenig Schönes. Sie darf am Freitag Abend nicht am Schabbostisch sitzen, weil sie eine Hausangestellte ist und in der Küche ihren Platz hat. Ich habe weinen müssen, nein, wir haben zusammen geweint, als sie davon sprach, wie -es ihr weh ums Herz war, wenn sie mutterseelenallein in der leeren, öden Küche saß, während drin Schabbos war . . . Ich begreife Dinge, die ich früher nie begriffen hätte. Was kann alles in -den Sinnen eines jungen Weibels entstehen, wenn sie allein gelassen wird and Nienschen sucht, die ihr Fröhlichkeit und Vergnügen und Lust geben können. So ist Nora. Oft will sie Wege geben, die ich nicht billige. Und ich bin stolz, daß sie anders zu werden scheint. Du wirst wieder lächeln. — Was die kluge Mirjam doch schon für eine welterfahrene Menschenverbessecerin geworden ist! (so sagst Du, gelt!) — ja, ich wills. Nora ist lieb und gut im Kern ihres Wesens. Wäre sie bei Menschen, die ihr Vater und Mutter fein könnten! Sie fühlt es auch. Ganz anders möchte sic sein. Weißt Du, was ich tun möchte: sie bald mit nach Hause nehmen, in ihr eine Schwester finden . . . Wüßte ich, daß ich sie allein lassen, sie fremden lüsternen Händen überlassen müßte, ich fände keine Ruhe. Nat' Du mir . . . Sind. jur. Herbert Bergheimer. Es strömt auf ihn ein, Menschen und Landschaft, Jugend und Alter. Jüdische und christliche Gefährten. Stolz ist er auf den Freund, mit dem er viele frohe und ernste Stunden teilt. Kein Vorurteil legt eine Kluft zwischen sie, sie verstehen einander, arbeiten gemeinsam in den schwierigen Fragen des Rechts. Aber sic streifen auch zusammen durch die Wälder, liegen im Boot ans dem Fluß, plaudern — oft ist's späte Nachtstunde — von all den Dingen, die sie trennen und von denen, die sie wieder verbinden. Aber der Freund verläßt die kleine Universitätsstadt, und nun treten ganz neue Gestalten in Herberts Gesichtskreis. Lin Zufall will es, daß am Schabbos in einem Kolleg sein Blick auf zwei nicht mehr ganz junge Menschen fällt. Der eine trägt einen schwarzen Vollbart. Und beide schreiben nicht, haben kein Heft und nichts vor sich liegen. War das etwas Besonderes? Ja. In Herbert waren doch allerhand Widersprüche. Zu Hause, da konnte man ohne Schwierigkeiten nach Herkommen leben, aber draußen, da kann man doch nicht alles so streng „halten". Kann man nicht in jedes Restaurant gehen, in dem drei Buchstaben auf die rituelle Führung Hinweisen? Kann man am Schabbos in -eine wichtige Vorlesung gehen, ohne sich Notizen zu machen? Ja, ja, man kann es, wenn man fleht, daß andere es können, wenn man geführt wird, belehrt wird, wenn man einen fanatischen Willen hat, zu sehen, zu lernen — anders zu werden. Ist nicht in ihm ein wenig von der Weisheit, die er, da war er noch ein kleiner Junge und verstand noch nicht alles, beim Großvater in den alten Bänden und Jahrgängen zusammenlas? Die alten Geschichten sind in ihm. Die Worte der Großmutter sind in ihm. Schon war dies und jenes verschüttet. Da -wird alles neu geweckt. Lin neuer Mensch wird aus ihm. Lin jüdischer Mensch wird aus ihm. Schabbos Nachmittag. Nach Mincho. Lr wird rn einen Kreis eingeführt, in dem ein hervorragender Gelehrter lernt und lehrt. Cs ist wie ein Rausch. „Me kommt es, daß ich so lange neben, all dem Schönen herllef, warum fand sich keiner, der mir das alles früher gezeigt hätte?" so fcägt ec sich oft. Draußen, in der Natur, auf den