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Der Israelit · 1933-08-24 · Heft 34 (24.8.1933) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 34 (24.8.1933)
Date
1933-08-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 34 DerJsraelil 24. August 1933 Politif cingetreten sind und weiter e-intreten werden. Nicht wenige feine, edle, gebildete jüdische INenschen würden, so sagt er, seelisch zerbrechen und zugrunde gehen, weil ihr Berus zerstört und ihr Lebensinhalt vernichtet ist und weil sie nicht wissen, wo und wie sie etwas Heues ausbauen können. Cs sei Aufgabe alter rechtlich Denkenden, Härten zu mildern, soweit dies „ohne Schwäche und ohne Durchbrechung -der grundsätzlichen Notwendigkeiten möglich ist." Aber die deutsche Politik dürfe auch nicht weich werden, sie dürfe nicht aus Schwäche eine Entwicklung weiter laufen lassen, die sich für beide, für das deutsche wie für das jüdische Volk, als verfehlt erwiesen habe und es sei nun einmal das große Weltgesetz der Geschichte, daß das Individuum in dem Schicksal des Volkes verhaftet ist und daß heute der einzelne Jude dafür büßen müßte, daß Generationen hindurch der falsche und dem Willen G'ttes gewiß nicht entsprechende Weg der schrankenlosen Assimilation beschritteu worden ist. Wer so spricht — und wir sind mit dem Gcdankengang als solchem, soweit er die schrankenlose Assimilation trifft, vollkommen einverstanden — müßte als Theologe und Cthtkec doch etwas genauer prüfen, ob denn die „Härten", die zu solchen Konsequenzen führen, in der Tat unvermeidlich waren, und ob bei allem, was geschehen ist, in der Tat nur die kühle Ueberlegung und die tiefe Einsicht in die unbedingte politische Notwendigkeit des Geschehens mrtgewirkt haben. Wir bezweifeln, daß diese Frage, hätte er sie geprüft, von einem feinen und ehrlichen Geiste wie Kittel mit ruhigem Gewissen bejaht worden wäre. Wir halten beispielsweise, wenn mau die Ablehnung der Juden als höhere Staatsbeamte, als Richter und für gewisse Gebiete der Wissenschaft und des Unterrichts auch als Hochschullehrer und Lehrer noch aus den Kittel'fcheu Prämissen heraus verstehen kann, die Anklagen, die erstaunlicher Weife auch in Kittels Schrift gegen die jüdischen A e r z t e und Rechtsanwälte geschlendert werden, für eine geradezu ungeheuerliche Verfälschung des wirklichen Tatbestandes. Wenn Prof. Kitte! eine Abstimmung veranstalten würde unter den Tausenden und Abertansenden urteilsfähiger, feinfühliger christlicher und deutscher Rienschen, die seit Jahrhunderten von jüdischen Aorzten betreut worden sind, so würde ihm, wir sind dessen sicher, ein fast e i n st i m m i g e s L o b l i e d auf die feine Blüte e d >e l ste r Menschlichkeit und selbstloser Hingabe entgegenschallen, die jüdische Aeczte, sei es in den Kliniken der Universitäten, sei es in den Hütten und Familienstuben der Aermstcn im Volke, entfaltet haben. Und daß jüdische Anwälte, «die ja nicht dazu berufen waren, deutsches Recht zu schaffen, sondern es anznwenden, von Berufs wegen den deutschen Volkskörper depraviert haben, das dürfte auf dem Wege wahrheitsbeflissener wissenschaftlicher Forschung etwas schwieriger nachzuweisen sein als auf dem des politischen Ressentiments. Roch viel schlimmer ist aber, daß sich Kittel über das Wirtschaftliche