Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1933)
- Date
- 1933-08-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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ml» ■ « VI i>r*- VÄ* Nur Nluk. Von Ilija Brilan. Einzig autorisierte Uebertragung von Dr. Bernhard Hirschberg-Schrader. Am öen Sommerabenden sitzen «uf den Bänken in den Berliner parks^ viele arme russische Flüchtlinge. AL und zu teilen sie einander, einige dürftige, selten beruhigende Neuigkeiten mit. Sie sind des Klageiis müde und tun es doch immer wieder. i „Wie geht es Ihnen?", fragte ein Alaun mit grauen Haaren, sich an einen Kahlköpfigen wendend/ „Danke, schlechte Aach zwei Wochen wird es noch schlimmer.sein,' erwiderte der Angeredete, „Ja, es ist hoffnungslos. Uebrigens schlimmer kann es gar nicht mehr werden," bemerkte der Grauhaarige. „Entschuldigen Sie,-meine Herren," mengte sich jetzt in das Gespräch, wenn es als solches bezeichnet werden darf, ein ihnen unbekannter Jude mit dem langen Bart eines biblischen Patriarchen und blauen 'Augen uoll Feuer und Humor. „Schlimmer kann es unmöglich werden, aber weshalb soll es denn hoff-' nungslos fein? An G'tt glauben Sie anscheiuetrd nicht, G'tt ist für Sie kein Trost mehr. Ich kann es verstehen. Aber wenn Sie erlauben, will ich Ihnen eine alte chasstdische Legende erzählen, die ich noch als Lind einmal in Kifchinew gehört habe. Gestatten Sic?" Cr erhielt keine Antwort, faßte das als Zustimmung auf und sagte: „Arm gut, so hören Sie mir zu. . In einer kleinen Ortschaft lebte . ein frommer, wohlhabender Lhassid, Reb Weier. Eines Tages erfuhr er, daß in der Aachbarstadt eine sehr guie Fabrik versteigert wird. Reb Meier zählte sein Geld zusammen, achtzehntausend Rubel (achtzehn — eine Glückszähl!), nahm feinen Buchhalter mit, ohne den er sich fühlte wie ein Mensch ohne Hände, und fuhr in seinem Wagen zur Stadt. Unterwegs wurde es dunkel. Sie übernachteten in einem Gasthof und setzten am nächsten Morgen ihren Weg fort, denn sie mußten pünktlich um zwölf Uhr mittags zur Stelle fein. Als sie bereits in der Aähc der Stadt waren, fuhr Reb Meier plötzlich vor Schreck zusammen: die Brieftasche mit dem Geld war fort, verloren oder im Gasthof zurückgelassen. 'Achtzehntausend Rubel! Das war vor Neunzig Jahren oirr vermögen. Der Buchhalter wollte umkehren, aber Reb Meier sagte: „Aein, ohne Dich wird aus dem ganzen Geschäft nichts.". Cs war bereits halb zwölf geworden. Sie führen weiter, plötzlich werden sie angchalten. Cs ist, ein Freund Reb Meiers, der als steinreicher Mann galt. Sie komnien ins Gespräch. „Machen Sie sich keine Sorgen, Reb Meier, hier stnd achtzehntausend Rubel, bei Ihnen ist das Geld gut aufgehoben." Reb Meier eilt zur Versteigerung, er will unter allen Umständen die Fabrik erwerben. Und er bat Glück. Line Woche spätes wird ihm für die Fabrik das Doppelte, das Dreifache, ja das Fünffache geboten Reb Meier ist ein reicher Mann geworden. Die Schuld'-hat er natürlich zurückgezahlt.' Drei Monate später'begibt ei! sich mit dem Buchhalter in die Ortschaft, in her seine Familie wohnt, um sie abzuholen, und kommt an dem Gasthof vorbei. „Herr,. lassen Sie uns hineingchen, vielleicht ist das Geld unversehrt," meint der Buchhalter. „Aein, lieber nicht, man darf einen- Menschen nicht in