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Der Israelit · 1933-08-17 · Heft 33 (17.8.1933) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 33 (17.8.1933)
Date
1933-08-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 Nr. 33 Der Israelit 17. August 1933 anschauen, fröhlich und unbekümmert, gar bisweilen sich schon so änschanen, das; Köpfe rot und Blicke befangen werden? Ls gab manches böse Wort zu Hause bei Joseph Rothenburger. Die Mutter, die das Herz des Kindes besser kennt als der Vater, beschwichtigt oft: „Nimm dich zusammen, sag das doch nicht in Gegenwart der Kinder/' — Oft waren (Tränen in Mirjams Augen, unbemerkte Tränen, als sie begriff, daß irgend etwas Schweres zwischen ihrem Vater und Herbert Berghelmers Vater war, daß ihr Vater nichts mit Herberts Eltern sprach. Sie ahnte: Etwas Schlimmes (etwas Sündhaftes?) ist schuld daran. Das frohe Kind wurde stiller, schien nachzusin-- nen, eine Lösung zu suchen. Leopold Lergheimer verbot seinem Jungen nicht, mit RKrjam und Leo zu plaudern. Er sagte sich: „Was die Kinder zusammenführt, ist nichts Böses. Mir soll es recht sein, wenn sie einmal ohne Feindschaft leben. Aber eines muß ich verlangen, er soll nicht — den Rainen vermied er zu nennen! — dem Jungen Sachen sagen, die ich nicht vertragen kann. Am besten, er soll die Kinder in Ruh lassen." (Immer die Angst der Alten. Die Kleinen und Kinder küinmern sich kein Deut um die Gegensätze, um die Torheiten und Rarrheiten, die das Leben erschweren). Die Frauen? Ja, vergessen wir es nicht, da waren noch die Frauen. Wenn man cs als etwas Arges bezeichnen will, daß Frauen in solchen Dingen mehr Worte machen als Männer, mehr sich vom Gefühl, auch nach der häßlichen Seite, auch nach der gefährlichen Seite, hinleiten lassen, nicht ganz ohne ein bißchen Klatsch, ein bißchen Uebertreibung, ein wenig Reberheblichkeit auskommen können, immer -- sie sind zwar „bös" niiteinander — wissen möchten, was drüben vorgeht —, ja dann waren die Frauen in den beiden Häusern eben auch „b'roges", eben auch miteinander verfeindet. Aber sie waren in der Tat beide ohne Falschheit, ohne jenen Rerd, ohne jenen Haß, der den Falschen, Reiöischen, Hassenden selber das Leben am Ende vergällt. Sie trugen beide in ihrer einander verborgenen Häuslichkeit dazu bei, daß nach außen hin nicht alles so zerklüftet, so abgrundtief auseinandergerissen aussah. „Wäre es schlimm, Josef, wenn unsere Kinder einmal wieder eine Aussöhnung zustande brächten?" „Laß mich gehen mit deinen Reden. Ich Hab' nicht nötig, daß ich mir etwas vergebe und zu ihm hinlaufc. Wenn er etwas von mir will, weiß er, wo ich wohne." Das war zwar keine Antwort auf die Frage. Aber darauf konnte er keine Antwort geben, vielleicht wollte er es nicht. Die Frau ließ nicht locker. „Wir haben uns wahrscheinlich alle etwas zu vergeben, und G'tt weiß, ob wir nicht auch einmal anderer Leute Hilfe brauchen. versündige dich nicht." Josef Rothenburger sprach lieber mit den Bauern über ihr Vieh und ihre Frucht. Wer, wie er, wußte, was für ein Rind jeder Bauer der Gegend in seinem Stall hatte; wer sich Woche um Woche auf dem Markt der nahen Stadt mit den Metzgern herumreißen mußte; wer noch Rübenäcker und Wiesen, Kartoffelfelder, Gerste und Hafer sein eigen nannte, der hatte andere Sorgen im Kopf als die „Ehalomesfchmus der Weiber". „Sollen machen, was sie wollen. Fehlt mir grad' noch, daß ich mich mit dem Zeugs befasse. Richt genug, daß ich mich das ganze Jahr mit der Kehillo rumreißen muß. Einmal schreibt der Rabbiner. Einmal paßt dem hohen Rat etwas nicht. Man meint, ich