Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1933)
- Date
- 1933-08-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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17. August 1933 Der Israelit Nr. 33 Seite 13 »Palästina, wie es in Wirklichkeit ist." Ein neues stattliches Palästinabuch unter obigem Titel hat Hugo Herrmann als Verfasser uni) ist dieser Tage im Fiba - Verlag Wien-Leipzig erschienen. Bei dem zur Zeit gesteigerten Interesse für Palästina beanspruchen solche Bücher auch besondere Beachtung in der Presse. Nach einem Halbdutzend gänzlich überflüssiger Kapitel über das Strandleben in Italien, Fahrten durch Sand und See und Aufenthalt in Aegypten gelangt man endlich aus der Sandwüste ins gelobte Land Palästina. Herrmann ist kein Dichter, er faßt den Boden mit den Händen an und sagt uns: so ist er. Aber der Hang zu dichterischen Reflexionen und Abschweifungen, auch zu gekünstelten übermodernen und langstieligen Formulierungen beeinträchtigt oft das plastische Bild, das aber am Ende stellenweise ja doch zustande kommt. Wir schauen in die Landschaft, wandern durch Städte und Dörfer, ohne sie eigentlich zu kennen, denn der Autor klammert sich nicht an bestimmte Ortsnamen, und sehen doch viel Schönes, wo wir Rückständiges, viel üpplgen Reichtum, wo wir Armut erwartet hatten. Selbst der „Wasserarmut" in Jerusalem kann mit „Gänsefüßchen" registriert werden; es liegt nicht am Boden, sondern an den Menschen und den noch unzulänglichen Einrichtungen. Was Herrmann über die P o l i t i k i m Orient schreibt, dürste in gleichem Maße auch von der Politik in der übrigen Welt gelten. Sie wird in den Kanzleien, in den Büros und in den Zeitungen gemacht, das Volk und vorab die verschiedenen untereinander lebenden Völkerschaften, haben ihre eigene Politik, und diese ist wesentlich besser und nützlicher. Don dieser Erkenntnis aus ist das Herabsteigen ins Araberdorf kein Schritt in einen Gefahrenherd oder durch das Tor der Feindseligkeiten mehr, sondern auf eine Fläche engster Interessengemeinschaft. Herrmann hat ganz vortreffliche Worte über Charakter, Wesensart und Lebensweise der Araber, die die Juden Palästinas leider viel zu wenig kennen, um ihnen Rechnung zu tragen. Seine Anregungen und Perspektiven über ein friedliches und freundnachbarliches Beisammenleben dieser zwei Völkerschaftensind Wort für Wort zu unterschreiben. Weniger gefällt uns die allzubescheidene Genügsamkeit des Autors in religiöser Beziehung, wenn er auch ein Mindestmaß für Takt und Verständnis für die Orthodoxie aufbringt. Religiöse Radikalität der linksgerichteten Chaluzim in den Kwuzoth sieht er in Verbindung mit ihrer Hingabe an den Boden und die Arbeit als religiöse Inbrunst an. Der Sabbat in Tel-Awiw ist für ihn der Jdealfabbat aller Zeiten. Mit seiner eigenen religiösen Inbrunst kann es nicht weit her fein, wenn er unter allen Ruinen Palästinas die der Kothel als die unbedeutend ft e ansieht und wenn er in alten arabischen Dörfern „alte biblische Legenden" wieder zu erleben glaubt. Besser und präziser sind schon seine Angaben über Tiere und Pflanzen, über Wohnen, Kochen und Essen und über die Verkehrsmittel. Es sind neue Angaben, die aber vielleicht im amerikanisch rapid wachsenden Tel- Awiw von den neuesten schon während der Drucklegung des