Verlegenheit bringen. Wenn der Gastwirt das Geld aufgehoben hat. und es mir zurückgebcn will, wird er es schon aus eigenen Stücken tun," erwiderte Reb Meier. Währenddessen hatte der Besitzer des Gasthofes Reb Meier durchs Fenster erblickt: Cr kam sofort gelaufen und rief: „Reb Meier, Sie haben ja bei mir das Geld vergessen, hier ist es." Als Reh Meier das Geld empfangen hatte — er gab es später dem Svnagogenvorstand zur Verteilung an die Armen — begann er bitterlich zu weinen. Der Buchhalter wunderte sich, wagte aber nicht zu fragen, um ihn nicht zu verwirren, denn er sagte sich, daß das plötzliche Weinen feinen Grund haben müsse. Fünf Jahre vergingen. Der Buchhalter hatte sich selbständig gemacht und besaß in einem Städtchen ein kleines Geschäft. An einem Freitagabend schließt er den Laden, geht auf' die Straße hiuaus und erblickt einen armen, sehr hinfälligen allen Mann. „Mein'G'tt, Reb Meier! Wie sehen Sie aus? Wo ist das viele Geld geblieben?" „Alles längst dahin, alles, ich habe keine Kopeke mehr." Der ehemalige Buchhalter Reb Meiers hatte Mitleid: „Hier sind fünf Rubel, kaufen Sie sich Wäsche, gehen Sie dann in die Badeanstalt und kommen Sie zum Sabbatmahl zu uns. Meine Frau und die Kinder werden sich sehr freuen ..." Der Tisch war gedeckt, das Cssen aufgetvageu, aber Reb Meier fehlte noch immer. Der Buchhalter wird ängstlich. Vielleicht ist dem allen Manne im Bad etwas zugestoßen oder er ist vom Schlag gerührt.' Cr läuft in die Badeanstalt. Alles leer. Plötzlich hört er jemanden singen. Der Gesang scheint aus der letzten Kabine zu kommen. Der Buchhalter eilt hinein und findet dort Reb Meier vor. Cr wird ungehalten. „Hören Sie, Reb Meier, wir warten die ganze Zeit auf Sie, das Cfsen ist schon (alt geworden; 'und Sie sitzen hier und singen. Kleiden Sie sich an und koinmen Sie mit mir." „Ich soll mich ankleiden, das ist leichter gesagt als getan. Wie soll ich das «rächen, wenn man mir alles gestohlen hat, alles, die neue und die alte Wäsche, die' Kleider und die Schuhe. Ich bin vollkommen nackt . . ." „Das ist allerdings ein großes Unglück, Reb Meier, aber weshalb singen Sie denn?" „Weshalb ich singe? Crinnerst Du Dich, daß ich in Tränen ausgebrochcn war, als .ich die achtzehntausend Rubel zurückbekornmen hatte. Damals war es recht von Dir, mich nach dem Grunde meines Kummers nicht zu fragen. Jetzt aber will ich es Dir erklären. Ich mußte weinen, weil mir alles geglückt war wie kaum einem anderen auf der Welt. Ich hatte alles. Und es war mir zum Bewußtsein gelangt, daß es mir nicht mehr besser gehen kann, eher schlechter. Du siehst, ich habe Recht behalten. Aber jetzt, da ich nichts mehr besitze, da cs nicht mehr schlimmer werden kann, singe ich. Jetzt kann es nur besser werden." „Begreifen Sie den Sinn dieser Legende? Wenn es am traurigsten ist, wenn cs unmöglich noch schlimmer werden kann, so. ist es darum noch nicht hoffnungslos. Also verlieren Sie nicht den Mut." Das Weingarken'fche Waisenhaus inZerusalem. . ' . ' , '' : , I. Aus einem Artikel im «Doar Hajom". Alle kennt Ihr bie Jaffastraße in Jerusalem, jene lange Straßedie die neue Stadt wie ein roter Faden durchzieht und sie in zwei Teile teilt. In der Mitte stehen die großen Gebäude der Alliance Jsraelite Universelle, im einem Teil derselben das Institut, bas