Bergen, da hat er doch immer und immer wieder das Neue, das Gewaltige, das Herrliche entdeckt, das, woran Tausende Der Israeli! blind vorübergingen. Alle Schönheit sammelte sich in seinem betrachtenden Auge, und weil er sehend war, wandelte er immer und überall im Lande des Schönen. Das Land, das er jetzt betritt, ist von anderer, von herber und schwer erschließbarer Schönheit. Aber er findet den Führer. An -ihn schließt er sich besonders an. Cr ist vom Osten gekommen, voll von ungeheurem Wissen, -— was er treibt, weiß beinahe niemand, wovon er lebt, auch niemand — Herbert wird sein Lieblingsschüler. Beinahe Tag für Tag findet er den weg über die Brücke in die stille Straße, in das kahle Gelehrtenzimmer. Staunend sitzt -er dem Lehrer gegenüber und lernt nun, was nötig ist, zum Festbleiben im Leben, zum Erkennen der Welt, zum Ueberwinden alles Zweifelns, aller Fragen und Rätsel, die ihm aufgegeben werden.in -der Sturmzeit der Jugend. (Fortsetzung folgt.) Höhen am Gensersee. V. Das schöne Haus am See. Ein Morgenspaziergang den See entlang nach südöstlicher Richtung endet immer in üem schönen Hause am Wasser, das am Eingangstore die Aufschrift Maria Marcus trägt. Man tritt durch das Gartentor als gehöre man dazu, setzt sich ohne angemeldet an einer schattigen Stelle auf dem herrlichen Wiesenviereck unter einem Baume auf einem Liegestuhle fest, um den Blick versonnen ins Wasser oder nach den gewaltigen Zacken des Grammont auf der französischen Seite spielen zu lassen, steigt, wenn die tropische Augusthitze einen auch bis dahin verfolgt, an jener verschwiegenen Ecke die Steinstufen ins Wasser hinunter, um an gedeckter Stelle ein kühles Bad zu nehmen, kommt erfrischt und neu gestärkt hinauf und findet womöglich unter dem üreitästigen Birnenbaum im Schatten einen von geheimer Hand gedeckten Tisch, an dem man sich laben und stärken kann. So ist es üblich in diesem Hause, das sich bescheidentlich als „Pensionat de Jeunes Filles" bezeichnet, in Wahrheit aber ein Zentrum der Geistigkeit und Gastlichkeit ist, in dem sich oft die Besten aus der Gegend wie von den jüdischen Gästen, die am Gensersee ihre Erholung suchen, bei Vorträgen und Veranstaltungen finden. Auch dieses Haus ist zur Zeit voll besetzt, was aber vielleicht mehr eine Ferienerscheinung ist. Das Jahr hindurch sollte die kulturelle Bedeutung dieses Institutes von Eltern, die willens und imstande sind, ihren Töchtern eine durchaus moderne und zugleich jüdische Erziehung zu sichern, mehr anerkannt und beachtet werden. Das Mädchenpensionat alter Form, als Zerstreuungsstätte für höhere Töchter, gewissermaßen als Vorhalle für den Salon und die mondäne Welt, ist längst überholt. Dafür ist das Leben heute zu hart und real. Die Mädchenerziehung ist von der neuen Sachlichkeit gang erfaßt, und man kann es nur begrüßen. Neue jüdische Sachlichkeit ist älteste Sachlichkeit: Erziehung zur Einfachheit, zum jüdischen Denken, zum haushälterischen Wirtschaften. Frl. Maria Marcus, eine Dame von hoher Bildung, eine gesunde Mischung von Güte und Entschiedenheit, steuert ihr Schifflein mit Meisterhand nach diesem neuen Kurse, und wir sind gewiß, daß dessen Insassinnen, die kleinen wie die großen, ans glückliche Ufer gebracht werden. In drei modernen Sprachen versteht die Leiterin, die Grundsätze den Pensionärinnen klarzulegen, nicht allein in den Unterrichtsstunden, auch durch