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Der Israelit · 1933-08-10 · Heft 32 (10.8.1933) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 32 (10.8.1933)
Date
1933-08-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 32 Der Israelit 10. August 1933 und der Erbe des Majorats hatte Angst, es reicht nicht mehr . . . Ueberall wird gespart, Leute entlassen, dag Essen so knapp wie möglich, da soll man in der Zeit den Juden auch noch für ihre Judenschul G'tt weiß, wieviel Geld geben. (Er frug sich im stillen, ob man das überhaupt dürfe, vielleicht ist das eine Sünde .. .) Also, cs gab nichts, der parnes ging aus dem Schloß wie ein begossener Pudel und war wütend Am Abend faßten sie den Beschluß, die alten Wappen dürften in der neuen Schul nicht mehr aufgehängt werden. Damit war die offizielle Beziehung zwischen der jüdischen Gemeinde und dem Schloßherrn abgebrochen . . . (Fortsetzung folgt.) Höhen am Genfersee. I. Zufahrt. Der Morgenzug ist in Frankfurt, obwohl erster Ferientag, nur mäßig besetzt. Unsere Mitreisenden, zwei ältere Herren, von denen der eine beständig raucht und der andere beständig ißt, und eine dickliche Dame mit unwahrscheinlich vielen Koffern, die sie dauernd aus- und einpackt, sprechen, sofern sie nicht gerade rauchen, essen und packen, von dem Thema des Tages, von der Not in Deutschland und in der Welt und den Mitteln zu ihrer Behebung. „Pohl" bläst der Jüngere ungläubig den Rauch durch das Fenster, „alles nur Rauch und Schall!" „Erst muß das Bolk zu essen haben," meint der Aeltere und kaut behaglich mit vollen Backen. „Wenn nur alles erst auf den richtigen Platz kommt," seufzte die Dame, und man weiß nicht, ob sie die Dinge in ihrem Koffer meint, oder die im Vaterlande. Raumno t da und dort! . . . Hinter Darmstadt leuchteten hellgrün die Laubkronen des O d e n w a l d e s in der Morgensonne. „Pah", macht der Jüngere, „uns kann nur geholfen werden, wenn ..." Bei Bensheim zieht die B e r g st r a ß e mit ihren Höhen, Burgen, Zinnen und Ruinen wie eine riesige Perlenkette an unserem Auge vorbei. „Und was haben wir schon davon, wenn . . .", zweifelt der Aeltere mit vollem Munde zwischen Bissen und Bissen. Hinter Karlsruhe erscheint die dun.lle Bergwand des Schwarzwaldes im Horizonte. „Man weiß bald nicht mehr, wo ein, wo aus," seufzt die Dame und packt fleißig Düten und Kleidungsstücke von einem Koffer in den anderen. „Basel, Badischer Bahnhof!" Der Grünberockte am Ausgange will von mir wissen, wieviel ich in bar, in Goldwert, in Schecks und ausländischen Devisen habe. Loeg lo Roseh!" sage ich. Er versiehe kein Französisch, sagt er. Sage ich: „Ich schäme mich, es auf deutsch zu sagen, wie meine Barbestände unter Null, d. h. unter dem vom Finanzamts genehmigten Minimum, stehen. Meint er: es gehe ihm selbst genau so. Er, der tagein, tagaus auf diesem Posten sestzustellen habe, wie ungeheuer viel — die Leute nicht haben, er fühle sich schon längst zu einer großen amtlichen Null zusammengeschrumpft. Und wir scheiden als gute Freunde von einander . . . Drinnen in der Halle sitzt der Eidgenosse in Zivil vor einem Tischchen wie am Eingänge eines Zirkus. Man weist den Paß vor, wie die Eintrittskarte zur Vorstellung. Nun ist man drüben, eine andere Welt, andere Menschen und andere Worte. Alle Not ist hinter uns. Als aber der biedere Gepäckträger auf der Schweizerseite inir für die genau gleiche Leistung, die sein Berufskollege auf dem Frankfurter Bahnhofe mit fünfzig Pfennigen berechnet hatte, „zwei Frnnkli" abnimmt und ich mit diplomatischen Verhandlungen versuche und mit dem nahen Völkerbünde drohe, bedeutet mir der Gute: „Ja, drübe in