Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1933)
- Date
- 1933-08-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 34 Der I s r a e li t - 24. August 1933 Es wäre falsch, in der Konsolidierung des Rabbinats des „Wand hair hoaschkenasi", wie sie in der Berufung seines zweiten Oberrabbiners zum Ausdruck kommt, eine Kampfansage persönlicher Art gegen Oberrabbiner Kuk zu erblicken. Alan kann die Persönlichkeit Rabbiner Kuks, sein überragendes rnuiauitb die auf den Bieg der Thorawahrheit gerichtete Reinheit seines woliens durchaus anerkennen und verehren und wird doch zugoben müssen, daß die Verstrickung dieses NN1N3 und dieses reinen Strebens in die Rebermacht eines thorafremden, vom breiten Strome areligiösen modernen Kulturbewußtseins getragenen Gemeinschaftslebens zu nichts Gutem führen kann und ebenso ergebnislos bleiben' muß wie die misrachistische S^stphusarbeit in den Gefängnismauern des zionistischen Parteigefüges. Pier wie dort wird der bedingungslose Perrschaftsansprnch des G'ttesgcfetzes von vornherein preisgegebcn und damit prinzipiell unwirksam gcmachtz auch wenn Reberredung und Kornprornißpolitik diesen oder jenen vorübergehenden Cinzelersolg erzielen, und die Gemeinsamkeit der Kasse mit den liberalen und radikalen Elementen auch der Orthodoxie äußere Vorteile um den Preis des inneren Rtttecliegcns gewährt. Cs ist die Aufgabe der unabhängigen orthodoxen Gemeinden im heiligen Lande, Pand in pand mit der „Agudas Isroel" gegenüber jenen falschen Organisatiousversuchen für die A n e r k c n - n un g ihres o r g a n i f a t o r i f ch e n p r i n - zip cs, das identisch ist mit dem Prinzip der Thora-Souveränität, des n'nw nWö» mit dem Prinzip des altjüdischen Gemeindelebens überhaupt, alle diejenigen zu gewinnen, die sich in Gesinnung und Lebensführung auf dem Roden des G'ttesgesetzes bewegen. Wir hegen das feste Vertrauen, daß Oberrabbiner Dnschinski in seiner milden, festen, auf tiefgründiges wissen und menschenkundige Klarheit des Denkens gegründeten Art der rechte Führer zu diesetn idealen Ziele sein und daß es ihm vergönnt sein wird, durch eine gesegnete Lebenswirksamkeit der bangen Frage der nDJD: P32N *7171 obivh fPX3 *] 1 V ö fl ’JIS die erlösende 2lntwort zu erarbeiten: 'n Gegenwart und Zukunft der deutschen Olim in Erez-Jsrael. Von Wnachem Lewinski in Tel-Awiw. Ich bin für einge Tage dem Weltstadtgetriebe Tel- Awiws entronnen, um auf dein „Par pacarmel", dem G'ttesberge, auf dem Clijahu hanawi dem Baalkultus ein Ende bereitete, kurze Erholung^ zu suchen. Alan kommt mit der festen Absicht herauf, um hier, aus dem wohl herrlichsten Fleckchen Erde des Weltenatts, auszunrhen, seinen rastlosen Gedanken Einhalt zu gebieten und sich nur den unbeschreiblichen Raturschönheiten des durch die Gnade G'ttes zum Leben wiedererwachten Karmel hinzugeben. Aber weit gefehlt; je mehr ich die g'ttlichen Wunder schauen darf, je mehr muß ich denken, denken an diejenigen unserer Brüder, denen es noch nicht beschieden ist, in Erez Israel weilen zu dürfen. Ich muß daran denken, wie oft ich in den Spalten des „Israelit" den Wunsch ausgesprochen habe, es mögen doch deutsche Iereim nach Crez kommen, um das thoratreue Judentum, „unser Judentum", zu stärken. G'ttlob haben in den letzten Alonaten eine Nnzahl solcher Iereim den weg nach Erez gefunden und schon sehen wir die Früchte der jungen Saat aufgehen. Rur ein kleines Beispiel: Pier, auf par-pacarmel, leben ca. 40 jüdische Familien (nicht zu verwechseln mit Padar-Pacarmel, das heute etwa 8000 jüdische Seelen zählt). Cs gibt hier eine Spnagoge, eigenartig, reizvoll, wie sie wohl kaum noch irgendwo anzutreffen ist. Das Beth-hakneßet'befindet sich in einer tief liegenden pöhle, zu der man über viele Steine hinweg herunterkraxeln muß. Pat man die kleine Strapaze hinter sich, so sicht man plötzlich vor dieser pöhle, deren Inneres zu einer herrlichen Synagoge — mit elektrischer Beleuchtung — ausgebaut ist. Cs heißt, daß in dieser pöhle Ieschajohu sich aufgehalten und gebetet haben sott. Bisher fand nur am Sabbat G'ttesdienst statt, seit einigen -Wochen jedoch Hab ein Berliner Iere-schomajim