Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1933)
- Date
- 1933-08-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450756-2450788--79799-2537592- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Nr. 33 DerJsraelit ten mit in den kauf zu nehmen, wenn man nur dem geraubt sind, eine so .zugespitzte und verzweifelte guten Willen sicht, -die Wiedereinführung des jüdischen Rechtes in das bürgerliche Leben der jüdischen Gemeinden zu erleichtern. Wenn es auf diese Weise gelänge, die Dine Thora wieder einzubürgern und zur Selbstverständlichkeit zu machen, so hätte sich auch in diesem Punkte das über die deutsche Iudenheit hereingcbrochcne Leid als Teil jener Kraft bewährt, die letzten Lndes im Dienste der Erziehung zum Guten steht. Krisis, daß schon das Mitleiden verbietet, deren Schicksal unter die allgemeine Krisis des Judentums zu subsumieren. "" 2. Seit 3830 leben wir im Galuth und werden im Galuth weiterleben bis zur Ankunft des Messias am oder kurz vor dem „Tag des Herrn", den die Propheten verhießen haben. („Dem Volk, alle sind sie Fromme, in der E n d z e i t werden sie e r D v e r w u r z e l t sein." — Jesaja 60, 21). Wer vorher den Tempel in Jerusalem wieder ausbauen will, versündigt sich, weil Theodor Herzl nachweislich nicht der Messias gewesen ist. Anfechtbare Thesen. Von Oberrabbiner Dr. Ios. Carlebach in Altona. In der vorletzten Rümmer dieser geschätzten Blätter stellte Herr Dr. Hans Joachim S ch o e p s in Berlin acht Thesen über „Deutsches Judentum in dieser Zeit" auf. Sie dürfen nicht unwidersprochen bleiben, um nicht den Schein zu erwecken, als wenn ihnen das Prädikat der Richtigkeit zuerkannt werden könnte. Schon im Stil verrät sich, daß der Verfasser nicht vom Judentum herkommt, sondern von der evangelischen Theologie. Richts ist gefährlicher, als wenn die in anderer Werkstätte geprägten Begriffe auf jüdische Welt- und Lebensanschauungen übertragen werden, Franz Rosenzweig hat einmal in einer Auseinandersetzung mit der fremden Religionswelt das Wort gesprochen: „nn Letzten sind wir einig, aber im Vorletzten nicht". Diese von Gchoeps auf das Judentum angewandten „letzten" Formulierungen sind unbestimmt und vieldeutig genug, um die starke Diskrepanz im Vorletzten und Vorvorletzten, d. h. in aller religiösen Wirklichkeit zu verhüllen und zu verschleiern. Auch die Thesenform, die „Halacha psuka" erweckt den Schein, als stände Einheitlichkeit der religiösen Ueberzeugung Aller hinter diesen Sätzen, oder zum mindesten als wären sie aus dem tiefsten Verständnis und der mühsamen Erforschung von wesen und Geschichte des Judentums geschöpft. Rm so mehr bedürfen sie der Richtigstellung oder Ablehnung. 1. Unsere jüdische Situation ist nicht heute in die Krisis geraten durch den Nationalsozialismus, sondern sie steht in der Krisis, seitdem G'tt sich dem Abraham zu erkennen gegeben hat, und sie steht insbesondere in der Krisis feit dem Jahre 3830, dem Jahr der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Der Begriff der Krisis, den die:,Barth-Gogact'fche Schule so gern im Wunde führt, ist hier nicht eindeutig angewandt. Selbstverständlich ist die jüdische Situation immer, weil mit den erhöhten religiösen und ethischen Pflichten belastet, weil unter dem „Joch der Mizwoth" stehend, schwerer wie die anderer Völker