hätte sonst nichts zu tun. Ich Hab' überhaupt genug. Nächstes Jahr sollen sie einen anderen parnes wählen. Vielleicht macht ders da drüben." Die letzten Worte waren iiicht ganz ehrlich gemeint. Das hätte einer erleben sollen, wenn an seiner Stelle der Leopold Verghejmer Vorsteher geworden wäre. Richt auszudenken. Aber dann und wann fiel auch einmal ein Wort, das die Mienen seiner Frau aufhellte. (Fortsetzung folgt.) Höhen am Gensersee. III. In einfachen Worten. Die Jeschiwah zu Montreux wirb viel besucht und auch viel besungen. Wenn die Musik schweigt, so ergibt sich aus ben konkreten Zahlen und Daten folgendes BW: Die Jeschiwah, die vor etwa sieben Jahren von einem Begnadeten gegründet und von vielen als Phantom verlacht und verspottet wurde, ist heute eine Tatsache, über die keiner mehr hinwegsehen kann, wie er sich auch zum Jeschiwah-Problem in der Schweiz stellen mag. Die kleine Thorarepublik auf Quisisana umfaßt zur Stunde, einschließlich der Gäste, der vorübergehenden Kursteilnehmer und der Ferienkinder, mitsamt Lehrern und Dozenten, knapp achtzig Seelen, lieber bem (Banken steht der Schöpfer und Leiter, Rabbi Eliahu B o t s ch k o , dem für die finanztechnischen und Berwaltungsgeschäste in Herrn Josef Heidingsfeld aus Frankfurt ein unermüdlicher Sekretär zur Seite steht. Der Lehrbetrieb ist so intensiv wie in irgend einer Jeschiwah des Ostens, beginnt morgens schon zwei Stunden vor dem G'ttesdienst und reicht bis in die tiefe blaue Nacht hinein. Es ist aber dafür gesorgt, daß die älteren und jüngeren Schüler einige Stunden im Tage bei Sport und Spiel Ausspannung finden. Ein freier Nachmittag ist für Ausflüge und Schwimmen bestimmt. Hatte sich die Jeschiwah ursprünglich in ihren Kamps¬ und Werdejahren ausschließlich auf die Gemoro zurückgezogen, ohne einen fremden Lusthauch in die hermetische Abgeschlossenheit hereinzulassen, was vielfach berechtigte oder unberechtigte Kritik herausforderte, so fühlt sie sich heute stark genug, auch ein Fenster nach außen zu öffnen. T'nach-Kurse werden abgehalten und ein eigener Dozent wurde in den Ferienwochen für jüdische Geschichte gewonnen. Daß sich sowohl der T'nach-Unterricht wie das Geschichtsstudium in den Rahmen der Jeschiwah einfügen und nur als Ergänzung des Lernbetriebes dienen (T'nach nach den traditionellen Kommentaren, Geschichte vornehmlich nach Rabbi Jzchok Halevi) ist selbstverständlich. Im Gegensatz zu früheren Gepflogenheiten wird auch geduldet, daß einige reise Schüler zugleich an der nahen Universität in Lausanne zu gewissen Stunden des Tages ihren Studien obliegen. Der Musfar kommt einigemal in der Woche nach Beendigung des Lernbetriebes zu Wort, ohne das System 'und die Geistesarbeit fichtbarlich und aufdringlich zu beeinflussen. Es ist weniger Buch-Mussar als ein Mustar der Gesinnung, der inneren Läuterung. Wie beim Schiur, so bilden auch in diesem Belange die häufigen Vorträge, Reden und Ansprachen des Jeschiwahleiters den Höhepunkt, von dem die Orientierung im Gelände des Denkens ausgeht. Dis Zusammensetzung der Jeschiwah schlägt in ihrer bunten Vielfalt wohl einen Weltrekord. Vierzehn Länder sind vertreten. Die 'Majorität dürften die Deutschen stellen, aber das Gepräge geben der Jeschiwah. die Franzosen aus dem Mutterlande wie aus dem Elsaß. Ungarn, Tschechoslowakei, Rumänien und nicht zuletzt die Schweiz sind gut vertreten. Auch England und Holland fehlen nicht und ein Südafrikaner ist gerade auf dem Wege hierher. So verschieden wie nach Landsmannschaft, so bunt ist die Besatzung nach Alter, Herkunft und Vorbildung. Im