Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1933)
- Date
- 1933-08-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 31 Der Israelit 3. August 1933 6. Die Unterscheidung der Regierung von arischen und mchtarischeu Deutschen wird von uns als Tatbestand akzeptiert und bejaht, weil wir wissen, das; die Söhne Sems und die-Söhne Iaphets ursprungsgleich und auftragsgemäß voneinander unterschieden sein müssen. Wir wissen aber auch, das, Deutschland als Staat und Ration m ehr ist als bloße Bluts- und Stammesgemeinschaft ■— wenn dies auch heute undeutlich wird, cs wird nwrgen wieder deutlich sein —, daß Deutschland nämlich auch Schicksals- und G e s ch i ch 't s g e m e i n s ch a f t ist. In diese sind wir eingetan aus Weltzeit als preußische, bayrische, hessische und fränkische Deutsche jüdischen Glaubens und jüdischen Stammes, weil wir durch Bekenntnis vor Schicksal und Geschichte s e i n s - und bewußtscinsmäßig Deutsche sind, wer heute Deutschland nicht verläßt und ohne Groll und Ressentiment als Deutscher und als Jude um Deutschland Leiden erträgt, stellt seine Deutschheit unter Beweis, wie er zwingender uird gültiger nicht gedacht werden kann, a u ch d a n n , wenn ihm vorerst keine äußere Entsprechung ersolgt. 7. I a - s a g e n zum Iudesein heißt Iasagen z u m G a l u t h. Iin Galuth zu eristieren als der C w e d Hasche m (leidende G'ttesknecht) ist Wesen und Beftlmmung des Volkes Israel, Der G'ttesknecht soll und muß Leiden tragen um des kommenden G'ttesreiches willen; damit und darin soll es ihm gut gehe n. Cs. soll ihm aber nicht gut gehen um willen seiner selbst? Denn „das Gesetz ist eine Leuchte und die Thora ist das Licht — e i n weg z u m L e b e n sind d i e Z ü ch t i g u n - g e n". (Spr. 6, 25.) 8. Darum ist kein Grund, die neuerliche Leidenssituation der Juden in Deutschland mit Panik zu beantworten, sondern es ist Grund, sie mit Teschuwoh (Umkehr) zu beantworten und mit der Bitte: Dwinu malkenu Hachasirenu bit'schuwoh schl'lemoh l'fonecho. (Unser Vater, unser König, gib uns die Kraft bußfertiger Rückkehr zu Dir). Cs ist kein Grund zu zagen und traurig zu sein, sondern Grund zu hoffen und fröhlich zu sein. Das Buch des Jesaja vom Cwed Haschem ist nicht nur geschrieben für die Vorväter, sondern auch für die Cnkelsöhne von 1955, es ist auch nicht nur ein Leidensbuch, sondern eben so sehr ein Tcostbuch, in dem es heißt: „Cs kommt für Zion ein Erlöser. Auch für alle, die von Sünde umkehren in Jakob. Und Ick — darin soll mein Bund gipfeln, sprickt G'tt —, ‘ daß weine Worte, die ich in deinen wund gelegt, nimmer weichen sollen aus deinem Wunde - und dem Wunde deiner Kinder und Kindeskinder von jetzt an bis in Ewigkeit." (59, 20—21), Korrespondenzen * Nachrichten. Deutsches Reich. „Juden nicht gern gesehen". Berlin, 30. Juli. Das staatliche Nordseebad Norderney Betriebsgesellschaft m. b. S). hat ein Berliner Blatt um die Veröffentlichung folgender Meldung gebeten: „Aus einer vaterländischen Kundgebung, die in Norderney stattfand, sprach Kultusminister N u st auf dem Rennplatz vor tausenden von Kurgästen, der Einwohnerschaft und etwa 2000 SA.- und SS-Männern aus dem benachbarten Ostfriesland. Die Kundgebung war für Norderney ein Ereignis insofern, als Kultusminister Rust zur Judenfrage Stellung nahm. Seine Ausführungen in dieser Beziehung lauteten: „Deutsche Volksgenossen! Sie haben mich zum Ehrenbürger von Norderney gemacht, aber das genügt mir nicht; denn ich muß auch verlangen, daß Norderney sich entscheidet für Juda oder für das Banner Adolf Hitlers. Soll auf Norderney der Jude herrschen, oder soll auf dieser schönsten Nordsee-Insel sich wieder der deutsche Mensch heimisch fühlen? Wir wollen niemanden verbannen, aber wir müssen verlangen, daß die Norüerneyer sich entscheiden. Wir sind heute hier aufmarschiert, um damit zu sagen: Die Zeit, wo Norderney