den Namen trägt: „Allgemeines Waisenhaus". Es ist einzig in seiner Art in Jerusalem und vielleicht im ganzen Land. Vor 31 Jahren wurde es gegründet. In stiller Arbeit leistete es Großes während dieser Zeit. Nicht einmal sein 30jähriges Jubiläum feierte es im vorigen Jahre. - -Brüder und Schwestern, Waise-sein bedeutet eine Tragödie. Und das Leben von 150 Waisen— 150 Tragödien. Das „Allgemeine Waisenhaus" in Jerusalem birgt 150 solcher Tragödien. Hier m unserem Lande ist das Wäise-sein nicht so einfach, gibt es doch hier Kirchen und Missionen, die auf der Lauer liegen nach der Waise, „Wohltäter", die nicht nur für ihr Brot, sondern auch für ihr .Seelenheil. sorgen, sie. für das Christentum gewinnen. wollen und gewinnen. Gelingt.dieses Vorhaben zur Zeit' nicht immer, und sogar nur in beschränktem Maße,'so'ist dies dem Bestehen unseres Institutes zu verdanken, das jüdische Seelen vor der Mission und der Taufe rettet. Dies war es wohl auch, was vor 31 Jahren den greisen Rabbi Schmuel Salant, den allgemein verehrten Rabbi von Jerusalem veranlaßte, Rabbi David Weingarten zur Gründung dieses Institutes zu bewegen. 31 Jahre trägt er nun seine Last. Schon sind Kinder des Hauses erwachsen, bereits Mutter geworden, unterstützen selbst schon zum Teil das Heim. Heute arbeitet im Heim eine deutsche Jüdin, vor Jahren kai? sie ins Land, sie beherrscht das Hebräische und sie lernte es, Mutter von 150 Waisen zu sein, 150 Tragödien in freudige, junge Leben zu wandeln. Ueberaus schwer ist die finanzielle Lage der Anstalt. Rabbi D. Weingarten und M. S. Minzberg stehen täglich vor der Frage: Können sie das Heim erhalten? Können sie weiterhin Essen und Trinken besorgen für 150 Waisen? Wird der Krämer eines Tages aufhören, das notwendige Mehl zu borgen? Wird es noch fernerhin gelingen, mit den Mietzins im Rückstand«zu bleiben? Derlei sehr prosaische, schwierige Fragen harren ihrer Lösung ... II. Bruchstücke aus Briefen. Von 3. R. Tel-Awiw, Schiwah Assar betamus 5693. 1. Daß ich heute wieder fortwährend an Jerusalem denke, ist schließlich kein Wunder. Es zwingt mich, irgend etwas zu tun für diese Stadt. Ich weiß ja, wieviel für sie zu tun ist. Ich weiß ja, wie arm . sie ist, unsere schönste, heiligste Stadt. Wie arm sind ihre Kinder, ich meine die, die keine Mutter haben außer ihr, der heiligen Stadt Jerusalem, die von ihnen geliebt wird und die sie liebt. Dort in. dem großen Haus — (es ist so gebaut wie alle echten Jerusalemer Häuser: aus den großen, hellen Steinen der judäischen Berge) — in seinem breiten Hof hat man ein kleines verhutzeltes und verbeultes Gefchöpfchen gefunden. Gar keinen Ton gab es von sich, die vielen Wunden auf dem kleinen Körper sagten auch wirklich viel mehr, als irgend jemand mit den Lippen hätte reden können. Eine verzweifelte. Mutter oder ein Vater muß es da hineingeworfen haben. Sicher waren es -jüdische Eltern, denn später flüsterte es „Mutter" in unserer Sprache. Wenn Ihr jetzt ein kleines lachendes Mädel von vermutlich drei Jahren in allen Klassenräumen bei den vielen, älteren Schwestern, in der großen Küche, im Wäschezimmer und im Zimmer der „Doda Chana" herumspazieren seht, werdet Ihr nicht glauben, was ich vorhin erzählt habe. Vielleicht, wenn Ihr bemerkt, wie krumm, wie gebückt die Kleine noch geht — wie unter der Last eines schweren, ihr selbst nicht bewußten Erlebnisses — werdet Ihr mir eher glauben. Den besten Platz in Jerusalem hat man ihr (bewußt oder unbewußt) gewählt, sie hat, trotzdem si^ in einer Anstalt von 150 Kindern ist, — glaubt nicht, daß ich jetzt übertreibe: — ein Heim von wirklicher Liebe und Fürsorge. Sie hatte bis jetzt noch immer genug zu essen, sie hat ein Bettchen für sich allein zum Schläfen, sie hat eine bedachte Pflege des Körpers und der Seele. 