Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1933)
- Date
- 1933-08-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Heimkehr — und was dann? Von Karl Darmstädler. (Fortsetzung.) „Nun, ich habe ja auch nichts dagegen, wenn einmal, eine Gelegenheit kommt, wo man die Sachen aus der Welt schaffen kann. Aber eins will ich Dir sagender brachte es doch nicht fertig, mit etwas ganz Gutem zu schließen): „Unsere Mirjam ist zwar noch ein Kind, aber mit Euren Possen, die Ihr woibsleut' Luch vielleicht in den Kopf setzt, soll mir keiner kommen. Dafür ist mir inein Kind zu gut. wein Vater selig wäre nie damit einverstanden gewesen." „was Dein Vater heute tun würde, weißt Du auch nicht und dann" — sie lächelte — „ist das Kind 15 Jahre alt. Der Herbert ist 16. was brauchst Du Dir Sorge zu machen für ungelegte Eier? wenn Du aber wissen willst, was ich meine, — der Junge wird etwas. Cr scheint ein braver Kerl zu sein, vielleicht ist er einmal (Mütter müssen doch immer ans Heiraten denken) noch nicht der. Schlechteste für meine Mirjam — ach, Unsinn!" — Sie unterbrach sich selber. Die Kinder, Leo 'und Mirjam, kamen ins Zimmer, atemlos erhitzt. „was macht ihr denn, Kinder, ihr ruht nicht, bis ihr euch etwas geholt habt!" „Mutter, wir haben gespielt. Laß' uns doch ein bissel tollen. Wie bald, und Schulzeit und Ferien sind zu Ende. Dann kann man doch nicht mehr hecumspringen, die wiesen hinunterjagen und im Wald heruinklettern (manchmal. war Mirjam -der reinste Bub'). Lin, schmerzlicher Zug stahl sich flüchtig über das blühende Gesicht der jungen Mädels. „Man" kann nicht mehr so heruinspcingen ■— das hieß in ihrer Sprache: wir können nicht mehr wie Kinder sein ... Sind schon . Gedanken wach geworden in ihrer Seele, die allzu frühe Künftiges ausleuchten lassen? war schon zu vieles in diesen Mädchenkopf hineingeraten? Ja. Gelesenes, Seltsames, Verstandenes, Geahntes, aber auch das wirre, das Dunkle und Unbegriffene. Und immer Hunger nach mehr. Könnte sie doch manchmal bequem fein wie der Bruder. Der weiß schon, wo er hinaus will (und wo er hinaus soll). Lr weiß Bescheid im Geschäft, versteht sich aus Bauernart, auf Handel wie ein Alter, und sein Vater hat schon beinah eine Hilfe an ihm, wenn er auch freilich zuerst noch fortgehört, abgeschliffen, zurechtgestutzt werden muß unter fremden Händen. „Ich könnte ihn schon heute daheim brauchen; es ist oft doch schon zuviel für mich," meinte der Vater. - Dem Leopold Bergheimer fiel es schon schwerer, mit seinem Jungen zurecht zu kommen. Seit sie das Unglück gehabt hatten mit dem Kleineren, dem Arthur, der ihnen als Zehnjähriger nach einer tückischen Krankheit entrissen worden war, war Herbert der Einzige. Sie wußten, die Mutter wußte und fühlte es am schwersten, es würde bald ganz leer werden im Haufe. Aber daheim sollte er nicht bleiben. Die alte Sache. „Cr soll sich nicht bei wind und Wetter herumplagen, er soll es schöner haben als ich." Die Gedanken streiten miteinander. Machen'« die anderen nicht auch so? Schaut euch um im Dorf. Cs fehlt nicht an Iungens und Mädels. Am Schabbos Nachmittag geben sie zusammen die gewohnten Waldwege, scherzen und sind fröhllch. Cs fehlt auch an Streit und Eifersüchteleien nicht. Aber fragt nach zehn, zwanzig Jahren, wo sie sind. Sie werden an den Iomtowim, an den paar Feiertagen zu Besuch kommen. Sie gehen wieder fort, und die Alten bleiben daherin . . . Herbert soll in die Stadt kommen. Cs kostet Geld, aber es wird, so G'tt will, auch gehen. Da drüben brummt einer allerdings etwas von „großen Possen". „So waren sie von jeher." — „wenn der Junge Lust zum Lernen hat, warum ihm