sogenannten „Kibbuz" sind welche, die zu den obersten und besten Jüngern in T e l s ch i, Mir und Radi n gehörten. Natürlich betätigen sie sich neben dem Hauptdozenten, Herrn Salomon Hamburger aus Berlin, (einem würdigen Urenkel von Chatam Sofer), als Lehrer und vertreten wie der Leiter selbst die litauische Methode bis zur letzten Nuance. Ueberhaupt spielt hier das altjüdische System des Lehrer-Jüngers eine große Rolle. Wer sich schon einigermaßen zu bewegen versteht im Meere des Talmuds, muß lehrend andere mitziehen. Bis zu den Kleinen ist fast jeder Lehrer und Schüler zugleich, und alles fügt sich in den Bau harmonisch ein. Bei Tisch, bei Vorträgen oder Veranstaltungen kann man den kleinen Franzosen aus der elsässifchen Mittelschule neben dem fertigen Doktor der Philologie aus London, den Abiturienten ans Deutschland neben dein Reverend aus Amerika sehen, der eigens hergekommen ist, um fein talmudifches Wissen zu vertiefen. Es ist bei aller buntfarbigen Mischung ein Einheitsbild von höchster Harmonie, über dem die leitende und liebende Hand eines Mannes ruht, der seine Seele in dieses heilige Werk hineingesetzt hak. Das Wunder in diesem Wunder ist, daß Frankreich hinter den Bergen am jenseitigen Seeufer von der Stimme da oben aufgerüttelt wurde, als erwachten dort die Tossofisten von ihrem bald tausendjährigen Schlummer. Man muß es sehen, wie die jungen Kinder von drüben per Bahn, per Schiff und auch zu Fuß, zum Teile in ihrer französischen Pfadfindertracht, mit ihrem leichten Gepäck hier anmarschiert kommen und schon nach wenigen Tagen in das Jeschiwahleben so ganz eingegangen sind, als hätten sie nie was anderes gesehen. Es gibt auf der Villa Quisisana Jünger genug, die die Auseinandersetzungen von Raw und Schmuel, Rowo und Abaje und was die alten „Franzosen" und „Deutschen" in ihren Randglossen dazu sagten, auch im klassischen Französisch zu verdolmetschen wissen. Die Melodei bleibt die gleiche. Die Jeschiwah behält ihren eigenen Charakter durch das Internat, das ihr ein großes Maß innerer Geschlossenheit, auch Abgeschlossenheit sichert. Doch strebt sie mählich aus der engen Umklammerung heraus. Die über dreißig Betten auf der Villa Quisisana reichen bei weitem nicht mehr aus. Ganze Stadtviertel im oberen Teile von Montreux find morgens und abends von Vachurim belebt, die uus ihren Quartieren kommen oder in dieselben zurüzkehren. Im Volksmunde heißen sie alle „ d i e B o t f ch I o s " . . . Nicht mit Unrecht! Seltenwo in der Welt hat der Talmudjünger neben seinem Lehrhaus zugleich auch ein solches Familienheim wie in Montreux. Der Bachur, der Aelteste wie der Jüngste, findet zu jeder Stunde des .Tages und des Abends eine offene Türe zum Hause und zum Herzen des Rebben und noch mehr der „Rebbezin", die in gleich hohem Maße Mutter der Jeschiwah ist wie ihr Mann ihr als Vater vorsteht. Ein Freitagabend in dem vollbesetzten Hause des Jeschiwahlehrers unten am Hange ist ein tiefes Erlebnis, das man nicht so bald vergißt. IV. Sabbat in Montreux. Rasch fällt am Freitag die feuerrote Kugel in der Rchtung von Clärens in den kristallblauen See. Ein heißer Tag mündet in einem lauen Abend, wie man ihn nur zwischen Berg und Wasser in Montreux erlebt. So schmal ist die Grenze zwischen Tag und Nacht, wie wir sie nur einmal gesehen und zwar in Tiberias am Kinerethsee zu Galiläa, an welche Gegend auch noch manches Andere hier erinnert. Don ' allen .Seiten strömen die Jünger, frisch gebadet und sabbatlich gekleidet, in Reinheit, Weihe und Jugendlichkeit, zu. dem Berge hinauf. Spielt sich sonst der Lehrbetrieb zum