seinen Wohnsitz hier aüfgeschlagen, und es wird nun täglich-, früh und abends mit Alinjan gebetet, und ein ständiger Schiur abgehalten. Aber auch sonst macht sich im Lande die deutsche Alija stark bemerkbar. Geht inan heute durch Jerusalem, Tel-Awiw, petach Tikwah, paifa, so begegnet man auf Schritt und Tritt den deutschen Aulim, und hört man jetzt, abgesehen von Iwrit, in den Straßen sehr viel deutsch sprechen. Die heute wichtigste Frage, auch für die Leser des „Israelit", ist wohl, ob für die starke deutsche 2llija auch Erwerbsmöglichkeiten gegeben sind, und ob für die jetzt noch Kommenden weitere Cxistenzausstchten gegeben sind. Es ist heute schwerer als je, auf diese Frage eine auch nur einigermaßen verläßliche Auskunft zu geben, wenn es zwar möglich war, daß die bisher Eingcwanderten zum größten Teil in den verschiedensten Berufen Unterkommen konnten, so kann man heute nicht mehr nüt Bestimmtheit sagen, daß in diesem oder jenem Beruf noch Lücken auszufüllen feien, denn wer weiß, wieviel Anwärter für diese oder jene Lücke sich aus dem nächsten Schiff befinden mögen. Ich will mich mit Folgendem bemühen, aus einige Berufe, — natürlich nach dem momentanen Stand der Dinge, — einzugehen. Ich beginne mit der Bautätigkeit. Diese ist im ganzen Lande — trotz der hohen Bodenpreise und stark erhöhter Löhne — enorm, wie sie Crez Israel wohl noch zu keiner Zeit aufzuweisen hatte. Innerhalb weniger Wochen entstehen neue Straßen und neue Stadtviertel, wo man hinsteht, wird fieberhaft gebaut (Reubauten, Aufstockungen, Umbauteil, Modernisierungen usw.), aber der Wohnungsnot ist nicht beizukommen, wird auch nur der erste Spatenstich getan, so sind auch schon alle Wohnungen bis unter das Dach vermietet. Roch vor einem Jahr hatte Tel-Awiw nur 45 ÖOO Einwohner, heute wird die Zahl mit ca. 70 000 angegeben. Lei einer Fortdauer der jetzigen Alija rechnet man damit, daß im nächsten Jahre die Zahl 100 000 erreicht wird. Selbstverständlich wird Tel-2lwiw hundertprozentig von Juden bewohnt. Die Ordnung in der Stadt ist, dank der rührigen Tätigkeit unseres ersten Bürgermeisters und seiner Alitarbeiter, eine mustergültige. Manche europäische Stadt könnte stolz sein, eine solche Verwaltung zu besitzen. Unsere rein jüdische Polizei, alles stramme Jungen, teils noch aus der „Jüdischen Legion" aus denk Weltkriege, kann ebenfalls als mustergültig gelten. Unsere Baupolizei nimmt es mit den Vorschriften sehr genau, manchmal schon zu genau. Bei dieser regen Bautätigkeit sind Arbeiter und paudwerker aller Kategorien noch immer sehr gesucht und werden auch ungelernte Kräfte ans den Bauplätzen, bei einem Tagelohn von 20—25 Piaster, eingestellt. (Es können auch kräftige Menschen aus kaufmännischen Berufen hierbei Beschäftigung finden. Lehrlinge für Bau werden kaum eingestellt. Vor einigen Wochen kam zu mir ein junger kaufmävnischec Angestellter aus einer deutschen Großstadt, der mir erzählte, er sei bei der „Pistadruth Papoalim" (Arbeitergewerkschaft und gleichzeitig Arbeitsvermittlung) gewesen, um als Lehrling auf einem Bau unterzukommen, jedoch wurde ihm erwidert, daß solche Lehrstellen nicht vorhanden seien. Als mir nun dieser junge Mann erzählte, er habe vor mehreren Jahren in Deutschland u. a. ein halbes Jahr Zimmeranstreichen gelernt, so gab ich ihm den Rat, nochmals zur „pistadruth" zu gehen und Arbeit als gelernter Anstreicher auf einem Bau zu fordern und siche da — sofort bekam der junge Mann, der gestern noch zögernd als Lehrling beginnen wollte, lohnende Anstellung als Anstreicher. — Cs wird hier kein Nachweis über Erlernung eines Berufes gefordert, auch die besten Zeugnisse, mit denenunsere deutschen Olim so gerne aufwarten, finden hier keinerlei Anerkennung. Pier heißt es eben: wer die angenommene Arbeit leisten kann, wird beschäftigt, kann er sie nicht leisten, so nützen alle noch so guten Zeugnisse nichts. Die Pauptfache ist, daß man jede sich bietende Arbeitsgelegenheit ergreifen muß. Ein Berliner z. B. hatte die Idee, ein Fensterreimgungsinstitut zu errichten. Die Sache fand allgemeinen Anklang. Dreißig junge Leute -aus. Deutschland,. ,mM aus Heu besten, pällfern, frühere