Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1933)
- Date
- 1933-08-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 32 Der Israelit . Das englische Volk ist, als Totalität betrachtet, das Prototyp der Gerechtigkeit. Fairpiay in Wirtschaft und Politik geht über alles. Dieser prononeierte Gerechtigkeitssinn fühlt sich nun angesichts der vorn Deutschen Reiche staatlich sanktionierten Zurückdrängung der halben Mllion deutscher Juden empfindlich verletzt, weil die sogenannte Rassenpolitik und die aus ihr folgende Differenzierung zwischen Ariern und Richtar-iern für die Mentalität des Engländers ein Luch mit sieben Siegeln ist. Daher ist die Situation zurzeit in England eben dergestalt, das; auch der einflußreichste deutsche Jude, der mit dem Hinweis, das; man im Auslände durch antideutsche Rundgebungen Wasser aus die Mühlen der Judenfeinde schüttet, um Mäßigung flehen würde, bestenfalls ein Prediger in der wüste sein könnte. In 'Anbetracht dieser Sachlage, die für Deutschland und die in seinen Grenzen wohnenden Juden gleich ernst ist, ergibt sich die Frage: was soll werden? Derjenige im Ausland, der Deutschland liebt und niit offenen Augen objektiv die Entwicklung des Auslandes und des Reiches zugleich verfolgt, muß zu der Prognose kommen, daß, nach menschlicher Berechnung, wenn das deutsche Staatsschiff noch weiterhin in derselben Richtung fährt, es schließlich schweren Schaden nehmen kann. 2lll die gewaltigen Anstrengungen des Reichskanzlers und seines für die nationale Sache unermüdlich arbeitenden Kabinettes zum Wiederaufbau Deutschlands, bestehend in der Ankurbelung der deutschen Wirtschaft, der Behebung der Arbeitslosigkeit und der Sanierung der Staatsfinanzen, Anstrengungen, die überall anerkannt werden, sie können zu keinem positiven Ergebnis führen, wenn die Welt erklärt: wir boykottieren Deutschland! wenn es auch offiziell glücklicherweise noch nicht sy west ist, so sind, wie wir wissen, doch die Anhänger der Boykott-Politik unermüdlich an der Arbeit, die Welt gegen Deutschland zu beeinflussen. Ohne das Wohlwollen der Welt aber kann Deutschland nicht prosperieren. Das Ausland und vornehmlich die Millionen von Juden außerhalb Deutschlands, die sich mit dem Schicksal ihrer Brüder in Deutschland aufs innigste verbunden fühlen, w o l l e n a l l e s a n d e r e als das verderben der G e i st e s n a t r o n G o e t h e s u n d Schillers. Rur e i n Ziel steht ihnen vor Augen: Die Befreiung'der deutschen Juden aus ihrer unverdienten p a r i a st e l l u n g und die Revokation einiger d e m Ausland unmenschlich erscheinender Staatsgesetze j u d enfeindlichen Charakters, die man als Augenblicksprodukte einer heldenmütig durchkämpften Revolution, bei deren Hitze des Gefechts nicht alles -auf die Wagschale gelegt wird, vielleicht entschuldigen, n -r e a d e c 6 l S f tt r d t e D a u e c b esti m m t akzeptieren kann. Der deutsche Lebensraum darf solange für die deutschen Juden nicht unmöglich gemacht werden, solange für dieselben keine andere Riederlassungsmöglichkeit existiert. Der gesunde Menschenverstand wird früher oder später auch dem exaltiertesten Judenfeind sagen müssen, daß eine planmäßige hundertprozentige Sperrung der elementarsten Lebens- und Crnährungsmöglichkeiten der deutschen Juden — mögen sie noch so „artfremd" sein — nach nicht langer Zeit, da die noch wenigen Geldreserven absorbiert sind, einer Masservernichtung auf.indirektem Wege gleichkommen würde. Eine Konsolidierungdesverhältn i s s e s z w i f ch e n dem neuen Deutschland und den deutschen Juden tutdaher b i t t e r not. Und mir sind hier der felsenfesten Uebeczeugung, daß mit einer menschenwürdigen Lösung der Iudenfrage Deutschland nicht nur den Juden, sondern in erster Reihe sich selbst und der wclt einen unschätzbaren Dienst erweisen würde. Ist Deutschland gut beraten, so wird es einsehen, daß es sich hier nicht bloß um eine kleine innerpolitische Angelegenheit handelt, die eine unbedeutende „asiatische" Minderheit betrifft, sondern daß es vielmehr bei der Behandlung dieser ominösen Iudenfrage um ein Lebensinteresse des