Buches überholt wurden. Der Einfluß der neuesten Einwanderung, insbesondere aus Deutschland, kann in diesem Buche noch keinen Ausdruck finden. Nicht unerwähnt bleiben mögen die ausgezeichneten Illustrationen, die oft mehr als die Worte über das Land und feine Menschen aussagen. So die arbeitenden Mädchen in Nahalal, die Kinder in Dagania, Encharod und anderen Kwuzoth, die Felder und Gärten, die jüdischen Siedlungen und Araberdörfer, die spärliche Ansätze von Wäldern, die jüdischen Bauern und die Beduinen, die entlegenen schattigen Winkel vor alten Torbogen in Jerusalem und die Boasgestalten am Pfluge. Der jüdische Polizist hoch zu Roß spricht uns so an wie die neu eingewanderten Jemeniten. Die Bilder sind originell verteilt und tragen ungemein viel zur Belebung des Textes bei. Mit einigen von unserem Blickfelde aus erklärlichen Vorbehalten: Es ist das gutgeschriebene Buch eines guten Palästinakenners. In diesem Zusammenhang sei auf eine andere zeitgemäße Palästina-Publikation aufmerksam gemacht: Das „Palästina-Jnformationsbuch", das bei Ludwig N a t h, Wien HI, Rennweg Nr. 94, erschienen ist. Das handliche Buch enthält auf nicht viel mehr als 100 Seiten alles, was dem Palästina-Einwanderer an praktischen Dingen zu wissen nottut, Notizen über Geographie, Klima, Pflanzen- und Tierwelt, Mineralschätze des Landes, einen kurzen geschichtlichen Abriß, Bemerkungen über innere Organisation der Bevölkerung, Information über Münzest, Maße, Gewicht, Post, Telegraph, Telefon, Verkehrswesen, Bauten, Bank- und Kreditwesen, Landwirtschaft und Viehzucht, Industrie und Gewerbe, Außenhandel, Berufsaussichten, Kosten der Lebenshaltung und endlich die speziellen Bedingungen der Reise und Ansiedlung. Den Schluß macht ein Verzeichnis wichtiger hebräischer Worte und Begriffe. Daß das Buch einseitig zionistisch orientiert ist, muß man mit in den Kauf nehmen. Es kostet Mk. 2.50. (Versteigerung einer kostbaren hebräischen Handschrift.) Am 29. August 1933 versteigert in Luzern das bekannte Antiquariat Ulrico Hoepli in Mailand eine der schönsten hebräischen Handschriften der Welt. Es ist ein ganz wunderbar geschriebenes, mit außergewöhnlich kunstvollem Buchschmuck versehenes Machsor Ritus Italien aus dem 15. Jahrhundert. Die 922 starke Folio-Handschrift enthält ein Colophon in Form eines Akrostikons, das auf Joseph b. Abraham in Tivoli, einer nahe bei Rom gelegenen Stadt, hinweist und auch den Namen des Künstlers und Schreibers Moses den Abraham enthält. Datiert ist die Handschrift von Jahre 1441. Bon besonderem Interesse sind die dem Machsor beigefügten Anhängen wie: Minhagrm Aboth Sefertanja (siehe Steinschneider Katalog d. Bodleina Nr. 7449, Seite 2771 und Bogelstein-Rieger, Geschichte der Juden in Rom I, S. 386), Hilchoth Schechita ubadika v. Jehuda b. Benjamin Anau, Schaare Dura v. Isaak de Dura, hebräische Grammatik v. Moses Kimchi Sod Seder Ha-Jbbur über Kalenderwesen üsw. lieber diese Handschrift hat 1895 F. Malagazzr-Valeri in seinem Aussatz über Bologneser Miniaturen vom 13. bis 18. Jahrh. (Arch. Storia ital. Serie V, S. 275) berichtet. Es wäre sehr erfreulich, wenn diese Rarität einer der großen jüdischen Bibliotkeken zugefügt werden könnte. Ernschaften Reflektanten stelle ich Reproduktionen einiger Seiten dieses prachtvollen Buches und