Dütschland könne sie es auch mache, dene gohts auch besser wie uns chaibe Schwyzer." Das Glück scheint doch immer da zu weilen, wo wir gerade nicht sind ... Vorsicht vor Reisebüros! In der von ihnen erteilten Auskunft heißt es immer zum Schluffe: „Verantwortung für genaues Zutreffen der gemachten Angaben übernehmen wir nicht." Es ist dies zumeist das Einzige, was bei den Angaben stimmt. Hat es dir das heimatliche Reisebüro schriftlich gegeben, daß um viere von Basel ein Zug über Bern nach Lausanne fährt, so stimmt das wohl bis auf die allerdings nicht unwesentliche Kleinigkeit, daß nämlicher Zug zur angegebenen Zeit über Biel nach Genf fährt. Man kann sich durch eine Umsteigemanipulation unterwegs wieder ins richtige Geleise bringen, aber dann rechnet der brave Kondukteur heraus, daß man mehr Kilometer konsumiert hätte, als nach dem ermäßigten Rundreisebillet statthaftt, und man muß zahlen. „Tue Geld in deinen Beutel" — Schweizergeld, denn zahlst du mit deutscher Währung, so berechnet es dir der Gute zu einem Kurse, der zwar auf keiner Bank und Börse der Welt bekannt ist, aber ins Zeitalter der Gleichschaltung gut paßt. Er ist für absolute internationale Verständigung, der späte Tellnachkomme: Reichsmark gleich Schweizerfranken . . . Schimpfen darfst du nach Herzenslust — aber erst, wenn du Biel hinter dir hast. Denn von hier ab versteht dich kein Mensch mehr. Biel ist jetzt Vienne, der Schaffner, der eben noch im schönsten Schwyzerdütsch die Fahrkarten verlangt hatte, ist plötzlich ein Stockfranzose und sagt: „Presentez les billets l" Und wenn dir ein Koffer aus den Kops fällt, Hast du — merke dirs! — nicht mehr zu „entschuldigen", sondern liebenswürdig mit französischem Lächeln „oui oui" zu nicken zu einem graziösen „Excusez, Monsieur! . . II. Das singende Haus. Ein länglicher Kessel voll blauer, grüner und sllbergrauer Farbe zwischen dunklen Hügelketten und weißhäuptigen Bergriesen —, das ist der Genfersee. In den See langen in gleichmäßigen Abständen drei Landzungen hinein, auf denen weiße, rotbedachte Häuschen mit ihren Vor- und Hintergärten und Blumenbalkonen vom Hange her in Reih und Glied ins Wasser hinunterklettern, als stiegen sie zum Bade hinab — das ist Montreux zwischen T e r r i t e t und Clärens. Ueber die Schienen der Oberlandbahn arbeitet man sich mühsam von Hügelterrasse zu Hügelterrasse hinauf. Zwischen altem Gemäuer führen Steinstusen durch ein Gittertor zu einem Parke hin, in dem im Schatten dunkler Tannen und üppiger breitastiger Birnen- und Kastanienbäumen das wundersame Haus steht, das ein stilles Schlößchen genannt werden könnte, wenn nicht so viel Leben von ihm in die Landschaft ausginge — es ist die Villa Quisisana, das singende Haus . . . Man blickt von hier ins Tal, wo die gartenumgebenen Häuschen von Clärens wie eine Schafherde ins blaue Wasser treiben. Links brütet in der prallen Sonne der G l i o n wie die grüne Kuppel einer riesigen Moschee, darauf die hellen Häuser wie Perlen und Arabesken leuchten. Diesem über die breite Schulter schaut der zackige Caux zu uns her, Er hat feit Mai seine Schneehaube abgelegt, während sein größerer Bruder in seinem Rücken den Nebel wie Seifenwasser von seinem alabasterweißen Haupte rieseln läßt. Drüben am andern Ufer spiegeln sich die braunroten Dächer der französischen Dörfer im See. Und hier oben das singende Haus. Die von ihm ausgehenden Sänge und Klänge ordnen sich hier in die blaue und grüne Pracht genau so harmonisch ein, wie sie einst — über vier Jahrzehnte liegen dazwischen — die graue trostlose Ebene um Slobotko und Woloschin zu einem Paradiese üppiger Jugendsreuden wachsangen. Wenn