Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1933)
- Date
- 1933-08-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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17. August 1933 Der Israelit Nr. 33 Seite 3 Äschen volkLmassen Haben eben tiefer als viele andere die Wahrheit erkannt» daß am Parlamentarismus stirbt» wer davon genießt — sobald es sich nicht um mehr oder minder erfolgreiche Vertretung politischer» wirtschaftlicher» kultureller Interessen handelt, sondern um absolute w a ch r u n g e w i g e r» w eitert ö s e n d e r religiöser Prinzipien, die sich dem Volkstribunentum der Parlamente und dem schwankenden Ungefähr der Wahl- und Abstimmungs-Arithmetik entziehen. Ls komnlt noch als eine Art Treppenwitz der Weltgeschichte hinzu» daß der Weltmisrachi — nachdem sich Deutschland und Holland von ihm getrennt haben — an einem Strang mit — den Revisionisten zieht und sich durch diese aller jüdischen Tradition widersprechende Laune um den letzten Rest von Einfluß» jedenfalls um jeden Einfluß bei den vernünftigen, realpolitisch denkenden Elementen im Zionismus bringt. Der hervorstechendste Zug in dem Bilde ist der Erfolg der Arbeiterpartei» der nur l 6 Mandate zur absoluten Riehrheit fehlen. Da der religiöse Radikalismus» ja Nihilismus der Arbeitergruppe heute schon zu einem Grundbestandteil ihres Programms geworden ist — so gemäßigt die Partei auch in politischer Hinsicht denkt und arbeitet —, so hat das religiöse Judentum vom Zionismus heute weniger als je zu hoffen. Die gegebene Folgerung ans dieser Situation wäre der Austritt des ,Misrachi" aus der zionistischen Organisation und sein Zusammenschluß mit der „Agudas Iisroel" (unter Abstreifung der tollen revisionistischen Laprice). Diese Entwicklung läge nahe» tvisnn — das elende Gold nicht wäre. Finanzielle Rotwendigkeiten fesseln den »Misrachi" an den über reiche Geldmittel verfügenden Zionismus» und die stolze Armut der »»Agudas Iisroel", die das xnr>3y 'X' in Reinkultur verkörpert» halten alle diejenigen von ihr fern» die die Möglichkeit praktisch e n Dir» k e ns über d e n i d e a len S ch w ung des re in e n p r i n z i p e s setzen, wer recht behält» wird die Geschichte lehren. Zum Ausbau der rabbinifchen Gerichtsbarkeit. Cs ist eines der trübsten Kapitel in der Geschichte des allmählichen Erliegens der jüdischen Eigenart unter den auflösenöcn Wirkungen der Emanzipation, das von dem A u f h ö r e n d e r r a b b i n i s ch e n G er i ch t s b a r k e i t in den jüdischen Gemeinden erzählt. Das Bewußtsein davon» daß es dem jüdischen Religionsgesetz widerspricht» wenn Rechtsstreitigkeiten jüdischer Parteien ohne zwingenden Grund vor dein bürgerlichen Gericht zum Austrag gebracht werden. war selbst in den Kreisen der Orthodoxie Westeuropas allmählich fast ganz verschwunden. Schon unter dem Drucke der anwachsenden antisemitischen Bewegung während der letzten Jahre sind allerdings von verschiedenen Seiten Anstrengungen gemacht worden, um die öffentliche Meinung für die Ausgestaltung rabbinischcr Gerichtshöfe wenigstens in allen größeren Gemeinden zu gewinnen. Die Erfolge waren bisher» numerisch betrachtet» nicht sehr gewaltig. Die Zahl der Prozesse» die auf dem Wege der rabbinifchen Schiedsgerichtsbarkeit erledigt werden, dürfte in Deutschland heute immer noch relativ gering sein. Die letzten Entwicklungen jedoch sollten auch diejenigen aufrüttein» die bisher sich von den alten Gewohnheiten nicht trennen konnten und der Durchsetzung des Prinzipes der jüdischen Gerichtsbarkeit in den Gemeinden skeptisch oder glechgüliig gegenüberstanden. Richt als ob wir der Meinung wären» daß ein Jude von deutschen Gerichten etwa kein Recht mehr finden könnte. Zu einem solchen verdacht liegt bisher kein Anlaß vor» und wir sind im Gegenteil der Meinung, daß noch immer der deutsche Richter es sich zur Ehre anrechnen wird» gerade gegenüber den Zeitströmungen feine volle Unabhängigkeit und Objektivität in der Rechtsprechung zu beweisen. Aber jed,es Hinausiragcu der in vielen Rechtsstreitigkeiten nun einmal notwendiger weise zum Ausdruck kommenden sittlichen Mängel der einen oder anderen jüdischen Partei» bedeutet» obgleich wir vom bürgerlichen Standpunkt aus gewiß das Recht haben» eben so wenig Engel zu.sein wie der Durchschnitt der sonst in Deutschland wohnenden Bevölkerung» bedeutet ja mehr oder mitibcv heute eine viel höhere Entweihung