Schicksal der um ihre Existenz gebrachten deutschen Juden, über ihre mit bewundernswerter Gründlichkeit 'durchgeführte Ausschaltung oder indirekte Verdrängung aus den verborgensten Winkeln des Wirtschaftslebens mit einer unerhörten Leichtigkeit hinwegsetzt. Alles, was er darüber zu sagen weiß, ist: „Bei der Gesamtlage des Judentums ist nicht so sehr dies zu erwarten, daß infolge der notwendigen Maßnahmen eine größere Zahl Juden matcricU in schwere Rot geraten und körperlich verhungern müssen. Dem werden v o r - a u s s i ch t l i ch genügend*) (Organisationen der Selbsthilfe des Judentums der ganzen Welt Vorbeugen." Das ist alles. Wir finden, es ist vom Standpunkt der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, die doch aus dem Wörterbuch eines christlichen Theologen nicht gestrichen sein dürften, etwas wenig. In warmen Worten predigt Kittel die Ehrfurcht vor dem fromme n Judentum. Zwar empfindet es der seiner religiösen Ehre bewußte Jude auch hier nicht gerade angenehm, wenn ihm mit einer gewissen Ueberheblichkeit zu Gemüte geführt wird, daß er sich doch nur ja als „anständiger Gast" führen solle. Aber immerhin — es soll mit Genugtuung registriert werden, daß nach Kittel es n i ch t der Sinn des antisemitischen Kampfes fein könne, religiöse Formen und Sitten, soweit sie .niemand schädigen, verächtlich zu machen, oder gar zu schädigen. Denn vom völkischen Standpunkt aus sei ja gerade derjenige Jude, der diese seine eigenen Formen und Sitten wahrt und achtet, ein viel besserer Gast als der entwurzelte Jude, der ste nicht mehr kennt und vergessen lassen möchte, daß er je mit ihnen zu tun hatte. So vermtM Kittel mit Entschiedenheit die Angriffe auf den Talmud und die Schmähung der jüdischen Religion. Aber er findet kein Wort der Kritik an dem reichsgesetzlichen Schächtverbot, obgleich doch dieses Schächtverbot nicht etwa nur eine Nnbequemlichkeit ist und den Juden den Vegetarismus auferlegt, sondern eine — vom Standpunkt des Gesetzes als unvermeidlich betrachtete — schwere Kränkung des in d e m Glauben a n die G'ttlichkeitder Bibel f u n d i e r t c n r e ligiöf e n Ehrgefühles des orthodoxen Judentums. Erstaunlich ist ferner, daß Kittel, obgleich er sich sonst keineswegs scheut, sein Urteil in die Wagschale zu werfen, nicht ein Wörtchen darüber sagt, daß aus der revolutionären Verdrängung der Inden aus *) Von uns hervorgehoben. Ned. einer Unzahl von bisher überfüllten BeDnfsgattnngeii doch die selbstverständliche Pflicht des Staates folgt, nun die Umschichtung der Juden in die von ihnen bisher unter dem Zwang der historischen Cntwicklung. vernachlässigten Berufe, also in Handwerk nnö Lanöw-tttschast positiv in ehrlichster Weise zu fürder n. Kittel schärft den Staatslenkern die Pflicht ein, gesunde und normale Verhältnisse herzustellen und der intellektuellen Uebersteigerung im Habitus der jüdischen Bevölkerung, selbst um den Preis schwerer Härten, ein Ende zu bereiten. Aber er versäumt die doch außerordentlich naheliegende Gelegenheit, vom Standpunkt deutscher Gerechtigkeit nun denselben Staatslenkern die Verpflichtung aufzuerlegen, d e n h r n a n s g e d r ä n g t e n „Fremdlingen" irgend einen anderen Lebensranm auf deutschem Boden zu schaffen. Das letzte Kapitel der Schrift ist dem religiösen Problem gewidmet. Mt