Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1933)
- Date
- 1933-08-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Israelit Nr. 32 Seite 3 | I 10. AüZust 1933_ ,_._ Demgegenüber wäre von besonderem Interesse .festzustellen, welche Haltung König Feisal vom Irak .gegenüber einer organisierten Mischen Linwanderung .einnähme. Irak ist heute >e>in selbständiger Staat, der dem Völkerbund angehört und der, wie sich aus den welöungen der englischen Presse anläßlich des Besuches König Feisals in London ergibt, den größten wert daraus legt, den Anschluß än die Kultur zu suchen und seine Wirtschaft mit dem Aufgebot des ganzen neugeschaffenen staatlichen Apparates so intensiv wie möglich zu entwickeln. Die jüdische Gemeinde in Bagdad, die eine große Vergangenheit hat und noch heute über Wärmer von Ansehen und Einfluß, auch über ein gewisses Maß von materiellem Wohlstand verfügt, wäre ein guter Stützpunkt für jüdische Siedlungen in dem menschenarmen, aber mit größter Wirtschaftskapazität ausgestatteten Land, das noch zudem als die zweite Heimat des jüdischen Volkes, als die Geburtsstätte des babylonischen Talmuds einen besonderen Gefühlswert für geschichtsbewußte Juden besitzt. Wohl ist das Bedenken nicht von der Hand zu weifen, daß auch Mesopotamien vom Standpunkt der Sicherheit nicht als eine gefabrenlosc Siedlungszone betrachtet werden kann. Aber angesichts der ganzen Weltlage und angesichts der Notwendigkeit, für Hunderttausende von Juden neue Wohnstätten ZU suchen, scheint es uns doch des Schweißes der Tölen wert, der Frage umfangreicher jüdischer Siedlungen im Irak ernste Aufmerksamkeit zu widmen. Wir wissen nicht, ob in dieser Hinsicht in London Verhandlungen bereits gepflogen worden sind, halten es aber für die Pflicht der jüdischen Presse, die berufenen Instanzen immer wieder darauf hinzuweisen, daß der Irak neben Transjordanien jederfalls ein wünschenswerteres Auswanderungsziel auch für deutsche Juden bedeutet als etwa — Madagaskar oder Aordaustralien. Wir sind der Ueberzeugung, daß auf lange Sicht die (limvanbcmncs von Juden nach dem Irak und nach Transjovdanien auch den arabischen Nationalisten nicht nur schmackhaft gemacht werden könnte, sondern daß, weutt diesen Plänen Verwirklichung winkt, dadurch eine wesentliche Tntspannung der Beziehungen zwischen Arabern und Juden im heiligen Lande selbst herbeigesührt werden könnte, weder in Transjordanien noch im Irak steht eine Balfourerklärung als Stein des Anstoßes im Wege, und auch der mißtrauischste arabische Politiker wird zugebeu, daß die Juden in diesen Ländern niemals daran denken können, eine Mehrheit oder politische Vorherrschaft zu erstreben. Zur Lösung der „Iudcnfrage", soweit es eine solche Lösung im Golus überhaupt gibt, würden aber starke jüdische winderheitssiedlungen in Transjordanien und dem Irak sowie evtl. Serien in Verbindung mit der nationalen Heimstätte in Trez Isroel in rein wirtschaftlicher Hinsicht einen bedeutungsvollen Faktor darstellen, ohne daß diese Gebiete politisch irgendwie einen Gefahrenpunkt für die Araber bilden könnten. Man sollte glauben, daß der arabische Nationalismus verstandesmäßigen Erwägungen dieser Art zugänglich sein müßte. Ein freimütiges Geständnis. In London tagt augenblicklich unter dem Vorsitz des bekannten englischen Liberalen, Rabbi Dr. I. I. M a t t u ck, eine Konferenz des „Weltverbandes für das liberale Judentum". Aus einer Aussprache, die bei dieser Gelegenheit über den öffentlichen jüdischen G'ttesdienst ftattfand, ist ein Referat des amerikanischen Reformcabbiners Julius Mark einigermaßen bemerkenswert, weil sie all das bestätigt, was man seit einem Jahrhundert von orthodoxer Seite über die reformatorischen versuche am jüdischen G'ttesdienst gesagt hat. Rabbi Mark stellt fest, daß die liberalen Juden „nicht in die Synagoge gehen, um zu beten, sondern um eine Ansprache zu hören." Die jüdischliberalen Prediger Amerikas feien die beredtesten und hätten die größte Zuhörerschaft, aber was fei damit erreicht? Das Gebetbuch habe man „redigiert". Revisionen v o n Gebetbüchern seien aber etwas ähnliches