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Der Israelit · 1933-08-17 · Heft 33 (17.8.1933) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 33 (17.8.1933)
Date
1933-08-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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,j.ir-grr.T..T—.-r. .... .--■.•*>-> ßr.33 1933 H Heimkehr — und was dann? \ * - Von Karl Darmstädker. (Fortsetzung.) I Die Zeit ging weiter. Cs gab Krieg und wieder Friedenstage. Auf Trauer folgte Freude, und so wäre alles sehr schön gewesen, wenn nicht der große und schmerzliche Riß durch die Gemeinde und durch die Häuser gegangen wäre.^ In den Städten merkt man das nicht so. In den Dörfern weiß einer, was beim andern los ist. Und dann ist kein Unterschied zwischen starrköpfigen Bauern, die eines Ackerzipfels wegen oder, weil ein Grenzstein Streitgegenstand ist, den Anrainer scheel und nnßgünstig änfchen und ihm alles Böse in seinen Stall und seine Frucht hineinwünschen, oder zwischen verfeindeten Geschäftsleuten, die aneinander Vorbeigehen und sich mcht mehr kennen. Schlimm war es deshalb, weil ^das, alles sich nicht . zusammenreimte mit dem, was Abraham Rothenburger sonst tat. Aber das wissen die Menschen nicht, daß man dann oben nicht mehr fromm ist, wenn man nur den Schabbos hält und nichts Verbotenes genießt, wenn man sich nicht gleichzeitig fernhält von den Uebertretungen der bösen Rede und des , Hassens und Verächtlichmachens. Da schütteln viele den Kopf und glauben es nicht, daß man auf der einen Seite so und auf der andern Seite so fein/kann. Aber es ist die Weise und die Schwäche der Menschen zu allen Zeiten. Vielleicht, daß sie in Lösen Tagen sich erinnern-an das, was nottut. Lange hält es gewöhnlich nicht an, und hellt sich der Himmel auf, dann beginnt bei den meisten wieder das alte Lied. . . * * * Abraham Rothenburger hatte Geschäftsstroitigkeiten — es ginge mcht, sagten sie im Dorf, wenn er kein „Mischpet", keine Gerichtssache, hatte — mit dem Nathan Bergheimer. Cs gab böse und harte Worte. Sie schieden unversöhnt, und das „Aj in Hora", das böse Auge des Rothenburger folgte dem andern auf Weg und Steg. Gewiß, Rathan- Bergheimer. zeigte Bereitwilligkeit zum Rachgeben. Cs war ihm nicht recht wohl bei diesen Dingen. Mit dem parnes, dem Gemeindevorsteher, wollte er - es ^überhaupt nicht verderben. Aber alles war zwecklos. TL wurde still vom Aussöhnösi„nachdem einmal, Hivoim'al un.ö noch oft, ^ie'HeiF^tWnsten'ETAge^W^chhAchono und Iömkippur„ darüber weggegangen war: Nähe däran wak es 'freilich ' einmal: ,Aber-udawaren sie eines Tages beisammen, die Männer.der-' GeniMH, und. da fiel das. böse Wort Äbraham Rothenburgers es galt/dem,,Aäthaa, dessen Vater als armer Fremder einst an die: Gemeinde gekommen * war — von den Hergelaufenen, die nicht überall den Mund so voll nehmen müßten ... „Was mußt du auch reden, wenn jener dabei ist?", R f)ief| es zu Haufe. „Kannst -dir denken, er wird sich die' Gelegenheit nicht nehmen lassen, Er über den Mund zu fahren. 'Behalte deinem Kowed, deine Ehr' für dich. Laß sie machen, was sie wollen." Beinahe hätte es darüber noch Streit im Haus Bergheimeb gegeben. Nathan konnte schon auch ein-' nral,.heftig 'werden. „Ihr.sollt mir mchts .Hineinreden, wovon ihr nichts versteht. Ich hätte gerade noch nötig, überall den Münd zu halten und das fünfte Rad am Wagen zu fein.: Sie brauchen mich ja auch zum Zahlen. Darf ich auch ein Wort sagen. Cr rvrrds noch bereuen." .; Ihn sollte man so vor der ganzen Kehillo kränken dürfen? Das verzieh ihm Nathan Bergheimer nie. Cr machte' nicht mehr viel Aufhebens davon, wenn ein paar Tage einmal darüber hinweggegangen waren, aber mehr als .einmal sagte er am Werktag, am Schabbos und an Iomtowim zu seinen