und Menschen. Aber gleichwohl bringt die Gegenwart für den Linz ebnen, dem plötzlich Beruf und Einkommen und Lebensstcherheit einem kurzköpfigen Sprachschatz oder einer langschädligen Grammatik zu sprechen. Dieser Ausspruch" beleuchtet schlaglichtartig das Groteske, das in der Vermengung sprachlicher und rassischer Begriffe liegt. ' Betrachten wir uns schließlich noch den Ausdruck , „arisch", wie er gegenwärtig in den Tageszeitungen figuriert, so kann wohl kein Zweifel darüber bestehen! daß er in rassischem Sinne gemeint ist. Sicher sollen nicht Leute darunter veranden sein, welche eine indogermanische Sprache reden, sondern Menschen, welche nichtjüdischer Herkunft sind. Da aber die Juden eine besondere Rasse oder zum mindesten ein Volk darstellen, dem eine charakteristische Rassenkomponente eigen ist, handelt es sich auch hier um eine Art der Anwendung des Wortes „arisch", die gemäß den obigen Ausführungen wissenschaftlich nicht zulässig ist. Der Ausdruck „drisch" muß der Sprachwissenschaft reserviert bleiben! ' Wochenkalender. vom 19. — 96. Aug. 1833 I vom 2?.‘ Ab b. 4. Elul 5693 '»n (]T m»3’ V1N0 P303» otn Samstag 19 2» 27 Mauled Montag früh Sonmag 20 28 H3 3 Uhr 5t'/.. Min. Montag;21 29 13 TÜ33 BV> Dienstag AUg. 22 30 13 t?-n vrroi '& Mittwoch 23 1 03 enn Vrrii '3 Donnerstag 24 2 V3 Freitag 25 3 Samstag 26 4- S'vSIV Diese These behauptet apodiktisch, was zum mindesten ein Streit, eine Zweifelsfrage zwischen den größten jüdischen Autoritäten ist; Es ist nämlich durchaus nicht entschieden, ob die messt anische Erlösung der Sammlung aller verbannten auf heiligem Boden vorangeht oder ob Kibbuz Golijaus nicht vielmehr das erste sein wird. Sowohl das Wort des Propheten Ezechiel, Kap. 57, 16, 26 und 56, 8 als das daran anknüpfende Achtzchngebet*) sowie das Tischgebet setzen voraus, daß erst Kibbuz Golijaus Tatsache geworden sein 'wird und dann erst der davidische Messias erscheinen soll-. Ob diese Sammlung kurz vorher oder Jahrtausende vorher geschehen wird, ist an keiner.Stelle entschieden.-Auch den angeführten Vers, der gegen den schlichten Wortsinn übersetzt ist, beziehen die Weisen im Beginn des perek Ehelek auf alle Juden aller Zeiten, wie Schoeps aus der Vorschaltung vor picke Owaus wissen müßte. Vorher den Tempel zu errichten, hat noch nie jemand beabsichtigt, eben so wenig wie Theodor Herzl zum Messias zu erklären. Es bedarf dazu nicht erst des „Rachweises". 3. Wer heute Deutschland verläßt, um seinen. Berus in Tel-Arviw ober Jerusalem auszuüben, mag ihn dort ausüben, wie er ihn eben so gut in Paris, Rom ober Madrid ausüben kann. Wer aber angeblich um Klall- Jsraels willen in Palästina einen jüdischen Nationalstaat errichten will, der keine Theokratie, sondern, ein weltliches Machtgebilde sein soll, verrät die Klall-Jsrael-Wirklichkeit an den „Fürsten dieser Welt", der in Moskau residiert, dessen Fänge über die ganze Welt ausgestreckt sind und der nur darauf wartet, in Palästina' eine nationalstaatliche Satrapie zu errichten. Wir wünschen und. wollen aber, daß an der Klagemauer weder die Internationale noch die Hatikwah gesungen, sondern haß wieder und wieder ebendort bis in alle Ewigkeit' Kaddisch gesagt wird. ' v" ' Gegen die herausfordernde Sprache dieses Satzes hat sich bereits die Redaktion des „Israelit" in der Vornummer