nähere Angaben gerne zur Verfügung. Louis Lamm, Buchhändler und Antiquar, Berlin C 2. Korrespondenzen * Nachrichten Palästina. Ausgabe neuer Palästina-Zertifikate. Jerusalem, 11. August Die Palästina-Regierung hat die sofortige Ausgabe von 1000 Arbeiter-Einwanderungszertifikaten auf die nächste Halbjahres-Ouote bewilligt. Die Jewifh Agency hatte 3500 Zertifikate angefordert. Von den neu ausgegebenen Zertifikaten werden 275 für Angehörige in Palästina ansässiger Juden reserviert, die übrigen sind für Arbeiter im Alter von 18 bis 35 Jahren bestimmt. Der Prozeß gegen die palästinensischen Revisionisten. Jaffa, 8. August In der Verhandlung gegen 14 Revisionisten, die am 23. Juli unter der Beschuldigung verhaftet worden find, einer geheimen revolutionären Organisation anzugehören, beantragte der Staatsanwalt die Freilassung von 6 der Verhafteten wegen Mangels an Beweisen. Gegen die anderen wurde Anklage auf Grund des palästinensischen Aufruhrgesetzes erhoben. Das revisionistische Sekretariat in Warschau erklärt, die Verhaftungen seien auf Grund einer Denunziation erfolgt. Frau Arlosoroff erklärt: Stavsky und Rosenblatt sind die Mörder Arlosoroffs. - Jaffa, 10. August Am 9. August wurde die Zeugenvernehmung im Verfahren gegen Stavsky, Rosenblatt und Minz, die der Teilnahme an der Ermordung Dr. Arlosoroffs beschuldigt sind, wieder ausgenommen. Tiefen Eindruck machte die Aussage der Witwe des Ermordeten, Frau Sima Arlosoroff, die auf Befragen des Staatsanwalts Shitrit die Angeklagten Stavsky und Rosenblatt, die, von Polizeibeamten flankiert, vor Gericht standen, mit voller Ueberzeugung als die Mörder Dr. Arlosoroffs bezeichnete. Im ersten Teil ihrer Aussage schilderte Frau Arlosoroff eingehend, wie Dr. Arlosoroff die Tage nach seiner Rückkehr aus dem Ausland im Kreis feiner Angehörigen verbrachte. Am Abend des kritischen 16. Juni hatte Dr. Arlosoroff mit seiner Gattin nach dem Abendbrot um 9.30 Uhr die Pension Käte Dan in Tel-Awiw, in >dor sie abgestiegen waren, verlassen. Als sich die beiden bereits in einiger Entfernung von der Stadt befanden, bat Frau Arlosoroff ihren Mann, umzukehren. Er lehnte dies jedoch ab, indem er seiner Frau versicherte, es bestehe kein Grund zu irgendwelcher Beunruhigung. Frau Arlosoroff hatte schon vorher zwei Männer bemerkt, die ihnen folgten, seitdem sie den Platz vor der Fabrik Lefcowitch passiert hatten. Die Männer waren einige Male an ihnen vorbeigegangen und dann wieder zurückgeblieben, so daß Frau Arlosoroff ihr Aussehen genau feststellen konnte. Sie sei, erklärte Frau Arlosoroff weiter, mit ihrem Mann bis zum Jarkonviertel gekommen und dann umgekehrt. Hierbei seien ihnen die beiden Männer abermals begegnet. Frau Arlosoroff zeichnete eine Skizze der Stellung aller vier Personen am Strande im Augenblick der Tat und übergab diese Skizze dem Gericht. Sie könne sich nicht erinnern, erklärte sie, ob einer oder zwei Schüsse abgegeben worden seien. Während die Mörder gegen einen Hügel flüchteten, habe sie gerufen: „Hilfe, Juden haben auf ihn geschossen!", woraufhin Dr. Arlosoroff zweimal „Nein, Sima!" sagte. Ihre erste Aussage habe sie vor dem Leiter der Kriminalpolizei, Hauptmann Rice, um 3 Uhr früh, vier Stunden nach dem Mord, gemacht. Sie gab Hauptmann Rice eine eingehende Beschreibung der Täter, die sie