2. Am Abend ist es in Jerusalem am schönsten. Ihr habt schon genug von unserem Sternhimmel gehört. Stellt ihn Euch vor über den Hügeln und stufigen Bergen, über den vielen hellen Kuppeln und Dächern unserer schönsten Stadt, in der es am Abend unendlich friedlich ist. Tel-Awitv empfindet man als übervölkert (um einsam zu sein, geht man am besten am Meer entlang, in der Richtung zum Jarkon) — Jerusalem ist sehr still am Abend, es ist nicht ein solches Leben und Treiben wie in den Straßen von Tel-Awiw. Und wenn Ihr schon einen so schönen, sehr ruhigen Abend in Jerusalem habt, dann kommt einen Augenblick mit hinein ins ,:Heim", kommt mit auf den Zehenspitzen in den riesenlangen Schlafsaal und. empfindet einmal richtig, was Friede heißt. Immer, wenn wir durchgehen, von Bett zu Bett wandern, um zu sehen, ob alle schlafen, um morgens frisch und munter aufzuwachen, — immer sagt sie dann, die Frau, der zumeist zu danken ist für diese Ruhe. und.biesen Frieden: „Ist es nicht ein Wunder, ein wirkliches Wunder, daß sie alle schlafen, alle gesund und ruhig atmen?" Und wir denken beide, daß es ein Wunder ist. Wir denken, daß sie oft nicht satt werden, baß sie fast alle mit bösen Krankheiten und den verschiedensten Schwierigkeiten kamen. Wir denken eben, daß es ein Wunder, ist, daß sie alle gesund sind, unsere ärmsten Kinder der Mutter Jerusalem. 3. „Unser Leben im Heim". (Uebersetzung einer kleinen Arbeit einer Zehnjährigen.) Wir sind sehr froh und singen viele Lieder. Die alten, die wir schon können und neue, die wir so lange singen, bis wir sie auch wissen. Wir freuen uns sehr, daß bald Ferien kommen, dann ist das Lernen genug. Dann spielen wir so schöne Spiele, ich und. meine Freundinnen und die. Lehrerinnen. Wir wollen nach Tel-Awiw fahren und uns an den Strand setzen und die Wellen ansehen und ihrem Lärm zuhören. Das ist bas Schönste von allem. Wir können über gute,Dinge reden und unsere Ausgaben wiederholen. Wir haben im Heim eine Frau, sie ist wie eine Mutter. Sie lehrt uns viel. Wenn wir uns abends ins Bett legen, freuen wir uns, weil es im Heim sehr schön ist. 4. Sabbat Morgen. Es ist glühend heiß draußen, aber im Hof bei uns ist es kühl, denn bie Steinwände von allen Seiten halten die Sonne ab. Die Großen sitzen alle im Hof, weil der Schiur jetzt anfängt. Sie sind gespannt, was es heute gibt. Am meisten freuen sie sich auf die Unterhaltung, die sich oft aus dein Zusammenhang ergibt. Und heute wird es wirklich interessant, denn man kommt auf etwas, das sie alle glühend interessiert. Man spricht von den Juden „Chuz laaretz". Ueber die Juden in Deutschland wollen sie alle viel wissen, sie fragen durcheinandr. Da sagt man ihnen, daß in Deutschland viele, viele Juden sind, die gar nicht mehr wüßten, daß sie es sind, die gar nicht mehr wüßten, daß Erez