deutschen Volkes selber geht. von ethischen Gesichtspunkten soll hier nicht die Rede sein, aber aus r e i n politischen <D; p p o r t u n i tat s g r ü n 6" e n e r s ch ei n t e s i m d c u f f ch e n Inte r e f f c dring e n d erforderlich, eine das Ausland beruhigende Behandlungsweise der Juden eintveten zu lassen und die Lösung des Iudenproblems im neuen Deutschland als eine Gegenwartsaufgabe der nationalen Regierung von entscheidender Wichtigkeit ins Auge zu fassen, wird Deutschland den Ruf der Stunde hören? wer vermag dies zu beantworten, außer dem G'tte der Geschichte! Eines aber wissen wir. von der Beantwortung dieser Frage ist nicht nur die Restauration der tief gekränkten jüdischen Ehre abhängig, sondern — das Wohlergehen von 65 Millionen Deutscher, das w o h l e r g e h e n u n d d e r J r i e b e & e r 10 e 11. (wir haben unseren eigenen Standpunkt zu den im vorstehenden aufgerollten Fragen während der letzten Wochen wiederholt zürn entschiedenen Ausdruck gebracht; wir fühlen uns aber vor unserem Gewissen verpflichtet, die an Ort und Stelle aufgenommenen Eindrücke unseres Londoner Mitarbeiters, dessen objektive, ja deutschfreundliche Gesinnung über allen Zwoifel erhaben ist, der deutschen Öffentlichkeit nicht vorzuenthalten. Red.). Me ist es gekommen? Ein historischer Rückblick. Von Saly Geis in TelAwiw. Der nachfolgende Aufsatz ist vor mehr als Jahresfrist geschrieben, scheint uns aber von besonderer Aktualität. Das Bürgertum braucht durchaus nicht individualistisch zu sein, von ethischem Denken getragen, müßte es sich als Glied in einem Ganzen fühlen, dessen einzelnen Teile, da gleichwertig, auch gleichberechtigt sind. Zu dieser Höhe jedoch hat das Bürgertum stets nur einzelne seiner Besten emporsteigen sehen. Rimrods Machtstreben und Aegyptens Kastengeist waren zu alten Zeiten das Charakteristische auch dieser Zwischenschicht zwischen den Herrschenden und den Beherrschten. In der Geschichte der Menschheit haben nur revolutionäre Zeiten mit Höhenflug dieses Bild vorübergehend geändert. Sobald sich aber die wogen geglättet hatten utt& der nüchterne Alltag der Herr geworden war, trat wieder die alte Tendenz nach Macht und Herrschen in den Vordergrund. Selbst die französische Revolution mit ihrer kühnen Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" erstickte schnell unter dem Griffe des korsischen Rimrods. Der Geist der Volkswelle, die den genialen Willensmenschen emporgehoben hatte, ließ sich freilich nicht ganz bannen und drückte dem neunzehnten Jahrhundert immerhin manche Spuren ein. Die absolutistische Gewalt mußte sich überall eine Volksvertretung beigesellen. Freilich verwandte sie nach dem aufgezwungencn Zugeständnis die Kunst ihrer Diplomatie dazu, aus dem Parlament ein Scheinparlament zu gestalten. Auch ließ es sich nicht umgehen, den Parias des christlichen Staates, den Juden, eine Schememanzipation zu gewähren und sie überdies noch in die Bürgerklasse aufzunehmen, nachdem man sie von der manuellen Arbeit feit Jahrhunderten ausgeschlossen hatte. Ls genügt ein Gang durch die Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, um zu erkennen, wie wenig die Rechte der Volksmassen selbst das Denken des Bütgerstandes beschäftigten, und wie sehr diese dem Adel gegenüber um ihre Stellung kämpfende Klasse sich gegen jeden noch so berechtigten Anspruch des sogenannten Proletariats stemmte. Der kleinste Besitz verlieh das Herrenbewußtsein über den Besitzlosen, denn mit dem kleinsten Besitz war man ein Bürger und konnte mit der ständigen Mehrung seiner Habe — wenn vielleicht auch nicht selber, so doch in seinen Kindern oder Kindeskindern — bis zu den höhen des Adels emporklimmen. was aber das Schlimmste war: diese Knechtesmoral erfüllte auch die Besitzlosen; auch sie ersehnten nichts anderes, als Besitzende zu werden, die Sprossen zu erfassen und hinaufzuklimmen. Die ersten Sozialisten wurden in der öffentlichen Meinung als lebensfremde Theoretiker oder als bekämpfenswerte Demagogen oder als nicht ganz nor- ___ 10. August 1933 male Schwärmer ausgenommen^ 'Cs hatteden An-- schein von Recht, ihre