Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1933)
- Date
- 1933-08-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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-Feuilleton. TY/»*-* lernetkk.rr Beilage JL/tl JÖI tVClll ly;; »7 / Heimkehr — und was dann? Bon Karl Darmstädler. Wo seid ihr? Freunde, Fahrtgenossen aus der langen, dunklen Zeit, wo warf euch das Schicksal hin? Kameraden, Lefehlec and Befohlene, ihr Jungen, ihr Alten, seltsame Begegner in flüchtigen Stunden^ wo triebt ihr hin, nachdem unsere 'Bahnen sich einmal, zweimal gekreuzt hatten? An jenem heißen Tage begann es, als in den alten Hörfaal, in die stillen fallen der Auf vom stundennahen Krieg hineinfiel. Vorbei die Kameradschaft des Lernens. Ihr stürztet hastig hinaus ins nahe Dorf, in die fremde Stadt, ,ins ferne Land. wo seid ihr, ihr zwei Aerzte aus Frisco, die ihr, am 4. August l 914-, hilflos am Bahnhof standet, fremd im Gedränge, gefährdet, verkannt zu werden? wie wart ihr froh, daß ein Helfer euch mitnahm in die Tinsamkeit des Schlosses, aus dessen Gärten alles Leben geflüchtet war. was sprachen wir nicht, alles, prophezeiten kühn nicht alles Konnnende! Ach, es kam alles anders. Ihr wolltet belohnen. Ich nahm zum Lohn die Kamen. Eine winzige Karte, die verloren ging, wo seid ihr? wandelt ihr noch einmal -dieselben Pfade im alten Schloßhof? Freund, der du aus Gent und Flandern, vom Balkanland und vom Goldenen Horn schriebst, wo trug es dich hin, als du den grauen Rock hinter dich warfst? Ihr, Hauptleute und Zugführer, Feldwebel und Korporale, habt ihr alle den Rückweg angetreten? Habt ihr sie alle vergessen, die, anderen Glaubens, danials geeint waren mit euch, neben euch bluteten, vor euch starben, in frühe Gräber sanken? Haßt ihr heute auch die Toten? ... Dann und wann fliegt ein Wort her zu nur, sagt ein Gerücht, er habe den gesehen, habe das gehört von einem. Dann und wann freue ich mich, wenn mir einer in die Arme läuft, der half in schwarzer Rächt, dem -du raten konntest in ratloser Verwirrung. Der im Departement Vauclusc gefangen war, sei jetzt in der großen Stadt am Alain in großer Stelle und könne für viele tätig sein. Der draußen sorgte um die Kompanie, um Löhnung und Speise, sorge jetzt um Bahnen und Züge, Signale und sichere Fahrt. Der Rächt um Rächt, Landsturmmann, Musketier und Gefreiter, Lrde warf im Graben, gebiete jetzt einem ganzen Heere-von Arbeitern und fahre über Länder'und Meere. Der mit dir Tage und Rächte im Crdloch sich duckte und einmal weinte, wie sein Kind daheim, weil kein Ende sichtbar war, stand jüngst auf der Straße und erzählte, nichts sei besser. Roch keine Arbeit. Sorgen und Verzweiflung. Als.du ihn sahst, wolltest du dich schon freuen über die Begegnung, wo seid ihr alle, die damals ratlos waren und heute hilflos sind? wo seid ihr, vom Lande jenseits der Grenze, die ihr alle sagtet, ihr wolltet nichts wissen von bösem Krieg und vom Zweikampf friedlich gesinnter Menschen und Völker?- Alter Dachdecker, hausest du noch immer in deiner halbzerfallenen Hütte im Dorf an der Somme und brätst deine Raben vom Feld? Fandest du, Frau mit dem blinden Knaben, wieder und unversehrt das Gutshaus, ober lags zerstört zum Steinhaufen? Liegen im heiligen park noch die Toten, wie wir sie einst zur Erde bestatteten an dem Tage, da Priester und Pfarrer und Feldrabbiner nahe beieinander standen an offenen Gräbern? Mßt ihre noch, damals an Crew Iomkippur, es war noch die Hitze des Sommers auf allen wegen und Feldern, fuhren wir im Heuwagen zum Dorf des Feldg'ttesdienstes. was war das für ein Wiedersehen, was war das für ein Zusammenkommen. Die sonst Kaufleute und Händler, Handwerker und Gelehrte, Aerzte und