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Der Israelit · 1933-08-17 · Heft 33 (17.8.1933) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 33 (17.8.1933)
Date
1933-08-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Wir werden überall unsere Bürgerpflichten erfüllen, für Heil und Gedeihen des Staates beten und Kämpfen, denn „in seinem Heil liegt auch bas unsere"') wie Iirmijah sagt, womit der große Prophet 'den Gedanken ausfpricht, Haß jede Staatsordnung, bis Hem Juden nicht gerecht wird, nicht zum Heil-führen kann, und infolgedessen die Staaten selbst in endlicher Erkenntnis dessen, was ihnen frommt, auch des Juden Menschen- und Bürgerrechte nicht verringern werden. In diesem Sinne sagt auch der Talmud Keihuboih, daß, wie Israel einen Cid auf seine Staatstreue geschworen hat, auch die Völker in Lid und Pflicht genommen wurden, Israel nicht. über Gebühr zu unterdrücken. . j. 6. Die Unterscheidung der Regierung von arischen und nichturischen Deutschen wird von uns als Tatbestand akzeptiert und bejaht, weil wir wissen, daß die Söhne Sems und die Söhne Japhets ursprungsgleich und auftragsgemäß voneinander unterschieden sein müssen. Wir wissen aber auch, daß Deutschland als Staat und Nation mehr ist als bloße Bluts- und Stammesgemeinschaft — wenn Lies auch heute undeutlich wird, es wird morgen wieder deutlich sein —, Latz Deutschland nämlich auch Schicksals- und Geschichtsgemein s ch a s t ist. In diese sind wir eingetan ach Weltzeit als preußische, bayrische, helsische und fränkische Deutsche jüdischen Glaubens und jüdischen Stammes, weil wir durch Bekenntnis vor Schicksal und Geschichte seins - und bewußtseinsmäßig Deutsche sind. Wer heute Deutschland nicht verläßt und ohne Groll und Ressentiment als Deutscher und als Jude um Deutschland Leiden erträgt, stellt seine Deutschheit unter Beweis, wie er zwingender und gültiger nicht gedacht werden kann, auch dann, wenn ihm vorerst keine äußere Entsprechung erfolgt. wir stellen nirgends unsere „Deutschheit" unter Beweis, wir stellen nicht einmal unsere Iüdischheit unter Beweis, denn solches Unter-Beweisstellen ist nicht mehr berechtigt, als sein Menschsein unter Beweis zu eilen, was wir unter Beweis stellen können, ist höchstens, daß durch alle Zeiten und Zonen die Juden in der Erfüllung ihrer Bürgerpflichten und in dem Ausmaß ihres Anteils au der Förderung der Kultur hinter keiner anderen Gruppe im Volke zurücksteben. Das äst eine Tatsache, die nur Haß und Ungerechtigkeit leugnen kann. Der Begriff aber eines Seins, (des Deutschseins oder ähnliches) ist Defiuätionssache. Es hängt davon ab, welche Merkmale des Seins man aufstellt. Zweifellos, daß man sie immer so aufstellen kann, wie mau will. Darum ist Ullch die Einleitung der These falsch. Der Nassebe- Zviff wird vom Verfasser selber so stark eingeschränkt, daß er nicht haltbar ist. wir wenden uns dagegen, daß überhaupt etwas unter Beweis. gestellt werden soll. Seit Jahrhunderten wohnen wir äm Lande, haben damit unsere Rechte erlangt auf Leben, Bildung, Betätigung und Achtung" wie jeder andere, unabhängig von irgendwelchen Beweisen. Jode Unter-Beweisstellung ist an sich schon -eine Entwürdigung. wir brauchen nichts unter Beweis zu stellen und stellen nichts unter Beweis, so wenig wie sonst ein Mensch in der wett. 7. I a - s a g e n zum Judesein heißt I.a s a g e n zum Galuth. Im Galuth zu existieren als der E w e ü ch a s ch e m (leidende G'ttesknecht), ist Wesen und Bestimmung des Volkes Israel. Der G'ttesknecht soll und muß Leiden trugen um des kommenden G'ttesreiches willen; damit und darin soll es ihm g u t gehen. Es soll ihm aber nicht gut gehen um willen seiner selbst. Denn „das Gesetz ist eine Leuchte und die Thora ist das Licht — ein Weg zum Leben sind d i e Z ü ch t i g u n g e n ". (Spr. 6, 23.) Auch diese These ist m. C. falsch. Sie müßte zum mindesten heißen: Ia-sagen zum Iudesein heißt Ia-sagen a u ch zum Galuth. Ist es etwa nach der Zerstörung der jüdischen Selbständigkeit und der Einäscherung des Tempels den Juden im heiligen Lande, den Tannaim und Amsraim, die in Iawneh oder Sephoris gelehrt haben, eingefallen, sie müßten freiwillg das heilige Land verlassen und tim Galuth leben? fjat Gedaljah ben Achikam -etwa dem Judentum Rein gesagt, als er nach dein Siege Rebukadnezars die Leitung einer Kolonie im heiligen Lande Der Israelit übernahm? Hat man nicht die Juden mit Gewalt aus!