Wärme vertritt Kittel die unbestreitbare These, daß es ohne jüdische Religion kein Judentum gibt. Eine jüdische Rasse, eine jüdische Kultur ohne die Religion des Judentums ist ein Judentum ohne Seele. Cr ruft dem Assiniilationsjuden zu: „Werde wieder frommer Jude, bekehre Dich zu dem G'tte Deiner Väter, höre den Bußruf der alten Propheten Deines Volkes." Cr klagt» daß der größte Teil des Judentums der Gegenwart keine lebendige Religion mehr habe, er kennzeichnet mit Schärfe die religiöse Unfruchtbarkeit des modernen Zionismus, der ein fast atheistisches Judentum geschaffen habe, für das ein national-jüdischer Staat, eine nationaljüdische Kultur, eine hebräische Literatur an die .Stelle der Religion getreten sei und er beruft sich als Beleg auf Achad Haam. In Martin Luder erblickt Kittel einen Führer auf dem Wege ZU einem lebendigen, die Fremdlingschaft unter den Völkern bejahenden religiösen Judentum, dessen Lebensarbeit der Deutsche und vollends der deutsche Christ in Ehrfurcht und Achtung grüßen müsse. Merkwürdigerweise scheint Kittel die bis in dir Gegenwart hineinwirkende Lebensarbeit S. R. Hirschs, der — im Einklang übrigens mit allen großen Geistern des geschichtlichen Judentums —der Sterilität eines bloßen Ritualismus gewiß nicht mit geringerem Erfolg entgegengetreten ist als Martin Bubec, überhaupt nicht zu kennen. Für den orthodoxen Juden ist bei aller berechtigten Kritik an der Kittei'fchcn Schrift, die wir im vorstehenden nur mit der größten Zurückhaltung geltend gemacht haben, das kleine Buch doch ein mächtiger Mahnruf, das von der Thora und den Propheten geweisfagte und von unserer ganzen rabbinischen Literatur in aller Tiefe erfühlte Golusschi cks a I des jüdischen Volkes i n starke m Mute auf sich zu nehmen. Von Trost zur Läuterung. Von Rabbiner Dr. 2JL Lewin in Hamburg. II. Siebenmal vernehmen wir bas Heilswort des Trostes und der Erhebung, ehe die Zeitwelle eines Jahres im Meere der Ewigkeit zerrinnt. An sieben Sabbaten tritt mit liebevoller Stimme der Prophet vor uns hin und glättet die Wogen der Erregung in unserem Herzen, die die Erinnerung an Jeruscholajim in den drei Wochen der Trauer in unserer Mitte hervorgerusen. Da erfahren wir es immer von neuem: .313N3N vbv35l33 MtSMH 153» p VBTUJJ 1»» *1®» »»»2 „Wie einen Mann, den seine Mutter tröstet, so will ich selber euch trösten, an Jeruscholajim werbet ihr getröstet." Mütterlich umfyegt uns bie Religion und streicht uns mit treuer, trauter Hand die Sorge von der Stirn. Die Mutterliebe, die nie verzweifelt, die alles trägt und duldet, auch da verzecht, wo andere anklagsn und verurteilen, ist uns ein irdischer Maßstab für die Himmelsgüte des ewigen unendlichen G'ttes, der Israel erkoren und durch Leiden und Läuterung zur Sühne und Erlösung führt. Des Herrn Liebe und Gnade ist es, die da widerklingt m Jefchqfqhus Ewigkettsworten voller Hoffnung und voll adelnder Weihe: .pr» 5'8N dt» pm mm vvxn ’xnvn nx m n2»n3n xin »23X P23X „Ich, Ich bin es, der euch tröstet. Wer bist du, daß du dich fürchtetest vor dem Menschen, der dahingeht, vor dem Adamssohn, dahingegeben als <3vasl~\vsf't nzvni. Du vergissest G'ttes, der noch jetzt dich gestaltet . . Wie der Labetrank aus Himmelshöhen für die dürstende Flur so ist dieses Prophetenwort, in seiner vollen