des g ' t t l i ch e n R a m c n s » als cs früher der Fall war. Um so energischer müßten die jüdischen Gemeinden darauf halten, daß jeder Rechtssuchende in ihrer Mitte die Möglichkeit bat, seine Prozesse rasch» reibungslos und im vertrauen auf absolute Sachlichkeit vor rabbinifchen Gerichtsinstanzen .durchzuführen. Voraussetzung dafür ist nun allerdings» daß in Iechnis ch e r Hinsicht viel mehr als bisher geschieht» >um diesen rabbinifchen Gerichtshöfen ein befriedigendes Funktionieren zu ermöglichen. An gesetzestreuen j Rechtskundigen» denen es ihre Zeit erlaubt» sich der -Mitarbeit an den Dine Thora zu widmen» wird es!ja heute leider weniger als je fehlen und auf der anderen Seite wird auch die Stimmung des publi- ,kums geneigter als früher sein» etwaige Sch wi eng kor- DIAL2N ‘Puderbewahrt Ihren Liebling Vor Wundsein. cat-jüdischen Parteien geistig und physisch zu zermalmen. Dazu kommt die providentielle Rolle» die in dieser Krise der deutschen Iudenhoit Crez Isroel als reale .Zufluchtsstätte für Taufende. von heimatlos gewordenen Juden zu spielen berufen ist» und die dem technischen und politischen Apparat der mit dem .Zionistenkongreß organisch verbundenen Iewish Agency für die deutschen Juden ein vitales Interesse verleiht. Unter diesen Umständen wirkt es einigermaßen tragisch» daß» wie die „Jüdische Rundschau" mit- .teilt, die deutschen Zionisten in Prag gar nicht vertreten fern werden; es haben in Deutschland überhaupt keine Delegiertenwahlen stattgefunden. Jedenfalls wäre der Zionistenkongreß, den man nun einmal als eine feste Einrichtung feit Jahrzehnten kennt, zur unbefangenen fachlichen Erörterung der positiven H i l f s t ä t i g k e i t für deutsche Emigranten nach Crez Isroel unter M i t w i r fang deutscher Inden geeigneter gewesen als der noch immer spukende Stephen wise'sche jüdische Weltkongreß» vor dem uns ein gütiges Geschick bewahren möge. Für die innere Lage im Zionismus sind die jetzt bekannt werdenden Ziffern der Kongreß-Wahlstatistik charakteristisch, von den etwa 500 Mandaten» die für den bevorstehenden Kongreß vergeben werden» hat die A r b e i t c r § i n p p c 1 5 7 errungen. Außerdem wurden 2 unabhängige Arbeiterdelegierte gewählt. Die Allgemeinen Zionisten haben einschließlich der l I Delegierten» die auf die Grünbaum-Liste (Zentralkomitee der Zionistischen Organisation Polens) gewählt wurden» 76 Mandate erhallen. Außerhalb Polens haben die radikalen Zionisten je! Mandat in Palästina und in der Tschechoslowakei bekommen. Die I a b o t i n s k y - R e v i s i o n i st e n erhielten 45, die G r o ß m a n -- R e v i s i o - n i ft e n 4» der M i s r a ch i 5 2 M a n d a t e. Uns interessiert hier vor allein die tragische Tatsache» daß es der Misrachi nach m ehrals drei - ß i g Jahren fruchtloser Versuche, 'innerhalb der zionistischen Organisation die parlamentarische Mehrheit für G'tt und sein Gesetz zu gewinnen» a u s e i w a s m e h r ais ein Zehnt e l aller Mandate gebracht hat» ein vernichtendes Zeugnis für die verhängnisvolle Selbsttäuschung» in der sich die Gründer des „Misrachi" befanden, als sie, i m Geg e n - fatz zur D i 11 c n 8 m ei n u n g alle r ’Vvtä bxmcn'den weg des demokratischen Parlamentarismus beschritten» um Crez Isroel für die Thora zu retten! Gegenüber der Tatsache dieses verschwindenden Zehntels kann' man auch nicht einwenden» daß nur die ablehnende Haltung fast aller rabbinifchen Autoritäten und damit der großen Masse des jüdischen Volkes die Fruchilosigkell des misrachistischen Experiments verschuldet habe. Jene großen Führer der jü- Aleines Feuilleton. Was heW arisch? Von Otto Schloglnhoufen. In der Schweizerischen illustrierten Zeitschrift „Volkshochschule" beantwortet neben andern interessanten Beiträgen Prof. Dr. 0. Schlaginhaufen die heute besonders aktuelle Frage „Was ist arisch?" Ned. Diese Frage, die aus dem Leserkreise unserer Zeitschrift kommt, liegt heute auf Vieler Lippen. Würde es sich nur darum handeln, die Bedeutung festzustellen, die dem Ausdruck heute in den politischen Tageszeitungen und Flugblättern beigelegt wird, so wäre die Antwort rasch zu geben. Soll aber der allgemeine und wissenschaftlich gültige Begriff erörtert werden, der mit der Bezeichnung „arisch" verbunden wird, so stehen wir vor Schwierigkeiten. Diese haben ihren Grund darin, daß in dem vorliegenden Fall — wie leider auch in anderen Fällen der Geschichte