gewandt. Jerusalem mit Paris auf eine Stufe zu stellen, wenn wir nur hier wie dort ein g'ttgefällrges Leben führen, resultiert aus derselben Verkennung, wie die Reform zeitweilig sagte: Mas ist für ein Unterschied, ob wir Sabbat oder Sönntag feiern! Wenn wir nur' einen Tag in Weihe und innerer Erhebung begehen, so haben wir dem Sabbatgesetz Genüge getan. Es ist derselbe Irrtum wie der, den jeder Vertreter der Mischehe für sich anführt: was ist der Unterschied, ob Jude oder Richtjude, wenn man nur ein guter. Mensch-ist! Der ganzes füv däs Judentum wesentliche Gedankenkomplex vöm heiligen Bodens vöm heiligen Tage und vom heiligen Samen wird von Schoeps nicht beachtet, Begrifft, um die wir feit Jahrtausenden mit'allen-anderen Religionen in' pölentischer wesensauseinandersetzung' stehen. Wer einmal Iehuda Halevis kufari, Buch zwei, durchzulesen sich die Mühe nimmt, muß es für uns als Grundthese anerkennen, daß bestimmte Seinskomplexe eine Ausnahmestellung unter allen v e r w a n d t e n haben, durch die sie in einer unauflöslichen Beziehung .zum G'ttlichen und Ewigen stehen, daß gerade darin -die Gewähr einer letzten Durchfeelung und Bereitung der Welt für die Schechina in allen irdischem Seinsbe-. Ziehungen uns gegeben-'ist, weil die- „auserwählten" ie unverlierbar besitzen, - ,sIch verwüste' eure Heiligtümer: Obwohl sie wüst sind, bleiben sie Heiligtümer." Der zweite Teil dieser These erscheint uns-' auch zum mindesten eine Uebertreibung. Es hat auch im Galuth ein jüdisches Königreich gegeben, das Reich der Ehüfaren, es hat jüdische Galuth-Siedlungen mit völliger politischer A u t o n o m i e gegeben wie in Babylon zur Zeit der Gaomm/wie in Spanien zur Zeit von Schemnel Hanagid. Das war durchaus kein.Verrat des Klall Iisroel an den Fürsten der Welt, sondern hat die Begeisterung und Bewunde- *) Dgl. Megilla 17. 17. August 1933 rung der Größten unseM/VölkH^rvcMerufen. wirwissen nicht, wer jener„Fürst döt Welt" ist) der m Moskau residiert.' Aber nux. has ckönnesiMir als ein. ' Aufgeben des jüdischen En dziolS, betrachten^ daß man den - Nationalstaat als Selbstzweck., statt als - Mittel der Zusammenfassung des Judentums zum Dienste G'ttes und zur Verwirklichung unserer abrahamitischen Bestimmung erstrebt. Diese Entscheidung hat aber nichts zu tun mit der angeführten Geschmacklosigkeit, an der Klagemauer weltliche Lieder zu singen. Ich habe-auch nicht gehört, daß man in einer französischen ka thödrale' % ie Marseillaise singll. . ' 1' ' 4. Ja-sagen zum Judesein heißt Nein-sagen zum religiös-politischen Zionismus, weil vom ersten Propheten bis zum letzten Rabbiner von heute es abgelehnt werden mußte und muß, Sakralität in Biologie aufzulösen. Wer um einer Humanitären Sozialethik - oder um des Sozialismus willen ein jüdisches Volkstum in Erez Israel erstrebt, ein freies Volk auf freiem Grund, auf daß sich seine Volkstumskräfte zu seinem Glück und Wohlergehen schöpferisch entfalten mögen oder so ähnlich, verkennt ebenso .Wesen .und- B e st i m mun g des Volkes Israel wie der heidnische Nationalist (er ist sympathischer, weil er geschichtlicher ist), der das Glück und den Rausch Weltlicher Staatsmacht will, für d a 3 Volk will, das in seiner politischen Sonderexistenz immer nur dem Volkskönigtum G'ttes untersteht, wie es intentional in seiner