Anwälte, Studenten und Geschäftsreisende und wer weiß, was alles noch, waren, trugen als Festtagsgewand die graue Uniform. Statt des weißen Totenkleides das kriegsfarbene ... wie staunten die Dorfbewohner, die großen und kleinen, über die Melodien, die sie noch nie gehört, die Gesänge, die sie in ihrer Kirche nie vernommen hatten . Hauptmann, ich denke daran, wie Sie freudig im letzten Augenblick vor dem Feste in den Unterstand riefen, der Urlaub sei genehmigt, der Urlaub zur großen französischen Stadt, in der sie sich wieder alle trafen von den Fronten, um Sedcr zu feiern . . . Tausend Gesichter drängen -auf dich zu. wäre es nicht denkbar, daß sie eines Tages — alle, die noch leben, die noch dieses Land Heimat nennen —, zusammenkämen zum Gedenken und Erinnern? 'Aus dem Staunen käme vielleicht keiner heraus. Die Jugendlichen von damals gealtert, die Landsturmleute und Lanöwehrmänner rüstig und fchaffensfroh, getrennt alle nach Beruf und Amt, nach Reichtum und Armut, nach Frohsein und Schwermut, — fänden sie alle sich noch -einmal zusammen und vergäßen alle Trennungen, alle Gegensätze, alles Sich-fremdgeworden-sseiu . . .? Felörabbrner, auch an Dich denke ich. weißt du es noch, wie ich Dich aufsuchte am Sukkosabend. Einsam war ich. Kein Mensch in der Rähe, mit dem man Ionitow feiern konnte. Da siel mirs sin, Du wohntest, residiertest doch in der kleinen Stadt . . . wie tat es mir weh, als Du — keine Zeit hattest, ins Kasino gehen mußtest in der festlichen Rächt. - Allein, es hat alles heute keinen Bestand mehr. Gleichviel, ob Du Freude, ob Zorn in Dir trugst, ob Dich Schönes, ob Trübes verknüpft mit , dem Gewesenen, es ist zusammengeschmolzen im Tiegel des längst Entschwundenen ... Aber schon nahen andere Bilder, andere Erinnerungen. Doktor, der du im dämmerigen Abend von deiner fernen Heimat sprachst, Schwester, die das Schicksal stürmisch ansaßte, dich jagte und nicht zur Rast komnien ließ. würdiger Pater vom Kloster im Tal, der du unermüdlich fuhrest, von Ort zu Ort, das. ewige Wort — die einen nennen es „pax", die einen „Friede", die dritten „Scholaum" — verkündend- Ihr alle zieht vorüber, und, grübe man tief im Erinnern, Hunderte und Taufende kämen dazu, huschten wie des Vogels Flug vorbei und würden zwingen zum unaufhörlichen, aber am Ende ja doch ermüdenden Fragen nach Ort und Schicksal, nach wo und wann und wie. Aber eng ist der Kreis derer, die im Zufall uns in den weg geraten. Du schaust aus dem Zug und siehst im anderen Zug, der eben die Station verläßt, ein Gesicht. „Den hast du doch einmal im Krieg gesehen!" wo denn? — Ja, dort auf dem Hügel in der Champagne — aber schon ist der Zug fort . . . Du stehst im Gewühl. Taucht ein bekannter Kopf auf. Zweifelnder Blick. Das ist ja — aber er ist verschwunden ... Cs bleibt nur Anlaß zum Sinnen und Besinnen. Da wird plötzlich, aus, G'tt weiß, was für einem Anlaß, das Gesicht des ernsten, klugen Greises vor dir lebendig, der an einem blühenden Frühlingsabend dir erzählte von schwerem Schaffen der Iugendjahre, von Verfolgung und Drangsal im Osten . . . Stundenlang mochtest du zuhören. Aber die Pflicht riß dich fort, wo mag er sein? Traf ihn, Hochbetagt, zum zweiten Wal, längst vergessen, Demütigung im Land, wo er Ruhe und Stille zu finden geglaubt hatte? Da nimmst du ein altes Blatt zur Hand mit seltsamen Zeichen, und du stehst vor dir den kleinen Mongolen, der, unbeholfen in fremdartiger Schrift, feinen Rainen hinmalte aufs Papier und es dir gab, kindlich lächelnd. wo ist heute ein Unterschied zwischen dem allen Greis, dem Oröensmann vom Kloster, dem asiatischen Menschenkind ans unendlicher Steppe, dem Arzt vom pazifischen Ozean, den Landsturmleuten und Freiwilligen, den