Kindern: „Mit-allen sollt ihr gut Freund sein, mit denen — er beutete nad) der anbem Gasse hin — soll seiner Lebtag keiner von euch etwas zu tun haben. Wir sollen sie, so G'tt will, nicht brauchen in Freud und nicht in Leid." Cr brauchte kein Gelübde zu tun, aber sein Aeltefter, Leopold, der im Dorf blieb, hielt es wie einen Schwur. Mochte der da drüben, Abraham Rothenburger heißen, mochte sein Sohn Joseph Herr im Hause sein, — es blieb, wie es war. Keine Berührung mit ihnen. Keine Versöhnung. vielleicht sind es alles keine bösen Menschen. Rein, sicher sind sie es nicht. Aber oft sind sie so schwach, sie fürchten sich vor dem Guten. Ja, das ist es, sie fürchten sich vor dem Guten, als ob es böse wäre, als ob man sich schämen müßte, etwas Gutes zu tun. Da gehen sie in das gleiche G'tteshaus/fasten am gleichen Iomkippür, sagen die gleichen Selichos und gehen, wenn, G'tt soll hüten, etwas Trauriges vorkommt/ aufs gleiche „Gutort", — aber sie sehen und kennen einander nicht. Cs war lange Ruhe. Da flammte das .alte Haßfeuer wieder auf. Beinahe war es wie schon einmal. Die Baalbatim waren beisannnen, und, weil-ein paar Kinder'mehr in der Gemeinde waren als in den letzten Jahren, war von dem und jenem angeregt worden,..man solle sich doch nach einem eigenen Lehrer für die Gemeinde-umsehen. „Weil es mcht schon genug Steuern sind!" — hieß es gleich. — „Als ob der Lehrer vom andern Ort soviel zu tun'hätte, daß er das bißchen Arbeit nicht auch noch mitversehen könnte." —- „Wozu braucht man ihn' denn?" frug ein anderer. „Linen Th äsen habenwir ja, besser wie der Moses macht» keiner. Spart euer Geld, es werden ja doch immer weniger hier/'' — So ging es hin und her, und die dafür .waren, hatten keinen leichten-'Stand.. Dafür, daß die Kinder etwas von der Cmünoh lernen würden, etwas mehr als bisher, dafür sollte einem' kein Pfennig zuviel sein, 'meinte Leopold Berghchner. Ja, wenn ein anderer das gesagt. hättel Mer^ Leopold Bergheimer muß das sagen?./ Leute,/die die wenigsten Steuern zahlen! Cr.bekam -eine unschöne Antwort 'darauf. Cs. gab wieder . Rede und Gegenrede. Nachher sagte der und jener, es seinicht so gemeint gewesen, es sei-auch nicht ganz sicher, ob der Joseph so oder so gesagt hätte, es sei so viel dazwischen und danach geredet und gerufen worden —, aber der Sinn war/halt doch, daß die die meisten „Anschläge", Hätten, die am wenigsten zahlen - Joseph Rothenburger mußte das Wort , vor der Gemeinde znrücknehmen/, aber.der Stachel blieb da.; „Man kann mit -ihnen nicht gut. worden," sagte -der eine.- - ...... „ -„Ich/muß auch, noch vor ganz K'hal sagen/ daß -ich-ch-mFo-sehr Unrecht getan, hätte,", sagte der pam.es/ * Zehn Jahre lang war kein Lehrer im Ort. Cs war auch gegangen. Man hatte ja die Jungen wegziehen, auswandem sehen, wozu etwas tun, wenn alles-weniger wird,iVielleicht kommt wieder '.eine Zeit, -wo die. sterbende Kehillo zu blühen anfängt. - Und .nuy -war--tatsächlich so -etwas wie -ein -Wunder geschehen.. Reue ^Menschen ,waren in. die Gemeinde gekommen. Cin paar junge FaEen. Sie ernährtensich schlecht und recht, waren froh,, ein. bescheidenes ruhiges -Leben führen zu können, wollten die. Kinder etwas „Besseres" lernen lassen. (Wenn es sich nur nicht rächen wird -eines. Tages,, das Höher-hinäuswollen.) — Aber vorläufig mußte man etwas tun. Zwei. Stunden den Lehrer der Rachbargemeinöe im Ort haben, in dm zwei Stunden alles Mögliche und Unmögliche von 'ihm erledigt haben wollen, wieviel Zeit bleibt für die . Kleinen,, für die Tefillo, für das Chumefch, . nein, so konnte es nicht weitergehen. Cin junger Lehrer kommt ins Dorf. Das ist man ja 'alles nicht mehr gewöhnt. Daß am Schabbos, am Iomtow, an Omerabenden und Selichostagen etwas „gelernt" wurde. Die