Wortführer üntev einer von diesen drei Spezies zu klasstfizieren, da diese Männer in der Regel selber ein bürgerliches Leben.'führten. Die jahrzehntelangen Vorbereitungen und die endliche Tatsache des Weltkrieges wäre ohne die Zustimmung, der Sozialdemokratien der Westländer und ihrerMassen unmöglich gewesen. Die Industrialisierung und das Uebermächügwerden des Kapitalismus hatten wohl die Anhänger der Sozialdemokratie so anwachsen lassen, daß die Regierungen sich endlich bequemen mußten, mit dieser politischen Bewegung sonst zu rechnen und ihr Konzessionen zu machen, — aber die Gesinnung der proletarischen Masse war dennoch die alte geblieben und verherrlichte weiter Besitz und Besitzende. weil die Grundstimmung der volksmassen unverändert geblieben war, genügte den Regierungen ein Schlagwort, um ihre Völker zum mörderischen Kampfe zu entflammen. Cs ließe sich sehr wohl eine Massenpsychose als Folge einer Augenblickswirkung vorftellen; bei diesem schon seit Jahr und Tag durch Rüstungen immer nähergeführten Krieg hatte sich aber — und das ist das Deprimierende — die Psychose der Masse gleichfalls schon seit Jahr und Tag für den großen Moment empfänglich machen lassen. Jedes- Schullesebuch legt Zeugnis von dieser Tatsache ab. Und der Lesestoff der Erwachsenen? Die Musestunden der Bürgerlichen und der Volksmassen gehör-- ten Erzählungen unö Romanen, die die Welt der durch Stellung, Geld und Besitz Ausgezeichneten schilderten und so wenigstens das Miterleben erträumen ließen, wenn ein gestaltender Künstler schon einmal feinen Stoff aus dem Volke nahm, dann geschah es meist auch im Rimbus der Macht und ihrer Träger. „Sie wurden reich und glücklich, und wenn sie nicht gestorben stnd, leben sie heute noch," lautete da der Cndrefrain. Uebelriechende Gassen und Schlupflöcher der Armut zu schildern, wurde ganz allgemein als Kritik gegen die von den Besitzenden dekretierte weltordnung und darum als unästhetisch und unmorallsch oder — wenn vom genialen Künstler geschildert — als interessante Bilder aus Milieus, die einen nicht berührter, empfunden. Rur wenige fühlten sie als eine Anklage gegen die eigene Ethik und Lebensführung. Rur in einer solchen Atmosphäre des Mangels an eigener Verantwortlichkeit den Weltgeschehnissen gegenüber konnte ein Krieg, der ein Hohn auf zweitausend Jahre Christentum, auf Humanismus, Menschlichkeit und Menschenwürde war, entstehen^ Wohl gab es gerade im neunzehnten Jahrhundert in allen Schichten — selbst unter den Fürsten — auch edle, von sittlichem Wollen, Gerechtigkeit und Güte geleitete Menschen mit einem verstehenden sozialen Gewissen, — doch sie erkannten nicht den großen Irrtum der von den Machthabern der Menschheit bestimmten Anschauungsweise, Gesetze und Einrichtungen, oder sie glaubten nur an die Möglichkeit einer allmählichen Aenderuiig im harmonischen Verein mit fortschreitender Gesittung und Kultur. Da sie das System zu Recht bestehen ließen, so erreichten sie mit allem gut gemeinten Tun nicht mehr als ein Hinwegtäuschen über die Mißstände, die in dem iudividualistischcn, antisozialen Kapitalismus ihre Ursache haben, — und in diesen Kapitalismus hat sich von jeher das Bürgertum egoistisch und kurzsichtig eingereiht. So sah die Welt aus, in der die von der Einschließung/des Ghetto befreiten Juden sich nun bewegten. Ueberöies war ihnen die Emanzipation unter der Voraussetzung gegeben worden, ihre jüdischen Besonderheiten aufzugeben und sich ihrer Umgebung änzugleichen. : : Damals hielten nur die wenigen Juden in den Städten Fühlung zu den geistigen Strömungen und Geschehnissen der Zeit. Sie legten meist aber so bereitwillig und gründlich ihre jüdische Eigenart ab, daß z. B. in Berlin geradezu eine Taufseüche entstand. Der größte Teil der Juden wohnte noch in der Kleinstadt und auf dem Lande, fernab vom Verkehr. Das war ein Glück. Sonst hätte Westeuropa innerhalb weniger Jahrzehnte einen großen Zusammenbruch seiner Iudenheiten gesehen. Der Taumel der ersten Begeisterung verrauschte. Die Regierungen suchten den Juden die Emanzipation mindestens in der Praxis illusorisch zu machen. Auch