morgens in der Frühe die Bergriesen langsam ihren Nebelschleier ablegen, um den Weg für die hinter ihnen anrollende Sonnenkugel freizumachen und die ersten sich zum See hinabneigenden Silberstreifen in mein Zimmer grüßen, erwache ich am Schreien eines Kindes jenseits der dünnen Wand im Nebenzimmer. Ach, die Sprache des Kindes in feinem Ringen um das tägliche Brot! . . . Und die Koseworte der Mutter, die das erwachende Kind an die Brust nimmt! . . . Ich hörte dieses Weinen und dieses Kosen im Osten und im Westen, in Frankreich und Italien und im Oriente. Ob im Palaste des Reichtums, oder in der Hütte der Armut, ob in der Kate des polnischen Arbeiters oder im Zelte der Araberfräu, überall waren es bis auf den letzten Tonfall die gleichen artikulierten und unartikulierten Laute. Hunger und Liebe sprechen überall die gleiche Sprache ... Zu den nebelgrauen Vergspitzen rattert der erste blaue Zug der Oberlandbahn mit schwerem Geächze hinauf. Die Edeltanne im weitausgebreiteten hellgrünen Flügelkleide vor dem laubenumrankten Holzbalkone erzittert ein wenig. Die über die Berge steigende Sonne wirft eine frische Schicht Silber in den blaugrünen See und heller Strahl fährt von unten her zu den Höhen hinauf, um sie wie ein Staubsauger von Nacht und Nebel blank zu putzen. Rechts von der Anhöhe, wo sich blühender Wein hoch an der Stange rankt, kommt Gesang, abgerissen, verloren und sich dennoch einfügend in die Harmonie von See und Sonne. Es kommt vom singenden Hause ... Kurz nach fechse. Der Lernbetrieb hat da oben schon zwei Stunden vor dem Morgeng'ttesdienste begonnen. Langsam steige ich die Straße hinauf, dem Gesänge entgegen, heller' und heller wird es mit jedem Schritte. In der durchsichtigen Luft ist alles zum Greifen nahe, und die Lerntöne umkosen schon das Ohr. Da oben im Garten sitzen sie die kleinen und großen Sänger, unter taufrischen Tannen und Kastanienbäumen an der Mauer, mit dem Blick auf den Farbenkessel im Seegrunde, in kleineren und größeren Gruppen gesondert, und singen, singen. Morgenwind fährt leise über die Blätter, über die der Bäume und die der aufgeschlagenen Bücher; die Jungen bewegen den Oberkörper, fahren mit den Händen aus und singen. Doch was ist das? Kommt nicht der Gesang auch von oben, aus der Luft, von den Wipfeln her? Singen die Vögel in der Luft, in den Zweigen und lernen mit? Wirklich und wahrhaftig: eine Baumschule. Ein Dutzend junger Knaben von den hier weilenden Ferienschülern haben sich, da es unten an Stühlen mangelt, mit ihrem ebenfalls noch jugendlichen Lehrer in den Bäumen festgesetzt, schütteln sich mit den Aesten und singen mit den Vögeln das Lied von den „vier Wächtern", die die Schafe nicht richtig gehütet und darum, je nachdem, ob sie um Lohn oder umsonst gehütet, „chajow" oder „potur", haftbar oder nicht haftbar sind . . . Hütet, kleine Hüter, singet kleine Sänger! Ihr seid gute Hüter, die Künder auf den Bergen! . . . Morgen für Morgen, wenn die ersten Sonnenstrahlen über den Bergen das Kind zum Verlangen nach der Mutterkosung weckt und das Geratter der ersten Bergbahn in der dunstigen Höhe verhallt, steige ich die Anhöhe hinan, dem singenden Hause entgegen. Eine Vision wird mir lebendig. Aus dem blauen Dunste der Berge hinter dem See tritt Mordechai, der große Jude, hervor, Trauersack um die Lenden gegürtet, Asche auf dem Haupte und den Wanderstecken in der Hand. Er trägt die Not eines Volkes, seines Volkes im Herzen und schaut hilfeheifchend zu den Bergen auf. „Wo kommt mir Hilfe her?" Und plötzlich, was war das? Munter singende Jungen tollen die Höhe hinunter. „Eueren Poffuk, Jungens, Eueren Poffuk will ich hören! ..." Und im hellen Gesänge aus frischem Kindermunde leuchtet und tönt es munter hinunter: „Fürchte nicht vor Schrecken, der plötzlich kommt ..." „Ratet und planet, es wird vereitelt! . . ." „Von altersher war Ich es und bis uns Ende werde ich es sein! ..." —Ö- (Fortsetzung folgt.) S'chus Owaus. 