Tiefe begriffen, erquickend und erlösend für unsre lechzende Seele. Der am Sinai hinausgerufen fein alle Zeiten und alle Geschlechter überdauerndes '23X, sein alle Menschen mit Liebe und Güte umspannendes: „Ich bin", hat Israel zu seinem Sendboten und zum ewigen Zeugen seines Waltens in der Geschichte berufen. Aus dieser Ueberzeugung quillt uns Mut und Vertrauen, auch wenn sich der Himmel uns umdüstert. Furcht und Bangen steht Israel nicht an. '»mm v» ■>», „W e r bist du, daß du dich fürchtest?" Sonderbare Frage! Wäre sie Nicht klarer und einfacher, wenn sie etwa lautete: Was fürchtest du, warum fürchtest du dich? Unsere Alten haben in ihrer sinnigen Art den Weg uns gezeigt für das, was wir in dieser Form der Frage zu suchen und zu finden haben. Sie sagen: i ,N2»2 ’n o’3 ’V nimw nx v.b ’K-pm n» in „Wer bist du, daß du -dich fürchtest. Bist du nicht dasselbe Israel, das einst am Schilfmeer gesungen: „Wer ist wie du unter den Mächten, o G'tt?" Wir haben als Volk, das G'tt dem Erlöser zugejubelt und das nicht nur am Gestade des brausenden Meeres allein, das eine Geschichte und Vergangenheit hat wie kein anderes Volk, einzig in ihrer Wesensart und Bestimmung und einzig in ihrer Gestaltung und Zielrichtung, kein Recht und auch keinen Grund zu verzweifeln. Tun wir letzteres, dann ist das ein Zeichen, daß uns des Propheten Vorwurf gilt: "i N2vni, „Du vergißt G'ttes, der dich gestaltet." Meistern wir aber uns und unser Leid, dann werden wir stark und widerstandsfähig trotz aller Sorgen und Nöte der Stunde und wir begreifen und beberzigen dann auch den mahnenden Zuruf des Propheten: i'~l li>5 iXBtt 35371 53w» IXS 1MJ1 XÄv 1»5M51b i5lb „Haltet euch zurück, haltet euch zurück! Kommet ja davon, das Unlautere berühret nicht! Kommet hervor aus ihrer Mitte (der Menschheit), läutert -euch, ihr Waffenträger G'ttes." Jedes Wort dieser Mahnung soll tief eindringen in Herz und Seele. Was glücklichere Tage an uns nicht vollbracht, daß wir uns bewußt blieben unserer Verpflichtung gegen die Gesamtheit wie gegen G'tt und die Aufgabe, die Sein heiliger Wille auf unsere Schulterm gelegt, jetzt im Dunkel unseres Golusschicksals muß es reifen und uns zurückführen zu Pflicht und Bestimmung. Wir find die Träger der Waffen G'ttes, ü. i. die Schirmer seiner zur Beseitigung alles Uebels auf die Erde herniedergesandten Himmelsgabe, der Thora. Jedes Bolk hat feine Aufgabe. Israels ist es, in Wort und Beispiel für G'ttes Lehre zu, werben. Gesteigerte Pflichttreue und veredelte Lebensführung bedingt unser priesterlicher Beruf. Das Böse und Unreine meiden und durch ein Leben der Gerechtigkeit und Wahrheit und Menschenliebe vor aller Welt die Lauterkeit und Erhabenheit der Bibel bezeugen, das sichert uns nicht nur Bestand, sondern auch allmähliche Anerkemumo und Würdigung zur Ehre G'ttes und unseres Judentums. Wie viel Licht und welch reichen Segen könnte auch diese Zeit uns bringen, wenn wir sie nur recht werten wollten. Ueberwinden wir das Dunkel unserer Tage durch gesteigerten Willen zum Judentum, wie es G'tt fordert und feine heilige Lehre vorgezeichnet hat und unsere Selbstwürde uns 'erfüllen heißt. Das soll unser Dienst fein im Tempel der Menschheit wie am Mare unseres Vaterlandes, das wir lieben

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