nicht die Möglichkeit geben?" Löse Worte hörte man eigentlich im Hause Joses Rothenburgers kaum mehr. Cs war ein Friedensengel im Haufe, der wachte im verborgenen, daß wenigstens der Vater sich nicht mit Worten versündigte. Das war schon viel. Die Gedanken waren noch oft genug von bösem Haß verwildert. Mirjam woiß, daß Herbert Weggehen wird. Mirjam ist stolz, daß er nachder Schulzeit bald studieren soll, was? Das ist noch nicht bestimmt. Vielleicht darf er etwas Hohes, Schönes, vielleicht gar Rabbiner werden? . . . was gibt das für Bilder der Zukunft? Aber jetzt ist ja noch keine Zukunft. Jetzt ist Gegenwart, Abschied, Traurigkeit. Auch Mirjam verläßt die Heimat. Sie soll lernen, wie es draußen ist. Sie soll in einem anderen jüdischen Hause sehen, wie es dort gemacht wird. Cs ist noch ein Schabbos, und noch ein Tag und noch einer, und dann wird Mirjam in die Welt binausfahren. Das Wiesental ist still. Klan hört das Hüb und das Hüscht der Lauern. Man hört das plätschern des Wassers. Man steht zwei Menschenkinder, die das alles nicht beachten. 'Sie kümmern sich gar nicht viel um das Lächeln der Leute und um das dumme Gerede der Schwätzer. Sie hören Ja auch daheim dann und wann ein mahnendes Wort, auch einmal ein Spottwort. Die Gesichter werden manchmal verlegen, und die Köpfe manchmal rot. 'Aber wem: sie beisammen sind, — und heute sind sie für lange Zeit zum letzten Male beisammen — bleibt vieles unausgesprochen in jungenhaftem Trotz und in Mädch en scheuer Zurückh altung. von den Cltern sprechen sic, vom Hassen und Sich-versöhnen, vom sündhaften verfeindetsein durch Generationen hindurch, so daß sich an Kindern die Schuld der Cltern rächen soll . . . warum kann das nicht anders sein . . . warum verhärten die Menschen ihre Herzen? .. . Aber sie sehen, die Zeit ist noch nicht reif. „wir müssen warten, Herbert, eines Tages wird der Vater Deinen Vater Gut Schabbos sagen in der Schul und mit ihm sprechen auf der Straße." „Miri, Deine Mutter wird eines Tages mit Dir zu uns kommen, und ich werde mit Dir zum Großvater und zur Großmutter gehen. Aber steh, es ist so seltsam: wenn das Leben schön ist, wenn alles im Geraden ist, wenn die Menschen sich miteinander freuen könnten, kommen sie nicht zusammen, haben tausend Ausreden, finden keine Zeit . . ., aber wenn, G'tt behüte, böse Zeiten kommen, wenn sie einander brauchen in der Rot, finden sie Zeit und weg zueinander. Muß es erst so sein?" . . . Die Rächt ist nicht mehr fern. Die großen Sterne werden schon sichtbar. Herbert muß sich jetzt eilen, er will noch zunr G'ttesdienst gehen. Ja, nachher ist ihm all das eingefallen, was er zu Mirjam noch hatte sagen wollen. Aber er findet, cs ist so seltsam, die. Worte viel schwerer als das Mädchen, das in der Dämmerung neben ihm herschreitet. „Herbert, dieselben Sterne, die uns jetzt sagen, daß der Schabbos zu Ende geht, sind überall, sind hier und dort. Sie sollen uns geleiten auf dein weg zum Ziel, wir wollen es Friede, Versöhnung, vielleicht auch Glück nennen . . ." Roch eine weile gehen sie zusammen, ohne ein Wort zu sprechen. Aber als sie gerade an die Brücke kommen, wo der Wiesenweg zum Dorf hinführt, wo man gerade noch die Mondsichel über den walöhöhen steht, ist's mit der Ruhe vorbei. Sie sagen sich viele Male Gut woch und Gut Jahr. Sie fassen sich immer wieder an der Hand ... Aber die Rächt ist leise und unhörbar gekommen, und die Sterne sagen: Der Schabbos ist vorbei. „was wissen wir in. unserem Dörflern von der Welt? — so schrieb Mirjam eines Tages — Seine Wälder sind schön. Die Menschen schlicht. Ruhe und wohltuende Stille. Kein Großstadtlärm. (Manchmal