der Wissenschaften — ein und dasselbe Wort mit mehreren -unter sich Wesensverschiedenen Gegriffen verknüpft worden ist. Es ist einleuchtend, daß dadurch eine Verwirrung herausbeschworen wurde, die eine Diskussion außerordentlich erschwert und ständig neue Mißverständnisse erzeugt. Das Wort „Arier" leitet sich aus dem Sanskrit her. Arya nennt sich in den ältesten indischen Schriften das brahmanifche Hirtenvolk, das, aus dem Fünfstromland herniedersteigend, sich im Gebiete des Ganges und weit darüber hinaus ausdehnte. Noch heute. werden die höchsten Kasten dieses indischen Volkes unter diesem Namen als einem Ehrentitel zusammengefaßt. Man pflegt daher diese aus dem Nordwesten stammende Bevölkerung als arische Inder den übrigen Bewohnern Dorderindiens entgegenzustellen. Diese Anwendung des Wortes „arisch", die der ursprünglichen am nächsten kommt, dürfte indessen nur bei denjenigen Interesse finden, welche sich mit der Geschichte, Kultur und Sprache der indischen Völker befassen. Die Sprachwissenschaft hat dann dem Ausdruck „arisch" eine viel umfassendere Bedeutung gegeben und ihn für die Gesamtheit der indogermanischen oder indoeuropäischen Sprachen in Anspruch genommen. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich heute vom Osten Vorderindiens bis zum äußersten Westen Europas; aus dem Boden Europas ist es die weit überwiegende Zahl der Sprachen, die ihr angehört. Wenn in neuerer Zeit die Sprachforscher die Bezeichnung „arisch" auf den indoiranischen Zweig der indo-germanischen Sprache beschränken, so bleibt damit doch bestehen, daß das Wort „arisch" einen sprachlichen Begriff ausdrücken soll und somit über seine wissenschaftliche Bedeutung kein Zweifel bestehen kann. Unklarheit kam in die Bedeutung dieses Wortes erst, als man es auch auf die Träger der indo-germanischen Sprachen, und zwar auf ihren körperlichen Habitus anwondte. Der Arier war damit zum Vertreter einer menschlichen Rasse geworden. Man hatte zunächst den hellhäutigen Menschenschlag im Auge und stellte diese Arier etwa dem Mongolen oder dem Semiten gegenüber. Dann aber ging man in der Spezialisierung weiter und reservierte die Bezeichnung dem sogenannten nordischen Menschen, d. h. jener Unterrasse des europäischen Menschen, die durch hohen Wuchs, blonde Haare, blonde Augen, langen-Hirnschädel, längliches Gesicht und hohe/ schmale Nase charakterisiert ist. j Nun ist oberster Grundsatz der anthropologischen Wis-1 senschaft, sprachliche und anthropologische d. h. die Menschenrassen betreffende — Begriffe scharf auseinander zu halten. Unter einer menschlichen Rasse verstehen wir eine Gruppe von Menschen, die sich durch Gleichheit oder wenigstens sehr weitgehende Aehnlichkeit der.körperlichen und geistigen Merkmalskombination auszeichnen und von den Vertretern anderer Gruppen unterscheiden; sie ist eine anthropologische Einheit. Es ist aber möglich, daß innerhalb des Gebietes einer Rasse nicht nur eine, sondern zwei oder mehrere Sprachen gesprochen werden, und umgekehrt komint es vor, daß sich die Vertreter zweier oder mehrerer Rassen an einem Sprachgebiet beteiligen. Man denke z. V. an Italien, das in sprachlicher Hinsicht eine Einheit darstellt, in anthropologischer Beziehung es ober sicherlich nicht tut; einem jeden, der aufmerksamen Auges die Apenninifche. Halbinsel von Norden nach Süden durchreist, wird es auffallen, daß bemerkenswerte Unterschiede in der äußeren Erscheinung zwischen der Bevölkerung Nord- und Süditaliens bestehen und daß wir in Italien trotz der Einheit der Sprache mit mindestens zwei Rastenkomponenten, vielleicht auch mit deren mehr rechnen müssen. Rasse und Sprache sind nicht zur Deckung zu bringen. Die Rasse ist das Beständige, die Sprache das Bewegliche. Sprachen können von Rasse zu Rasse wandern oder sich ausdehneu. Der Eroberer kann dem Besiegten, der Unterlegene aber auch dem Sieger seine Sprache verleihen. Dies alles zeigt, daß sprachliche und rassische Begriffe nicht mit denselben Ausdrücken belegt werden dürfen, sondern durch Prägung besonderer Bezeichnungen streng auseinander zu halten sind. Daher ist es auch nicht statthaft, das Wort „arisch", das sich auf eine Sprachgruppe bezieht, für die Bezeichnung einer Rasse zu verwenden. Mit Recht sagte der bekannte Sprachforscher Max 13^111161:, daß es ebenso lächerlich sei, von arischer Rasse, arischem Blut, arischen Augen und Haaren, wie von