wie G e I d i n f'l a - t i o n e n. Ts kommt bald die Zeit, da die Revision wieder revisionsbedürfig ist. Das liberale Judentum müsse die Menschen wieder beten lernen und sie zu aktiver Teilnahme am G'ttesdienst veranlassen. Jetzt säßen sie häufig da und hörten einem bezahlten Chor zu. Freilich hat der Redner der Konfernez nicht klar zu machen versucht, wie es das liberale Judentum denn fertig bringen soll, die Menschen wieder in jene persönliche Beziehung zum Schöpfer des Himmels und der Erde zu bringen, deren Voraussetzung eben a u f r i ch t i g e T m u n o im S i n n e d e s alten Indent u m s i ft. Ohne diese Voraussetzung hat es auch recht wenig Sinn, wenn beispielsweise Herr Prof. T l b o g e n aus Berlin bei dem gleichen Anlaß den liberalen Juden die Genehmigung erteilt, ihrem G'tte Bittgebete vorzutragen und es sogar für „zulässig" erklärt, an G'tt die Bitte um das tägliche Brot zu richten. Dieses Zugeständnis an die Auffassung der Orthodoxie ist zwar wertvoll, aber es fehlen ihm vorläufig die weltanschaulichen Voraussetzungen. Möglicherweise werden uns die Erschütterungen der geschichtlichen Creignisse auch hier allmählich weiterführen und eine Stimmung schaffen, aus der heraus wiederum aufrichtiger Glaube und die Anerkennung des biblischen Wortes als G'ttes Wort hervorkeimen kann. Zur Lösung des Judenproblems im neuen Deutschland. Von Edgar Zit. Stern in London. In Ar. 21 der bekannten in England erscheinenden Zeitschrift „The Jewish Standard“ befindet sich ein Artikel vom Auslandsrodakteur unter dem Titel „Shall there be a Gevman-Jewish concordate?" der auch in den Kreisen der deutschen Iudeüheit Beachtung verdient. Ausgehend von der letzten wichtigen Sitzung des Board of Doputies, in der gegen eine Minorität, von 25 Stimmen der für Deutschland und die deutschen Juden bedeutungsvolle Beschluß gefaßt wurde, die v e r k ü n d u n g eines offiziellen Boykotts gegen D e u t s ch l a n d a b z u l e h ne n, bespricht der Artikel nach eingehender Erörterung der innerdeutschen politischen Gegenwartskonstellation die Möglichkeit einer d e u t s ch - j ü d i s ch e n Etuig u n g. Es heißt dort wörtlich: „Cs sollte sicherlich möglich sein, zu irgend einer vernünftigen Verständigung mit der gegenwärtigen deutschen Regierung zu konrmen. Es gibt nichts, was die große Klaffe der deutschen Juden mehr herbeisehnen würde, als mitaufbaueu zu helfen am deutschen Staate, in dem sic gelebt und für den sie gearbeitet haben so viele Jahrhunderte." Das sind goldene Worte der politischen Einsicht, und sie gehören in Anbetracht der in England zurzeit herrschenden besonders stark ausgeprägten antideutschen S t i m m u n g zu den Raritäten, die der Vernünftige begrüßen wird. Diese antideutsche Stimmung aber, die von keinen Zweckpolitikeru irgendeiner Observanz dem Volke eiugeimpft wurde, sondern die eben d a ist und mit r a - s e n d c r Geschwindigkeit nunmehr wie eine Feucrsbrunst um sich greift, ist keinesfalls vom grünen Tisch in Deutschland ans mit Gründen der Ratio zu begreifen. Kur der an Ort und Stelle, der ein psychologisches Fingerspitzengefühl für die Seele der Volksmassen hat, kann das starke V erlang e n verstehen, demonstrieren und protestieren zu dürfen. Ob mit Recht oder Unrecht, ob mit politischer Klugheit oder Gefahren heraufbeschwörender Taktlosigkeit hier in England von jüdisch e r und n i ch t j ü d i s ch c r Seite der 'Abneigung gegen viele Punkte der deutschen Rcgierungspolitik mit solcher Vehemenz Ausdruck verliehen wird, das ist zunächst in diesem Zusammenhang von sekundärer Bedeutung. Mit vollem Recht ist der „Israelit" wiederholt energisch den Boykott-Demonstrationen entgegcngetreten. . Für uns ist es aber jedenfalls wichtig, die politischen Realitäten ins Auge zu fassen, wie sie sind und nicht, wie man sie herbeisehnt. Familie des Absenders zurückgelangte. Dieses Schreiben, das unter Berücksichtigung des damaligen Briefstiles eine auch für heutige Verhältnisse nicht alltägliche Geistes¬ und Herzensbildung beweist, rührt nicht etwa, wie man vielleicht meinen könnte, von einem Lehrer her, sondern