guten Teile im großen Garten im Schatten der Tannen und Obstbäume ab, so ist jetzt der Hauptsaal der Jeschiwah, der Gebetraum voll gefüllt. Man beginnt nicht genau nach der Uhr und man beeilt sich nicht. Aus gleichgestimmten jugendlichen Menschenseelen, die hier in Einsamkeit und Beschaulichkeit, umgeben von Naturschönheiten ohnegleichen, geleitet von der gesegneten Hand eines Jugendbildners großen Formates, Brücken zu einer höheren Welt bauen, steigt ein echtes chassidisches „Lecho daudi" zur Begrüßung des Sabbat auf. Mustar und Chassidismus klingen hier zusammen, so will es. der Leiter, der litauisch lernt, Mustar predigt und chassidisch singen läßt. Aus allem, was aut ist, muß das Beste werden. Indes sind in den Nebenräumen die langen Tafeln schön gedeckt und würziger Duft der Sabbatspeisen kommt aus den Küchenräumen. Mit einem Iigbal-Chore senkt sich draußen hinter den Bäumen die Sonne vollends in den Seekestel. Blaue Nacht, Freitagabend! Unten in der Billa Bella ist Königin Sabbat ein Tisch gedeckt, wie ihn keine Prinzessin der Welt prunkvoller verlangen kann. Alles, ist eitel Licht, Lied und Liebe. Es sind so viele Gedecke auf dem Tische, wie es gerade fremde jüdische Gäste in diesem mondänen Luftkurort gibt, denen der Sabbat was bedeutet. Noch ist das Mahl nicht zu Ende, und schon ist die ganze Jeschiwah da. Sämtliche Zimmer samt Veranda sind bis auf den letzten Platz angefüllt. Die „gute Stube" ist nach Meinung der Rebbezin erst wirklich gut, wenn sie diesen heiligen lebendigen Inhalt erhält. Bei Tee und Kuchen öffnen sich die Herzen und die Kehlen. So viele prachtvolle Sänger hat die Jeschiwah, daß die Nacht nicht ausreichen würde, kämen sie alle zu Wort. Der Hausherr und Leiter spricht. Er hat immer etwas zu sagen, wenn er vor seiner Schülergemeinde steht. Begrüßung von Gästen, gemessenes Lob oder latenter Tadel. Und alles geht vom Postuk der Sidra aus und kehrt, oft auf langen Umwegen, zu diesem zurück. Man trennt sich nach Mitternacht. Das Ganze nennt man einen „jeschiwischen Freitagabend". Der Sabbatmorgen beginnt mit süßen, innigen Gebeten und schließt weit über die Nachtgrenze hinaus mit einem chassidischen Gutwoch-Lied ab. Dazwischen rollt ein Tag in Weihe, Innigkeit, Freude, Geistigkeit und Gemütlichkeit ab, wie das nur in dieser konzentrierten Borgeinsamkeit möglich ist. Oft ist schon morgens nach Schul das einfache Frühstück in der Jeschiwah von einer Mussarrede des Leiters gewürzt. Ganz gewiß gibt es aber einen langen Vortrag des Leiters oder eines gerade anwesenden Gastes am späten Nachmittag. Nach Mincho geht die „dritte Mahlzeit", chassidisch aufgezogen, in gehobener Stimmung, mit Liedern und Reden vor sich. Wer achtet der Sonnenkugel, die schon, zu früh, feuerrot, im See badet und Zeinen so herrlich schönen Tag mit in die Tiefe herabzusenken sucht? Noch ein Lied, noch jemand hat das Wort. Im Dunkel des Raumes mahnt das elegische „Wehu rachum" an Aufbruch. Hawdolohlicht erstrahlt, Hamawdil und Gutwoch- Lied erklingen. Schon sitzen die besonders Eifrigen wieder an der Gmoro. Die Sabbat-Seele ist nicht geschieden, ist nur, wie die untertauchende Sonne, in andere Regionen übergegangen. Morgen ist ein neuer Tag, mit neuem G'ttesdienst, neuen Schiurim, mit Vorträgen, vielleicht auch wieder mit Begrüßung und Gegenbegrüßung eines neuen Gastes. Das Leben bleibt unablässig und unaufhaltsam im Flusse, wie die tausend Vergbäche, die rauschend zum See Hinabstürzen. (Weitere Artikel über andere Höhepunkte am Genfersee folgen.) -tz.

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