Geschichte einmal verwirklicht war und real-präsent in seiner Endgeschichte verwirklicht sein wird. Auch diese These können wir nicht billigen. Ja- Sagen oder Nein-Sagen zum politischen "Zionismus ist etwas ganz Anderes als Sakralität in Biologie aufzulösen. Man erkennt auch hier, wie sehr Schoeps - von evangelischen Gedankengängen bestimmt ist. Cr möchte durchaus auch uns Juden einen Dienst „im- Geist und in der Wahrheit" als alleinlebensbcstiimme'nd und' 'wesensbestimmend suggerieren, daß nur,, was nur zum Munde hinausgeht, und nicht, was zum Munde hineingeht, unrein macht. Nein, im Judentum sind Sakralität und Biologie durchaus keine Gegensätze! vieles Sakrale ist an Biologisches gebunden, und alles Biologische ist von jüdischem Gesetz religiös geweiht. Wir trennen durchaus nicht die Bereiche des physischen Seins und religiösen Sollens. Wir glauben, daß alles materielle, auch volkliche Sein vom Sollen her mitbestimmt ist und das Sein insichdie Disposition zur verwirküchung des Sollens trägt. Auch die soziologische Volksstruktur ist nicht gleichgültig. Unsere Weisen haben eine Rückkehr zur Landwirtschaft als eine gesunde Grundlagereligiöser. Entwicklung anerkannt. („Dereinst werden alle Handwerker herabsteigen zur Bodenbearbeitung.") Und so sicher, wir die Sonderexistenz -unseres Volkesals Voraussetzung und Grundlage unserer gesamten Weltanschauung und unserer Thora betrachten, unabhängig v.om heiligen Land und von irgend welcher .soziologischen Struktur, so gewiß ist es uns auch, daßeine,.fozial-.gerech.te,. dm.Einzelnen zur Entfaltung seiner Volkstumskräfte, zu. Gftick „und! Wohlergehen führende (Bestaltung unseres Lebens' eine starke Forderung.MserM'.!ÄWM.,ZuWft' sein.kann und wird. /!' ''' / . . ... 5. Wir sagen aber .ja zur weltlichen Staatsmacht des Galuth, weil sie./—'/obwohl sündig — von 'G'tt!' gesetztist, um noch größerer- Sünde zu wehren! Gemäß dem Satz der Rabbinen ,-Dina; ü'malchutha - dina" (Staatsgesetz ist G'ttesgesetz) stehen wir bedingungslos loyal zu jeder irdischen Obrigkeit — auch zu der des NativMlsozialismus. In seinem Staat sind wir — nicht nüv gezwungen, sondern freiwillig — passive Objekt e, weil die Kraft der mythischen Ursprungsmächte (Baalim) für Israel schon zu -Zeiten des Königs. Saul .endgültig gebrochen..worden ist, und weil wir .weder, totaler Bannung unterliegen, noch totale Gefolgschaft leisten können/ Wir können de»n - t o t' a l e n Staate nicht verfallen, weil G'tt seine 'Totalität durchbricht, und wir können keinem.absoluten, j Führer folgen, weil der Herr selber der Juden Führer ist, hingegen können' wir im autoritär e n Staate. auch a k t i v" stehen als Staatsdiener, Offiziere und Beamte,-weil' Autoritäten letztlich nur von G'tt autorisiert werden, min d eflen s aber ihren Rechts- und.Ordnungsauftrag objektiv begründen und dem weltlichen. Heils- und Heiligungsanspvuch der Offenbarungsreligionen Raum geben. Aber ob /totaler oder autoritärer Staat, stets gilt die Mahnung des Jeremia: „Sorget für das Wohl des Landes, in das ick euch habe wegführen lassen, und'betet für es zum Herrn/' (29, 7.) Die Geltung des Satzes „dina d-emalchuta bina^ kann man nicht nach Phantasien bestimmen. Cr gilt jedenfalls nur soweit, als ein Gesetz unabhängig von der Einzelperson für alle Bürger des Landes gleich-