der Briefschreiber war ein schlichter Dorfjude auf einem ganz kleinen Platz, der heute, nach 75 Jahren, noch keine Eisenbahn hat, ein Mann, der neben seinem Geschäft noch selbst die Landwirtschaft betrieb. Wir lassen nun das erwähnte Schreiben im Wortlaut folgen: A.den 6. Dez. 1857: Werthester Freund! Es war mir schon oft das Vergnügen gegönnt, Briefe von Deinen lieben Eltern an Dich zu schreiben, auch Grüße von mir selbst beizufügen, und ich hatte auf diese Art schon manche Freude an Dir erlebt, indem Du auch immer so artig gewesen bist, meiner in Deinen geschätzten Briefen zu gedenken und zu grüßen. Heute gehe ich aber mit schwerem und betrübten Herzen daran. Dir zu schreiben, denn ich habe Dir keine gute Botschaft zu bringen. Doch! was G'tt thut, ist wohlgethan — und erschrecke nicht, die Pflicht als Freund und noch mehr als Israelit drängt mich. Dir mitzutheilen, daß Dein lieber Vater, Herr P. Sch. gestern Nachmittags */,3 Uhr, den 5. Dezember, oder nach jüdischer Zeitrechnung n"' nt^a rnv gestorben und heute begraben worden ist. Er war nur 8 Tage krank und starb an einer Brustentzündung, trotz aller angewandten ärztlichen Hilfe. Sein Krankenlager ist nicht allzusehr schmerzhaft oder lang zu nennen, und ist er auch im Beisein aller hiesigen Israeliten sanft und fromm in G'ttes Willen ergeben entschlafen. Er wird allgemein von Jedermann viel bedauert. Nehme es Dir nicht so gar tief zu Herzen und nehme Trost an. Halte fest an unserer heiligen Religion und richte Dein Leben darnach ein, und bedenke, daß wir alle nur sterbliche Menschen sind, diese Welt nach kurz oder lang verlassen müssen, und wenn wir fromm gelebt haben, mit unseren Freunden Jenseits vereint werden. Bedenke, daß Du der einzig hinterlastene Sohn Deines verlebten Vaters bist und daher die Pflicht ganz allein auf Dir ruht, die üblichen Gebete und nicht zu versäumen. Hierdurch kannst Du Deinen sel. Vater auch nach seinem Tode noch ehren und als Israelit bist Du schuldig, solches pünktlich zu erfüllen. Bergeffe auch nicht, alljährlich das Jahrzeit gehörig zu halten. Noch will ich Dich aufmerksam machen,' wenn Du diesen Brief vor dem, daß 30 Tage von heute an vorübergegangen sind, empfängst, bist Du verpflichtet, ow nwu und auch a->®w zu halten. Ich bitte Dich, mir dies mein Schreiben nicht übel aufzunehmen da mich nur freundschaftliche Rücksichten hierzu veranlassen. Andere Neuigkeiten will ich heute keine beifügen und nur bemerken, daß sich Deine liebe Mutter und Schwestern nach Umständen gesund und wohl befinden. Gebe gütigst sobald als nur möglich Nachricht, ob Du diesen Brief empfangen hast, woraus sich Deine l. Mutter und alle Deine Freunde verlassen. Indem ich Dich noch im Auftrag Deiner sämtlichen Verwandten und aller Hiesigen vielmals grüße, verbleibe Dein treuer Freund I. S. Die Kinder... Der lachenden Kinder fröhliches Spiel War Segen und Glück, War unendlich viel, — Licht und Sonne und Helligkeit, Hingeschüttet in unsere Tage . . . Ist es vorbei? Sind auch die Kleinen Schon berührt vom neuen Geschick, Vom alten Geschehen, Sind auch die jungen Stirnen umschattet Vom Grübeln des Tags und den Sorgen der Nacht? — Seid nur nicht töricht. Sie ahnen es alle. Hütet ihr sie auch vor jeder Bedrängnis, Immer enger ziehen sich Kreise, Schwerer werden die Fesseln und Ketten — Sie sind nicht mehr frei. Wer weiß, wann sie wieder Mit Spiel und mit Lachen Die Alten beglücken, Das Niedergedrücktsein Den Ratlosen nehmen, dem wunden Geschlecht . . . Es bleibt nur der Weg, die Fahrt und das Ziel. Man heißt sie, zu wandern — Einst war es ihr Spiel, Durch Wälder und Täler Zu ziehen ins Ferne — - Jetzt gilt es, zu suchen im Dickicht des Lebens, Die Lichtung zu schlagen im Urwald der Welt. Wandernde Scharen — so wird euer Dasein . . . Aber einmal lächeln die Kinder Irgendwo wieder auf g'ttlicher Erde, Rasten die Enkel am blühenden Feld . . . Karl Darmstädter. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. 58.: S. Sch ach « nowitz. ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck SEsS=.\S3! Hermon Druckerei, Frankfurt a. M> WZ ■ : : 'A Vf ■•r