Lebendigen und den Toten jener Zeit? Sie sind nun alle untergctaucht ins große Meer der Vergangenheit. Raine und Ort, Land und Schicksal ist einem Jeden von ihnen — leben sie noch — in besonderer Art wieder eigen geworden. Ich aber weiß nichts mehr von ihnen. Sie nichts mehr von mir. Ich habe nur diese eine Gewißheit, daß mir und ihnen, dann und wann, an fernen Ozeanen, in einsamen Tälern, in Bergdorf und Großstadt, ein seltsames Zeichen wird, ein geheimnisvolles Signal aufblitzt, eine innere Stimme ertönt. Dann beginnt ein Rachsinnen, Grübeln, Fragen, Zucücktasten. Aber es mündet alles in die eine Frage, die im Leeren verklingt r;nd verschwimmt: wo seid ihr? . . . was bleibt uns zu tun? Ein Suchen, ein Formen, ein Rückwärtsschauen und Gestaltenwotten. Es mag geschehen, daß Gestalten Leben gewinnen und vor uns hintreten. Sie sprechen mit uns. wir sprechen zu ihnen, als sei alle^ gestern gewesen. Und Fragen und Antworten bedrängen uns. . Am Ende aber sind Rätsel und wieder Fragen. Den Ausweg weiß keiner. * Ja, wenn der Haß, wenn die bösen Worte nicht gewesen wären, dann hätte Abraham Rothenburger eigentlich als fromm gelten müssen in der Gemeinde. Der hielt seinen Schabbos wie kein Zweiter. Da wurden die Speisegesetze streng beachtet, da gabs keinen Morgeng'ttesdienst, ob es Gommer oder Winter war» den man versäumt hätte. . Cs war ja auch so vieles in ihm, von den Alten her, was ihn tun lehrte, wie sie es gehalten hatten. Früh hatte er den Vater verloren. Mit ihm war er kurz nach seinem Barmizwoschabbos stundenlang am Roschchoöesch Elul über bucklige Hügel gelaufen, um den berühmten Baal Schein von Michelstadt bol der Einweihung eines neuerbanten G'tteshaufes selber sehen zu dürfen ... Das war etwa um ) 840. Ein paar Jahre nachher durfte er schon als jugendlicher Vorbeter am Gebetpult stehen. (Er hatte eine besonders schöne Stimme.) Und dann kam etwas Aufregendes. Im Revolntionsjahr war er mit neugierigen Dorfburschen zusammen nach der nahen Stadt gelaufen. Man war neugierig, wollte sehen, was es Reues gäbe . . . Sic wurden aber geschnappt und ein paar Tage lang hinter Schloß und Riegel gesetzt, von den Freischärlern, die ebenso wenig mit sich spaßen ließen, wie die Preußen, die nach ihnen kamen. Nachher sprachen die Bauern im Dorf davon. „Ihr hättet sehen sollen, vor dem Abraham müßt man Respekt haben. Der war drei Tage im Rathaus gesessen und hat nix genommen, was die -ihm zu essen geben wollten. Wasser und Brot war alles. Die haben Mordsachtung vor ihm bekommen. Der hält' nichts Verräterisches getan,' meinten die Revoluzzer. Der Abraham ist sicher schuld, daß wir wieder rausgekommen sind." In den 60er Jahren brannte ihnen ihre alte baufällige Schul ab. Das darf nicht lange dauern, sagte er sich 'damals. Keinen Tag darf man zögern, bis wir wieder unsere Spnagoge haben. Eine Kehilla von zweihundert. Seelen — ja, ja, damals waren eg noch foviele . . . darf nicht ohne ein schönes G'tteshaus fein. Er sorgte, daß das Bauen richtig klappte, er sorgte für Gelder und Spenden, vor keinem hatte er Scheu, wenn es zu bitten galt. In der alten Schul hingen die Adelswappen und eine Art Bittgebet für das Geschlecht der ortsansässigen Adelsfamilie. Das ging wahrscheinlich auf alte Rechte ober Pflichten der Gemeinde zurück. Der Abraham Rothenburger ging aufs Schloß und bat den gnädigen Herrn Baron um eine Spende. Da gings aber nicht, wie er wollte, wenn der alte Baron noch gelebt hätte, mit dem waren sie alle, die Alten in der Kehillo beinahe auf Du und Du. Cr hatte einst eine Weltreise gemacht und erzählte ihnen oft genug vom heiligen Lande und der heiligen Stadt. (Er war streng katholisch.) Aber nun war er seit einigen Jahren tot,