Hochburg des Judentums war, ist vorbei. Die Braunhemden wollen diese Insel für sich. Die Einwohnerschaft erklärte sich solidarisch mit den Ausführungen des Ministers Ruft, so daß in Zukunft Juden auf der schönsten Nordsee-Insel, deren Bad außerdem Eigentum des Staates ist, nicht angenehm sind und daher nicht gern gesehen werden." Um arische Modeschöpfer. Berlin, 30. Juli. Das deutsche Modeamt teilt mL: In verschiedenen großen Tageszeitungen wird mitgeteilt, daß in unserer Mitte August stattfindenden Modellschau auch nichtarische Firmen zur Beteiligung an der Anfertigung deutscher Modelle hinzugezogen worden sind. Diese Bekanntmachung entspricht nicht den Tatsachen. Zur Ausstellung aus unserer Modellschau vom 17. und 18. August, die in Berlin stattfindet, sind überhaupt keine Firmen, sondern nur arische Modeschöpfer zugelassen. Einladung jüdischer Musiker nach Deutschland. Berlin, 31. Juli. Wie die „Vossische Zeitung" meldet, haben einige große Künstler, größte Namen des internationalen Musiklebens, Ausländer und Deutsche, die im Ausland leben, Juden und N i chtj ud en, an die Furtw än gler die Einladung gerichtet hat, als Solisten in den Berliner Philharmonischen Konzerten des nächsten Winters mitzuwirken, mit Absagen geantwortet: und sie haben die Absage übereinstimmend begründet mit der gebotenen Solidarität gegenüber denjenigen ihrer Kollegen, denen die nationale Revolution die Möglichketi genommen habe, weiterhin in Deutschland zu wirken. Die „Vossische Zeitung" wendet sich.gegen diese „gefährliche Solidarität" und weist darauf hin, daß gerade Deutschland auch ein autarkes Musikleben aufbauen könnte. Es sei bedauerlich, daß der „symbolische" Schritt Furtwänglers, das Musikleben nach dem Ausnahmezustand der Revolution wieder einen „normalen Zustand" zuzuführen, mißglückt ist. Reichsverband deutscher Schriftsteller. Berlin, 31. Juli. Entgegen einer früheren Mitteilung, wonach auch Schriftstellern nichtarischer Abkunft die Mitgliedschaft im „Reichsverband deutscher Schriftsteller" gestattet sei, hat der Verband nunmehr in der Oeffentllchkeit mitgeteilt, daß für die Ausnahme in den Schriftstellerverband hinsichtlich der Arierfrage die Richtlinien des Beamtengesetzes maßgebend feien. Darüber hinaus hat der Schriftführer des Reichsverbandes, Hans Richter, bei der Gründung der ersten beiden Fachschaften des Reichsverbandes nach einem Berichte der „Vossischen Zeitung" erklärt, daß die bisher bestehenden drei großen Schriftsteller-Organisationen sich in den Reichsverband auflösen werden und daß dieser dann zur Zwangsorganisation ausgebaut werden solle. Nur Mitglieder dieser Zwangsorganisation sollten in Zukunft die Möglichkeit haben in Deutschland ein Buch erscheinen zu lassen. Mitglieder des Verbandes könne jeder ü e u t s ch b l ü t i g e, politisch einwandfreie Schriftsteller werden. Hiernach könnte also, wenn die Pläne des Verbandes gelingen und von den staatlichen Instanzen gebilligt werden sollten, nichtarische Schriftsteller in Deutschland überhaupt kein Buch mehr veröffentlichen. Wie ein solches Prinzip durchzuführen sein wird, läßt sich allerdings schwer oorstellen. Der widerruf von Einbürgerungen. Berlin, 1. August. Im Reichsgesetzblatt Nr. 87 wird eine Verordnung des Reichsinnenministers zur Durchführung des Gesetzes über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit (vom 26. Juli 1933) veröffentlicht. In dieser Verordnung heißt es: Zu § 1. I.: Ob eine Einbürgerung als nicht erwünscht anzusehen ist, beurteilt sich nach völkisch-nationalen Grundsätzen. Im Vordergründe stehen die rassischen, staatsbürgerlichen und kulturellen Gesichtspunkte für eine den Belangen von Reich und Volk zuträgliche Vermehrung der deutschen Bevölkerung durch Einbürgerung. Dabei, sind außer Tatsachen aus der Zeit vor der Einbürgerung vor allem auch Umstände zu berücksichtigen, die