öem heiligen Lande vertrieben? ^Soll -aber Galuth 'beißen: im Zustand der politischen Abhängigkeit leben, so äst ja auch heule die palästinensische Kolonie im Galuth. Zu -dem Galuth, das unvermeidlich ist, -dem Galuth, das notwendig mit der G'ttesknechtschaft verbunden äst, zu d-em haben wir Ja zu sagen, es aast uns zu nehmen. Cs heißt Galuth Schcchma. Das aber begleitet uns überall hin, >es ist die unentrinnbare Tragik, die mit jeder Auserwählung, jeder Größe, jeder höheren Pflicht verbunden ist. 8. Darum ist k e i n Grund, -die neuerliche Leidensfitnation der Inden in Deutschland mit Panik zu benatworten, sondern es ist Grund, sie mit Teschuwoh (Umkehr) zu hbeantwort-en und mit der Bitte: Owinu malkenu hachasirenu bit'schuwoh schl'lemoh l'fonecho. (Unter Vater, unser König, gib uns die Kraft bußfertiger Rückkehr zu Dir). Es ist kein Grund zu zagen und traurig zu sein, sondern Grund zu hoffen und fröhlich zu fein. Das Buch des Jesaja vom Ewed Haschern ist nicht nur geschrieben für die Vorväter, sondern auch für die Enkelsähne von 1933, es ist nicht nur ein Leidensbuch, sondern eben so sehr ein Trostbuch, in dem es heißt: „Es kommt für Zion ein Erlöser. Auch für alle, die von Sünde umkehren in Jakob. Und Ich — darin soll mein Bund gipfeln, spricht G'tt —, daß Meine Worte, die ich -in deinen Mund gelegt, nimmer weichen sollen aus deinem Munde und dem Munde deiner Kinder und Kindeskinder von jetzt an bis in Ewigkeit." (59, 20—21). Die letzte These äst richtig, wenn es auch etwas gewagt ist, zu sagen, es wäre Grund zu hoffen und fröhlich zu sein. Dazu gehört die Geistesgröße -eines Rabbi Akä-ba, der beim Anblick der Fuchse im Tempelberg lachen konnte. Für Rabbi Akib-a ziemte es zu lachen, für uns nichts denn der Tschuwagedank-c zeigt uns die Größe unserer Schuld. Und wenn wir ihretwegen auch nicht die Hoffnung aufgeben müssen, zum Fröhlichsein ist noch mindere Veranlassung., wenn vor., unseren Augen unsere Gemeinden sich langsam auflösen, wertvolle Kräfte uns verloren gehen, weil sie das Stückchen Brot nicht mehr fänden können, das ihnen zum Leben notwendig äst, dann ist gewiß der Ernst die allein würdige Stimmung für Menschen hanesufim lamokaum, die G'ttes Zornblick getroffen hat. Zusammenfassend möchten wir sagen: es ist u. C. eine Undankbarkeit, das gering zu schätzen, was im heiligen Lande bisher geleistet worden' ist, nachdem es sich -als Zufluchtsstätte für Tausende unentbehrlich gemacht hat. Alle Formulierungen, durch ibic die bedauerliche Kluft in Israel vertieft wird, sind beute strenger abzuweisen denn je. wir möchten lieber eine einzige These aufstellen und hoffen, sie bei einer späteren Gelegenheit noch ausführlicher darzulegen und zu begründen: Sowohl diejenigen, die unter erschwerten U in st ä n d >e n in d o u t f ch -e n Landen ihre jüdische L e -b -e n s b e st i m - mutig durchzutragen und durchzuhal - t e n b -e reit s ä n d , wie d i e a n d e r n , d i e ä m heiligen La n d e die jüdische Siedlung ünter Mnhe n u n d t a u s -e n d e r I c i V c r- 3 i cf) t z u stärken und im Sinne der Thora zn einem Duell religiöser K r a f t z u g e st a l t e n s ä ch a n g e l e g e n s e i n lassen, B e i d >e s e i e n gesegnet, Beide n sei zugernsen : G 'tt mit Cnch . Ihr starke n H e l b e n! (wir haben schon bei der Veröffentlichung der Thesen von Dr. Schoeps nicht daran gezweifclt, daß die darin enthaltenen Ueberspitztheiten und Einseitigkeiten aus dem sachverständigen Leserkreise unsres Blattes heraus ähre Widerlegung finden würden. Rur in e i n e m Punkte stimmen wir mit Herrn Dberrübbiner Dr. C-arlebach n i ch t überein. Grade heute, da Crez Isroel sich als Zufluchtsstätte für Tausende unentbehrlich gemacht hat, ist es herlägstc Pflicht der gesetzestreuen Presse, den fundamentalen Gegensatz zn dem religionslosen Zionismus, der n u r „ein freies Volk auf freiem Grunde" kennt und die Sakralätät in der Tat restlos in Biologie aufznlösen droht, zu unterstreichen und berauszuarbellen. In dieser Hinsicht enthalten die Thesen trotz der Fremdartägkeit ihrer evangelisch-theologischen Sprachweis-e