auch Langeweile und viel Sehnen nach der Ferne, nach Sehen und Erleben.) Aber, Herbert, was wissen die Dörfler von der Welt, von der jüdischen Welt? Ich glaubte, mancherlei zu wissen, was man braucht -im jüdifcherr Haus, aber nun sehe ich, daß wir tausend Dinge nicht kennen, die zum jüdischen Leben gehören. Wir haben die Geschichten gelernt, aber nun sehe ich, daß die Geschichte unseres Volkes viel größer und trauriger, viel gewaltiger und noch lebendiger in uns ist, als wir es ahnten. Und die Gegenwart — ja, Du wußtest ja viel mehr, aber auch Dir war das, was draußen vorging in der jüdischen Welt, fast fremd und inhaltlos. Ich lerne und sehe. Ich sehe auch viel Leeres und Richtiges, und manchmal vergleiche ich: Sind unsere Iungens und Mädels, — manchinal haben sie ja etwas Bäuerisches, Raives an sich, — find sie höher zu flelleir oder find sie weniger wertvoll als all die jungen Menschen der Großstadt mit ihrem Getue und ihrem Gebildetsein? Und noch eins ist mir zuwider: ich sehe Unterschiede und Unterscheidungen, weil der eine reich und der andere arm ist; weil der eine ein großer Kaufmann und der andere ein schlichter Handwerker, der eine der Herr und der andere der Arbeiter, die eine die Hausdame und die andere nur das Hausmädel ist. Sollte cs nicht zwischen allen etwas Gemeinsames, Gleiches geben? ... Klan kann vieles lernen in den Städten. Ich sehe auch junge Menschen, die nach dem verlangen, was ich eben schrieb, die natürlich und schlicht, gesund und stark werden wollen und vieles für bedeutungslos achten, was den Alten als unentbehrlich für ihr Leben erscheint. Aber lach' mich nicht aus, Herbert, jetzt habe ich viel Sehnsucht und ein großes Heimweh nach unserem Dorf. Sag nicht, daß ich töricht sei, weil ich alles Gelernte anwenden will, weil ich helfen will, wo ein junges Mädel helfen und sich nützlich machen kann, wird's freilich auch im Dorf Arbeit für mich geben? ..." Mirjam Rothenburger findet langsam den weg zu Gleichaltrigen, wer allzu viel nachgrübelt über die Dinge der Welt, lebt mit sich allein. Du kannst das nicht immer. Cs zersprengt dein Inneres, wenn du alles bineinprefsen willst. C§ ist kein Raum mehr darin. Du mußt zu den anderen geben. Die werden genau so rätseln und sinnen, wenn in einer berückenden Frühlingsnacht alles in ihnen aufglübt und stürmisch wird, wenn ein unendliches Sternenmecr dich in der schweigenden Einsamkeit des Winterabends fortreißt in die Unendlichkeit hinein . . . * * ♦ von vielem spricht der Seelenkenner, der im Lernen -und Leben gereifte Rabbiner, wenn er, einmal in der Woche, junge Menschen um sich sammelt. - „Laßt doch die ewig Schimpfenden, die skeptischen Nörgler sagen, was sie wollen!" „Ach, was, so sagen sie, warum gehen die -alle dahin. Junge Mädels wollen Iungens kennen lernen, wollen nachher noch von anderen Dingen plaudern und kichern als von jüdischen Bräuchen» und Gesetzen. Cs ist kein Ernst dahinter." Ist auch kein Ernst in diesem schwarzen Mädel mit den unruhig flackernden Augen, das so seltsam eigenwillig sich fernhält von den anderen, so gedrückt und verschlossen ins Leere starrt, als fei die Verbindung gelöst zwischen ihr und den Menschen? % von den einen wird man, kein Wort braucht gesprochen zu sein, abgefloßen beim ersten Blick. Da kommt ein Menschenkind, du scharrst ihm ins Auge, und schon sind die Gedanken zu Sendern und Empfängern geworden. Mirjam Rothenbnrger und Rora Wolf werden Freundinnen, „Echt Mirjam, wirst.Du sagen, Herbert, wenn Du nun erfährst, daß ich ein armes jüdisches Menschenkind für mich gefunden habe, das ohne die Sonne des Elternhauses hat aufwachsen müssen.