im hellen Sternenlicht genau gesehen hatte. Später habe sie die Mörder nach ihren Gesichtszügen, ihrem Körperbau und ihrer Gangart identifiziert. Als die bei der Vorführung Frau Arlosoroff gegenübergestellten Personen aufgefordert wurden, zu sprechen, damit Frau Arlosoroff die Täter an Ihrer Stimme erkenne, hatte sie den Eindruck, daß Stavsky feine Stimme zu verstellen versuche. Bezüglich Rosenblatts erklärte Frau Arlosoroff, sie habe ihn mit noch größerer Bestimmtheit erkannt, als sie ihn einige Tage nach der Jdentifizierungsvorführung im Büro von Hauptmann Rice in Jerusalem unrasiert, wie er es auch am Mordabend gewesen sei, wiedergesehen habe. Zu einem dramatischen Auftritt kam es, als Staatsanwalt Shitrit einen Anzug Rasenblatts vorwies, bei dessen Anblick Frau Arlosoroff erklärte, es sei derselbe, den der Mörder getragen habe, als er den Schuß abfeuerte. Schon einige Tage vorher hatte Frau Arlosoroff auf der Polizei diesen Anzug unter einer Anzahl anderer ihr vorgelegten Anzüge erkannt. Im weiteren Verlauf des Verhörs wurde festgestellt, daß Frau Arlosoroff bei zwei Vorführungen Rosenblatt nicht als den Mörder bezeichnet hat. Insgesamt waren 5 Vorführungen veranstaltet worden. Van Minz behauptete Frau Arlosoroff, sie glaube, gesehen zu haben, daß er aus der Stadt herüeigelaufen kam, als sie nach dem Mord zur Pension eilte, um die Polizei und die Rettungsstelle zu verständigen. Nunmehr richteten Stavsky und Nofenblatt eine Reihe von Fragen an Frau Arlosoroff. Auf Grund dieser Befragung wurde sestgestellt, daß Frau Arlosoroff zu Rosenblatt, als sie ihn im Büro von Hauptmann Rice sah, gesagt hat: „Sagen Sie die ganze Wahrheit. Da Sie so jung sind, werde ich mein Möglichstes tun, um die Folgen für Sie leicht zu machen, und mich zu diesem Zweck direkt an die höchsten Instanzen wenden." Als sie ihn bei der Jdentifizierungsvorführung erkannte, fragte sie ihn: „Können Sie noch immer die Ruhe bewahren nach all dem, was geschehen ist?" Vor Abschluß des Verhörs fragte Rasenblatt noch Frau Arlosoroff, was sie damit gemeint ha.be, als sie int Büro von Hauptmnnn Rice sagte: „Gestehen Sie, denn es liegen ernste Beweise gegen Sie vor!" „Damit meinte ich," antwortete Frau Arlosoroff, „daß ich Sie erkannt hatte und daß dies ausreiche, um die Anklage gegen Sie zu erheben." Hier wurde die Vernehmung abgebrochen und ihre Fortsetzung auf den nächsten Tag angosetzt. Am IG und 11. August wurden die Pylizxibeamten aus Jaffa und Tel-Awiw vernonnnen, unter deren' Leitung die Identifizierung der beiden Angeklagten durch Frau Arlosoroff stattgefunden hatte. Einer der beiden Beamten, Major Faraday, berichtete auch ausführlich über die am Strande von Tel-Awiw vorgenommene Untersuchung der Fußspuren. Die beiden Spurensucher wurden alsdann selber vom Gericht vernommen und von dem Angeklagten Stavsky ausgefragt. Der Gefängnisarzt will an Stavskys rechter Hand Abschürfungen festgestellt haben, von denen die Polizei annimmt, daß sie sich der Angeklagte an einem Stacheldrahtzaun in der Nähe der Mordstelle zugezogen habe. Interessant war die Zeugenaussage von Major Faraday, wonach Frau Arlosoroff die Jacke, die der Angeklagte Rosenblatt am Mordtag anhatte, unter 10 anderen Jacken nach Größe, allgemeinem Aussehen und den roten Streifen des Stoffes erkannte.