einen durchaus gesunden Kern echt altjüdischer Wahrheit, den wir nicht verdunkelt sehen möchten. Red.). Nr. 33 Seite 5 Wie ist es gekommen? Ein historischer Rückblick. -{, Bon Saig Geis in Tel-Awiw. (Schluß.) - '■ Jetzt hatte wirklich eine neue Zeit begonnen. Doch die Rabbinen allen Schlages wußten meist kein anderes Mittel, als sich gegen eine Tatsache zu stemmen, mit der sie doch nun einmal rechnen mußten, oder den Dingen ihren Laus zu lasten. Die anderen Rabbinen aber opferten meist das Judentum der Tl)vra der scheinbaren Morgenröte einer neuen Zeit. Jedenfalls war bis Rabbiner S a m s o n'R a p h a e l Hirsch niemand, der das Unabänderliche fest ins .Auge faßte und das zum Besten der Erhaltung und Belebung des traditionellen Judentums Rotwendige 'fest in die Hand zu nehmen verstand. H i r f ch aber mußte auf der Grundlage der neuen staatsbürgerlichen Situation der Juden die alte jüdische Gemeinde, die auf der offenbarten Tauroh mit ihrer ganzen Gesetzesliteratur basiert, von neuem anfbauen, — und das bedeutete die organisatorische und schriftstellerische Lebensarbeit einer genialen Schöpferkraft. Erst diese neue altjüdische Gemeinde konnte beispielgebend wirken! Doch bis dahin nahm die westeuropäische Indenhell eine Entwicklung, die von der Emanzipation und der allgemeinen, d. h. christlichen Schulbildung, mehr oder weniger beeinflußt war. Ihre Jugend nahm auch bald lebhaften Anteil an den Literatur-Erscheinungen ihres Heimatlandes, und da diese Jugend nicht daran dachte, vom Standpunkt des Judentums ihren Lesestoff aus nichtjüdifcheu Gedankenwelten zu betrachten, so verblaßte ihr jüdisches Denken mehr und mehr. MosesMendelssohn hätte der Mann sein können, die Juden als Juden für die Emanzipation fähig zu machen. Doch — ohne, daß er es wollte und ohne, daß er es ahnte — -ging die gegenteilige Wirkung von ihm aus, weil er selber, der sich so sehr mit dem geistigen Leben seiner nichtjüdischen Umwelt verbunden hatte, es nicht als Jude tat. Zwei Seelen trug er gewissermaßen in sich, von denen die eine die andere nicht berührte. In dieser sich nicht berührenden Zweiteilung liegt aber die Ursache für den Zersetzungsprozeß, der nach M e n d -c i s s o h n in der westeuropäischen Iudenheit überall dort einsetzt, wo die Juden aus ihrer Isoliertheit hinaustreten. In den -amtlichen Dokumenten eines M e n d e l ss o h n heißt es noch: Hebräische Rationalltät. M e nd e l s so h n starb I78b; aber noch in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts findet sich -immer wieder diese Bezeichnung, um dann auf einmal sich in die Bezeichnung „Mosaischer Glauben" zu venvandeln. Diese Veränderung charakterisiert auch die Veränderung in der.seelischen Struktur der westeuropäischen Iudenheit, sie zeigt klar den weg ihrer Assimälierung von einem vo-lksstanim eigener Religion, besonderer Wellbetrachtung und besonderer Prägung zu Staatsbürgern jüdischen Glaubens, d. h. zn 7Nenschen, die sich nur durch ein Glaubensbekenntnis und mit diesem verbundene religiöse Beobachtungen von ihren Mitbürgern unterscheiden wollen. Dieser Wille bestand, wenn man aber -eine mehr als drellau-sendjährige Volksgeschichte und religiöse Staatsverfassung mit sich trägt, dann bereitet die volkliche Eigenart dem Witten Hemmungen. 2llles in allem: die Assimällemng der westeuropäischen Iudenheit nahm bei ihrer Mehrheit nicht die rapide Entwicklung bis zur letzten Konsequenz, genügte aber, um auch diese Mehrheit der 2lnschauungswctse ihrer Umwelt zum Schaden der eigenen Anschauungsweise zu nähern. Selbst der erfreulicher weise noch beträchtliche Teil, der sich ehrlich bemühte, dem im Schulchan-Aruch kodifizierten Judentum die Treue zu wahren, mußte ein erhebliches Maß feiner Kraft im widerstand gegen die Einwirkungen der nichtjüdischen Umwelt aufzebren, — und dennoch unterlag er in mancher Hinsicht, von diesem Unterliegen soll nun die Rede sein, * Die vergangenen Jahrhunderte der Knebelung hatten die Juden so erzogen, daß sie jetzt für den freien Wettbewerb des Existenzkampfes die besten Waffen initbrachten, nämlich Strebsamkeit, Ausdauer und Fleiß. Da ihnen die Beamtenlaufbahn in Staat und Kommune verschlossen blieb — Ausnahmen bestäti-

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