in die Zeit nach der Einbürgerung fallen. Hiernach kommen für den Widerruf der Einbürgerung insbesondere in Betracht: a) Ostjuden, es sei denn, daß sie auf deutscher Seite im Weltkriege an der Front gekämpft oder sich um die deutschen Belange besonders verdient gemacht haben; b) Personen, die sich eines schweren Vergehens oder eines Verbrechens schuldig gemacht oder sich sonstwie in einer dem Wohle von Staat und Volk abträglichen Weise verhalten haben. II. Der Widerruf soll, soweit nicht besondere Umstände ihn angezeigt erscheinen lassen, nicht ausgesprochen werden gegenüber a) Eingebürgerten, die vor dem 9. November 1918 die deutsche Staatsangehörigkeit besessen und sie auf Grund der Bestimmungen des Versailler Vertrages und feiner Ausführungsabkommen ohne ihr Zutun verloren haben; b) Personen, die zufolge eines Einbürgerungsanspruchs gemäß den Bestimmungen des Reichs¬ und Staatsangehörigkeitsgesetzes vom 22. Juli 1913 (Reichsgesetzbl. S. 584) eingebürgert worden sind. Einlieserung ins kionzentrationslager. Breslau, 27. Juli. Das Conti-Büro meldet: Der jüdische Verwaltungsdirektor Dr. Ernst R e ch n i tz und der jüdische Handlungsgehilfe Albert Rosenthal, beide aus Breslau, wurden in Schutzhaft genommen und in das hiesige Konzentrationslager eingeliefert. Rosenchal hat in dem amtlichen Blatt der Synagogengemeinde Breslau in einem Artikel „Ich suche meine Brüder" unwahre Behauptungen über die Behandlung der Juden in Deutschland veröffentlicht, die geeignet sind, einer lügenhaften Greuelpropaganda neue Nahrung zu verleihen. Dr. Rechnitz trägt für das Erscheinen des genannten Artikels die preßgesetzliche Verantwortung. Schweiz. Aus der „Agudas Iisroel". Zürich, 31. Suü. Am 27. und 28. Juli fand hier eine Zusammenkunft führender Mitglieder der Leitung der Agudas Jisroel-Weltorganifation statt, die der Beratung organisatorischer Fragen aktueller Natur und der Aussprache über die wirtschaftliche und religiöse Problematik der gegenwärtigen Lage des jüdischen Volkes galt. Die Einberufung der Kenessio Gedaulo wurde für das Jahr 5694 in Aussicht genommen. Das Votum des Rabbinischen Rates und des Zentralrates soll hierzu unverzüglich eingeholt werden. Den Zusammentritt' einer ausschließlich positiver wirtschaftlicher Aufbauarbeit, einschließlich der Ausrvanderungs- und Siedlungsfragen gewidmeten Konferenz der größeren jüdischen Hilfsorganisationen — unter Ausschluß jeder politischen Tendenz — hält die Agudaleitung für notwendig und wird ihre Bemühungen nach dieser Richtung sortsetzen. Der Ausgabenkreis und die Kompetenzen des Züricher Zentralbüros im Verhältnis zur Exekutive, insbesondere hinsichtlich der Vertretung beim Völkerbund, wurden sestgestellt und abgegrenzt. Der zweite Tag der Zusammenkunft war gänzlich den Erez Jisroel-Angelegenheiten gewidmet. In der Zertifikatenfrage wurde beschlossen, unter gleichzeitigem Bericht an die zuständigen Instanzen, der Agency von den bisher gesammelten, meist ungünstigen Erfahrungen b'ei den Verhandlungen mit den Palästina-Aemtern Mitteilung zu machen und eine Abänderung des Verfahrens bei dem nächsten Verteilungstermin zu fordern. Zur Frage der Anerkennung der selbständigen orthodoxen Gemeinden in Erez Jisroel wurden die nötigen vorbereitenden Maßnahmen für die nächste Session der Mandatskommission des Völkerbundes vereinbart. Mit Genugtuung wurde davon Kenntnis genommen, daß Sr. Ehrw. Herr Oberrabbiner Dufchinski am 1. Ellul die Reise zum Antritt des Rabbinates des Waad Hoir Hoafchkenasi in Jerusalem antreten wird. Die zentrale Leitung der in starker Entwicklung begriffenen agudistischen Hachschar ah statten allev Länder, in wirtschaftlicher wie in geistig-religiöser Hinsicht, wurde den Palästina-Zentralen in Frankfurt a. M. und Warschau übertragen. Zur pädagogischen, religiösen und administrativem Leitung des Schulwerkes der Agudas Jis-