'Eine wahre Geschichte, Die Lektüre von „Erzherzog Karl von (Oesterreich" brachte mich auf den Gedanken, eine andere Episode zu erzählen, die in unsrer Familie stets in Ehren gehalten wurde und vielleicht auch einem weiteren Kreis nicht uninteressant sein dürste. Die Personen entstammen demselben (Orte, der dort genannt ist, Randegg. Ein dort ansässiger Dorfjude, — Hofjude des Bischofs von Konstanz — heiratete eine Frau aus Hohenems, die sich alsbald die Wertschätzung und Hochachtung aller Frauen im Dorfe errang. „Mutter Ehanne" wurde sie von' Allen genannt. Ihre Wohltätigkeit war unvergleichlich. Kamen arme Wanderer durchs Dorf, oft ganze Familien, so war sie die Erste, die sich ihrer annahm. Richt allein, daß sie sür Unterkunft sorgte, sie säuberte die Kinder, sie badete sie, sie kleidete sie, daß man sie nicht mehr erkannte. Ja, selbst ihr D2iv-(5ssen gab sie her, als einmal am Freitag Rachmittag spät cpmix ankamen und begnügte sich mit ihrer Familie mit Kaffee und Berches. Zur Zeit der Koalitionskriege war der Schauplatz insoweit verändert, daß nicht nur zahllose Truppenteile von Gesunden öurchmarschierten, sondern auch verwundete und Kranke sich unter denselben befanden, und diese wurden gar oft in Randegg zur pflege und Gesundung zurückgelassen. Wieder war es „Mutter Ehanne", die an der Spitze der Tätigen stand. Sie nahm in ihrem eigenen Hause, so viel Platz war, Kranke aus und pflegte sie mit beispielloser Hingabe nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Einige Jahre später hatten sich die Verhältnisse gebessert. Ls war wieder Ruhe im Lande. Die zwei älteren Söhne standen im Beruf, der jüngste sollte eine nrrw beziehen. Welche andere hätte wohl in Betracht kommen können, als die von Rebb Mosche Sofer in preßburg? Der Jüngling reist ab, er kommt in preßburg an und hat noch einige Tage Zeit bis zum Anfang der DmyTP die will er benutzen, um die Stadt kennen zu lernen. Er wandert herum, dahin dorthin, mit brennender Pfeife im Munde, seinen Gedanken an die Heimat, an Eltern und Geschwister nachhängend. Da plötzlich wird er in seinem Sinnen unterbrochen durch ein herrisches „Halt!" Ein Soldat tritt auf ihn zu und erklärt ihn für gefangen. Auf langes Bitten erfährt er den Grund. „Er hat geraucht in derRähe des Pulverturins, und das ist bei Todesstrafe verboten." Er wird vor das Kriegsgericht gestellt. Der Auditor, ein nicht unfreundlich, aber streng aussehender Mann stellt zunächst die Personalien fest. „Wie heißt er?" „Maier." „Sein Vater"? „Masele." „Seine Mutter?" „Ehanne." „Woher stanmrt er?" „Aus Randegg." Scharf sieht ihm der Kommandant ins Gesicht, feine Züge erhellen sich und — „Er ist frei!" verkündet er das Urteil. Um feittett Beisitzern den merkwürdigen Vorfall zu erklären, fügt er hinzu: „Daß ich heute an diesem Posten bin, daß ich nicht längst dem Tode verfallen, verdanke ich nächst G'tt der Mutter dieses Jünglings. Sie hat mich nach schwerer Verwundung in ihrem Hause aufopfernd gepflegt, sie hat mich aus meiner Verzweiflung wieder zum brauchbaren Menschen aufgerichtet. Ick danke G'tt, daß ich meine Dankesschuld an sie abtragen kann, indem ich ihrem Sohn die Freiheit schenke. Ein Sohn von,, Mutter Ehanne" kann kein Verräter sein!" Maier studierte und wurde Dajan in Triest. Eine seiner Urenkelinnen.

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