Tat, Muster und Vorbild. Die Mädchen, in luftigen, schönen und betont einfachen Räumen unterge< bracht und in ausgiebigen Sprach-Literatur- und Kunststunden geistig bestens gepflegt, betätigen sich auch nach einem in allen Details ausgearbeiteten Lehr- und Arbeitsplan im Haushalte, beim Kochen und Servieren. Das alles mit Freude und Liebe und Anmut, wie es sich für ein solches Haus gehört. Freiwilliger Arbeitsdienst im schönsten Sinne. Und zu all dem lächelt -der See sein schönstes Lächeln, bespült die Mauer, hinter der sich die Pensionärinnen bei .guter Lektüre oder bei Sport und Spiel ausspannen. Wenn eines der weißen schlanken Schiffe vorbeidampft, erinnert sich der See aus seine Nameusverwandtschast mit dem Meere und schüttet in starkem Wellengang einige Spritzer in den Garten hinüber. Das Ganze eine wundervolle Kombination von Sonne und See, Duft, Frische, Freude und Jugendlichkeit, bei absoluter jüdischer Einfachheit. In einer Zeit, da nicht allein in Deutschland das Problem der Mädchenerziehung so brennend ist, sei das Interesse aller Väter und Mütter auf jenes Gartenhaus unten am Gensersee gelenkt, das am Eingang den Namen „Maria Marcus" trägt. VI. L e y s i n. Ein Edelstein hing an der Brust Vater Abrahams. Wer krank und siech daherkam, schaute zu dem leuchtenden Steine am guten Vaterherzen hin und gesundete. Starb Abraham, nahm G'tt den funkelnden Stein der Genesung und hing ihn an d-as Sonnenrad. Seitdem _- _24. August 1933 schauen alle, die krank und siech sind, hilfeheischend zu wen Strahlen der Sonne hin — so ungefähr berichtet Midrasch. Fast wollte es aber scheinen, als hätte G'tt den Edelstein just an die Stelle der Sonne gehängt, die über den schneebedeckten Alpenhügel von Leysin leuchtet. Einem der -größten Wohltäter der Menschheit, August R o l l i e r, früher einfacher Dorfarzt, war es beschieden, diese Stelle ausfindig zu machen und dort Zwischen Schnee und Eis, auf die Höhensonne tagsüber Sommer . wie Winter brennt, fein Haus zu errichten, um allen,! an deren Knochen der böse Bazillus fraß, zuzurufen: 'Kommet herauf, euch unter dem funkelnden Edelsteine Abrahams zu sonnen und ihr werdet gesunden! Seitdem sieht man Tag für Tag Menschen, die siech und gebeugt, bleich mit verzweifeltem Herzen zum Berge hinaufsteigen und andere, (nach Monaten oder -einem Jahre dieselben) wie sie frisch und gesund, stark und aufrecht, mit neuer Kraft und Lebensmut herabsteigen und der Heimat zustreben. Oben trifft man sie, wie sie in Scharen, mit kupferfarbenen Gesichtern und sonnengebrannten Leibern gleich Indianern, daherziehen oder auf den Liegestühlen, in Decken und Pelze gehüllt im Winter, von Tüchern beschattet im Sommer, aber stets die kranke Stelle des Körpers den ultravioletten Strahlen ausgesetzt, liegen, lesend, lachend, der neuen Gesundung -entgegenträumend. Man sieht förmlich das furchtbare Ringen zwischen der Sonne von oben und der Schar der kleinen unsichtbaren Feinde in den menschlichen Knochen. Hoffnung und Lebenswille wirken als Verbündete der Sonne mit. Vis zermürbt, vertrocknet, vernichtet, völlig ausgebrannt sind die Krankheitskeime von der Sonne, die wie aus.der großen Feuerspritze Fluten von Licht just auf die Giftnester niederprasseln läßt. Und eines Tages steht der Kranke auf. Siehe, die Be-ine bewegen sich wieder, die Hände greisen aus. Die Feinde, die den ganzen menschlichen Bezirk