Spötter hatten wieder eine gute Zeit. „Ich mein', wir sollten noch einmal bei ihm in die Schule gehen, damit wir lernen, wie man's macht. Nicht wahr, wir wissen doch alle nix," so wurde gesprochm. Unbegciffene Bräuche nahmen sie Hochernst, die klaren Gebote und Gesetze mißachteten sie. Mein lieber Lehrer,' ich möchte nicht an deiner Stelle sein, Du wirst auf harte wände stoßen. Und die paar, die dich richtig verstehen, die wagen es ja kaum, für dich einzutreten. Aber es gibt einige, die treten für ihn ein, die hängen an ihm, die nehmen ihn in Schutz. Und wenn auch bei den Kindern die einen langsam lernten, lieber Schmetterlinge fingen, Waldbächlein ableiteten, beim Heumachen mit aufs Feld und zum Melken mit in dm Stall gingen, — es war doch eine Freude, zu sehen, wie die Kleinen strahlten und stotz'erzählten,! was fle neu gelernt hatten. wie Mirjam waren nicht viele. ' Mirjam Rothenburger, brauner Lockenkopf, schlankgewachsenes Menschenkind, was hast du kleines Mädel schon für traumverlorene Augen, öle gar frühe schon so tun, als wollten sie hineinschauen in alle Wirrnis der Welt!; Was entstand nicht alles an Gebilden der Phantasie im Märchenkopf Miriams! Die Feste wurden zu lebenden wesen. Alle Geräte warm Zauberkünstler.' Die Schabboslampe eine große Sonne, die irgendwo beim lieben G'tt aufging und von den Schabbosengeln in später Rächt zur Himmelsdecke zurückgeführt wurde. An Schowuos.war die Synagoge ein Maienwald, ein großer Garten mit Blumen und Blüten, und me war sie stolzer, als wenn sie die Großmutter begleiten durfte und die schönen Kronen auf den Thorarollen sah, für die auch sie Blümlein gepflückt hatte. Die Großmutter! Bei ihr war Mirjams Heim. So. ist es oft, daß Kinder sich seltsam hingezogen fühlen zum Alter, das ihnen aus eigener Kindheit erzählt/freilich oft auch schwach ist gegen die tausend wünsche der Kinderherzen. Ausgewogen wird es aber durch das Buch der Vergangenheit, das die Großväter und Großmütter auffchlagen vor den Enkelkindern, und aus dem sie ihnen Dinge vorlesen, die ewig haften bleiben in der unbeschriebenen Seele. Der Leo führte dm Großvater, wenn er langsam und oft schwer atmend von Schul heimkam. warm sie oben, wo der Mühlbach über die Gasse lief, sah man schon die Schabboslichter im Haas der Großeltern durch die WöinrbbM Hmdnrchschimmern. Und in der Stube (damit/ der. Böden nicht -so rasch .vor Schabbos fchmntzig wurde, - lägen überall weiße Tücher), saß KKmmirjam bei. der. Großmutter. Die hatte - schon ihren Schabbosstaat an und war manchmal-am Spätnachmittag, so -äufgeregt, damit ja nichts an Arbeit zu lange äufgeschoben wurde. G'tt behüte, daß man in den Schabbos hineinkam. „Kinder, greift nur dem Schabbos nicht -in die Augen," pflegte sie am Freitagnachmittag oft zu sagen. Mirjam durfte helfen. Holte die Dochte für die „Schabboslomp", durfte das Deckchen über die Berches legen,' war so siolz, daß sie 'eine kleine Hausfrau fein durfte. Gab 'es nicht auch noch eine Mutter, die beinahe neidisch auf die Großmutter binschaute, der Mirjam ganz zu gehören schien? --- wichtiges schien auch sonst noch sich in 'diesen Mädchenköpf hiit'einZuschleichen. ’ Vielleicht mehr als notwendig und gut war. Sie hörte es freilich nicht, als eines Tages — sie war nach der Stunde noch beim Lehrer -und hatte ihm „etwas sehr wichtiges" zu erzählen —. dieser halblaut vor sich bin sprach, als sie wegging: „Dich werden wir noch einmal brauchen, nm Scholom zu machen" ... " ■ Mirjam ahnte von ernsten Dingen, die die Crwachfenen angingen, wohl schon mehr, als man in den Dorfhäufern vermutete. Was ist alle törichte Feindschaft der Alten, wenn sich Helle Kinderaugen und tiefschwarze Kinderaugen

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