kaufmännische - Ängestellle, finden, hierdurch ihr Auskommen. Es erfreut.das Auge, diese jungen. Menschen freudestrahlend,, an; ihrer schmucken Arbeitskleidung, die wie eine Uniform, wirkt, mit.hohen Leitern bewaffnet, .einherschreiten oderarbeiten zu scheu. : ' . .v . ' /. U Es ist aber auch Nichts Seltenes, daß aus Deutschland Mgewarrderte Akademiker, insbesondere Aeczte, als,„Schwarzarbeiter", d. h. als ungelernte Arbeiter aufs Land gehen und brach liegenden, versandetem Boden zu neuem, blühendem Leben erwecken.. Cs herrscht aus dem Lande noch immer Bedarf an gelernten und ungelernten Arbeitern. Auch für pandwerker fast aller Kategorien sind die Aussichten noch sehr günstig. Sehr schwer, fast unmöglich, ist es aber, kaufmännische Angestellte im Pandel unterzubringen. Der Bedarf wird im Lande reichlich gedeckt, zumal die schon länger hier Wohnenden die hebräische Sprache in wort und Schrift beherrschen, was für einen kaufmännischen Angestellten unerläßlich ist. <£&■ werden meist außerdem noch Kenntnisse der arabischen und englischen Sprache verlangt. Die aus Osteuropa konlmcnöcn Kaufleutc sprechen außerdem noch polnisch und russisch, auch diese Sprachen sind oft sehr nützlich. Trotz der vielen verlangten Sprachen ist die Bezahlung der kaufmännischen Angestellten eine sehr schlechte. Da die meisten dieser Angestellten zu schwerer 2lrbeit nicht zu gebrauchen sind, droht ihnen ein elendes Dasein. Ich kann diese jungen Leute nur immer wieder vor Uebcrsiedlung warnen, es fei denn, sie erlernen vorher drüben ein Pandwerk oder Landwirtschaft (Pachschara). Ich komme nun zu den akademischen Berufen. Auch hier kann man nur zur größten Vorsicht aufrusen. Äerzte sind nicht inehr unterzubringen. Mt einem Schiff allein sind vor kurzem 50 deutsche Aerzte angekommen — und so geht es Woche für Woche. Bisher war es noch möglich, daß ein großer Teil der Airgekommenen unterkominen konnte, heute befindet sich jedoch schon die kleinste Kolonie unter deutschem ärztlichen Schutz. Viele Aerzte wären heilfroh, wenn sie wenigstens als Krankenpflegen Beschäftigung finden würden. 2luch an Kapazitäten, teils von Weltruf, mangelt es nicht mehr, wenn sich die jetzt nicht unterzubringenöen Aerzte wenigstens l—2 Jahre durch mitgebrachtes Kapital über Wasser halten könnten, so wäre zu hoffen, daß sie später, wenn die deutsche Einwanderung abebbt, zu einer Praxis koinrnen können, weit besser sind die Aussichten für Juristen Cs herrscht Alangel an in Deutschland gebildeten Juristen, es sind nur erst wenige im Lande. Ein Bedarf an aus Deutschland stammenden Juristen wäre vorhanden, da die aus dem Osten stammenden Juristen infolge ihrer meist mangelhaften Ausbildung keineswegs einem in Deutschland gebildeten Juristen gleichzustellen sind. Leider scheuen die aus Deutschland kommenden Juristen davor zurück, die hier noch notwendige Prüfung abzulegen und versuchen, in anderen Berufen unterzukommen, was jedoch nur selten glückt. Die Vorbereitung zur erforderlichen Prüfung erfordert ein bis zwei Jahre. Rur einmal im Jahre, im Februar, findet die Prüfung statt, wer in den ersten Alonaten des Jahres einwanöert, kann bei einiger Anstrengung, mit den Vorbereitungen bis zum Februar des nächsten Jahres ferligwerden und die Prüfung ablegen, wer jedoch erst im April, Alai oder Juni, gekommen ist, kann es bis zum nächstjährigen Februar kaum schaffen. Keinerlei 2lusstchten sind für E h e m i f e r vorhanden, da die chemische Industrie hier noch keinen Fuß fassen konnte. Auch in bereits vorhandenen Fabriken werden nur selten Chemiker beschäftigt. Dieselben schlechten Aussichten sind für Zahnärzte und Zahntechniker gegeben. Roch einiges über den L e h rerbecuf: Auch hierin sind die Aussichten nicht sehr rosig. Lehrer, die sich nicht vor ihrep Einreise eine Einstellung sichern (was allerdings nur in den allerseltensten Fällen —- bei besonders einflußreicher Protektion — gelingen dürfte) finden auch nur sehr schwer ein Unterkommen. Etwas arideres wäre es, wenn jemand sich eine privatschule für eigene Rechnung errichten würde. Dieser Perr müßte nicht nur die Fähigkeiten eines tüchtigen