zu besetzen und zu erobern drohten, waren lokalisiert und sind endgültig geschlagen. Ein Wunder ist geschehen. Noch ein Blick voll des Dankes zu dieser lieben Sonne und zu dem, der sie meistert, und man steigt herab, steigt in die Zahnradbahn und findet unten den Anschluß -an die Heimat — ans Leben. Auf der Spitze von Leysin wird sich einmal für jenen Dorfarzt, der heute noch mit Aufopferung seinem Werke vorsteht, August R o l l i e r, ein Denkmal erheben. Man sollte ins' Postament jene Midraschgeschichte vom Wundersteine Abrahams, der seinen Platz an der Sonne über diesem Alpenhügel gesunden hat, eingravieren. Die bösen Bazillen kennen keine Grenzen nach Rasse und Land. Sie schlagen ihre Nester mit Vorliebe da auf, wo ihnen Armut und Dürftigkeit, Unterernährung, luft- und lichtlose Behausung den günstigen Boden dafür bieten. Ergo ist die Zahl der an Knochentuberkulose Erkrankten unter unseren Brüdern im Osten unverhältnismäßig groß. Wie viele wertvolle Menschen könnten gerettet, wie viele Familienväter ihren Familien erhalten werden, fänden sie alle den Weg zu jener Höhe der Gesundung in Leysin. Viele fanden den Weg. Aber zur Gesundung da oben gehört auch eine gute Nahrung ohne Gewissensnot, geistige Sammlung und zuweilen sine geistige Labung in einer gewohnten jüdischen Atmosphäre. Kommen Mißbehagen, Depression oder mangelhafte Nahrung als Verbündete zu den Bazillen, so ist der Sonne der Kampf gegen diese wesentlich erschwert, wenn nicht erfolglos. Das sah -als eine der ersten Frau B o t f ch k o , die verdiente Frau des bekannten Jeschiwahleiters in Montreux, ein, die bei -all ihrer aufopfernden Arbeit als Mutter der Jeschwah noch Zeit und Sinn fand, die Geister zu wecken und die Herzen aufzurütteln für die jüdischen Kranken von Leysin. Ihr gesellten sich Frau Dr. Ascher in Bex-les-Vains und auch andere Damen hinzu. Ein Pro Leysin - Ko - mitee wurde geschaffen. Und wieder ist ein Wunder entstanden in diesem Lande der Wunder. Wer heute auf Leysin hinauskommt, findet die jüdischen Kranken bei guter ritueller Verpflegung in einem jüdischen Milieu, mit G'ttesdienst, Schiurim und gesellschaftlichen Veranstaltungen. Alle paar Tage kann man einen heruntersteigen sehen, kerngesund, voll Kraft und Mut den Weg antretend, aus dery er erst vor Monaten aus Krücken, von den Aerzten ausgegeben, säst ohne Hoffnung hergekommen war. Eine Wohltat, deren Folgen man sehen und beobachten kann, wird im Talmud als eine Ernte bezeichnet, im Gegensätze zu anderen Arten von Wohltätigkeit, deren Folgen und Erfolge unkontrolliert bleiben. Das Komitee Pro Leysin und alle, die dasselbe unterstützen, hätten Anlaß, Ern be feste zu feiern. Wer wollte nicht mitfeiern? Ernten kann , und darf in Freude nur der, der in Tränen gesät hat. Es bedarf großer Mittel, um die Reife der Patienten, ihre Unterkunft und Heilung zu ermöglichen. Aber hier wird buchstäblich mit jedem Hilfsgroschen Menschenleben gerettet und neuaufgebaut. Als in einer Sitzung in Zürich einer einmal unüberlegt sagte: „Wir in der Schweiz brauchen Leysin nicht," bekam er von der Vorsitzenden die prompte Antwort: „Eben darum bringet euer Dankopfer in Freuden diesem Werke!" Das mögen sich -alle sagen lassen,, die sich ihrer Gesundheit erfreuen und noch etwas zu spenden imstande sind. Auch jene Höhensonne, die aus jüdischem Herzen strahlt, ist abrahamitischen Ursprunges. -tz.